„Revolution“ im Rathaus

Im Dezember erhielt der Philosoph Jürgen Habermas den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf und machte sich in seiner Dankesrede Gedanken über die Aktualität des Dichters.

„Statt revolutionären Hoffnungen begegnen wir heute einer Politik, die sich duckt“, beklagte Habermas im Plenarsaal des Rathauses, wo die Preisverleihung stattfand. „Wir alle ducken uns unter den Forderungen der Finanzmärkte und bestätigen damit die scheinbare Ohnmacht einer Politik, die die Masse der Steuerbürger statt der spekulierenden Anleger für den Schaden der Krise zahlen lässt. Heine hätte die Buchhalter der privatisierten Gewinne und der sozialisierten Kosten, die die Politik des Durchwurstelns zum Kategorischen Imperativ machen, verspottet.“ An der Sitzverteilung der Parlamente, welche die Verlust- und Gewinnrechnung eines „ökonomisch trivialisierten Fortschritts“ spiegele, habe sich seit Heines Zeiten nichts geändert. „Nichts geändert hat sich auch – außer den Namen – an den Suppenküchen für die Armen.“ Es wurde ganz still. Marie-Agnes Strack-Zimmermann und der Oberbürgermeister zogen die Köpfe ein. „Eine Revolution ist ein Unglück, aber ein noch größeres Unglück ist eine verunglückte Revolution“, zitierte der Philosoph Heine.

Kants revolutionärer Anspruch

Alexander Kluge hatte zuvor in seiner Laudatio an die von Heine begrüßte Juli-Revolution erinnert, die sich rasch – ähnlich wie die heutige islamische Revolution in Ägypten – als „gestohlene Revolution“ erwiesen habe. Denn nicht jene, die auf die Barrikaden gegangen waren, sondern Banker und Spekulanten waren die Profiteure des neuen Regimes. Die Süddeutsche druckte die Laudatio ab – allerdings um jene Passagen gekürzt, in denen der Filmemacher direkt von Revolution sprach. Die Laudatio findet sich aber in voller Länge unter www.kluge-alexander.de im Netz. In den ungedruckten Absätzen heißt es: „Lebenslänglich beschäftigt sich Heinrich Heine mit dem Aufbegehren, den Menschenrechten (...) Diese Revolution ist etwas, von dem Kant verhalten und in philosophischer Übersetzung spricht. Und er sagt mit großer Vehemenz und Energie: ‚Menschen werden sich den Weg zur Emanzipation von niemand und durch nichts verstellen lassen.‘ Es ist ein auf etwas Unmögliches gerichteter Versuch, Emanzipation dauerhaft verhindern zu wollen.“ Kants revolutionärer Anspruch habe zwei Eigenschaften, die gleicherweise auch für Heine und Habermas wichtig sind: Das eine sei das Verhältnis von Gedanke und Tat bei gesellschaftlichen Veränderungen, das zweite der Zeitbedarf von Revolutionen.

Die gestohlene Revolution von 1848

Ich hatte die Preisverleihung von der Pressetribüne aus verfolgt. Vor meinem geistigen Auge bauten sich wieder die erwerbslosen Arbeiter_innen auf, wie sie im Oktober 1848 die Düsseldorfer Ratssitzung stürmten. Sie forderten Arbeit, und zwar eine solche, von der sie und ihre Familien sich ernähren konnten. In jenem Revolutionsjahr hatte der Stadtrat mit dem Argument „leere Kassen“ die Trockenlegung eines Sumpfgebiets nördlich des Golzheimer Friedhofs eingestellt, dort Beschäftigte wurden mittellos „auf die Straße gesetzt“. Das Eindringen der Arbeiterdelegation in den Sitzungssaal, ihr eher devotes Vorbringen der „Bitte um Arbeit“, die hysterische Reaktion der Stadträte – das alles hat Johann Peter Hasenclever en détail auf Leinwand festgehalten. Karl Marx, der dieses Bild in London gesehen hatte, lobte, der Maler habe die Auseinandersetzungen um Revolution und Konterrevolution „in seiner ganzen dramatischen Vitalität wiedergegeben“. Die Zeilen erschienen 1853 in der „New York Daily Tribune“, als das Gemälde während der Weltausstellung im Crystal Palace präsentiert wurde.

Warnung vor nationalen Egoismen

Aber zurück zur Heine-Preisverleihung in Düsseldorf. Hier hieß es leider für Arbeiterinnen und Arbeiter: „Wir müssen draußen bleiben!“ Und nicht einmal die Philosophische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität hatte ein entsprechendes Kartenkontingent erhalten. So blieb die erlauchte Schar der Honoratioren und Honoratiorinnen praktisch unter sich. Elbers lobte die Habermassche „Lust am Diskurs“ als Vorbild für die Jugend. Als ich davon einem, der sich vergeblich um eine Eintrittskarte bemüht hatte, erzählte, verklärte sich sein Blick. „Wird es also einen Bambi-Diskurs 2013 geben?“, fragte er mich.

Habermas hatte „Europa“ ins Zentrum seiner Rede gestellt. „Es gibt jetzt in Europa keine Nationen mehr, sondern nur Parteien“, zitierte er Heine. Ans Ende seiner Ausführungen setzte er die Klage des 25-jährigen Heine über das Schicksal des zum dritten Male geteilten Polen und die Hoffnung auf ein einiges Europa. Hieß es auf rp-online noch: „Der Philosoph warnte, dass nationale Egoismen wieder aufblühten“, so war in der Printausgabe am nächsten Tag der Europapassus durch Anekdotenhaftes über Habermas und Düsseldorf ersetzt. In der WZ war „Europa“ ebenfalls fast ganz verschwunden.

Philosophischer Diskurs und „Mordspektakel“

Alexander Kluge, einst Motor beim Episodenfilm „Deutschland im Herbst“ (1977), als Laudator für Habermas auszuwählen, erwies sich als eine kluge Entscheidung. Kluge unterstrich: „Die Praxis des vehementen Zwischenrufs“ und das Hinaustreten in die Öffentlichkeit seien das, was Heine und Habermas verbinde. Doch der Dichter und der Philosoph seien völlig unterschiedliche Charaktere. Dass Habermas ausschließlich die bürgerliche Öffentlichkeit im Fokus habe, ist oft kritisiert worden (siehe dazu auch James M. Brophy in „Marx & Co. und Carneval“; TERZ 02.09). Habermas kann „kommunikatives Handeln“ nicht anders als über verbale Sprache vermittelt denken. Das unterscheidet ihn von Heine. Der Dichter konnte sich zum Beispiel für „den Mordspektakel“, den das Publikum in der Mailänder Scala während einer Verdi-Oper aufführte, begeistern. Er sah darin die Manifestation des Freiheitswillens der Italiener_innen, denen unter österreichischer Besatzung jedes freie Wort verboten war. 1842 verfasste er in der „Augsburger Allgemeinen“ eine Klassenanalyse anhand des Tanzes. Das Bürgertum wolle nichts mehr bewegen, die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht wirklich zum Tanzen bringen. Auf den Bällen der „vornehmen Welt“ sei es „herrschende Mode“, dass „man nur zum Scheine tanzt“, dass man „ganz gleichgültig, fast verdrießlich die Füße bewegt“, so Heine. „Keiner will mehr den andern amüsieren, und dieser Egoismus beurkundet sich auch im Tanze der heutigen Gesellschaft.“ Dem setzt Heine das Treiben „der untern Klassen“ entgegen: „ihr Tanzen hat noch Realität“. Die Tanzsäle der Unterschicht stünden unter strenger Observation der Polizei, die die „tanzende Moralität“ überwachen solle. Es sei kaum begreiflich, wie das Volk unter solcher schmählichen Kontrolle seine lachende Heiterkeit und Tanzlust behält. Die Pariser_innen wüssten allerdings „durch allerlei ironische Entrechats und übertreibende Anstandsgesten ihre verpönten Gedanken zu offenbaren“, und die Verschleierung erscheine alsdann noch unzüchtiger als die Nacktheit selbst. „Dieser gallische Leichtsinn aber macht eben seine vergnügtesten Sprünge, wenn er in der Zwangsjacke steckt.“ In Düsseldorf ist das anders. Als im vergangenen Jahr eine tanzende Meute aus Protest „gegen die Reglementierung und Überwachung des öffentlichen Raums, gegen steigende Mietpreise und die Verdrängung von Einkommensschwachen aus dem Stadtzentrum“ durch die Straßen zog, klagte im Anschluss in der TERZ eine „Emma“ darüber, dass der tanzende Protest im Verfassungsschutzbericht NRW erwähnt und somit kriminalisiert würde („Freiraum nimmt frei“; TERZ 09.12).

„Miethaie zu Fischstäbchen!“

In jedem und jeder Deutschen steckt eben immer noch ein bzw. eine tumbe Tanz- und Politbär_in. Das hatte Heine so treffend in der Bärenfabel vom „Atta Troll“ glossiert. Die Tanzdemo selbst hatte aber durchaus Witz. „Miethaie zu Fischstäbchen“ wurde gefordert. Und mit „Friede den Hüten“ – ein Motto, das eine edel herausgeputzte Schar auf ihre Zylindern gepappt hatte – wurde zugleich Georg Büchner liebevoll verballhornt. Auf der Kettwiger Straße konnte sogar vorübergehend der ÖPNVNulltarif durchgesetzt werden.

Noch etwas Hoffnungsvolles: Anlässlich von Heines 215. Geburtstag hatte am 13. Dezember ein von Heine-Uni-Studierenden gegründetes „HeineKomitee“ in den Hörsaal der Philosophischen Fakultät zum Poetry-Slam geladen. Glücklicherweise arbeitete sich niemand an Heine-Versen ab. Der Dichter wurde weder als Vorbild noch als Vorwand benutzt. Und doch schien es, dass Heine als „Ghostwriter“ mit im Hörsaal gesessen hätte. Dieses Jahr begeht die Heine-Uni ihr 25-jähriges Jubiläum. Das Heine-Komitee will den „politischen Heine“ wieder in die Öffentlichkeit bringen. Ich freue mich schon drauf.

Thomas Giese