„Man lässt uns zum Sterben zurück“

Fukushima ist überall – auch in Düsseldorf. Ende August fand in Oberkassel unter dem Motto "Atomkraftfreies Japan – SAYONARA GENPATSU Düsseldorf" eine Demonstration der japanischen Community statt und in der letzten Juni-Woche überbrachten Aktivist_innen von ethecon, einer konzern- und globalisierungskritischen Stiftung mit einem Büro in Düsseldorf, den Manager_innen und Großaktionär_innen des TEPCO-Konzerns in Tokio den internationalen Black Planet Award 2011. Die TERZ veröffentlicht einen Reisebericht.

Im November 2011 wurden in Berlin im Rahmen eines großen öffentlichen Festaktes die beiden internationalen Preise von ethecon – Stiftung Ethik & Ökonomie verliehen. Der Blue Planet Award ehrte die Bürger- und Menschenrechtsaktivistin Angela Davis "für ihren herausragenden Einsatz bei Rettung und Erhalt des Blauen Planeten" (ethecon), der Black Planet Award stellte die leitenden Manager_innen und die Großaktionär_innen des TEPCO-Konzerns in Japan international an den Pranger. Übergeben werden sollte der ethecon-Schmähpreis Ende Juni 2012 im Rahmen der Aktionärshauptversammlung des TEPCO-Konzerns in Tokio.

Doch bevor es soweit war, wollte die Stiftung den Preis zusammen mit anderen Aktionsgruppen im Rahmen des Programms des Japan-Tages in Düsseldorf einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen. Das wurde vom Veranstalter, dem japanischen Generalkonsulat, kurzerhand unterbunden. Ein Verbot, das zeigte, dass das offizielle Japan überhaupt nicht erfreut war über diese Schmähung.

Überhaupt war man sehr nervös bei TEPCO & Co. Es besteht sogar der Verdacht, dass der Atom-Konzern hinter einer Reihe von mysteriösen Einbrüchen in Wohnung und Büro des Gründungsstifters von ethecon, Axel Köhler-Schnura, steckt. Mehrfach wurde in den letzten Monaten vor der angekündigten Preisübergabe-Aktion in Japan dort eingedrungen. Trotz Sicherheitsschließanlagen, die obendrein nach jedem Einbruch gewechselt wurden, gab es keinerlei Spuren. Die Kriminalpolizei geht von "hochprofessionellen Tätern" aus. Es wurde nichts entwendet außer Daten und Datenträgern, die mit der politischen Arbeit von Köhler-Schnura in Zusammenhang stehen.

TEPCO versuchte überdies mit allen Mitteln die Teilnahme von ethecon-Aktivist_innen an der Hauptversammlung in Tokio zu verhindern. Der Konzern ging sogar soweit, seinen HV-Termin für das Jahr 2012 zu verheimlichen. Selbst vier Wochen vor dem Aktionär_innen-Treffen war keine Bank in Europa in der Lage, den Termin zu nennen. Auf den Internetseiten des Konzerns gab es keinerlei Hinweis. Und auf direkte telefonische Anfrage drei Wochen vor der Hauptversammlung hieß es bei TEPCO: "Wir wissen noch nicht, wann die HV ist, vielleicht im Dezember." Doch es nützte alles nichts, in Kooperation mit Anti-AKW-Gruppen und kritischen Aktionär_innen in Japan hatte ethecon den HV-Termin längst in Erfahrung gebracht: 27. Juni 2012.

Anti-Atom-Aktionen in Japan

Also reiste das ethecon-Team am 23. Juni ohne Eintrittskarten nach Tokio. Und trat zusammen mit japanischen Aktionsgruppen, darunter die Eisenbahner-Gewerkschaft Doro-Chiba und der japanische Dachverband der Anti-AKW-Gruppen NAZEN, in Aktion. Der erste Weg der ethecon-Aktivist_innen führte am Sonntag zum Protest-Zeltdorf von "Occupy Tokyo" vor dem Wirtschaftsministerium. Montag und Dienstag bereiste ethecon zusammen mit Opfer- und Widerstandsorganisationen (Mütter von Fukushima etc.) den Bezirk Fukushima und machte sich vor Ort selbst ein Bild von der Lage. Am Mittwoch fanden dann die Aktionen vor und in der TEPCO-HV statt. Am Donnerstag nahm eine Demonstration Kurs auf die Hauptverwaltung von TEPCO in Tokio zur Übergabe der Schmähtrophäe und zur KEPCO-Zentrale (dieser Energiekonzern aus der Region Kansai betreibt unter anderem das erste wieder hochgefahrene japanische AKW in Oi). Am Freitag folgte die Großdemonstration gegen Atomenergie vor dem Amtssitz des Ministerpräsidenten. Dazwischen gab es Gespräche, Diskussionsrunden und den Besuch des Mahnmals gegen Atomwaffen.

Ethecon hat es in der Woche nach dem 23. Juni mit den Aktionen rund um den Black Planet Award Tag für Tag in nahezu alle großen japanischen Medien geschafft. Wobei die Zeitungen dort Auflagen in Millionenhöhe haben. Dadurch konnte für kurze Zeit die von den japanischen Atom-Konzernen durchgesetzte Medienblockade zu diesem Thema gebrochen werden. Am 27. Juni, dem Tag der TEPCO-HV, hat sogar das ZDF den ganzen Tag lang stündlich in Deutschland in den heute-Nachrichten berichtet. Insgesamt hat ethecon mit dem Black Planet Award in Japan eine mobilisierende Funktion gehabt und damit die junge japanische Anti-AKW-Bewegung unterstützt. Die Menschen in Japan haben sich über die internationale Solidarität sehr gefreut. Wann immer ethecon in der Öffentlichkeit erkennbar war, an den mitgeführten Transparenten etwa, wurden die Aktivist_innen – kaum zu glauben – auf offener Straße beklatscht. Die Menschen kannten ethecon nach drei Tagen bereits aus den Medien.

Vor Ort in Fukushima

In Fukushima selbst war es erschütternd. Den Teilnehmer_innen der ethecon-Delegation stiegen mehr als einmal aus tiefer Betroffenheit, aber auch aus blanker Wut, die Tränen in die Augen: Die Konzerne und die konzerngesteuerte Regierung überlassen – unter den Augen der Weltöffentlichkeit – Millionen von Menschen im hochverstrahlten Gebiet rund um die Katastrophenreaktoren ihrem Schicksal, der Verstrahlung mit entsprechenden Krankheiten und qualvollem Tod. Darunter mehr als 300.000 Kinder. Allein in Fukushima, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, leben knapp 300.000 Menschen. Sie liegt lediglich etwa 80 Kilometer Luftlinie von den Katastrophenreaktoren entfernt. Iwaki, eine Großstadt, etwa 35 Kilometer südlich von den Fukushima-AKWs, hatte vor der Katastrophe 350.000 Einwohner_innen. Hunderttausende sind noch in der Stadt, sie haben einfach keine finanzielle Möglichkeit, mit ihren Familien wegzuziehen. Der Bürgermeister der Stadt Minami Soma mit 70.000. Einwohner_innen, Katsunobu Sakurai, fand sehr deutliche Worte: "Man lässt uns zum Sterben zurück." Die Distanz dieser Stadt zu den explodierten Kernkraftwerken beträgt lediglich 45 Kilometer.

Auch die vielen Quadratkilometer Felder und landwirtschaftlichen Flächen in dieser Region sind alle bewirtschaftet. Der Reis und die anderen Lebensmittel werden verkauft und finden ihren Weg in die Haushalte. Was es vor diesem Hintergrund bedeutet, dass in Japan zum 1. April des Jahres die Grenzwerte für die Strahlenbelastung bei Lebensmitteln verschärft wurden, bleibt unklar.

Ethecon hat selbst mit Geigerzählern die Werte in den Gebieten gemessen – sie zeigten bis zu 32 Mikrosievert pro Stunde an. Fakt ist, dass für europäische Atomarbeiter_innen eine Jahresbelastung von 20 Millisievert und eine Lebensbelastung von 400 Millisievert gilt. Zusätzlich zur "natürlichen Hintergrundstrahlung" von 1 - 2 Millisievert im Jahr gilt für die Normalbevölkerung ein zulässiger Strahlenwert von 1 Millisievert jährlich. Hochgerechnet auf das Jahr bedeuten die von ethecon gemessenen 32 Mikrosievert pro Stunde eine 280-fache Überschreitung dieses Grenzwerts.

Nichtsdestotrotz bombardieren die Medien und gekaufte Wissenschafter_innen die Menschen im verstrahlten Gebiet mit Falschinformationen. So behauptet etwa der Vizepräsident der Medizinischen Universität von Fukushima, Shunichi Yamashita, Strahlendosen von bis 100 Millisievert pro Jahr seien unschädlich, die Aufnahme radioaktiver Stoffe in den Körper sei unbedenklich und gegen Radioaktivität könne man sich mit Lachen schützen.

Das alles vor dem Hintergrund, dass die Kernschmelze in den Katastrophen_Reaktoren andauert und jeden Moment außer Kontrolle geraten kann; vor dem Hintergrund, dass das Abklingbecken mit 1.535 Brennstäben von Reaktor IV auf genau zwei Wänden steht, in denen sich schon Risse von 5 cm zeigen, und bei der geringsten Erschütterung eine atomare Katastrophe eintreten kann, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen und selbst ganz Tokio, das keine 250 km entfernt liegt, verstrahlen würde; vor dem Hintergrund, dass die japanische Atom-Mafia den letzten Ministerpräsidenten Naoto Kan, der nach der Katastrophe Konsequenzen androhte, mit einer gesteuerten Verleumdungskampagne aus dem Amt drängte; vor dem Hintergrund, dass die Atom-Konzerne Hand in Hand mit den Medien eine bleierne Informationsblockade über das Land verhängt haben und gleichzeitig eine Lügenkampagne ohne Beispiel führen; vor dem Hintergrund, dass nicht ein Verantwortlicher bei TEPCO oder anderswo zur Rechenschaft gezogen wurde; vor dem Hintergrund schließlich, dass TEPCO mit Steuermilliarden vor dem Konkurs gerettet wird und so die Profite der Großaktionär_innen unangetastet bleiben.

Fukushima führt eindrücklich vor Augen: Die Vokabeln schrecklich, furchtbar etc. fassen längst nicht mehr, was tatsächlich vorgeht. Es ist grausame, unmenschliche Barbarei.

TEPCO im Kreuzfeuer

Die TEPCO-HV am Mittwoch war entsprechend ein Erlebnis der besonderen Art. Zusammen mit vielen japanischen Aktionsgruppen sorgte ethecon ab dem frühen Morgen für Stimmung vor dem Saal. Eine Pressekonferenz unter freiem Himmel wollten die Sicherheitskräfte von TEPCO zwar verhindern, allein, es gelang nicht. Dutzende von Kameras und Mikrofonen waren auf die ethecon-Transparente und die Schmähtrophäe gerichtet.

Noch im (oben erwähnten) Interview mit dem ZDF vor den Toren der HV ging ethecon davon aus, dass der Preis nicht in den Saal gelangen würde. Doch dank mehrerer Eintrittskarten, die ethecon vor Ort von japanischen Aktionär_innen erhielt, konnten die ethecon-Vertreter_innen, begleitet von einer Armada von Sicherheitskräften, die Halle betreten. Es fanden nicht einmal mehr die üblich Sicherheitschecks statt, und auch die Schmähtrophäe wurde nicht beanstandet.

Im Saal dann Aktionär_innen-Demokratie auf japanisch: Es waren keinerlei Medien zugelassen, es gab nur von dem Konzern verlautbarte Informationen, selbst das Rederecht wurde ethecon verweigert. So hätte der Preis im Saal ohne jede Öffentlichkeit übergeben werden müssen. Entsprechend entschied ethecon sich zu einer symbolischen Übergabe vor dem Veranstaltungsort (die in den ZDF-Nachrichten zu sehen ist) und einer öffentlichen Übergabe bei der TEPCO-Zentrale in Tokio im Rahmen einer Demonstration am nächsten Tag.

Es war genau die richtige Entscheidung. Die wartende Medienmeute vor der HV nahm die Nachricht, dass das Rederecht verweigert worden war, gierig auf und transportierte die Meldung von der Demo am folgenden Tag. Natürlich war die Hauptverwaltung großräumig abgesperrt. Doch ethecon versuchte durch den Kordon von Sicherheitskräften und Polizei durchzubrechen und die Schmähtrophäe vor der – natürlich gesicherten – Tür abzustellen. Was letztendlich auch gelang. Seltsamerweise traute sich keine Sicherheitskraft, den Preis wegzuräumen. Und da stand er nun, der Internationale ethecon Black Planet Award 2011 – einsam und verlassen vor der verrammelten TEPCO-Konzernzentrale.

Offenbar die ganze Nacht, denn nach 12 Stunden ging durch die japanischen Nachrichten: Es sei vor der TEPCO-Zentrale ein Objekt aufgefunden worden. Es handele sich um den bekannten Schmähpreis für TEPCO. Da sich der Besitzer, TEPCO, noch nicht gemeldet habe, werde der Schmähpreis als Fundstück in Verwahrung genommen und nach Ablauf der Frist dann "ordnungsgemäß" vernichtet.

Großdemonstration

Am nächsten Tag, Freitag, dann die geplante Großdemonstration. Statt der erwarteten 70.000. kamen rund 200.000. Menschen. Wieder wurden die Aktivist_innen von ethecon enthusiastisch gefeiert. Axel Köhler-Schnura wurde sogar eingeladen, "auf der größten Demonstration in Japan seit 1964" zu sprechen. Diese Demonstration war, so wurde später erklärt, insofern ein historisches Ereignis, als erstmals seit Jahrzehnten die Menschen tatsächlich wieder auf der gesamten Straße demonstrierten. Bis dahin wurde immer brav auf dem Gehsteig demonstriert oder auf einer einzigen freigegebenen Fahrspur. So auch zu Beginn dieser Demonstration. Es drängten sich auf den beiden Gehsteigen der mehrspurigen Straße kilometerlang zehntausende von Demonstrant_innen, die erst vier, fünf Stunden später begannen, die Straße zu erobern und sie dann letztendlich auch komplett in Besitz zu nehmen. Es war ein befreiender Akt für Hunderttausende. Die Rückeroberung der Straße wurde gefeiert. Erschöpft, aber inspiriert und vor allem mit der Verantwortung für die Fukushima-Opfer beladen, reiste die ethecon-Delegation am Samstag nach Deutschland zurück.

Ethecon ist im Internet zu finden unter www.ethecon.org. Unter dem Stichwort "Fukushima – die Opfer nicht alleine lassen!" ruft die Organisation zu Spenden bei der EthikBank auf (KN 10 30 45 536; BLZ 830 944 95).