Flechtheim-Projekt

Zeigen und verbergen

Am 9. Oktober präsentierten 15 deutsche Museen im Ehrenhof ein großangelegtes Vorhaben zum Gedenken an den Düsseldorfer Galeristen Alfred Flechtheim. Allerdings erweisen sie dem Mann, der als bedeutender Förderer moderner Kunst viel dafür tat, Werke von Paul Klee, Max Beckmann oder Edgar Degas in die Ausstellungshäuser zu bringen, ehe er Ende 1933 das Land verlassen musste, eine zweifelhafte Ehre.

Die Wege, die Paul Klees „Federpflanze“ nahm, ehe sie 1961 in die Kunstsammlung NRW kam, waren lang. „1920: Hans Goltz an Alfred Flechtheim, Düsseldorf; 1934: Alex Vömel, Düsseldorf, und Alfred Flechtheim, London, an The Mayor Gallery, London (...) 1960: G. David Thomas an Galerie Beyeler, Basel“ lauteten einige der Stationen. In der Alfred Flechtheim gewidmeten Ausstellung „Kunsthändler der Avantgarde“ führt sie eine neben dem Bild angebrachte Tafel auf. Unter welchen Bedingungen sich die Transaktionen jeweils vollzogen, geht daraus allerdings nicht hervor. Hinweise auf die Zwangslage Flechtheims – er musste Deutschland als „Kunstjude“ Ende 1933 verlassen (TERZ 05.13) – suchen die BesucherInnen vergeblich. Dass die Flechtheim-Erben den Klee wegen der Umstände des Verkaufs an die Mayor Gallery als „verfolgungsbedingenden Verlust“ einschätzen und von der Kunstsammlung zurückfordern, verschweigt das Haus ebenfalls. Und bei Juan Gris’ Bild „Nature morte (Violon et encrier)“, auf das die Nachkommen auch Ansprüche erheben, zeigt es sich kaum auskunftsfreudiger. Bei Max Beckmanns „Die Nacht“, zu dem Flechtheims Großneffe Michael Holton ein Auskunftsersuchen gestellt hat, räumt das Museum Ungeklärtes in der Provenienz ein und formuliert vorsichtig „1932: vermutlich Alfred Flechtheim an Israel Baer Neumann, New York“.

Andere Einrichtungen, die gleichfalls mit Rückgabe-Wünschen konfrontiert sind wie die Bayerische Staatsgemälde-Sammlungen (BStGS), halten sich in ihren Flechtheim-Ausstellungen ähnlich bedeckt. Darum erweist die konzertierte Flechtheim-Aktion, zu dem Schauen in 15 Museen und eine Website gehören, dem „Kunsthändler der Avantgarde“ nur eine äußerst zweifelhafte Ehre. Und das, obwohl den Initiator_innen zufolge gerade die Provenienz-Forschung den Anstoß zu dem Vorhaben gab, das Wirken des Galeristen zu würdigen und an sein tragisches Schicksal zu erinnern. „Diese Recherchen waren der Ausgangspunkt für das Projekt“, heißt es auf flechtheim.com.

Die auf der Seite präsentierten Ergebnisse werden den historischen Tatsachen jedoch ebenso wenig gerecht wie die entsprechenden Angaben in der Kunstsammlung, die sich zu allem Überfluss auch auf dem Portal wiederfinden. So handelte es sich bei dem Besitzerwechsel von Flechtheim zu Vömel keinesfalls um bloßes Business as usual, wie die Autor_innen nahelegen. Einfach nur „fortgeführt“ hat Flechtheims ehemaliger Geschäftsführer Alex Vömel die Kunsthandlung nämlich nicht – nicht wenige sprechen in diesem Zusammenhang von Arisierung. Einen ordnungsgemäßen Vorgang sah offenbar auch die Limbach-Kommission darin nicht. Darum empfahl das Gremium, das nach der so genannten Washingtoner Erklärung entstand, „um eine gerechte und faire Lösung“ in Raubkunst-Streitfällen zu finden, dem Kölner Museum Ludwig erst im April diesen Jahres, einen 1934 von Vömel verkauften und 1976 in die Ausstellungsstätte gelangten Kokoschka an den Flechtheim-Erben Michael Hulton zurückzuerstatten. Die Emigrationszeit des Galeristen beschönigt flechtheim.com ebenfalls, denn ganz so umstandslos wie behauptet konnte Flechtheim seinen noch verhandenen Kunstbesitz nicht ins Ausland transferieren. Und ob die Ausstellung „Französische Meister des 19. Jahrhunderts“ 1936 wirklich seinen „Neubeginn in London“ markierte, den nur der früher Tod im darauffolgenden Jahr vereitelte, bleibt gleichfalls zweifelhaft.

Ortstermin Kunstpalast

Online ging flechtheim.com am 9. Oktober. Für diesem Tag luden die Macher_innen dann auch zur feierlichen Präsentation ein. Als Ort dafür hatten sie mit Bedacht das Düsseldorfer Museum Kunstpalast ausgewählt, fand hier doch 1987 mit der ersten Flechtheim-Schau auf deutschem Boden nach dem Krieg die Rehabilitierung des Kunsthändlers statt, wie Kunstpalast-Leiter Beat Wismer betonte. „Damit schließt sich für unser Haus ein Kreis“, bekannte er stolz. Aber eine runde Sache wurde die Vorstellung nicht. Schon im Vorfeld hatte es Ärger gegeben. Der Flechtheim-Erbe Michael Hulton mochte nämlich nicht an der Veranstaltung teilnehmen und lud stattdessen zu einer eigenen Pressekonferenz. „Dass die Museen mit dem Museumsprojekt die Provenienzforschung vorantreiben wollen, ist grundsätzlich begrüßenswert. Wir als Erben können das Projekt jedoch nicht unterstützen, weil wir von den beteiligten Museen nicht einbezogen wurden und weil das Verhalten einiger Einrichtungen in keiner Weise den Grundsätzen der „Gemeinsamen Erklärung“ von 1999 entspricht“, konstatierte er.

Die Verantwortlichen wiesen die Vorwürfe zurück: Man habe sich frühzeitig an die Erben gewandt und keinen ihrer Briefe bezüglich der umstrittenen Werke unbeantwortet gelassen. In der Sache blieben sie jedoch hart. Bei den zurückgeforderten Bildern von Klee und Gris aus der Kunstsammlung handle es sich „nicht um verfolgungsbedingte Verluste“, stellte Julian Heynen von der dem Land Nordrhein-Westfalen unterstehenden Institution klar. Als solche betrachtete Dr. Andrea Bambi von den Bayerischen Staatsgemälde-Sammlungen auch die Beckmann-Werke aus der Münchner Pinakothek der Moderne nicht, deren Rückerstattung Hulton anmahnt. Die Provenienzforscherin Dr. Anja Heuß von der Staatsgalerie Stuttgart hält das Zeitfenster, das es erlaubt, Flechtheim in einer Zwangslage zu verorten, ohnehin für knapp bemessen. „Alles, was er in die Emigration mitgenommen hat, ist nach unserer Definition kein verfolgungsbedingter Verkauf“, sagte sie später in einem Radio-Interview. Und nach Ansicht ihrer Kollegin Bambi hat die Webpage gar nicht die Aufgabe, sich den schwierigen Biographien der Bilder und ihrer Besitzer im Einzelnen zu widmen. Sie diene nicht der Diskussion um strittige Provenienzen, sondern wolle lediglich Grundlagen schaffen, erläuterte sie. Einige Kunsthistoriker_innen wollten ursprünglich aber schon ein bisschen mehr. „Wir hätten gern mehr dokumentiert, als dies nun möglich ist. Auch offene Fragen zur Herkunft der Bilder hätten auf diese Weise deutlicher thematisiert werden können. Bei einer gemeinsamen Redaktionskonferenz wurde dann aber auf die Notwendigkeit einer einheitlichen Vorgehensweise hingewiesen – und auf angeblichen Platzmangel“, sagte eine Beteiligte der Faz.

2. Pressekonferenz

Flechtheim-Erbe Michael Holton, der unmittelbar nach dem Termin im Kunstpalast gemeinsam mit seinen beiden Anwälten Markus Stötzel und Mel Urbach zur Pressekonferenz ins Hotel Meliá lud, bedauerte diese Unterlassung ebenfalls. Sein US-amerikanischer Rechtsvertreter Urbach fand harsche Worte für die Webpage. „Sie verfehlt ihren Zweck“, hielt er knapp fest. Sein deutscher Kollege griff derweil die Kunstsammlung NRW und die Münchner Pinakothek der Moderne wegen ihrer Blockade-Haltungen im Streit um die Restitutionen scharf an. Die Argumente von Heynen in Sachen „Gris“ und „Klee“ ließ Stötzel nicht gelten. Es würde sich bei den Werken keinesfalls um Kommissionsware handeln, so der Jurist. Bei Ausstellungen hätten sie stets das Signum „Privatsammlung Flechtheim“ getragen; eine der Arbeiten hätte sogar in der Wohnung des Kunsthändlers gehangen. Auch die Position der Pinakothek, wonach Flechtheim die sechs von Hulton beanspruchten Beckmanns bereits 1932 an den New Yorker Galeristen Neumann verkauft hätte, bestritt der Marburger Rechtsanwalt mit Verweis auf Briefe Flechtheims. Der Terz legte er später ein Zitat aus dem entsprechenden Schriftwechsel mit dem US-amerikanischen Kunsthändler vor. „Besten Dank für Ihr Schreiben. Wenn Sie gefürchtet hätten, dass ich mal Beckmanns für 2.300,- M verschleudert hätte, dann haben sie sich doch geirrt“, schrieb Flechtheim am 12. Mai 1932. Die Beckmann-Forschung kommt Stötzel zufolge ebenfalls zu der Einschätzung, dass der Deal nicht zustande kam. Deshalb hält er gegenüber der Terz fest: „Der Fall Beckmann und München ist also alles andere als geklärt, und es ist schlicht anmaßend, wenn sich die Vertreter der BStGS in diesen Tagen dahingehend äußern, es sei ‚alles geklärt’. Angesichts dessen hat der Flechtheim-Nachlass allen Grund, auf einer abschließenden Klärung zu bestehen, sei es im Verhandlungsweg mit der Einrichtung, oder – im Zweifel – vor und mit der Limbach-Kommission.“

Die Limbach-Kommission wäre in der Tat die richtige Adresse für solche Streitfragen, über die es Nicht-Fachleuten schwer fällt, sich ein abschließendes Urteil zu bilden. Aber das Gremium kann seine Arbeit erst aufnehmen, wenn beide Konflikt-Parteien das auch wollen. Und im vorliegenden Fall verweigern sich die Bayerischen Staatsgemälde-Sammlungen und die Kunstsammlung NRW diesem Weg, wie die Museen überhaupt diesen Gang scheuen. Die Kommission steht bei ihnen nämlich in dem Ruf, nicht genügend kunsthistorischen Sachverstand walten zu lassen und mit prominenten Mitgliedern wie Richard von Weizäcker und Rita Süssmuth vorwiegend moralische Urteile zu ihren Ungunsten zu fällen. Deshalb kam die Runde bisher nicht mehr als sechs Mal zusammen. Demnächst jedoch berät sie über Fälle aus Düsseldorf: Die langem Hin und Her hat die Stadt sich entschieden, die Limbach-Kommission über die weitere Zukunft der beiden im Museum Kunstpalast hängenden Gemälde „Pariser Wochentag“ von Adolf Menzel und „Fruchtkorb an einer Eiche“ von Abraham Mignon entscheiden zu lassen.

Da dem Flechtheim-Erben Michael Hulton dieser Weg nicht offensteht, haben seine Anwälte den Ton verschärft. Wenn die Kunstsammlung und die Bayerischen Staatsgemälde-Sammlungen sich bis zum April nächsten Jahres nicht bewegen, schalte er staatliche Stellen in den USA und in Israel ein, drohte Mel Umbach. So hat das Flechtheim-Projekt, das angetreten war, eine Art Wiedergutmachung zu leisten, alles nur noch schlimmer gemacht. Und so naiv, dass nicht kommen gesehen zu haben, können die Macher_innen eigentlich nicht gewesen sein. Schon die Entscheidung der Berliner Museen, sich ihrem Unterfangen nicht anzuschließen, hätte ihnen eine Warnung sein müssen. „Einschätzungen oder Positionierungen in der Öffentlichkeit vor dem Abschluss von Anfragen oder Rückgabe-Ersuchen haben wir stets vermieden und damit auch im Verhältnis zu den Beteiligen auf Seiten der Anfragenden oder Anspruchsteller gute Erfahrungen gemacht“, erklärte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Träger der Einrichtungen gegenüber der Faz. Ein ganz klein wenig Einsicht zeigen die beteiligten Häuser indes schon. So haben sie ein paar Korrekturen an flechtheim.com vorgenommen. Dem Satz „Seit 2009 vermuten die Erben nach Alfred Flechtheim bei zahlreichen Werken mit der Provenienz Flechtheim (...) einen verfolgungsbedingten Verlust“ folgt jetzt ein Zusatz, der die tatsächlichen, wegen verfolgungsbedingten Verlusten erfolgten Rückgaben aufführt. Anlass für eine weitergehende Überarbeitung sehen die Museumsleute aber offensichtlich nicht.

Noch mehr Raubkunst?

Mit der Anrufung der Limbach-Kommission in Sachen „Pariser Wochentag“ von Adolf Menzel und „Fruchtkorb an einer Eiche“ von Abraham Mignon sowie der sich anbahnenden Einigung über Friedrich Wilhelm von Schadows Selbstporträt aus dem Stadtmuseum mit der Stiftung, welche die Rechte des 1937 emigrierten Düsseldorfer Galeristen Max Stein vertritt, ist das Kapitel „Raubkunst“ in der Stadt voraussichtlich noch nicht geschlossen. Während nämlich im Museum Kunstpalast eine Provenienzforscherin schon einen guten Teil der Bestände gesichtet hat, harren an der Berger Allee noch 700 in der Zeit von 1933 bis 1945 erfolgte und vermutlich nicht alle aus sauberen Quellen stammende Ankäufe einer Untersuchung, wie eine Anfrage der Partei „Die Linke“ ergab. Und so dürften die rund 150 Werke, welche Düsseldorf nach dem Ende des „Dritten Reiches“ bereits zurückgeben musste, noch Gesellschaft bekommen.