Raubkunststadt Düsseldorf

Düsseldorfer Museen sehen sich erneut mit Forderungen nach Rückgaben von Bildern konfrontiert, die ihre jüdischen Besitzer nach 1933 unter widrigen Umständen verkaufen mussten.

Wäre das letzte Jahrhundert anders verlaufen, dann hätten in diesem Jahr gleich zwei Galerien auf der Königsallee ihr 100-jähriges Geschäftsjubiläum feiern können: die Häuser Stern und Flechtheim. So aber überlebten sie die Machtübernahme der Nazis nicht. „Nach dem Ergebnis meiner Überprüfung der in ihren persönlichen Eigenschaften und Verhältnissen begründeten Tatsachen besitzen Sie nicht die erforderliche Eignung und Zuverlässigkeit, an der Förderung deutscher Kultur in Verantwortung gegenüber dem Volk und Reich mitzuwirken“, teilten die Nationalsozialisten Max Stern 1937 mit. Den Betrieb der Flechtheim-Galerie unterbanden sie sogar schon weit früher. In Alfred Flechtheim sahen die Faschisten nämlich einen Verderber des deutschen Geistes, weil er sich besonders der modernen Kunst verschrieben hatte. Als „Kulturbolschewisten“ und „Kunstjuden“ diffamierten sie den Kunsthändler, und in der Düsseldorfer „Entartete Kunst“-Ausstellung von 1938 hing ein großes Portrait-Foto von ihm mit dem Hinweis: „Der Jude, der Großmanager dieser Kunst“. Bereits im Frühjahr 1933 stoppten die Nazis eine Auktion in den Geschäftsräumen und läuteten damit das Ende der Galerie ein. Im November kam dann auch das Aus für die Berliner Dependance.

Den Düsseldorfer Hauptsitz führte Flechtheims Geschäftsführer Axel Vömel weiter. Die Änderungen kündigte er in einem Brief so an: „Ein Hausputz wird in Deutschland gehalten, dem kann keiner entgehen (...) Leid tun mir die Juden, die sich als Menschen zweiter Klasse fühlen müssen – A. F. ist regelrecht zusammengebrochen“. Mit „Es lebe die Zukunft“ schließt er seine Ausführungen. Ob dieses forschen Tons und der politischen Haltung Vömels – er war NSDAP- und SA-Mitglied – nennen manche den Besitzerwechsel „Arisierung“. Andere meinen hingegen, der einstige Angestellte habe mit den Verkäufen von Bildern, auch aus Flechtheims Privatsammlung, nur die Schulden seines ehemaligen Chefs begleichen wollen und verweisen auf die fortlaufenden Kontakte zwischen den beiden Männern. Die heutige Galerie Vömel feiert ihren Gründer gar als einen Heroen im Bilderkampf gegen Hitler & Co. „Um die von den Nazis verfolgten Künstler, wenn auch mit großen Schwierigkeiten, weiter ausstellen und verkaufen zu können“, habe er die Galerie übernommen, heißt es auf der Homepage der Bilderhandlung.

Wie auch immer sich der Übergang im Einzelnen vollzogen haben mag, auf jeden Fall blieb Flechtheim ebenso wie Stern nichts anderes übrig, als das Land zu verlassen. Max Stern lieferte 1937 seinen gesamten Gemälde-Bestand bei der Kölner Galerie Lempertz ein, um die Emigration zu finanzieren und die dazu erforderlichen Abgaben leisten zu können – die Reichsfluchtsteuer betrug 25 Prozent des Gesamtvermögens, und von ins Ausland transferierten Geldvermögen verlangte der NS-Staat zu diesem Zeitpunkt 81 Prozent. In der sogenannten „Auktion 392“ gelangten die Bilder zur Versteigerung. Dass dies eine Zwangsveranstaltung war, musste sogar der damalige Lembertz-Chef Josef Hanstein zugeben: „Ich verkenne keineswegs, dass der Entschluss des Herrn Stern zur geschlossenen Veräußerung seiner Galerie-Bestände unter dem Druck der damaligen politischen Verhältnisse gefasst worden sein wird“. Entsprechend niedrig fielen die Erlöse für die 200 Werke aus.

In England interniert

Einen Monat später setzte Stern sich nach England ab. Willkommen war er dort jedoch nicht. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde er als „feindlicher Ausländer“ auf der Isle of Man interniert. 1940 wanderte er nach Kanada aus und musste weitere zwei Jahre Kasernierung überstehen. In Montreal konnte er sich jedoch schließlich eine neue Existenz als Kunsthändler aufbauen. Alfred Flechtheim gelang dies nicht. Er flüchtete zunächst nach Basel und zog dann über Paris nach London weiter, wo er bei dem Versuch scheiterte, eine neue Galerie zu etablieren. 1937 starb er verarmt nach einer Krebs-Operation.

Kunsthändler wie Flechtheim und Stern sowie private Sammler*innen verloren in der Nazi-Zeit tausende Bilder. Die Internet-Datenbank „lostart.de“ rubriziert allein unter „Verlustort Düsseldorf“ mehrere hundert Gemälde. „Private und öffentliche Sammlungen auf der ganzen Welt sind verseucht“, stellt deshalb die Stiftung fest, in die das Erbe des kinderlosen Stern einfloss.

Und auch Düsseldorfer Museen haben sich angesteckt. So befindet sich im Stadtmuseum ein Gemälde Sterns aus der „Auktion 392“, das Interpol sogar zur Fahndung ausgeschrieben hat. Dabei handelt es sich um das Selbstbildnis von Friedrich Wilhelm von Schadow, dem Mitbegründer der Düsseldorfer Malerschule und einstigen Direktor der Kunstakademie. Das Museum hat es wohl erworben, als die Galerie Lempertz das Werk 1972 nochmals zum Verkauf anbot, ohne wie sonst üblich auf seine Abkunft aus der „Auktion 392“ von 1937 hinzuweisen. Die Stiftung, die von zwei Montrealer Hochschulen und der Jerusalemer Hebron-Universität getragen wird, wandte sich nun mit der Bitte um Rückgabe an die Einrichtung, stieß aber auf taube Ohren. „Ich finde es außergewöhnlich, wenn man sich gleich hinter einer Anwaltskanzlei verschanzt, die (...) den Ruf hat, Restitutionsansprüche abzuwimmeln“, erklärte der Rechtsanwalt der Stiftung, Willi Korte, gegenüber der Terz. Mit anderen Museumsleitungen habe man da ganz anders gesprochen, so der Jurist, der Anfang März zu Verhandlungen in die Bundesrepublik gereist war. In Stuttgart gelang es ihm beispielsweise, von der dortigen Staatsgalerie das Bild „Jungfrau mit Kind“ aus dem 15. Jahrhundert zurück zu erhalten und damit die Zahl der Stern-Restitutionen auf zehn zu erhöhen. Die offizielle Rückgabe fand dann in der kanadischen Botschaft am Berliner Leipziger Platz im Rahmen einer feierlichen Zeremonie statt.

Die Kunstsammlung am Grabbe-Platz, die dem Land Nordrhein-Westfalen untersteht, ist ebenfalls von Raubkunst infiziert. Aktuell sieht sie sich mit zwei Rückgabe-Forderungen von Gemälden aus den Beständen von Alfred Flechtheim konfrontiert, der „Federpflanze“ von Paul Klee und „Nature morte (Violon et encrier)“ von Juan Gris. Darüber hinaus stellten die Flechtheim-Erben ein Auskunftsersuchen zum Gemälde „Die Nacht“ von Max Beckmann. Eine Rückgabe schloss Museumsleiterin Marion Ackermann jedoch vorerst aus. „Wir finden nicht, dass alle Schritte schon getan sind“, sagte sie der der Zeitung WZ. Sie verwies auf ungeklärte Eigentumsverhältnisse, die bei Flechtheim-Bildern eine Zuordnung zu Privateigentum, Galerie-Beständen und Kommissionsware schwer machten. Und Dokumente, die eventuell Aufschluss über die Provenienz geben könnten, lägen im Pariser Kahnweiler-Archiv, das keinen Zugang gewähre, klagte Ackermann. Andere Häuser reagierten da anders, obwohl auch sie noch Klärungsbedarf hatten. Das Kölner Museum Ludwig rief die für Streitfragen in Sachen „Restitution“ zuständige Limbach-Kommission an und beugte sich deren Empfehlung, sich im Falle eines Kokoschka-Werks, das der Kunstsammler Josef Haubrich 1934 bei Alex Vömel gekauft und später der Ausstellungsstätte geschenkt hatte, mit den Nachkommen Flechtheims zu einigen. Einen solchen Schritt erwägt nun auch Marion Ackermann und wartet ansonsten auf Signale aus der Staatskanzlei. Das Kunstmuseum Bonn hingegen wurde selbst aktiv und beauftragte den Historiker Dr. Axel Drecoll mit einem Gutachten zum Bild „Leuchtturm mit rotierenden Strahlen“ von Paul Adolf Seehaus. Danach traf es ein Arrangement mit den Erben und konnte das Bild gegen eine Entschädigungszahlung von 25.000 Euro in ihrem Bestand halten.

Auch das Museum Kunstpalast, dem Flechtheim und Stern in ihrer Düsseldorfer Zeit bedeutende Schenkungen gemacht hatten, ist kontaminiert. Erben haben Ansprüche auf die Gemälde „Stillleben – Korb mit Trauben, Vögeln, Erdbeeren“ von Frans Synders und „Pariser Wochentag“ von Adolph von Menzel angemeldet. Das Synders-Stillleben kaufte das Museum 1938 mit dem Geld aus einer Spende der Düsseldorfer Wirtschaft an. Das Menzel-Werk stammt aus der Sammlung des jüdischen Hamburger Bankiers George Eduard Behrens, der nach der Zwangsschließung seines Geldhauses emigrieren und sich von seinem Besitz trennen musste. Hier schien eine Lösung schon nah. Sponsor*innen erklärten sich zu Spenden bereit, um den Menzel für das Museum Kunstpalast zu retten. Sie forderten von der Stadt lediglich, die Limbach-Kommission einzuschalten und deren Schiedsspruch abzuwarten. Das lehnte das Rathaus jedoch ab. Das Bild sei „kein Fall für die Kommission“, erklärte Kulturdezernent Hans-Georg Lohe und gab damit die Einschätzung des Rechtsanwalts Ludwig von Pufendorf wider, der Düsseldorf auch in der Angelegenheit „Schadow“ vertritt.

„Wir sträuben uns nicht“

Eine unsensible Blockade-Haltung möchte sich Lohe aber trotzdem nicht vorwerfen lassen. „Wir sträuben uns nicht gegen die Rückgabe von Kunst“, erläuterte er dem Internet-Portal „eiskellerberg“ und verwies auf Kompromiss-Lösungen in der Vergangenheit. So kam die Stadt 2005 mit den Erben von George Eduard Behrens überein, gegen die Zahlung einer bestimmten Summe Arnold Böcklins „Schlafende Diana“ nicht rückzuerstatten. Und im gleichen Jahr übergab sie Dirck Hals’ „Tricktrack-Spieler und Raucher“ an die Erben des jüdischen Kunsthändlers Goodstikker aus Amsterdam. Ein Drittel von dessen Sammlung hatte sich Hermann Göring nach dem Einmarsch in Holland für sein Jagdschloss Carinhall gesichert und kam damit Hitler zuvor, der für sein Museum in Linz ebenfalls auf der Suche nach Kunst war. Den Rest stieß Göring dann über den Kunsthandel ab, und auf diesem Wege gelangte das Bild dann irgendwann nach Düsseldorf.

Schließlich deutete der Kulturdezernent auch an, in dem langen Streit um das Bild „Fruchtkorb an einer Eiche“ von Abraham Mignon (TERZ 06.11) einlenken zu wollen. Zwischen Erben und Kulturdezernat ist nur noch die Summe strittig, mit der Düsseldorf den „Fruchtkorb“ ablösen kann. Vorher hatte die Stadt sich lange stur gezeigt. An die Washingtoner Erklärung, die in Beweislastumkehr von den Museen den eindeutigen Nachweis angemessener Kaufpreise verlangt und sie zu fairen und gerechten Lösungen anhält, fühlte sich das Rathaus nicht gebunden. Und nicht einmal der Kulturstaatsminister Michael Neumann vermochte CDU und FDP dazu zu bewegen, die Limbach-Kommission einzuschalten, um den Streit um das Werk zu schlichten, das ursprünglich der 1935 emigrierten Berliner Familie Bühler gehörte. Bei einer der berüchtigten „Juden-Auktionen“ musste sie vor der Flucht ihren gesamten Hausstand feilbieten. Dort erwarb der Kunsthändler Leo Spik den Mignon und andere Kunstwerke. In der verwaisten Grunewald-Villa der Bühlers organisierte er dann gleich den Weiterverkauf. Bei dieser Gelegenheit erstand die Düsseldorfer Galerie Paffrath, durch deren Geschäftsbücher Raubkunst en masse ging, die Arbeit des deutsch-niederländischen Malers und veräußerte sie wenig später an das Museum Kunstpalast.

Die Nachbarstadt Neuss zeigt sich bei Restitutionsfragen weit einsichtiger als die Landeshauptstadt. Sie zahlte den Erben des Wuppertaler Kunstsammlers und Schriftstellers Paul Westheim 7.000 Euro für das Bild „Makabre Szene – Dachgarten der Irrsinnigen“, gemalt von dem Dichter Joachim Ringelnatz. Damit akzeptierte das Clemens-Sels-Museum die Empfehlung der Limbach-Kommission für den Umgang mit dem Gemälde, das über die Galerie Vömel nach Neuss gelangt war. Sein ursprünglicher Besitzer war 1933 gezwungen Deutschland zu verlassen, und hatte seine Sammlung einer Freundin anvertraut. Diese verkaufte die Stücke dann aber auf eigene Rechnung und brach den Kontakt zu Westheim ab, dem die Behörden nach 1945 wegen seiner politischen Gesinnung die Rückkehr nach Deutschland versagten.

Wie es derweil in Düsseldorf weitergeht, entscheidet sich nach Beratungen des Kunstpalast-Stiftungskuratoriums, des Kulturausschusses und des Rates in den nächsten Wochen. „Bislang sieht es nicht so aus, dass die Stadt die Ansprüche der Erben anerkennt“, schrieb die Rheinische Post, erwartete aber neue Diskussionen nach den jüngsten Einigungen. Der Terz gegenüber wollte sich das Kulturdezernat zu dem Sachverhalt nicht äußern.