„Ich bin erschrocken über den Hass“

Im Duisburger Stadtteil Rheinhausen leben etwa 700 Menschen mit Roma-Abstammung ohne vollen Zugang zum Sozialsystem und Recht auf Arbeit im Häuserblock „In den Peschen“. Seit über einem Jahr spitzt sich die rassistische Atmosphäre im ehemals sozialdemokratischen Stadtteil zu: Nach versuchten Angriffen auf das Haus, antirassistischen Nachtwachen und rechten Schmierereien und Kundgebungen erreichte die Bedrohungslage ihren bisherigen Höhepunkt am 05.10., als „besorgte Bürger*innen“ eine Kundgebung gegen „Vermüllung und Kriminalität“ organisierten. Dessen Teilnehmer*innen jubelten kurze Zeit später ProNRW zu und bedrohten den antirassistischen Protest.

Vorrausgegangen war eine lange Hetzkampagne seitens der Lokalpresse gegen das von ihnen diffamierend so genannte „Problemhaus“: Eine tägliche tendenziöse und in Teilen rassistische Berichterstattung über die Lage der Bewohner*innen hatte eine zunehmende Anspannung im Stadtteil zur Folge. [1] Im Windschatten dessen kam es immer wieder zu Gewaltandrohungen in Sozialen Netzwerken, wie auch zu zwei Angriffsversuchen auf das Haus in den Nächten vom 16.08. und 17.08.. Daraufhin organisierten Antirassist*innen gemeinsam mit lokalen Helfer*innen eine tägliche Nachtwache vor dem Haus. Diese bestand etwa eine Woche lang, bis durch die Polizei eine nächtliche Streife zugesichert wurde. Daran hielt sich die Polizei jedoch schon nach einigen Tagen nicht mehr.

Die Rechtspopulist*innen der selbsternannten „Bürgerbewegung ProNRW“ versuchten seither mehrmals die Situation vor Ort zu nutzen und organisierten Kundgebungen in unmittelbarer Nähe zum Haus. Am 29. August erschienen sie nach einem vorherigen Stopp vor der Marxloher Merkez-Moschee erstmalig in Rheinhausen. Dagegen hatten verschiedene linke Gruppen und auch das bürgerliche Lager breiten Protest organisiert. Mit insgesamt etwa 1000 Gegendemonstrant*innen konnte ProNRW, wie auch dessen Symphatisant*innen im Stadtteil isoliert werden. Nur etwa einen Monat später sah es jedoch anders aus: Der Bundestagswahlkampf war vorbei, von der breiten Beteiligung der Parteien und Gewerkschaften war nichts mehr zu sehen. Etwa 50 Linke und rund ein Dutzend Anhänger des bürgerlichen Bündnisses „Für Toleranz und Zivilcourage“ standen einem Mob von etwa 100 Anwohner*innen gegenüber. Sie bejubelten Pro-NRW, unterbrachen antirassistische Sprechchöre und bedrohten die Gegendemonstrant*innen. [2]

Diese Anwohner*innen hatten einige Stunden vor dem ProNRW Auftritt eine Kundgebung gegen „Kriminalität“ und „Vermüllung“ organisiert: Volksverhetzende Redebeiträge am „offenen Mikrofon“, die Teilnahme des „Nationalen Widerstand Duisburgs“ und verbale und körperliche Angriffe auf Antirassist*innen, die auf eben diese Tatsachen aufmerksam machen wollten, zeigten offen den Charakter dieser „Bürger“-Veranstaltung. Dabei weigerte sich der Anmelder der Kundgebung, die klar erkennbaren Neonazis, zum Teil mit Thor-Steinar-Pullovern, Bomberjacken und Springerstiefeln, von der Kundgebung auszuschließen. [3]

Nur drei Tage nach diesen Geschehnissen kam es im Nachbarstadtteil Homberg zu einer Brandstiftung an einem vorwiegend von Roma bewohntem Haus: 42 Männer, Frauen und Kinder retteten sich vor den Flammen auf das Hausdach und mussten zum Teil im Krankenhaus medizinisch versorgt werden. Die Ermittlungen zum Verdacht auf vorsätzliche Brandstiftung dauern bis heute an. Angesichts dieser antiromaistischen Atmosphäre ist genau zu überprüfen, ob ein rassistischer Hintergrund besteht. [4]

Für den 09. Oktober organisierten lokale Gruppen eine antirassistische Demonstration, die sich klar mit den Bewohner*innen des Hauses „In den Peschen“ solidarisierte und ein Ende der rassistischen Stimmung und sozialen Ausgrenzung forderte. Dabei zogen etwa 250 Antirassist*innen durch die Rheinhausener Innenstadt bis zum Haus, wo sie die Bewohner*innen mit Blumen empfingen und ihre Solidarität bekundeten. Eine Delegation des Hauses berichtete in einer Rede von den täglichen Schikanen und bedankte sich herzlich für die Solidarität. [5]

Am 09. November und 07. Dezember will Pro-NRW erneut Kundgebungen in Rheinhausen und Neumühl abhalten. Dabei ist das Datum der Reichspogromnacht angesichts der aktuellen Lage besonders unerträglich. Verschiedene antirassistische Gruppen rufen zu Gegenprotesten auf: Unter anderem ist eine antirassistische Demonstration nach Neumühl geplant, wo ProNRW gemeinsam mit Anwohner*innen gegen ein potentielles Flüchtlingsheim mobil macht. Anschließend wird es auch in Rheinhausen Gegenproteste geben. Und diesmal noch deutlich stärker als im letzten Monat! [6]

[1] http://www.annotazioni.de/post/1237
[2] http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/protest-gegen-pro-nrw-anwohner-in-duisburg-applaudieren-rechtspopulisten-id8526843.html
     http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/ich-bin-erschrocken-ueber-den-hass-aimp-id8532514.html
[3] http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/demonstrationen-in-rheinhausen-img3-zoom-id8527717.html
[4] http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/brandstiftung-in-duisburg-hochheide-42-menschen-fluechteten-auf-hausdach-id8541057.html
[5] http://rheinhausen.blogsport.de/
[6] http://netzwerk-gegen-rechts.org/

siehe auch:
"Bericht aus einer Problemstadt" in TERZ 10.13
"Rassistische Hetze in Duisburg" in TERZ 09.13