Revolution? – Erstmal Tee trinken!

"Er sieht immer so verhetzt aus. Woyzeck! Woyzeck! Er sieht immer so verhetzt aus." Ruft der Hauptmann (Ingo Tomi) dem verhetzten und nicht zu Ruhe kommenden Woyzeck (Thomas Wodianka) zu. Ganz gestresst läuft Woyzeck umher und platziert grüne Konferenzstühle auf einer sich leicht drehenden Bühne. Immer ganz schnell. Ohne Pause. Genau wie die Märkte. Total verhetzt. Absoluter Wirrwarr. Zahlen, Codes und Zeichen bilden eine Bildinstallation als Hintergrund. Und der Chor: "Stich zu, stich zu. Wir müssen zustechen, Herr Hauptmann. Es sagt immer: stich zu, stich zu. Eine Unterbrechung".

Das Projekt Büchner von Falk Richter im Düsseldorfer Schauspielhaus ist eine Textcollage aus Texten von Georg Büchner und Falk Richter, unter dem Einfluss von Heiner Müllers Dankesrede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1985: "Die Wunde Woyzeck". Falk Richter verbindet Büchners Schriften: "Lenz", "Woyzeck," "Dantons Tod", den "hessischen Landboten" und diverse Briefe zu einem postdramatischen Stück, um die Thematiken: Einsamkeit, Entfremdung und Ausbeutung auf die Bühne zu bringen. Büchners Woyzeck wird zum entfremdeten Individuum unserer modernen Leistungsgesellschaft, das wie der Finanzmarkt herumirrt, sich von der Kirche abwendet und zum neuen Seelenpriester, dem Therapeuten wechselt, der ihn mit Psychopharmaka ruhigstellt, damit er nicht mehr gegen Repressionen revoltiert. Ist Europa bereit für eine neue Revolution?

" Woyzeck lebt, wo der Hund begraben liegt, der Hund heißt Woyzeck. Auf seine Auferstehung warten wir mit Furcht und/oder Hoffnung, daß der Hund als Wolf wiederkehrt. Der Wolf kommt aus dem Süden." (Heiner Müller: "Die Wunde Woyzeck") Auch im Stück kehrt Woyzeck als Wolf auf die Bühne zurück und sticht mit zynischer Kritik an unserer modernen Leistungsgesellschaft zu. Und nun: Was machen wir jetzt?, fragen die Darsteller*innen. – Arbeiter bringen Tische auf die Bühne und das hervorragende Ensemble schleppt karrenweise Bücher heran. Ein politischer Diskurs findet statt und ein Monolog, gesprochen vom charismatischen Aleksandar Radenkovic, über freie Marktwirtschaft, neoliberale Ansichten und die Frage, ob Revolutionen nicht eigentlich Energieverschwendungen seien, beendet die Szene. Stille. – Merkwürdig. Da fehlt etwas!

Was macht politisches Theater aus? In den 30iger Jahren war es Erwin Piscator, der nicht nur das klassische Drama mit seinen Bühnenkonzeptionen von der Schaubühne fegte, sondern das Theater als politisches Medium, sogar als politische Waffe festigte. Piscator integrierte in seinen Aufführungen Stilmittel wie Plakate, Projektionen, Filme, Lieder und Chöre. Beispielsweise dienten Projektionen als Mittel der Texterweiterung. Seine Inszenierungen sollten Aufrufe zum Eingreifen in das aktuelle politische Geschehen sein, mit der zentralen Intention, die Zuschauer aufzuklären. Dafür holte Piscator die Wirklichkeit mit all ihren Problemen auf die Bühne.

Genau dies hätte Falk Richters Projekt Büchner sein können: eine grandiose Verkörperung von vollkommenen politischen Theater. Leider ist es nicht mehr eine vollkommene Verkörperung von politischen Theater und zwar, weil die Projektionen als piscatorisches Stilelement für politisches Theater mit den Bildern (Film) von den Occupy-Bewegungen in Spanien, Griechenland und Deutschland, sowie das Eingreifen von Polizeigewalt gegenüber Demonstranten entfernt wurden. Wieso eigentlich wurden diese im Laufe der Spielzeit entfernt? Wo sind die Bilder der revoltierenden Menschen, die sich gegen das Finanzsystem zur Wehr setzen und sich eindeutig gegen eine neoliberale Politik und gegen einen ‚freien Markt‘ aussprechen? Was ist da passiert?

Dennoch ist Falk Richters Projekt Büchner ein gelungenes politisches Theaterstück, hauptsächlich wegen der Regie, die in politischer Tradition von Piscator, Brecht und Hans-Thies Lehmann steht und des Bühnenbilds von Katrin Hoffmann. Leider wurde dem Stück die Vollkommenheit mit der Entfernung der Projektionen und dem veränderten Monolog genommen, was sehr bedauerlich ist, weil das Stück gut als Mobilisation für die im Ende Mai stattfindenden Blockupy- Proteste in Frankfurt hätte dienen können. Anbei ist die komponierte Musik von Ben Frost grandios, genauso wie das Ensemble.

Sabine Schmidt

Düsseldorfer Schauspielhaus: 20.6., 19:30 Uhr (letzte Aufführung)
Karten unter: 0211-369911 oder:
http://duesseldorfer-schauspielhaus.de/de_DE/Vorstellungen/Buechner.867699