„I don‘t eat animals,
I want nothing dead in me“

- das singen Regisseur, Martin Kloepfer und Musiker, Kornelius Heidebrecht von der deutsch-russischen Gruppe Subbotnik, während ihrer ersten Produktion „Die Sehnsucht des Menschen ein Tier zu werden“ in den Kammerspielen des FFT Düsseldorf.

Alles voller Pappeln. Leicht düster. Ein Stück weiße Leinwand. Und vor dieser Leinwand ein verzweifelter Mann (Oleg Zhukov). Der Protagonist des Stücks „Die Sehnsucht des Menschen ein Tier zu werden“ erinnert an einen traurigen Büromenschen, welcher tagtäglich mit Anzug, Krawatte und seiner kaffeebestückten Aktentasche zur Arbeit maschiert, um sich dem Leben hinzugeben. „Der Mensch hat mehr Welt als die Tiere“, zitiert der traurige Büromensch aus Heideggers Philosophie, wo die Angst als Existenzangst das Grundphänomen des Menschen ist. Voller Sorge vor seinem Sein und der Furcht vor zu viel Welt, wo alles irgendwie gleich wichtig scheint, flüchtet der Schauspieler Oleg Zhukov mit dem Wunsch ein Tier zu werden in den Wald. Dem verzweifelten Mann erscheint das Leben der Tiere voller Sorglosigkeit, Leichtigkeit und einer unbeschreiblichen Freiheit vor den gesellschaftlichen Zwängen. Angekommen im Wald, trifft er neben einem Affen und einer leicht kreischenden Krähe auf einen Eisbären. Anfangs herrscht zwischen dem Mann und dem knuffigen Eisbären (Olaf Helbing) Harmonie, da der Eisbär sich langsam mit den menschlichen Gegenständen des Mannes vertraut macht. Doch als der Eisbär ein intensives Interesse für die kaffeebefüllte Thermoskanne entwickelt, ist die freundschaftliche Beziehung leider aus. Schnell und ohne viel Worte kriegt der Mann mit dem Wunsch ein Tier zu werden eins mit der Pfote des Eisbären ins Gesicht. Die Zuschauer_innen, die sich auch in einem Wald voller Pappeln befinden, könnten annehmen die Anthropomorphismusproblematik hätte sich mit dieser Geste erledigt. Menschen und Tiere mögen nie wirklich zueinander finden. Niemals kann der Mensch ein Tier werden oder schon gar nicht können Tiere zu Menschen werden.

Genau in diesem Moment beginnt die deutsch-russische Gruppe Subbotnik, was im Realsozialismus soviel bedeutete, wie: Zwangsweise freiwillige Samstagsarbeit im Dienste des Gemeinwesens, mit dem Erzählen von Mythen aus dem ewigen Eis, weil in den Sagen der Inuit die Verwandlungen von Menschen zu Tieren ein gängiges Motiv sind. Weg vom Anthropomorphismus, schlägt das Ensemble die umgekehrte Richtung ein. So sind Affe und Krähe auf einmal Erzähler und entführen die Zuschauer_innen in eine märchenhafte Welt von egoistischen Fleischessern. Oder aber der gestresste Mann, der nach einem Ausweg aus dem menschlichen Sein sucht, trifft auf gelassene Hirsche und schließt sich der Rudel als ein Hirsch an. Der Mensch verwandelt sich unzählige Male an diesem Abend zum Tiere, so dass die Fremdheit des Menschen zum Tier aufgehoben wirkt.

Nicht nur die Verwandlungen, die Märchen, das zauberhafte Bühnenbild oder der flauschige Eisbär sind dafür verantwortlich, dass die Zuschauer in diesen Minuten von ihrem Sein fortgetrieben werden, sondern vor allem die musikalischen Klänge vereinen die Seele des Zuschauers am Ende mit der eines Tieres.

Sabine Schmidt

„Die Sehnsucht des Menschen ein Tier zu werden“, Gruppe Subbotnik
Uraufführung war am 14.02., Kammerspiele des FFT Düsseldorf