Ekstatische Zustände im Düsseldorfer Schauspielhaus

RAUSCH! von Falk Richter und Anouk van Dijk erzeugt beim Publikum bewusstseinserweiternde Zustände durch Verbindung von Text und Bewegung und erreicht eine postmoderne Gesellschaftskritik auf höchstem künstlerischen Niveau.

Aller Anfang ist die Einsamkeit und so stürmt der Schauspieler Aleksandar Radenkovic mit einem unglaublich energiegeladenen Monolog über den Wunsch nach der Zerstörung von Struktur auf die Bühne: "Ich würd´ so gern einfach schreiben / ohne ein Thema / ohne eine Richtung / ohne etwas zu bearbeiten, das sich angestapelt hat / ohne all diese Materialien und Textmassen, Notizen, Empfindungen, Enttäuschungen und Ängste / mich einfach wegschreiben in eine andere Welt / in eine andere Welt hineinschreiben". Kaum hat er seine Klage an System und Struktur zu Ende gesprochen, füllt sich die gedämmte Bühne im Stil eines Tanzstudios mit zahlreichen Menschen, die zu den gesprochenen Worten der Monologisten schwingen und aus einzelnen Bewegungen eine Choreografie ableiten. Nicht nur die Bewegungen der sieben Tänzer*innen und fünf Schauspieler*innen mit ihrer anfangs schlichten Kleidung versetzten das Publikum in einen ekstatischen Zustand, sondern vor allem die experimentelle Musik des australischen Künstlers Ben Frost. Mit seiner Gabe, musikalische Klänge gezielt zur Weckung von Emotionen einzusetzten, erweitert das Bewusstsein der Anwesenden und versetzen die Zuschauer*innen in eine andere Welt, welche nicht weit von der Postmoderne entfernt ist.

Keine Zeit, kein erkennbarer Ort, keine identifizierbaren Personen prägen die Inszenierung RAUSCH von Falk Richter und Anouk van Dijk. Doch das Interesse des Künstlers und der Künstlerin ist eindeutig, eine postdramatische Widerspiegelung von den körperlich-seelischen Zuständen des modernen Individuums sowie seine aktuelle Position im ökonomischen System. Die Zusammenarbeit von Schauspieler*innen und Tänzer*innen erschließt den Zuschauer*innen durch die Wechselwirkung von Text und Bewegung eine andere Wahrnehmungsebene und öffnen den Geist für eine Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft.

Die Protagonist*innen befinden sich in einer allumfassenden Krise, weil die Liebe mit ihrem Rauschzustand zur letzten erfüllbaren Utopie geworden ist. Der Liebesrausch als einziges authentisches Gefühl steht nämlich konträr zu den kapitalsteigernden Räuschen, wie Arbeitsrausch, Börsenrausch und Kaufrausch. Liebe ist zu einer unersättlichen Ware geworden und in der Postmoderne auch über die digitalen sozialen Netzwerke erhältlich. RAUSCH spiegelt in einer anderen ekstatischen Welt unsere Postmoderne wider, nimmt so die konservativ-verfehlte Politik der CDU und FDP in die Mangel und macht auf die herrschenden Occupy-Aufstände auf der ganzen Welt aufmerksam. Auch die Adelshäuser und die parasitäre katholische Kirche stehen auf der Bühne am Pranger und lassen einige Zuschauer*innen schmunzeln oder andere wiederum zornig werden. Jegliche Kritik an unserer bürgerlichen Gesellschaft wird auf der Bühne anschaulich und sorgt so für Reflexion, die unter anderem durch eine Parodie des Pfefferspray-Einsatz der Polizei bei Demonstrationen gegen das kapitalistische System erreicht wird.

Der unkontrollierbare RAUSCH und der Wunsch nach einem Ausbruch aus den gesellschaftlichen Zwängen in ein offenes Meer der Freiheit sind im Tanz der einzelnen Darsteller*innen und in der schauspielerischen Leistung erkennbar. Eine Paartherapie unter der Obhut eines profitorientierten Therapeuten sorgt für Witz und eine pointierte Problematisierung von Partnerschaften, in denen alle Beteiligten auf ihre Bedürfnisbefriedigung aus sind, obwohl keine*r seine Bedürfnisse wirklich kennt. Wo ist die alles verzehrende Leidenschaft hin? Verschwunden; unter den anderen Räuschen.

Sabine Schmidt

Düsseldorfer Schauspielhaus, Gustaf-Gründgens Platz
Termine: Mo., 29. + Di., 30.04., 19.30 Uhr
Karten: (0211) 36 99 11 oder http://duesseldorfer-schauspielhaus.de


Das WARTEN hat ein ENDE – Endlich KOMMT der AUFSTAND!

andcompany&Co hat keine Lust mehr, länger auf den Aufstand zu warten. Und so führt die Theatergruppe das Publikum auf ihrer Produktion „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ zum letzten Lichtblick der Menschheit – die Revolution. Denn die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern das, was da ist.

Voller Inbrunst verkörpert das Berliner Performance Kollektiv andcompany&Co mit „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ politisches Theater. Die Schauspieler stehen ganz in Brechtscher Tradition als Rollenbesetzer auf der Bühne, die vierte Wand zum Zuschauer*innenraum, welche Peter Handke schon mit seinem Stück „Die Publikumsbeschimpfung“ eingerissen hat, wird unter anderem mit Handzeichen als Kommunikationsform zwischen Zuschauer*innen und Darstellern endgültig zerstört. Auch Hans-Thies Lehmanns Wunsch nach „Unterbrechung“ im politischen Theater schenkt das Kollektiv Beachtung, so spielt und singt Georg Danzer in veränderter Form Lieder von der Gruppe Bots: „Alle Menschen, die ein besseres Leben wünschen, solln aufstehn“ – gesungen, getan.

Dabei arbeiten andcompany&Co, gegründet 2003 von Alexander Karschnia, Nicola Nord und Sascha Sulimma, mit vielen unterschiedlichen Künstler*innen und Theoretiker*innen innerhalb und außerhalb der Theaterszene zusammen. Für die Performance „Der (kommende) Aufstand“ haben sie sich mit einer flämisch-niederländischen Gruppe und dem flämischen Autor, Regisseur und Schauspieler Joachim Robbrecht zusammengetan. Die Performance ist ein Remix aus Geschichte und Gegenwart. Ausgangspunkt ist der historische Aufstand der Niederländer*innen vor 444 Jahren, welcher in den Achtzigjährigen bzw. Dreißigjährigen Krieg mündete und der Anlass für Schillers historische Schriften sowie sein Drama „Don Karlos“ war. Angekommen auf der Bühne proben die Schauspieler den Aufstand der Niederländer*innen, die sich als Bettler*innen verkleiden und für ihre Freiheit und Privilegien kämpfen. Nach der Erprobung des historischen Aufstands der Niederlande wird das große silberne Geschenk auf der Bühne ausgepackt und Schillers Don Karlos (Infant von Spanien) skurril gespielt. Das Warten hat ein Ende und der geplante Aufstand findet nun statt. Bis Georg Danzer das Schauspiel mit der Frage unterbricht: „Why are we talking about historical Spain and not about the current one (Warum sprechen wir über das historische Spanien und nicht über das von heute)?“

Hier haben aktuelle politische Problematiken von Occupy und Globalisierung über Ausbeutung bis zum kapitalistischen Warentausch ihren Platz. Das Kollektiv ist im 21. Jahrhundert globaler Krisen angekommen.

„Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ – eine Produktion von andcompany&Co mit dem Oldenburgischen Staatstheater und Theater Frascati Amsterdam in Koproduktion mit FFT Düsseldorf und dem Theater im Puppenhaus Münster.

Sabine Schmidt

FFT Juta, Kasernenstr. 6
Termine: Do., 18. + Fr., 19.4., 20h
Tickets: 15,-/8,- Euro (VVK), 18,-/10,- Euro (AK)
Karten: (0211)876787-18 oder fft-duesseldorf.de