28 Sender suchen einen Empfänger

Schorsch Kameruns Theaterstück "Sender Freies Düsseldorf" fragt nach den Bedingungen der Möglichkeit, heutzutage noch etwas über den Äther zu bringen.

28 Sender hat Schorsch Kamerun auf die Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses gestellt – volles Programm also. Sie halten in kleinen wabenförmigen Tonstudios Monologe vor Laptops, wandeln stumm auf der Bühne umher, musizieren, verteilen Zeitungen oder sprechen für die Zuschauer_innen nicht vernehmbar miteinander. Andere lamentieren über die Schwierigkeit, noch einen Punkt zu machen, wenn das Radikale als Pose sich zur beliebtesten Währung der Aufmerksamkeitsökonomie entwickelt: "Das ist das Fatale, das Unnormale ist das Normale." Als Video-Einspieler von einem an "Action-Theater" gemahnendes "Guerilla-Marketing", das die Truppe selber in den Düsseldorfer Arcaden inszeniert hat, ist eine solche Fatalität in der Aufführung zu begutachten. In einem anderen Außeneinsatz verfremdet das Ensemble Firmen-Logos, um Sand ins Getriebe reibungsloser Kommunikation zu streuen. Später am Abend berichtet dann ein Mitglied der Band Erdmöbel von seiner Vergangenheit als Piratensender, die mit dem simplen Umlegen eines Radioplatinen-Schalters begann. Die Akteur_innen machen sich aber auch das Autistische des Sender-Daseins bewusst, wenn sie sich etwa in ihren Kabinen so von der Welt abgeschlossen wähnen wie Scorseses Travis Bickle in seinem Taxi. Nur einmal scheint sich eine Verbindung anzubahnen. Alle Mitwirkenden drängen sich in eine Wabe. Passieren tut dort allerdings nichts; irgendwann stieben alle unverrichteter Dinge wieder auseinander.

Der Empfang dieser Sendungen ist allerdings stark gestört, da die Sender so dicht nebeneinanderliegen und sich wenig um eine Programm-Koordination scheren. Deshalb übermittelt sich vornehmlich eines: Reizüberflutung. Und das soll es auch. "Was man heute bei all der ganzen Sendung, die überall auf einen niederprasselt, noch senden kann oder will, um überhaupt noch durchzukommen", das haben Schorsch Kamerun und seine Mitstreiter_innen sich nämlich gefragt. Die Antwort steckt in dem Prolog, den Karin Pfammater spricht, bevor das bunte Treiben einsetzt. Darin schildert die Schauspielerin die Schwierigkeiten, sich all der Attraktionen zu erwehren, die tagtäglich auf die Sinnesorgane einströmen, den ganzen Kanälen, den permanenten Bildern, den radikalen Zeichen, "die nur deshalb so radikal sind, weil die Zeichenmacher wissen, das solche Zeichen die sichtbarsten Zeichen sind". So beschließt sie am Ende, sich in ein Funkloch zu flüchten, um dort "eigene Zeichen zu entwickeln, die man sich nicht so leicht merken kann".

Zu dieser Entwicklungsarbeit kommt es in "Senders Freies Düsseldorf" aber nicht mehr. Die "Konzert-Installation" beschränkt sich weitgehend darauf, eine Problem-Beschreibung zu geben. Das war einigen Kritiker_innen zu wenig, sie hätten gerne eine Lösung präsentiert bekommen. Es stellt sich aber eher die Frage, ob das Stück den gegenwärtigen Zustand mit "Reizüberflutung" als Beschreibungskategorie richtig erfasst oder ob Kamerun & Co. damit nicht selber ein zu leicht merkbares – und auch schon recht abgegriffenes – Zeichen produziert haben. Die menschlichen Sinne haben nämlich beachtliche Adaptionsfähigkeiten, die sie in die Lage versetzen, sich auf die aus allen Kanälen dringenden Signale einzustellen und "communication breakdowns" durch selektive Wahrnehmung zu umgehen. Daher wäre es vielleicht sinnvoller gewesen, auf der Bühne das hierarchische, auf eindeutige Zuordnungen von Aktivität und Passivität beruhende Sender/Empfänger-Modell zu dekonstruieren oder sich mit der politischen Ökonomie der Medien zu beschäftigen, die letztlich über die Zugänge zu Sende-Möglichkeiten entscheidet und die Programm-Planung festlegt.

Von der Anlage her überzeugt "Sender Freies Düsseldorf" aber trotzdem. Sein niederschwelliger Laboratoriumscharakter, der auf Drama und große Schauspieler_innen-Gesten verzichtet, die eigene Sendung auch einmal für ein gutes Gespräch unterbricht und Vorfeld-Untersuchungen in das Stück integriert, wirkt erkenntnisfördernd. Das Unterhaltungsprogramm mit den bunten Kostümen, dem Soundtrack von Elektronica bis Bänkelgesang und den revue-artigen Einsprengseln tut ein Übriges. Und wenn die "Konzert-Installation" (Schorsch Kamerun) dann doch einmal theatralisch daherkommt wie im Prolog mit seinen abstrakt-kühlen, stark rhythmisierten Sentenzen zur Penetranz des Flimmerns und Rauschens, dann wird es richtig gut.

Jan

Aufführungen am 2., 4., 9., 12., 14., 20., und 29. November
um 19.30h im Düsseldorfer Schauspielhaus