Bericht aus einer Problemstadt

Vorbemerkung: Der folgende Bericht wurde von einer weißen, männlich sozialisierten Person verfasst. Er stellt eine Zusammenstellung der Ereignisse dar, wie sie von einer solchen Person erlebt wurden. Er hat den Anspruch, parteiisch mit den Betroffenen anti­romaistischer Ressentiments zu sein, kann (und will) allerdings nicht deren Sprecher sein. Für eine vollständige Auseinander­setzung mit dem Thema ist es unabdingbar, sich mit den Betroffenen auszutauschen und diesen die Möglichkeit zu geben, selbst Stellung zu nehmen.

Am 16. Juli waren vor einem Haus in Duisburg, In den Peschen 3, mehrere junge Männer aufgetaucht, hatten Messer und Schlagstöcke vorgezeigt und den Bewohner*innen gedroht, wiederzukommen, um das Haus anzuzünden. Die bewaffneten Männer, allesamt Anwohner des umgebenden Viertels Duisburg Rheinhausen, waren Deutsche. Die überwiegende Mehrzahl des Hauses In den Peschen 3 sind Roma. Sie waren und sind rassistischer Hetze und Gewalt durch die deutsche Mehrheitsbevölkerung im Viertel Rheinhausen ausgesetzt.

Die rassistische, antiromaistische Stimmung kocht bereits seit geraumer Zeit. Bewohner*innen des Hauses berichteten in Gesprächen mit Aktivist*innen, dass seit ungefähr einem halben Jahr Drohungen und gewalttätige Übergriffe zugenommen haben. In der Vergangenheit war es unter ungeklärten Umständen zu einem Brand im Keller des Hauses gekommen. Weiterhin wurden Personengruppen junger Männer gesehen, die das Haus ausspähten und mit Handys abfilmten. Die Drohung mit Messern und Schlagstöcken war nur das jüngste Glied in einer Kette rassistischer, antiromaistischer Übergriffe in Rheinhausen.

Auch institutioneller Rassismus richtet sich gegen die Bewohner*innen des Hauses. Auf Anfrage hatte die Polizei nach den Übergriffen versichert, vor dem Haus Präsenz zu zeigen. Dieses Versprechen hielt sie allerdings nicht ein. Streifenwagen blieben nie länger als eine Stunde vor Ort. Schnell erschienen die „Ordnunghüter*innen“ nur, wenn es Lärmbelästigungsklagen durch die (deutschen) Anwohner*innen in den umliegenden Straßen gab.

Sicherheit für das Haus mochte die Polizei also nicht gewährleisten. Dies blieb den Bewohner*innen des Hauses selbst überlassen, die gezwungen waren, zu ihrem Schutz Nachtwachen vor ihrem Haus abzuhalten. Sie wurden hierbei von Antifaschist*innen und Antirassist*innen aus den umliegenden Städten unterstützt. Die in vielen Artikeln der lokalen Medien beschworene Duisburger Zivilgesellschaft blieb diesen Wachen allerdings fern.

Wie sich die Anwohner*innen des Viertels positionierten, wurde auf einer Bürgerversammlung deutlich, die ein örtlicher Bürgerverein einberufen hatte. Die Bewohner*innen des Hauses wurden ausschließlich als Problem und nicht als gleichberechtigte Gesprächspartner*innen wahrgenommen. In den Redebeiträgen kam es zu rassistische Aussagen wie „Die sehen alle gleich aus“ oder es wurden pauschal alle Roma als kriminell abgestempelt. Außerdem wurden mehrfach Gewalt-Fantasien gegen die Kinder der Roma ausgesprochen. Auf die Information, dass es sich bei den Roma nicht etwa um geflüchtete Menschen, sondern um EU-Bürger*innen handele, die Freizügigkeitsrecht genießen, wurde mit Widerspruch, Misstrauen und wütendem Protest reagiert. Dies zeigt, wie sehr rassistische Klischees im Denken der Menschen verankert sind. Auf kritische Redebeiträge reagierte die versammelte Masse mit heftiger Aggression. Die Diskussion musste am Ende ergebnislos abgebrochen werden. Auf dem Rückweg von der Versammlung wurden einige als Linke identifizierte Menschen von aufgebrachten Bürger*innen und Neonazis angegriffen. Die Polizei schenkte abermals nur der Version der deutschen Bürger*innen Glauben und reagierte mit einem Großaufgebot, das gegen das Haus der Roma vorging und unter Einsatz erheblicher Gewalt unbeteiligte Bewohner*innen des Hauses festnahm. Die Festgenommenen verließen den Polizeigewahrsam mit sichtbaren Spuren von Gewalt.

Die Ereignisse dieses Tages und der vergangenen Wochen zeigen, dass es unbedingt notwendig ist, den Bewohner*innen des Hauses In den Peschen 3 die von ihnen gewünschte Unterstützung gegen die rassistische und antiromaistische Hetze und Gewalt zukommen zu lassen!