Ordentliche Fahrradliebe

Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt. Oder schleppt es nach Gebrauch sogar bis in den 4. Stock in die eigene Bude, wo es dann trocken und sicher im Flur oder WG-Zimmer ‚übernachtet‘, bis mensch am nächsten Tag wieder damit – zum Beispiel zur Uni – radelt. Denn es wird ja so viel geklaut in Düsseldorf.

Und wenn mensch sich schon dem Stress aussetzt, tagtäglich unter Lebensgefahr mit im Nichts verschwindenden Fahrradwegen, rasanten Rechtsabbieger*innen im PKW oder diversen U-Bahn-Ausgängen, aus deren Tiefen heraus die Reisenden als wandelnde Hindernisse direkt auf einen der seltenen Radwege gespuckt werden, zu kämpfen, soll das geliebte Rad wenigsten nicht auch noch Beine kriegen. Da trifft es sich doch gut, dass – an der Uni angekommen – auch schon die Polizei da ist und kostenlos mein gefährdetes Fahrrad codiert.

Hier stehen sie, die Polizei-Beamtinnen und -Beamten, wo sonst ein Mobilfunkanbieter, ein Second-Hand-Bücher-Händler, die Versicherung xy, das Bankinstitut Sowieso oder ein Schokoriegel-Hersteller mit infantilem Namen ihre Werbebanner auseinanderfalten, schicke Tresen aufklappen oder Tapeziertische aneinanderreihen. Mitten vor der Mensa, zur besten Mittagessen-Zeit. Kostenlos gravieren die Bezirksbeamt*innen eine Nummer in den Fahrradrahmen und spendieren den grün-weißen Aufkleber, der schon zu Grundschul- und Fahrradprüfungszeiten jedes noch so coole Bike verspießte: „Finger weg, mein Rad ist registriert“. Wenn, ja wenn ich ihnen vorher zeige, dass die Möhre wirklich mir gehört und, ach ja: meinen Personalausweis, den würden sie dann auch gerne mal eben sehen wollen. Logisch eigentlich, so läuft das, wenn mensch die Ordnungshüter*innen braucht, um festzuklopfen, dass eine Sache „meins“ ist und das auch bleiben soll.

Aber – kommt dann doch die Skepsis hoch – was machen die da eigentlich auf dem Campus? Für die Anwesenheit der Kommerz-Marketender*innen auf dem Schlachtfeld der Bildung, die täglich versuchen, ihre Produkte und Dienstleistungen an die Zielgruppe der Jungakademiker*innen zu bringen und dabei auf dem ganzen Campus im Weg rumstehen, bekommt die Uni wenigstens Geld. Wie kommen aber die von der Polizei dazu, sich auch dort aufzupflanzen? Hat das denen wer erlaubt? Ein Blick in die Annalen der Heinrich-Heine-Universität schafft hierzu Erkenntnis: Uni-Rektor Gerd Kaiser war’s, der zusammen mit der damaligen Fachhochschuldirektorin und dem Leiter des Studentenwerkes schon im Juli 2002 dem heute ehemaligen Polizeipräsidenten Michael Dybowski das Händchen reichte zur Gründung einer offiziellen „Ordnungspartnerschaft“ zwischen Uni und der Polizei in Düsseldorf. Und so lautet das Motto dieser ordnungspolitischen Allianz seit nun schon mehr als zehn Jahren: „Sicherheit in gemeinsamer Verantwortung“. Ziel, so wurde damals formuliert, sei es, „gemeinsam die subjektive wie objektive Sicherheit und Ordnung auf dem gesamten Campusgelände zu erhöhen“. Und so stehen sie auch heute noch da, im Oktober-Sonnenschein schick anzuschauen in all ihrer uniformierten Pracht. So, wie jeden dritten Mittwoch im Monat, seit 11 Jahren.

Ansprechpartner*innen in dieser „Sprechstunde der Polizei“ wollen sie sein, zu der – wenn mal gerade kein Fahrrad codiert und kein Personalausweis angeguckt wird –für alle Studierenden und Mitarbeiter*innen der Uni und FH ausdrücklich auch die „Möglichkeit“ bestünde, „persönliche Anliegen und Hinweise vorzutragen“. Uniformierte auf dem Campus? Bundeswehr in den Schulen? Zivi-Cops im Kindergarten? Ist das eine neue Propaganda-Flut ordnungspolitischer Umklammerung zivilen Lebens und Eigensinns? Oder war sie einfach immer schon da und wir haben sie nur nicht gesehen, weil Verdächtigungen, Angst- und Sicherheitsdiskurse über das Fahrraddiebstahl-Niveau hinaus bislang meistens ebenso unsexy waren, wie der grün-weiße „Finger weg“-Aufkleber auf dem Hinterradschutzblech unserer Kindheit? Vielleicht lasse ich das Fahrrad morgen einfach zu Hause und borge mir stattdessen eines von den City-Bikes, die überall in der Stadt rumstehen. Doch halt … da ist sie wieder, die „Polizei Nordrhein-Westfalen“, werbewirksam aufgespannt am Rahmengestell des kommerziell zu mietenden Leihrades, das an der Straßenecke steht: Nicht schützen will sie diesmal, die Polizei. Haben will sie uns – in ihren Reihen, in die uns der Smartphone-QR-Code zur „Berufsinfo: polizei.nrw.de“ locken will. In Berlin, so war unlängst zu sehen, rollen die Busse der Berliner Verkehrsbetriebe gerne auch mal mit Rekrutierungswerbung für die Bundeswehr über die Straßen. Und in Düsseldorf will eine Schulleiterin einen Friedenspreis nicht, weil die Jungoffizier*innen als Talent-Scouts in Sachen Militarismus auf dem Schulhof auch gegen den Willen der Schüler*innenvertretung doch eigentlich gar nicht stören?

Immerhin: Wenn das morgendliche Fahrradfahren, wenn es auch keine Fragen lösen kann, so auf diese Weise jedoch zumindest schon einmal die Aufmerksamkeit für die eigene Umwelt erhöht, mache ich diesen Frühsport jetzt öfter. Kann ja nicht schaden. Zu meiner eigenen Sicherheit vor der „Sicherheit in Verantwortung“ der anderen.

Wer zum diesem weiten Thema und seinen vielen Facetten schon einmal in einem speziellen Bereich „auf Nummer sicher gehen“ will ohne gedankenverloren weiter zu radeln:

Das Bündnis „Schule ohne Bundeswehr“, getragen unter anderen vom Verein Aachener Friedenspreis e.V., „Bundeswehr wegtreten“, der DGB-Jugend NRW, der VVN-BdA NRW, der Sozialistischen Arbeiterjugend (SDAJ), der Landesschüler*innenvertretung NRW, der DFG-VK und vielen weiteren Akteur*innen hat unter dem Motto: „Stoppt die Propaganda für den Krieg. Kein Werben fürs Töten und Sterben. Für eine Schule ohne Bundeswehr“ einen Aufruf formuliert, der auf der Homepage www.schule-ohne-bundeswehr-nrw.de unterstützt werden kann.