Kultur in Düsseldorf

Bitte nicht stören!

Kultur, bis der Arzt kommt – das gab es in Düsseldorf nur einmal. Nach der tumultösen Premiere setzte die Oper ihre Tannhäuser-Inszenierung wegen der Risiken und Nebenwirkungen ab. Das Schauspielhaus stornierte derweil den Schreibauftrag an den chilenischen Autoren Guillermo Calderón, weil die Witwe des von der RAF getöteten Treuhand-Managers Detlev Rohwedder durch die Thematisierung des Attentates in dem Stück „Schuss“ ihre Persönlichkeitsrechte verletzt sah. Und auch sonst dürfen die Künste in dieser Stadt nicht wehtun.

„Die Deutschen haben in ihrer jüngsten Geschichte sechs Millionen Juden umgebracht, aber wenn sie im Jahr 2013 auf einer Opern-Bühne daran erinnert werden, rufen sie nach dem Onkel Doktor“, so kommentierte Spiegel online die Vorgänge während der Düsseldorfer „Tannhäuser“-Premiere. Regisseur Burkhard C. Kosminski hatte aus dem Wagner-Helden einen Nazi gemacht und diesen etwa in einer langen Szene eine Familie exekutieren lassen. Das Publikum goutierte diese Bezugnahme auf den Antisemitismus des Komponisten gar nicht. Es fühlte sich nicht nur zu Buh-Rufen und zum türen-knallenden Verlassen des Saales animiert, es reagierte in Teilen sogar körperlich: Zehn Besucher*innen mussten sich ob psychischer oder physiologischer Pein in ärztliche Behandlung begeben. Und das war für den Intendanten Christoph Meyer der Anlass, das Ende der Inszenierung zu verkünden. Das Werk kam nunmehr nur noch konzertant zur Aufführung. „Nach Abwägen aller Argumente sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir eine solch extreme Wirkung unserer künstlerischen Arbeit nicht verantworten können“, erklärte er zur Begründung.

Und mag diese Wirkung noch so extrem gewesen sein (die Terz war nicht vor Ort), sie vermag nicht dazu zu dienen, die Kunstfreiheit im Namen des Rechts auf körperliche Unversehrtheit einzuschränken. Kunst zielt immer auch auf körperliche Reaktionen ab. Aktuell macht etwa Michael Haneke keinen Hehl daraus, mit seinen Filmen schocken zu wollen. „Erkenntnis ist immer ein Schrecken“, sagt der österreichische Regisseur. Und selbst wenn ein Werk es gar nicht darauf anlegt, bei den Zuschauer*innen Unbehagen hervorzurufen, ist es imstande, solche Effekte zu erzielen, da braucht es manchmal nur von Unbehaglichem zu handeln. So ertragen beispielsweise viele Menschen, welche das „Dritte Reich“ noch selbst erlebt haben, nur schwer Filme über diese Zeit, ohne Alpträume zu bekommen. Sollen die sich jetzt etwa attest-bewehrt an die Fernseh-Sender wenden und fordern, so etwas wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ aus Gründen des vorsorglichen Gesundheitsschutzes nicht mehr zu auszustrahlen?

Provinztheater

Ein paar Wochen nach der „Tannhäuser“-Premiere kam dann in Düsseldorf das Aus für ein zweites Bühnen-Stück. Diesmal sorgte das Persönlichkeitsrecht für die Handhabe. In Anspruch nahm es die Witwe des von der RAF getöteten Treuhand-Managers Detlev Karsten Rohwedder. Sie hatte im neuen Programmheft des Schauspielhauses die Ankündigung eines Dramas über politische Morde entdeckt, das beabsichtigte, auch das Attentat auf ihren Mann aufzugreifen. Flugs verdächtigte sie den chilenischen Autoren Guillermo Calderón, es in „Schuss“ auf eine Verunglimpfung des Treuhändlers abgesehen zu haben. Hergard Rohwedder intervenierte beim Schauspielhaus-Intendanten Manfred Weber und fand umgehend Gehör. „Aus Respekt vor den Opfern“ stornierte der Theater-Chef den Schreibauftrag und schützte so die Gefühle der Hinterbliebenen – präventiv: zu diesem Zeitpunkt hatte Calderón noch kein Wort von „Schuss“ zu Papier gebracht.

Auch sonst will Weber niemandem wehtun. „Eine Spielkultur, die der heiteren und offenen Mentalität ihrer Bewohner entspricht“ macht er in der Landeshauptstadt aus und bedient diese nach Kräften. So droht er für die nächste Spielzeit neben Uraufführungen auch Klassiker-Pflege, Komödien und die Operette „Im weißen Rössl“ an, „um alle Publikumsschichten zu erreichen“. Zudem hält der Intendant in seinem Vorwort zum Programmheft ein flammendes Plädoyer für die Schauspieler*innen, denn diese sind es, die für ihn im Zentrum des Theaters stehen. Und nicht die bösen Regisseur*innen, konnte mensch im Geiste weiterlesen, die doch oft nur ihre Profilneurosen auf der Bühne auslebten und das Publikum mit Blut, Schweiß und Tränen und noch Unappetitlicherem heimsuchten. Die Mitglieder der „Theatergemeinde Düsseldorf“ honorierten die bisherige Arbeit Webers schon. Erleichtert registrierten sie mehr Schauspielkunst und weniger düstere Szenarien am Gustaf-Gründgens-Platz, denn: „Die Zuschauer möchten zusätzlich zu ihrem durch Medien und ständige Erreichbarkeit beschleunigten Alltag nicht auch noch auf der Bühne Probleme“, wie Theatergemeinde-Vorsteherin Heike Spies die Befindlichkeit ihrer Klientel charakterisiert. An dem vielen Lokalkolorit in den Stücken dürften die Spies-Gesellen ebenfalls Gefallen finden. Folklore geht nämlich immer, zumindest fast (s. o.). „Düsseldorf zu meinen und nicht zu meiden. Think global, act local“, lautet die Devise Webers. Das beherzigend gelang es seinem fleißigen Ensemble laut Rheinischer Post beispielsweise schon, in dem Horváth-Werk „Kasimir und Karoline“ gleichzeitig die Oberkasseler Kirmes, Bert Wollersheim, Dirk Elbers, Köln-Animositäten und den Abstieg von Fortuna Düsseldorf unterzubringen.

Heimatkunst

Auch andere Einrichtungen setzen auf Heimatliches. Weil das Ehepaar Becher und ihre Kunstakademie- Schüler*innen Düsseldorf den Ruf einer Foto-Metropole eingetragen haben, machen die Kunstsammlung NRW, das Museum Kunstpalast und das NRW-Forum ständig Fotografie-Expositionen und zeigen Gurski, Struth, „Fotografie an der Kunstakademie Düsseldorf“, „Der Rote Bulli – Stephen Shore und die Neue Düsseldorfer Fotografie“ und anderes. Bildende Künstler*innen aus der Stadt können sich ebenfalls nicht über mangelnde Repräsentanz beklagen. Klapheck, Beuys, Mack, Feldmann, Maler*innen der Düsseldorfer Malerschule, die Kunstakademie-Bildhauer, die Zero-Gruppe, Palermo – ihnen allen waren oder sind noch Schauen gewidmet. Der Rheinischen Post reicht das aber noch nicht. „Die Stadt muss ihre Künstler besser feiern“, meint das Blatt und regt eine Quadriennale zur unvermeidlichen Düsseldorfer Fotoschule und eine Ausstellung zu „30 Jahre Tote Hosen“ an.

Wenn es den Künstler*innen an einem Düsseldorfer Pass mangelt, dann müssen vornehmlich große Namen wie El Greco, Klee oder Matisse her. Ausstellungen, die einer Idee folgen wie „Move – Kunst und Tanz seit 1960“ oder „Die andere Seite des Mondes – Künstlerinnen der Avantgarde“ haben Seltenheitswert in der Stadt. Schmerzlich macht sich hier die Eingemeindung des vormaligen „K21“ in das vormalige „K20“ bemerkbar. „K20“-Leiterin Marion Ackermann wollte sich durch die Aufteilung, die dem „K21“ die zeitgenössische Kunst des 21. Jahrhunderts zuwies und dem „K20“ die klassische Moderne, nicht aufs Abstellgleis der Kunstgeschichte schieben lassen. Darum änderte sie bei ihrem Amtsantritt das Konzept und beorderte den bis dahin selbstständig agierenden „K21“-Leiter Julian Heynen ins Stammhaus zurück. Ausstellungen zu Martin Kippenberger, Luc Tuymans oder Eija-Liisa Ahtila kommen im Ständehaus jetzt nicht mehr in die Tüte.

Kultur unter Strom

Und beim Museum Kunstpalast machen neben der Herkunft und dem Status der Künstler*innen manchmal noch ganz andere Dinge museumsreif. Das Haus ist nämlich über eine „Private-Public-Partnership“ (PPP) mit dem Energie-Konzern E.ON verbunden, und da rutschen schon mal die profanen Kapital-Interessen der Basis in den geistigen Überbau. So erklärte 2007 der damalige Unternehmenschef Wulf Bernotat die Entstehung einer Schau mit Bildern russischer und französischer Maler*innen auf diese Weise: „Das Besondere bei ‚Bonjour Russland’ ist, dass die Idee zu dieser Ausstellung auf unsere Idee hin entwickelt wurde. Wir pflegen seit Jahren enge geschäftliche Beziehungen zu Russland und freuen uns, dass sich diese in einer kulturellen Partnerschaft fortsetzen.“ Und dem Vernehmen nach soll auch „El Greco und die Moderne“ der ökonomischen Landschaftspflege gedient haben: E.ON hatte nämlich mal Großes vor in Spanien.

Abgesehen von einer solchen auswärtigen Kulturpolitik hat der Konzern dem Haus aber vor allem organisatorisch einen Stempel aufgedrückt. Er verpflichtete vor Beginn der PPP eine Unternehmensberatung, um Pläne für einen Umbau der Verwaltung des Museums ausarbeiten zu lassen, denn nach Ansicht des Multis bedurfte es eines „zeitgemäßen Managements“. Und das bekam die Ausstellungsstätte Emmanuel Mir zufolge auch. „Das Museum wurde also durch die Empfehlungen eines Management Consultants, der bisher noch nie für eine museale Institution gearbeitet hat, schlagartig zu einem modernen Unternehmen umstrukturiert. Dadurch ist eine Optimierung aller Arbeitsbereiche entstanden, wobei kaufmännische Aspekte stark in den Vordergrund gerückt sind“, hält er in seiner Magister-Arbeit „Das Modell der Public Private Partnership im Museumsbereich“ fest.

Das alles hat das Museum Kunstpalast jedoch nicht davor bewahrt, Defizite zu erwirtschaften, was ihm noch mehr E.ON bescherte. Harry Schmitz wechselte vom Energie-Riesen zum Kunstpalast und fahndet dort jetzt als kaufmännischer Leiter nach Einspar-Potenzial. Angesichts des von Unternehmensseite immer spärlicher fließenden Sponsoren-Geldes kritisieren die Grünen diese Macht. „E.ON hat seinen Zuschuss um fast ein Viertel auf 750.000 Euro gekürzt. Trotzdem wird dem Unternehmen weiterhin ein enormer Einfluss zugestanden“, moniert die Kulturpolitikerin Clara Deilmann mit Blick auf die mit 7,2 Millionen Euro viel höheren Zuwendungen der Stadt.

Moderate Moderatoren

Mitverantwortung für die Kultur-Misere in Düsseldorf trägt auch das Führungspersonal in den Institutionen, denn es hat heutzutage einem Anforderungsprofil zu genügen, das sich als nicht eben kunstfördernd erweist. Die Kulturfunktionär*innen müssen zunächst einmal viel diplomatisches Geschick im Umgang mit der Politik haben, weil sie ihr gegenüber weisungsgebunden sind und von dort ihr Geld bekommen. Wer sich da mal zu weit aus dem Fenster wagt wie der Tonhallen-Chef Michael Becker, als er über die Nicht-Besetzung von Planstellen klagte, holt sich schnell mal einen Rüffel ab. In Zeiten, wo dem Einwerben von Sponsoren-Geldern eine immer größere Bedeutung zukommt, gehören auch Fundraiser-Qualitäten und also ein gewisses Talent zu devotem Verhalten zum Berufsbild von gehobenen Kultur-Manager*innen. Schließlich ist es unbedingt erforderlich, über die Fähigkeit zum Repräsentieren zu verfügen und dazu ins öffentliche Leben zu tauchen, um seiner Institution ein Standing in der Stadt zu verschaffen. Selbst vor Brauchtum darf mensch keine Scheu haben. Vorbildlich zeigte sich da Michael Becker, der die Schützengesellschaft „Reserve“ besuchte und dort eifrig Reklame für die Niederschwelligkeit seines Angebotes machte: „Die Tonhalle ist kein Elite-Tempel“.

Und wer das alles kann, der kann nur noch schwerlich ein intellektueller Kopf mit eigenen Ideen sein. Folgerichtig rät der ehemalige Rektor der Heinrich-Heine-Universität, Gert Kaiser, dann in der Rheinischen Post auch dazu, bei der Suche nach dem zukünftigen Schauspielhaus-Chef andere Kriterien anzulegen. „Vielleicht brauchen die großen Stadttheater eher kluge Moderatoren, die nicht zugleich provozierende Künstler sein wollen“, so Kaiser.

Es geht in Düsseldorf aber auch jetzt schon moderat genug zu. Die Leiter*innen der Einrichtungen gehen mit viel Kalkül zu Werke, zerbrechen sich den Kopf über das richtige Mischungsverhältnis von Kassenschlagern und Experimenten und üben sich ranschmeißerisch in Lokalpatriotismus. Schauspielhaus-Chef Manfred Weber bezieht sogar das Wetter in seine Planungen ein. „Man darf nicht konträr zu den Jahreszeiten spielen“, meint er. Niemand scheint hier wirklich etwas zu wollen, und so sieht die Kultur in Düsseldorf dann auch aus.

Jan