Die Flüchtlingsunterkunft Heiligenhaus – Ein Lokaltermin

An einem Sonntagnachmittag und leicht erfroren kommen Mitglieder der AG Flüchtlingsunterkunft, sowie einige verbündete Partner in Heiligenhaus (Nähe Ratingen) an. Eine sehr nette abgelegene Gegend, wo nur ein Bürgerbus werktags einmal die Stunde fährt, sonntags überhaupt nicht und der einzige Kontakt zur menschlichen Zivilisation ein Notruftelefon ist. Die Flüchtlingsunterkunft Heiligenhaus ist mindestens 3 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, und hat als Ausblick eine fürstliche Leichenhalle vor der Nase – ein*e Misanthrop*in mag hier das Paradies finden. Aber was für den Misanthrop*innen ein Paradies sein mag, ist in Wahrheit der Versuch, Geflüchtete auszugrenzen, um ihnen so die Integrationsmöglichkeit zu versagen und sie eigentlich so schnell wie möglich wieder abschieben zu können.

Es ist nicht nur die wundervolle Aussicht auf die Leichenhalle, welche Besucher*innen und Bewohner*innen in Wallung versetzt. Vor allem das Innenleben der Blech-Container lässt den Gedanken aufkommen sofort in Heiligenhaus einziehen. Leider haben die Bewohner*innen keine Erlaubnis, sich zwischen Privatwohnung und Sammelunterkunft am fernen Rande der Menschlichkeit zu entscheiden. Schauen wir uns das mehr als 20 Jahre alte Prachtstück genauer an. Die Container sind von außen und innen voller Risse und Löcher. Ratten gehen in den Innenverkleidungen ein und aus, sodass im Haus Giftköderboxen aufgestellt werden mussten. Diese glorreiche Tat hat man dem zuständigen Hausmeister zu verdanken, der neben den Containern in einem Steinhaus lebt und sich fürsorglich, um die Beseitigung von Mängeln kümmert. Wenn beispielsweise ein Loch in der Wand ist oder der Boden brüchig wird, legt er liebevoll ein Brett darüber. Problem beseitigt. Seine Fürsorge geht so weit, dass er den Bewohner*innen vorschreibt, wen sie mit nach Hause nehmen dürfen und wen nicht. Leider müssen Beziehungspartner*innen draußen bleiben. Eine echte Vaterfigur lässt sich im Hausmeister finden.

Weg von der väterlichen Fürsorge des Hausmeisters hinüber zum Ort des absoluten Grauens: der Küche. Die Küche ist für 10 bis 20 Personen gedacht, wobei sie bestimmt von mehr Menschen genutzt werden muss. Höchstens zwei minderwertige Herde mit Backöfen lassen sich neben einer unzumutbaren Arbeitsplatte und Spülbecken finden. Warmes Wasser ist nur sporadisch zu erhalten. Und unter dem Spülbecken findet man neben Isolationsmaterial eine Rattenfalle. Als wir den sauberen Ort für die Nahrungszubereitung verlassen, besuchen wir Bewohner*innen der Flüchtlingsunterkunft in ihren Zimmern. Alleinstehende Personen haben ein Zimmer von gerade mal 12-14 m². Und die dort lebende Familie muss mit ungefähr 14-20 m² auskommen, sodass ein Schlafraum von circa 14 m² von 5 Personen in Anspruch genommen werden muss. Die Zimmer werden von den Bewohner*innen selbst eingerichtet, dementsprechend sind sie unterschiedlich ausgestattet. Für jede Wohneinheit gibt es ein eigenes Badezimmer, wobei die sanitären Anlagen sich in einem mangelhaften Zustand befinden. Hinzu kommt, dass die Bewohner*innen nicht immer warmes Wasser haben, die Stromversorgung nicht durchgängig gewährleistet ist und nur zwei Waschmaschinen mit eingeschränkter Nutzung für die gesamten Bewohner*innen zur Verfügung stehen. Fassen wir mal kurz alle Mängel der Container zusammen: Feuchtigkeit, Schimmelpilzbefall, mangelnde Isolierung, Ungeziefer und defekte Heizungen. Man kann davon ausgehen, dass Oskar mit seiner Tonne aus der Sesamstraße qualitativ besser lebt, als die Bewohner*innen in Heiligenhaus.

Im Durchschnitt leben die Geflüchteten dort 6,5 Jahre. Manche wurden währenddessen auch schon mal abgeschoben. Der längste Aufenthalt eines Bewohners der Flüchtlingsunterkunft Heiligenhaus beträgt sogar 12 Jahre. Das einzig Positive ist, dass die Bewohner*innen Bargeld statt Gutscheine zum Lebensmitteleinkauf erhalten, wobei das monatliche Bargeld nicht mehr als 200 Euro betragen dürfte.

Heiligenhaus ist nur eins von den vielen erschreckenden Beispielen für das Lagersystem in Deutschland. Selbst Roland Buschhausen (Leiter für soziale Sicherung und Integration Düsseldorf) verweist bei einer Anfrage über die Verweildauer von Geflüchteten in Sammelunterkünften auf §2 des Asylbewerberleistungsgesetzes, wo die Verpflichtung zur Unterbringung in einer Gemeinschaftsunterkunft in der Regel nach 48 Monaten endet. Bedauerlicherweise sieht die Realität anders aus. Die Sammelunterkunft Heiligenhaus entspricht auch nicht den Anforderungen an eine menschenwürdige Unterbringung, wie es laut Düsseldorfer Stadtverwaltung vorgeschrieben ist.

Dabei ist es eigentlich so einfach, Geflüchtete in Privatunterkünften unterzubringen, um ihnen ein akzeptabeles Wohnen zu ermöglichen. Dies zeigt uns die Stadt Leverkusen mit ihrem Leverkusener Modell. Es verfolgt als Handlungsalternative die Unterbringung von Geflüchteten in Privatwohnungen, auch bei ungesicherten Aufenthaltsstatus, statt in kostenintensiven Übergangsheimen. Am 25.2.2002 beschloss der Ausschuss für soziales, Gesundheit und Senioren, die Unterbringung von Flüchtlingen in Privatwohnungen für erst mal 80 Personen. Die Umsetzung erfolgt mit Unterstützung des Caritasverbandes als Migrationsfachdienst und des Flüchtlingsrates. Dabei ersparte sich Leverkusen nicht nur Kosten, sondern auch die Entstehung sozialer Brennpunkte. – Auch wir von der AG Flüchtlingsunterbringung, Betroffene sowie weitere Genossen*innen werden die in den Sammelunterkünften herrschen Verhältnisse nicht hinnehmen. Und dafür kämpfen, dass die Sammelunterkünfte abgeschafft werden, weil jeder Mensch ein Recht auf ein würdevolles Leben hat.

Aurélie de Gautier