Freiraum nimmt frei

Die „Freiräume für Bewegung“ gibt es nicht mehr. In einer Erklärung haben die AktivistInnen die Gründe für das Ende dargelegt und dazu aufgerufen, unter dem Label „Untergrund für Bewegung“ auf andere Weise als bisher das „Recht auf Stadt“ einzufordern. Die TERZ sprach mit zwei Freiräumler_innen über diese Entscheidung.

TERZ: Wie kam es zu dem Entschluss, die „Freiräume für Bewegung“ in der bisherigen Form nicht weiterzuführen?

Emma: Er ist mit der Zeit entstanden. Wir haben tolle Aktionen gemacht, die auch gut ankamen, „Freiräume für Bewegung“ war ein bekannter Faktor in der Stadt. Aber irgendwann haben wir gesagt: Wir haben das jetzt fast zwei Jahre lang gemacht und eigentlich keine richtigen Resultate erzielt, außer dass wir mit unserem Label ein bisschen in die Presse gekommen sind. Wir haben uns keinen wirklichen Freiraum erkämpft. Wir haben zwar nette Aktionen gemacht, Wände angemalt und auf Missstände aufmerksam gemacht, aber de facto hat sich nichts verändert.

Frank: Es gab Leute, die wirklich auch Kontakt hatten mit Politiker_innen, Leuten aus der Verwaltung oder dem Kulturdezernenten. Leute, die versucht haben, konkrete Sachen anzuschieben, wie etwa Proberäume für Musiker_innen, hatten irgendwann keinen Bock mehr darauf, weil das einfach zu nichts führte.

TERZ: Aber war es nicht von vornherein naiv, ein Entgegenkommen von der Stadt zu erwarten? Emma: Es war nie das erklärte Ziel, das Bündnis zu gründen, um sich nur an die Stadt zu wenden. Unser primärer Ansprechpartner_innen war nie die Stadtverwaltung, sondern die Menschen, die hier leben. Aber es gab auch Leute, die konkrete Resultate sehen wollten. Da mussten sie natürlich mit der Stadt in Kontakt treten, und das hat eben nicht funktioniert. Wobei ich das nicht überraschend finde, ich hatte auch nicht mehr von der Stadt erwartet.

Frank: Es ging nie darum, sich appellativ an die Stadt zu richten. Die Aktionen haben auf konkrete Missstände reagiert wie: Es gibt keine Proberäume, es gibt keine Flächen für Sprayer, es gibt keinen preiswerten Wohnraum, es gibt die Vertreibung von unerwünschten Personen, es gibt die Privatisierung von öffentlichem Raum ...

TERZ: Das Freiraum-Bündnis hatte mit ihren Geschenken eine ganz neue Politik-Form kreiert. Es hat nichts verlangt, sondern etwas gegeben, wollte damit aber auch etwas erreichen. Dieser Stil findet jetzt leider keine Fortsetzung mehr.

Frank: Zu Anfang sind viele Leute zu den Treffen gekommen, und da hat sich eine gewisse Dynamik entwickelt. Aber mit der Zeit – wie es bei vielen Sachen so ist – bildet sich ein Kern von Leuten heraus. Der kann jedoch nicht über Jahre so einen Aktionismus aufrechterhalten und solche großen Events wie die Geschenke-Präsentationen planen.

Emma: Am Anfang hat es super funktioniert. Es war ein Riesen-Netzwerk mit total vielen Leuten, die auch alle selber etwas gemacht haben. Aber die ursprüngliche Idee, dass alle das Label übernehmen und unter ihm Aktionen durchführen können – das hat am Ende nur noch bedingt geklappt. Das fanden wir schade, wobei wir trotzdem sagen würden, dass das Netzwerk seinen Zweck erfüllt hat. Es sind sehr viele Leute darüber erreicht und für das Thema sensibilisiert worden. Und das ist schon ein Erfolg dieses Bündnisses.

TERZ: Wie kam die Auflösung zustande? Gab es noch einmal ein großes gemeinsames Treffen oder hat nur der Rest, der übrig blieb, das Ende beschlossen?

Frank: Diejenigen, die immer noch gekommen sind, haben das gemeinsam entschieden. Wir haben jetzt nicht noch einmal zu einem großen Plenum eingeladen.

TERZ: In der Abschiedserklärung gibt das Bündnis die Devise aus: „Von der Subkultur in den Untergrund“.

Emma: Ja, wir werden als „Freiräume für Bewegung“ nicht mehr öffentlich auftreten. Und für „Untergrund für Bewegung“ wird es keine Ansprechpartner_innen mehr geben. Das sind auch nicht wir, das sind alle. Das sind Leute, die im Bündnis waren und Leute, die dieses Label für sich in Anspruch nehmen wollen. Wir geben das Label frei.

Frank: Es ist vielleicht so eine Zwischenlösung. „Freiräume für Bewegung“ hat am Anfang viele Leute repräsentiert, kann den Anspruch aber nicht mehr halten, für 100 Initiativen zu sprechen. Das ist jetzt zu Ende, aber mit dem „Untergrund für Bewegung“ steht es jedem offen, aktiv zu bleiben oder es wieder zu werden.

TERZ: Es hat ja auch schon eine entsprechende Aktion gegeben. Leute haben unter dem Untergrund-Label an den „Express“-Kästen Schlagzeilen wie „OB Elbers: ‚Arme raus aus Düsseldorf’“ oder „OB Elbers: ‚Die Mieten sind noch viel zu billig“ angebracht, und den Oberbürgermeister damit das aussprechen lassen, was er sonst nur denkt. Das wäre so eine Reaktion in eurem Sinne?

Emma: Zum Beispiel. Da haben Leute offensichtlich die Erklärung gelesen, ernst genommen und das Label zum ersten Mal benutzt. Und wir hoffen, dass das jetzt öfters passiert. Es gab jetzt darauf noch keine Folge-Aktion, aber unsere Vorstellung wäre, dass es Leute gibt, die sich an so etwas ein Beispiel nehmen, um in der Stadt genau solche subversiven Aktionen zu machen.

Frank: Der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt. Es wäre durchaus in unserem Sinne, dass es auch wütendere oder direktere Aktionen gibt.

Emma: ... Aktionen, die der Stadt vielleicht auch wehtun und nicht mehr einfach nur bunt, fröhlich und nett sind, sondern anders auf fehlenden Wohnraum, anders auf Luxus-Wohnraum hinweisen und der Stadt vielleicht mal anders zeigen, dass Leute darauf keinen Bock mehr haben. Das war auch eine Motivation für unseren Schritt: Das Bündnis zu öffnen für Aktionsformen, die vielleicht nicht mehr so nett sind.

TERZ: Selbst das Nette hat es mit der Tanz-Demo in den Verfassungsschutzbericht geschafft.

Emma: Man kann unseren Entschluss auch als Reaktion darauf verstehen. Wir machen hier Aktion, wir bringen Leute auf die Straße, laufen mit einer tanzenden Menge durch Düsseldorf – und was machen Stadt und Land: Sie kriminalisieren uns!

TERZ: Gab es schon Reaktionen auf die Auflösung und die weiteren Entwicklungen?

Frank: Auf die Erklärung gab es bisher noch nicht so viel Resonanz, auf die Express-Aktion gab es im Internet viel Echo, es kam zu vielen Diskussionen und zustimmenden Kommentaren. Sie hat sich ganz gut rumgesprochen – bei dem Wohnraum-Thema ist glaube ich die Wut der Menschen hier auch relativ groß.