„Wir können Wasserfälle sein!“

Blockupy 2013 zwischen Durchfließen, Regenschirmen und Jahrhundertflut

Yok, der alte Quetschen-Spieler war nicht da. Manche werden’s bedauert, manche es mit Erleichterung festgestellt haben: Romantisch-revolutionäre Liedermacher*innen-Darbietungen gab’s nicht auf dem Blockupy-Camp an diesem langen Wochenende im Frühsommer 2013. Und doch plätschert Yoks Liedchen irgendwie seltsam durch die Szenenbilder von Blockupy 2013 in Frankfurt am Main. Mag das an dem regnerischen Wetter liegen, dem die Aktivist*innen während der Blockade am ersten Aktionstag zu trotzen hatten? „Steter Tropfen höhlt den Stein – wir können Wasserfälle sein“ trällert es im Erinnerungshaushalt zum Blockademorgen dieses Freitages, des 31. Mai 2013, bei dem kaum eine*r ohne nasse Füße blieb.

Wenn es denn auf der anderen Seite nicht doch der umgedichtete Pop-Song „Under my Umbrella“ ist, der im Zusammenhang mit den diesjährigen Ereignissen der Groß-Demonstration, die für den zweiten Aktionstag geplant war, das Kopf- und Onlinevideokino untermalt und vielleicht Soundtrack für den bleibenden Eindruck von Blockupy 2013 ist: „You can get masked under my umbrella“ heißt es hier zu Bildern aus dem Frankfurter Kessel: Großaufnahmen von bunten Regenschirmen, darunter geduckt diejenigen, die im Pfefferspray-Regen des seinerseits bestens maskierten, anonymisierten, behelmten und gepanzerten Bullen-Aufgebotes standhielten. Musikalisch irgendwie zum Haare raufen, dieser Song. Aber jenseits dieser Geschmacksfrage macht er trotz witzig-ironischer Brechung vor allem seinem neugestalteten Bild-Plot nach dann aber so richtig wütend. Persifliert das hausgemachte Cover doch, dass die Wiesbadener Einsatzzentrale der Polizei vor allem auch das Tragen von Regenschirmen durch die Demonstrant*innen zum Anlass nahm, eine genehmigte Demonstration, zu der wohl an die 10.000 Teilnehmer*innen am 1. Juni 2013 in der Frankfurter Innenstadt zusammegekommen waren, kurz nach ihrem Beginn zu stoppen, über 1.000 Menschen an der Spitze des Demonstrationszuges einzukesseln, sie über Stunden mit Freiheitsentzug zu drangsalieren, mit Pfefferspray einzudecken, zu prügeln und zu zerren, bis so manche*r verletzt zu Boden ging.

Blockupy 2013: Ein Film, mehrere Soundtracks, viele Untertöne, tausend Nebengeräusche. Und Wasser.

Durchfließen

Mit Aufbau des Blockupy-Camps im „Rebstockgelände“ nahe der Frankfurter Messe begannen am 29. Mai 2013 die Aktionstage, die am Freitag Morgen mit der Blockade der Europäischen Zentralbank (EZB) einen furiosen Auftakt bekom­men sollten – gefolgt von Blockaden auf der Konsum- und Shopping-Meile der Frankfurter „Zeil“, Aktionen zum Thema „Recht auf Stadt“ und einer Demo gegen Abschiebung und für das Recht auf Asyl, die am Frankfurter Flughafen auf die Lage von Flüchtlingen aufmerksam machte, die in der weltoffenen Bundesrepublik seit Jahr und Tag Machtinstrumenten wie Residenzpflicht und Abschiebeknast ausgesetzt sind.

Wenn Wasser als flüssiges Element für die ersten Stunden des Freitagmorgen zumindest noch kein Thema war – wer auch immer für das Wetter verantwortlich ist, sie oder er zeigte sich zumindest beim Aufbruch aus dem Camp solidarisch, als es für die Dauer des Fußmarsches bis zu den Blockadepunkten an der EZB kurzzeitig wie verabredet einmal nicht regnete – sollte die Strategie des „Durchfließens“ in Fünf-Finger-Taktik zur massenweisen Fortbewegung an diesem Morgen wieder einmal erfolgreich aufgehen. Zwar waren es keine reißenden Wasserfälle – aber mit 2.000 Teilnehmer*innen erreichte der Fluß der Blockierenden nach nur einer Stunde Fußmarsch auf verschiedenen Wegen die EZB, letztlich nur aufgehalten von den Hamburger Gittern, mit denen die uniformierte Staatsmacht sich selbst und das Gebäude der Europäischen Zentralbank eingezäunt hatte. Mit freundlicher Unterstützung der Polizei – „Dein Freund und Helfer“ – gelang es den Blockierenden, die Zufahrtsstraßen zur EZB über Stunden unpassierbar zu halten und den zu bester Gleitzeit eintrudelnden Arbeitswilligen fröhlich zu verkünden, dass an diesem herrlich faul-verregneten Tag die Büros verwaist bleiben würden. Die Wutanfälle, mit der so manche*r auf dem Weg zur Arbeit den Blockierenden begegnete („Ich lasse mir doch von Ihnen nicht vorschreiben, wann ich zu arbeiten habe“) waren skurriles und vielleicht in seinem Kern auch zutiefst betrübliches Nebenprodukt des fröhlichen Stelldicheins rund um die EZB. Wie robotnik müssen Menschen sein, die ein Freizeitangebot nicht zu schätzen wissen? Dennoch: trotz Wolkenbrüchen und Sturmböen, die den Blockadeteilnehmer*innen das Leben in nassen Schuhen schwer machten (und nebenbei auch auf dem Camp an der Frankfurter Messe das ein oder andere Düsseldorfer Zelt hinfortspülten): die Blockade war ein voller Erfolg.

Doch vielleicht war das „Durchfließen“ bis dahin noch viel zu glatt gelaufen. Vielmehr war es wohl – bis auf wenige Ausnahmen von, wohlgemerkt gescheiterten, Übergriffsversuchen durch die Polizei am Blockadepunkt mit den Teilnehmer*innen aus NRW – ein „Vorbeifließen“ gewesen. Dass sich diesbezüglich das Blatt ganz schnell wenden kann, zeigte sich dann auch schon am Nachmittag. Das kreative Markieren der Krisenprofiteure mit aufklebbaren Pflastersteinen, die fast ironisch an der Glasfassade des Geschäftssitzes des internationalen Immobilienhaies „Terra Firma Capital Partners – Deutsche Annington“ pappten, und das herrliche Agitprop-Theater mit Verleihung der „Goldenen Abrissbirne“, beides Teil der „Recht auf Stadt“-Aktion, konnte wahrlich nur genießen, wer nicht zuvor von den brutal vorpreschenden Bullen-Truppen in Aufruhr gebracht worden war. Hier zeigte sich zum ersten Mal an diesem Wochenende für einen kurzen Augeblick die hässliche Fratze eines polizeistaatlichen Ausnahmezustandes, der dank Pfefferspray und „Knüppel aus dem Sack“ auch für den nächsten Tag so – im wahrsten Wortsinne – atemberaubend sein würde. „Rumstehen und blockieren: OK“ – „mit dem Finger, und sei es nur symbolisch, auf die Verantwortlichen zeigen – NO“ oder kürzer: „Spielen: ja, Anfassen: nein“ – das deutete sich schon am Freitag an, auch wenn das freilich zu diesem Zeitpunkt noch keine*r wusste.

Regenschirme

Aktionskonsens des bundesweiten Blockupy-Bündnisses - mit seinen vielen kleinen und größeren teilnehmenden Organisationen von „Ums Ganze“, über „No-Troika“, die „Interventionistische Linke“ und „Blockupy Frankfurt“ bis zu lokalen Strukturen aus der ganzen Bundesrepublik, aus Belgien, den Niederlanden, Italien und Skandinavien - war es, auf kreative Weise die Akteur*innen und Profiteur*innen eines in die Krise geratenen und Krisen steuernden Kapitalismus zu benennen, sie kenntlich zu machen und so in die Verantwortung zu nehmen: für Ausbeutung und Entfremdung, für (Sozial-)Rassismus, für Erniedrigung und für die grenzenlose Gier nach Profit-Maximierung und Bereicherung auf dem Rücken jener, ohne die von Mehrwerten keine Rede sein könnte. Hier wie anderswo.

Am Börsen- und Immobilienblasen-Platz Frankfurt, im „Herzen der Bestie Kapitalismus“, sollte an diesem Samstag im Juni also klar und deutlich sichtbar gemacht werden, wer diese ominösen „Märkte“ eigentlich sind, die vermeintlich jedwede Politik vor sich her triebe, ihr die Hände binde und sie um „Rettungsschirme“ jeder Art und Größe erpresse. Eine bunt verschönerte Fassade oder „Krisenprofiteure“-Absperrband – um Eingangstüren und Firmenschilder gewickelt – sollte das Mittel der Wahl sein, um laute und deutliche (Kenn-)Zeichen zu setzen. Doch wie wenig Politik und Wirtschaft bei aller Verleugnung überhaupt noch getrennt voneinander zu denken sind, zeigte sich nur knapp 30 Minuten nach Beginn der Demo, als in einer bestens dafür geeigneten Straße der vordere Demo-Block eingekesselt und von den vielen Tausend dahinter zum Stillstand kommenden Demonstrierenden getrennt wurde (siehe auch Artikel der Wir Frauen auf den folgenden Seite). Kriminalisierung, Entsolidarisierung und Spaltung – das waren ganz zweifellos die Ziele dieser geplanten Polizei-Aktion zum Wohle der Ausbeutungs- und Verwertungslogik eines entfesselten Kapitalismus mitsamt seiner Strukturen der Ungleichheit.

Und wie dringlich es aus der Perspektive der Exekutive im Dienste der freien Marktwirtschaft dieser Spaltung bedurfte, zeigt ein Blick auf die hanebüchenen Gründe, die die Bullen für ihr brutales Eingreifen nachträglich phantasievoll konstruierten: passive Bewaffnung, Vermummung, Pyrotechnik, angespitzte Pfähle und — Regenschirme! Ins Positive übersetzt heißt dieser absurde sicherheitspolitische Begründungskatalog voller Panik vor eigensinnigem Verhalten: eine kritische Masse, vereint unter dem Konsens, zu markieren, aber nicht zu eskalieren, war schon längst hergestellt und bereit zum Intervenieren. Wo es keine Argumente mehr gibt, „hilft“ – so die Rechnung des starken Staates, der sich die Sache des Kapitals zu eigen macht – nur noch rohe Gewalt. Und sei es auch und sogar, indem er seine eigene Verfasstheit, die von ihm garantierten demokratischen Grundrechte, durch die Hintertür beschneidet und auch noch so tut, als sei er das Opfer wildgewordener Banden mit Regenschirm.

Jahrhundertflut

Die Auswirkungen negativer Presse schienen dabei weder das verantwortliche Polizeipräsidium noch den obersten Landesherrn und seinen Innenminister wirklich zu beunruhigen. Man wähnte sich im Recht. Doch kaum eine der überregionalen Zeitungen verzichtete auf Pressefotos, die Demonstrant*innen im Würgegriff einzelner Polizist*innen oder als Zielscheibe für massiven Pfeffersprayeinsatz zeigten. So furchtbar geschickt ist es ja auch nachgerade nicht, selbst die Pressevertreter*innen im und um den Kessel herum in die Mangel zu nehmen. Sogar der Bild-Zeitungsreporter war empört über so viel Freiheitsentzug. Und wenn nicht die „Jahrhundertflut“ ein zweites Mal in den letzten einhundert Jahren über prosperierende wie marode Kleinstädte im Süden und Osten Deutschlands hereingebrochen wäre, hätte es die gewalthafte Außerkraftsetzung der Basisprinzipien ‚unserer‘ wunderschönen Demokratie sicher auch zur Tagesschau-Zeit auf einen der vorderen Nachrichtenmeldungs-Plätze geschafft, anstatt hinter „Passau im Regen“ und „Bitterfeld in Hochwassernot“ dahinzudümpeln.

Mitten hinein in das Blockupy-Wochenende fielen dann allerdings auch die ersten, bis heute immer noch unvollständigen Nachrichten-Meldungen über Proteste und Polizeigewalt auf dem Istanbuler Taksim-Platz. Mit den Ereignissen von Istanbul, wo ein Staatsoberhaupt an diesem letzten Wochenende im Mai 2013 zum ersten Mal keinerlei Skrupel mehr zeigte, Menschen für ihre Meinung und Beharrlichkeit mit Wasserwerfern so lange wegblasen zu lassen, bis Tote auf den Straßen lagen, erreichte die Flut und Aktionsmacht sozialer Protest-Bewegungen in Europa für viele überraschend einen Pegel, der für die folgenden Wochen auch die Nachrichten und Debatten in Deutschland bestimmte.

Schleusen auf für „Widerstand ist überall“

Anders als bei Familie Krauses vollgelaufenem Keller am Elbdeich sind die Nachrichten über und die Aufmerksamkeit für die Ereignisse in der Türkei von Relevanz (obwohl schwimmender Hausrat selbstverständlich keine Kleinigkeit ist und ein überflutetes Wohnzimmer Ruin und Albtraum sein kann, keine Frage). Denn „Taksim“ ist zwar nicht die EZB, und Frankfurt ist nicht Istanbul. Doch die Forderungen, die hier wie dort auf die Straßen und Plätze getragen werden, sind allesamt Reaktionen auf ein nicht mehr gutes Leben. Die staatliche Gewalt, mit der ihnen begegnet wird, mag dabei (noch) unterschiedlich sein, und erlaubt in ihrer für Istanbul tödlichen Konsequenz eigentlich keine Vergleiche mit der Situation von „Blockupy“. Sie ist und bleibt aber Teil der Struktur, gegen die dort wie hier die Stimmen immer lauter werden. In ihrem Aufruf „Wir sind alle Çapulcu! Wir sind alle Marodeure! Taksim ist überall!“ fasst die Interventionistische Linke (IL) am 11. Juni 2013 zusammen, worum es geht:

„Weltweit gleichen sich die Bilder. Frankfurt und Istanbul, Tunis, Kairo, Athen, New York, Madrid, Teheran, Aleppo und Qamishli. Tausende, Zehntausende, Hunderttausende sind nicht länger bereit, sich Mächten und Verhältnissen zu beugen, die ihnen nicht nur das Einkommen, die Wohnung, den Zugang zu Bildung und Gesundheit, ihre in Jahrzehnten erkämpften sozialen und politischen Rechte, sondern schlicht die Luft zum Leben: die Aussicht überhaupt auf ein Leben in Würde rauben. Nicht zufällig fordern die Massenversammlungen überall auf der Welt vor allem anderen „Demokratie“, nicht zufällig realisieren sie ihre Forderung unmittelbar in der Rückeroberung eines freien und öffentlichen Raumes als des ersten und einzig angemessenen Raumes einer Politik der Commune, die sich radikal von den Verwaltungen des bürgerlich-nationalen Staates wie des Kapitals trennt. […]

Wenn wir heute dazu aufrufen, sich auch auf den Plätzen deutscher Städte zu versammeln, rufen wir nicht einfach nur zu einer Aktion internationaler Solidarität auf. Denn auch die Frankfurter Blockupy-Proteste wurden – obwohl ihre Dimension bis jetzt allemal eine deutlich kleinere ist – wie die des Taksim-Platzes von einer neuen politischen Allianz getragen, einer Allianz, die sich ebenfalls als Kern einer noch zu schaffenden, vielstimmigen Linken begreift: ‚Sie wollen Kapitalismus ohne Demokratie, wir wollen Demokratie ohne Kapitalismus!‘“

Und das kann dann schon ein Wasserfall werden.

Der Aufruf der Interventionistischen Linken (www.dazwischengehen.org) ist in voller Länge auch zu lesen in den Blogs der Düsseldorfer Gruppen ifuriosi (www.ifuriosi.org) und see red! (www.anti-kapitalismus.org), die dem IL-Netzwerk angehören und wie weitere Gruppen und Organisationen aus NRW nach Frankfurt mobilisiert haben.


Keine Kriminalisierung der Blockupy-Proteste und seiner Aktivist*innen!

Am Donnerstag, den 11. Juli, findet in Frankfurt a.M. der Prozess gegen einen Blockupy-Aktivisten aus Düsseldorf statt.

Ihm wird vorgeworfen, bei einer Kontrolle Widerstand gegen die polizeilichen Maßnahmen geleistet zu haben. Wir lassen niemanden allein!

Mit den Blockupy-Protesten im Mai 2012 wurde ein neues Kapitel der Krisenproteste in der BRD aufgeschlagen. Zum ersten Mal seit der Etablierung des europäischen Krisenregimes unter der Regie der Troika aus Europäischer Kommission, Europäische Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfond (IWF) gelang es, den Widerstand ins Herz der Bestie des Krisenregimes zu tragen, in die Finanzmetropole Frankfurt a. M.

Dort waren sie mit unzähligen Übergriffen durch die Polizei konfrontiert. Wiederholte Kontrollen an jeder Ecke, Absperrungen in der gesamten Innenstadt, massenhaftes Einkesseln und Festsetzen von Aktivist*innen und Aufenthaltsverbote sollten jeglichen Protest im Keim ersticken und den legitimen Widerstand kriminalisieren. Die Einkesselung und Kriminalisierung der Demonstration der Blockupy-Proteste am 1. Juni 2013 setzte diese Repressionspolitik fort. In diesem Zusammenhang steht auch der Prozess gegen den Aktivisten am 11. Juli. Mit solchen Verfahren sollen die Maßnahmen der Polizei nachträglich legitimiert werden. Sie wollen Kapitalismus ohne Demokratie – wir wollen Demokratie ohne Kapitalismus!

Kommt alle zum Prozess und zeigt Eure Solidarität!

11. Juli 2013, 11:20 Uhr
Amtsgericht Frankfurt, Raum 11, Stock I., Gerichtsgebäude E
Kontakt über Rechtshilfegruppe Düsseldorf: rhg-duesseldorf [at] riseup.net


BLOCKUPY

(Post-)Demokratie – Feministische Kapitalismuskritik – Utopien: So lauteten die Schwerpunktthemen der letzten Ausgaben unserer Zeitschrift „Wir Frauen“. Darum ging es auch bei den diesjährigen Blockupy-Protesten in Frankfurt: Eine Vielzahl von Gruppen und Menschen setzte Zeichen gegen die Austeritätspolitik der EU, gegen Ausbeutung, Landraub und Lobbyismus, gegen das Verlagern der Staatsschulden auf die Schultern von Bürger*innen, gegen die mörderischen Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie. Ein queer-feministisches Bündnis mit Gruppen aus Wien, Berlin, Kassel, Marburg, Tübingen, darunter LISA NRW, der AK Feminismus der Naturfreundejugend und die Gruppe d.i.s.s.i.d.e.n.t., riefen mit einer Vielzahl kreativer Aktionen zur „Care-Revolution“ auf und wollten „die Verhältnisse zum Tanzen bringen“. Auch zwei unserer Redakteurinnen nahmen an den Protesten teil.

Feministische Kritik

Die Krise ist auch und wesentlich eine der Reproduktion. Ein ungeheurer Druck lastet auf den Einzelnen und unseren sozialen Beziehungen. „Care“-Tätigkeiten wie Fürsorgen, Besorgen, Umsorgen, Entsorgen bleiben entweder auf der Strecke – mit fatalen Folgen – oder werden überwiegend von Frauen erledigt: unsichtbar, unbezahlt, unter prekären Bedingungen. Dieses Wirtschaftssystem basiert wesentlich auf der Ausbeutung un- oder mies bezahlter Sorgearbeit. Es sind vor allem Frauen, die die Sparmaßnahmen in Gesundheit, Pflege, Bildung usw. so gut es eben geht auffangen und auffangen sollen. Das verstärkt traditionelle Arbeitsteilungen. Sorgearbeit gilt als „Privatsache“ oder „Liebesdienst“. „Wenn dich das Alter nieder legt, dann schau doch wie der Markt dich pflegt!“ und „Feierabend nicht für mich – nach der Arbeit Repro-Schicht!“ waren Losungen, die wir riefen.

Die Ereignisse am Freitag

Am Freitagmorgen (31.05.2013) blockierten wir Demonstrierenden von 6:30 bis 10:30 Uhr die Zugänge zur Europäischen Zentralbank. Am Nachmittag protestierten mehrere der Aktivist*innen am Frankfurter Flughafen gegen die mörderische Abschiebepolitik und die Abschottung der EU, andere markierten ihr Recht auf Stadt mit Hilfe von Absperrband und verliehen die „goldene Abrissbirne“ symbolisch an ein Immobilienunternehmen. Zeitgleich kam auf der Zeil, der Einkaufsmeile Frankfurts, der Konsum über Stunden zum Erliegen. Krisenakteure wurden markiert, Läden wie H&M, Douglas und New Yorker mit Sitzblockaden und musikalischen Aktionen versperrt. Wohl um Aufruhr zu vermeiden, schloss Primark sogar den ganzen Nachmittag. In den Waren der Bekleidungsgeschäfte wurden Handzettel zu den Produktionsbedingungen versteckt und Preisschilder mit Warnhinweisen wie „Cool, aber tödlich“ überklebt. Wir sangen sarkastisch „Danke für diese billigen Klamotten, danke ihr lieben Kinderlein, danke - ‚ne Pause muss nicht sein…“. Aus Solidarität mit den dort Streikenden blockierten wir Karstadt. Zur Erinnerung an die mehr als Tausend Toten beim Fabrikeinsturz in Bangladesch wurde das Wasser eines Brunnens blutrot gefärbt. Feministische Gruppen veranstalteten „Care-Mobs“ und setzten Töpfe, Klobürsten und mit Kaffeesatz gefüllte Windeln in der Innenstadt in Szene, um die so oft übersehene Arbeit der Reproduktion sichtbar zu machen.

Demo und Kessel am Samstag

Bei der Demonstration am Samstag (01.06.2013) liefen wir mit etlichen feministischen Gruppen und einzelnen Frauen gemeinsam in einem Frauen-Lesben-Trans-Block, darunter neben den schon genannten auch Aktivistinnen vom Weltfrauenmarsch/marche mondiale des femmes sowie Frauen aus FLT-Zusammenhängen im Hunsrück, in Kassel, Frankfurt usw ...

Kaum hatte sich der Zug aus verschiedensten Gruppen und Einzelpersonen in Bewegung gesetzt, wurde die Demonstration vor uns plötzlich ohne erkennbaren Anlass brutal durch die Polizei aufgespalten. Unter fadenscheinigen Vorwänden wurden mehr als 1.000 Demonstrant*innen eingekesselt. Die anderen – mehr als 10.000 weitere Demonstrierende – könnten ohne die Eingekesselten weiterziehen, so das dreiste Angebot. Das aber kam für niemanden in Frage. Nach etwa zwei Stunden Patt-Situation gingen der Polizei wohl die Nerven durch, die „Staatsdiener*innen“ prügelten und sprühten wahllos Reizgas in die Menge außerhalb des Kessels.

Zahlreiche Videoaufnahmen, Berichte und Analysen sind mittlerweile veröffentlicht worden und dokumentieren den Skandal in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit. Tausende von Menschen, die friedlich und bunt ihren Protest auf die Straße tragen wollten, wurden an der Ausübung ihrer vermeintlichen demokratischen Rechte gehindert. Mehr noch: Nur wenige Reihen vom Kessel entfernt, bekamen wir in Form von Pfefferspray eine wichtige Lektion in Staatsbürgerkunde: Wir haben mit angesehen, wie Menschen vor uns mit Schlagstöcken verprügelt, brutal gestoßen und ohne erkennbaren Grund mit Pfefferspray gequält wurden. Eine Frau mit Kinderwagen verließ fluchtartig unsere Reihe.

Zur gleichen Zeit wurden Freund*innen von uns neun Stunden lang im Kessel schikaniert und misshandelt. Eine Freundin im Kessel wurde im Schmerzgriff mindestens 200 Meter zur erkennungsdienstlichen Behandlung geführt, während sie stets anbot „Ich laufe, ja!“. Am Sonntag hatte sie nach eigenen Angaben die schlimmsten Nackenschmerzen ihres Lebens, ihr Arm war noch Tage später blau. Einer anderen Freundin – auch im Kessel – wurden die Handgelenke verdreht, um sie aus den Reihen zu lösen und auch zur erkennungsdienstlichen Behandlung zu bringen. Es mache „Spaß, so hübsche junge Dinger abzuführen“, musste sie sich anhören und wurde mehrfach gefragt, warum sie denn „so zickig“ sei.

Nach der Demo, auf dem Rückweg zum Bahnhof, wurde der Zug noch einmal versuchsweise von der Polizei attackiert, und es gab ein Handgemenge um das als Seitenschutz gespannte Transparent der Frauen von LISA NRW.

Solidarität ist unsere Kraft!

Aber wir haben noch anderes erlebt und erfahren an diesem Tag: Fürsorge und Unterstützung unter den Demonstrierenden, die einander Wasser zum Spülen der Augen durch die Menge reichten, einander halfen, trösteten und Mut zusprachen und solidarisch Ketten gegen die Polizeigewalt bildeten. Wir wurden nicht müde, über die ganze Zeit lang Sprechgesänge anzustimmen und den Eingekesselten damit zu zeigen: „Wir sind noch hier und wir gehen nicht ohne Euch!“ Wir haben Gewerkschaftskolleg*innen erlebt, die über ihren Lautsprecherwagen immer wieder kundtaten: „Wir lassen uns nicht spalten! Wir bleiben, bis alle wieder frei sind!“. Samba-Trommler*innen und die großartige Kölner Musikgruppe „Pappnasen rotschwarz“ brachten uns unermüdlich zum Tanzen. Aus dem Schauspielhaus ließen Menschen einen Eimer mit Keksen und Schokolade in den Kessel herab und füllten auf diesem Wege auch Wasserflaschen auf. Da war ein Gast, der sich in die Lichtschranke eines Nobelhotels stellte, um einzelnen den Gang zur Toilette zu ermöglichen, und ein Bäcker, der kistenweise Brote brachte. Nicht zuletzt war es eine eher flüchtige Bekannte, die uns ihr WG-Zimmer zum Schlafen überließ. Die Liste der Beispiele ließe sich noch lange fortsetzen.

Über alle Differenzen auch innerhalb der Blockupy-Bewegung hinweg, haben uns diese Erfahrungen gestärkt und noch näher zueinander gebracht.

Wir sind zornig und wir sind empört! Wir kommen wieder - dann werden wir noch mehr sein! Mut und Solidarität haben viele Gesichter - Solidarität ist unsere Kraft!

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion der Wir Frauen (www.wirfrauen.de)


Hilfe für die Betroffenen

Blockupy 2013: WAS WIR JETZT TUN KÖNNEN

Die Repression der Polizei hat bei Blockupy 2013 neue Maßstäbe gesetzt – für Prügel- und Pfeffersprayattacken reichte allein die Spekulation, dass es zu einem „gewaltsamen Verlauf“ kommen könnte. Ganz offen hat der Bullenstaat gezeigt, wie er Grundrechte mit Füßen tritt – im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Taktik, einen Teil der Demo am 1. Juni abzuspalten, hat dank der breiten Solidarisierung aber nicht funktioniert. Neben der politischen Skandalisierung des Vorgehens der Polizei stehen jetzt auch rechtliche Auseinandersetzung an. Rechtlichen Möglichkeiten verschiedener Klagewege werden geprüft: Sammelklagen, individuelle Klagen (Körperverletzung), vorgehen gegen die Verletzung der Versammlungsfreiheit. Wir halten euch auf dem Laufenden.

Für die Betroffenen von Kessel und Polizeigewalt wurde ein Verteiler eingerichtet, der auch dazu dient, Interessierte über unsere Schritte zu informieren:
blockupykessel [at] notroika.org

Für Interessierte:
http://lists.notroika.org/cgi-bin/mailman/listinfo/blockupykessel

weitere Infos unter:
https://blockupy-frankfurt.org/2088/diese-suppe-loeffeln-wir-gemeinsam-aus

Tipps der Roten Hilfe Frankfurt:
http://rhffm.blogsport.eu/archives/451

In der Zwischenzeit:
Schreibt alle ein Gedächtnisprotokoll. Nicht nur die, die im Kessel waren und/oder Repression mitbekommen haben, sondern auch Leute, die die unglaublich tolle Solidarität um den Kessel herum erlebt haben und die von Angriffen rund um den Kessel betroffen waren.

Düsseldorfer*innen und Leute, die im Düsseldorfer Bus nach Frankfurt gefahren sind, melden sich bitte bei der Rechtshilfegruppe Düsseldorf, wenn sie Post von Polizei oder Staatsanwaltschaft erhalten:
rhg-duesseldorf [at] riseup.net

Alle anderen melden sich bitte beim EA Frankfurt (Ermittlungsausschuss):
info [at] ea-frankfurt.org (am besten verschlüsselt).

Wenn ihr Vorladungen bekommt, bitte schnellstens mit dem EA in Verbindung setzen. Dort können dann rechtliche Fragen geklärt, Infos gesammelt und Anwält*innen vermittelt werden.