Schöne alte Welt

In "Schimmernder Dunst über Coby Country" schildert der Berliner Schriftsteller Leif Randt ein Paradies mit kapitalistischem Antlitz. Solch eine Zukunft lässt sich die Stadtsparkasse gern gefallen. Sie zeichnet den Autoren am 14. Juni mit dem "Düsseldorfer Literaturpreis" aus.

Wer eigentlich mit allem einverstanden ist, sich aber trotzdem von den Musen geküsst wähnt, dem bleiben nicht viele Optionen. Er kann von sich und/oder seiner Familie erzählen, zu Befindlichkeitslyrik melancholisch die Gitarre zupfen oder mit seiner Berliner Schulfilm-Kamera lange Einstellungen von nichts drehen. Leif Randt entscheidet sich für etwas anderes. Der Berliner Schriftsteller trotzt der ästhetischen Unergiebigkeit der Zufriedenheit, indem er aus dem Wohlergehen einen irrwitzigen literarischen Event macht.

In seinem imaginären Coby Country ist alles gut. Sonne und Meer gibt es reichlich, weshalb die FreiberuflerInnen aller Länder den Ort zu ihrem Ferien-Paradies auserkoren haben und ihm so zu gut gefüllten Konten verhelfen. Die Energie-Versorgung läuft komplett über Ökostrom, und die Dienstleistungsgesellschaft lässt keine Wünsche offen. Die Service-Hölle beginnt in dieser Stadt schon dort, wo der auf Zugreisen vom Personal obligatorisch ausgeschenkte Sekt "vergleichsweise unfreundlich" angeboten wird. Auf Sicherheitspolitik kann verzichtet werden, denn es herrscht Frieden im Land – bis auf ein klein wenig Party-Subkultur. "Soweit ich weiß, wurde in Coby Country noch nie jemand benachteiligt", konstatierte die Hauptfigur Wim Endersson.

Endersson arbeitet als Literaturagent und betreut junge Autoren. Ein besonderes Interesse für Bücher im Allgemeinen und die seiner KlientInnen im Besonderen hat er allerdings nicht. Wie ihm überhaupt alles Leidenschaftliche abgeht. Endersson glaubt nicht an spontane Begeisterung für irgendwen oder irgendwas. Frauen, die ihr Begehren offen zeigen, schrecken ihn ab; attraktiv findet er nur solche mit einer asexuellen Aura. Trennungen bedeuten für den 26-Jährigen ebenfalls keine Tragödie. Schon eine knappe Stunde, nachdem seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat, geht seine Trauer in "eine leicht abgestandene Melancholie" über. Und noch ein wenig später hat er bereits Ersatz: Eine Frau, die nicht nur so heißt wie seine Verflossene, sondern ihr auch sonst auffällig ähnelt.

"Es kommt mir so vor, als würde uns auf Anhieb eine Art Meta-Gespräch gelingen", jubiliert Wim über die neue Partnerschaft. Auf eine solche Kommunikation legt der Kulturarbeiter ausnehmend viel Wert, denn er führt ein Leben in Anführungszeichen. Und nicht nur er. In Coby Country machen sich die Paare gerne über ihre Gefühle lustig, geraten die Abschieds- oder Begrüßungsgesten stets selbstironisch und haftet den Verhaltensweisen zumeist etwas Demonstratives an. "Sie wissen, dass sie ein Bild abgeben", heißt es einmal über zwei sich beim Tanzen Küssende.

Diese Teilnahmslosigkeit und diese Selbstinszenierungen sind typische Begleiterscheinungen des süßen Lebens. Wenn die Geschichte an ein Ende gekommen ist wie in Coby Country, gibt es für den Menschen eigentlich nichts mehr zu tun, und die natürlichen Regungen sterben ab. Um sich die Zeit zu vertreiben und nicht auf dumme Gedanken zu kommen, muss er sich deshalb Zuflucht in Ritualen suchen. Nicht zufällig ähnelt das Verhalten der ProtagonistInnen demjenigen, mit dem es sich die JapanerInnen nach Meinung des französischen Philosophen Alexandre Kojève bereits in den 1950er Jahren so wohlig in der Postmoderne eingerichtet hatten. Ihre selbstvergessen praktizierten Zeremonien wie das Teetrinken zeigten ihm, dass sie im Stande sind, "in Funktion total formalisierter Werte – das heißt vollkommen leer von jeglichem 'menschlichen' im Sinne von 'historischen' Inhalt – zu leben".

Das schaffen die BewohnerInnen von Coby Country am Ende auch. Vorher gilt es indes noch, einige individuelle und kollektive Abenteuer zu bestehen. Wim versucht Reißaus aus der heilen Welt zu nehmen, kehrt allerdings schon bald wieder zurück. Die Suche seines Freundes Wesley nach einem tieferen Sinn dauert etwas länger, aber sein Spiritualismus-Trip endet ebenfalls vorzeitig. Und dann scheint es einige Zeit, als sei alles viel zu schön, um wahr zu sein. Eine Unwetter-Katastrophe dräut am Horizont, verschont den Ort jedoch wider Erwarten.

So ist die Zukunft gerettet und damit letztlich auch die Gegenwart, denn die Ähnlichkeit zur Jetztzeit ist beabsichtigt und nichts weniger als zufällig. Nur brauchte es den Umweg, um auf coole Art ausdrücken zu können, was sich bei Leif Randt sonst so anhört: "Mein Verhältnis zur Wohlstandsgesellschaft ist ein zugewandtes, ich mag das total gerne hier. Aber manchmal blitzt so ein erlerntes schlechtes Gewissen auf."

JAN