Mehr Respekt!
Gegen Antiziganismus

Kundgebung am 27. Januar 2013, dem internationalen Holocaust-Gedenktag

Am internationalen Holocaust-Gedenktag hatten "Amari Jag" (Unser Auge) und "Terno Drom" (Der junge Weg) zur Kundgebung auf den Düsseldorfer Heinrich-Heine-Platz eingeladen. "Amari Jag" ist ein neues Bündnis, welches sich entschieden gegen Antiziganismus wendet. Mit der Kundgebung wurde auf die fehlende Aufarbeitung des Völkermordes während der nationalsozialitischen Gewaltherrschaft hingewiesen, den Roma und Sinti Porajmos nennen. Außerdem jährte sich an diesem Tag zum 68. Mal die Befreiung von Auschwitz.

"Amari Jag" ist auf der Kundgebung "Für mehr Respekt – Gegen Antiziganismus" zum ersten Mal öffentlich in Erscheinung getreten. Es ist ein Bündnis, das sich unter anderem aus Mitgliedern der Gruppen "Terno Drom" und "Association debut d‘histoire" zusammensetzt. Ziel des Bündnisses ist das Leisten von Aufklärungsarbeit über verkehrte Kultur- und Menschenbilder, um so antiziganistische Aktionen, Haltungen und Positionen zu zerstören (http://amarijag.de). Mit der Kundgebung am internationalen Holocaust-Gedenktag wollten Amari Jag und der Jugendverband "Terno Drom" nicht nur zum Gedenken an den 27.01.1945 aufrufen, wo zwei Divisionen der roten Armee die Hauptlager Monowitz und Auschwitz-Birkenau befreiten (in denen unter anderem Juden, Homosexuelle und Sinti und Roma Opfer eines industriellen Massenmords wurden), sondern auch daran erinnern, dass der Völkermord an Sinti und Roma als Höhepunkt einer jahrhundertelangen Verfolgungsgeschichte zu betrachten ist. Besonders in der Rede von "Terno Drom" wurde der Verfolgungsgeschichte Ausdruck verliehen: "Bereits im 19. Jahrhundert richteten Bayern und auch andere deutsche Staaten sogenannte Landfahrerzentralen ein. Diese Zentralstellen dienten der Registrierung, Kontrolle und der Repression gegenüber Sinti und Roma. Letztlich bediente sich das NS-Regime dieser Daten und konnte mit zusätzlicher Hilfe der Kirchenbücher ganze Stammbäume rekonstruieren. Sinti und Roma, die als solche nicht mehr erkennbar waren, konnten so ausfindig gemacht werden. Im Wesentlichen benutzte das NS-Regime diese beiden Datenquellen, um eine möglichst flächendeckende Ermordung der Sinti und Roma vorzunehmen." Zwar endete in der Nachkriegszeit die systematische Ermordungspolitik, aber eine Anerkennung des Völkermords an Sinti und Roma erfolgte erst 1982, also 37 Jahre nach Kriegsende, durch Helmut Schmidt. Und es dauerte noch einmal 30 Jahre, bis am 24.10.2012 endlich ein Denkmal in Berlin für die Opfer errichtet worden ist.

Hasiba, Romni aus dem Kosovo, spricht direkt und provokativ zu den circa 80 Kundgebungsteilnehmer_innen: "Können Sie die Wunden an ihren Füßen sehen (…) können Sie sehen, wie sie ihr Hab und Gut hinter sich herziehen (…) stellen Sie sich vor, wir sind Weiße (…) wie lange glauben Sie, würde Europa tatenlos zusehen (…)?" Eine Frage, welche die Anwesenden nachdenklich machte.

Besonderes Aufsehen mit seiner Rede erregte Mihaly, ein Roma aus dem Süden Ungarns. In Ungarn bilden die Roma die einzige offizielle ethnische Minderheit, leben in großer Armut und werden von der Mehrheitsgesellschaft benachteiligt und diskriminiert. Die antiziganistischen Denkstrukturen reichen soweit, dass rassistische Parteien wie Jobbik den Begriff "Zigeunerkriminalität" in Ungarn etablieren konnten, weil Roma angeblich besonders viele Morde begehen. Dabei besagen Forschungen des ungarischen Landesinstituts für Kriminologie, dass Roma im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Bevölkerung nicht überproportional viele Tötungsdelikte verüben. Wegen verzerrter Annahmen und fest verankerter antiziganistischer Denkstrukturen können Aussagen entstehen wie die des einflussreichen Rechtsaußen-Publizisten Zsolt Bayer: "Wir müssen es aussprechen. Der viehische Mörder war ein Zigeuner. In diesem Ungarn erleben Millionen Menschen, dass die Zigeuner sie ausrauben, schlagen, demütigen und ermorden. Wenn die Zigeunergemeinschaft diese Mentalität ihrer Rasse nicht ausrottet, dann ist klar: Mit ihnen kann man nicht zusammenleben." Im Anschluss an die Kundgebung wurde gemeinsam für die Opfer am Ehra-Denkmal Andacht gehalten.

Aurélie de Gautier für Amari Jag


"Stille
ein zerissenes Herz
ohne Atem
ohne Worte
keine Tränen"

(Spinelli, Santino: Auschwitz.
Widmungstext auf dem Brunnenrand des Denkmals für die im Nationalismus ermordeten Sinti und Roma in Europa.)