Aderlass bei Paracelsus

Die Paracelsus-Klinik im feinen Düsseldorfer Stadtviertel Golzheim gehört zu den besten in der Landeshauptstadt. Genau diesem Krankenhaus – besser: seinen Beschäftigten – droht dennoch Gefahr. Wie passt das zusammen?

Kürzlich analysierte die AOK zusammen mit der Barmer die Bewertung von Krankenhäusern im Rheinland. Die Kassen prüften keine OP-Berichte, keine einzelnen Todesfälle und auch keine komplexen Mortalitätsraten. Sie fragten Tausende von Patient*innen, die zuvor die Krankenhäuser aufgesucht hatten, welchen Eindruck sie in der Zeit ihres Aufenthaltes gewonnen hätten. Von Interesse waren die Erfahrungsfelder „Ärztliche Versorgung“, „Pflegerische Betreuung“ und „Organisation & Service“. Daraus sollte dann als Fazit eine skalierte „Weiterempfehlung“ für das Krankenhaus vorgenommen werden.

Im Vergleich mit den anderen Düsseldorfer Kliniken lag die Paracelsus-Klinik immer in der Spitzengruppe. Bei der Zusammenfassung in der „Weiterempfehlung“ belegte sie Platz 1. Besser konnte das Ergebnis nicht sein. Aus der subjektiven Einschätzung der Patient*innen könnte sich die Bewertung der objektiven Zustände ergeben: Die Ärztinnen und Ärzte sind qualifiziert und motiviert, das Pflegepersonal macht wirklich einen guten Job, Arbeitsabläufe und Zuwendung sind optimal organisiert.

Chefarzt Prof. Dr. Patrick J. Bastian: „Dieses herausragende Ergebnis legt die Messlatte hoch. Mit meinem medizinischen und pflegerischen Team werde ich auf dieser Basis aufbauen.“ Pflegedirektorin Maike Rost sieht in den Umfrageergebnissen ebenfalls ein dickes Lob für die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen.

Daneben ist das Krankenhaus aber auch eine juristische und ökonomische Konstruktion in der Form einer „gemeinnützigen GmbH“ und Teil eines Konzerns, der nach eigenen Angaben mit 17 Akut-Krankenhäusern und 12 Rehabilitationskliniken zu den größten privaten Klinikträgern in Deutschland zählt und einen Umsatz von 311 Millionen Euro macht. Gründer der Paracelsus-Gruppe war 1968 Hartmut Krukemeyer (weißer Rolls-Royce, Großes Bundesverdienstkreuz). Sein Sohn und heutiger Alleingesellschafter des Konzerns, Manfred Georg Krukemeyer, beteuert im Deutschen Ärzteblatt: „Bei uns steht die Rendite nicht an oberster Stelle.“ In seinem Buch „Kultur der Medizin“ kritisiert er „die zunehmende Geschäftemacherei im Gesundheitswesen.“

Der Gewinn von Paracelsus – und damit der Familie Krukemeyer – liegt bei acht Prozent vom Umsatz. Von nichts kommt nichts. Krukemeyer legt überall einen strengen Maßstab an. Auch bei Krankenhäusern, die er noch nicht gekauft hat. Der Personalvertretung der Hospitäler, die sich bei Paracelsus zum Kauf angeboten haben, sagt er: „Liebe Arbeitnehmervertreter, vielleicht seid ihr doch ein paar zu viele.“

Den eigenen Leuten sagte er, dass sie abspecken und sich umorientieren müssen, das Unternehmen war schließlich schon einmal „gefährdet“, als er in jungen Jahren das Erbe antrat. Führungsleute flogen raus. Sogar die Portraits seines Vaters wurden entfernt. Zum Glück konnte Manfred Georg es sich dennoch leisten, im feudalen Wasserschloss Hüffe zu residieren. Nach dem Tod seines Vaters wurde auch dessen Witwe Katharina Gräfin von Schwerin-Krukemeyer als Eigentümerin und Bewohnerin des Schlosses genannt. Ihr soll die Zahlung von einer Million Euro jährlich garantiert sein.

Der Konzern hat insgesamt 4.998 „Mitarbeiter­*innen“. Das Unternehmen „Krankenhaus“ muss Gewinne abwerfen. Wer keinen Profit liefert, der wird abgewickelt. Damit das funktioniert, gibt es in der Konzernzentrale (Osnabrück) die Abteilung für die Konzernbilanzen. Das „ganzheitliche Controlling sichert den Unternehmenserfolg“. Dazu zählen „Sicherung und Erschließen der Märkte (Belegung)“ und das „Fallkosten-Controlling“. Alles im Rahmen einer „permanenten Jahreshochrechnung“.

Und da ist die andere Seite: Damit die Kasse stimmt, will die Paracelsus-Konzernleitung – trotz guter Arbeit der Beschäftigten – nach Angaben der Rheinischen Post „Löhne und Gehälter senken“. Das soll deutschlandweit durchgesetzt werden: kein Weihnachtsgeld, Senkung der Lohne und Gehälter bis um vier Prozent. Extra-Profit: 36 Millionen Euro.

Ver.di sagte „Nein!“, denn die „Gewinnausschüttungspolitik an den Gesellschafter“ habe den Konzern schon im vergangenen Jahr in Bedrängnis gebracht. Stefan Röhrhoff von Ver.di Düsseldorf konstatiert: Die Beschäftigten sollen nicht „aufgrund dieser seit Jahren verfehlten Unternehmenspolitik auf Geld verzichten, während einige wenige das Unternehmen finanziell ausbeuten.“ Es rumort an den Paracelsus-Kliniken, etwa in Düsseldorf und Hemer. Diese Proteste sind kein Einzelfall. Gestreikt wurde in diesem Jahr auch bei den Paracelsus-Kliniken in Reichenbach und in Kassel.

Aus den Forderungen von Ver.di:

Druck auch beim Klinikkonzern Fresenius/Helios: Der will 43 Rhön-Kliniken übernehmen, die Arbeitsbedingungen verschlechtern und bei der Patient*innenversorgung reduzieren. In der Nähe auf der Abschussliste: das katholische Katharinen-Hospital Willich mit 140 Betten, denn 250 Betten gelten als Untergrenze für Profiterwartungen. Der Katharinen-Ersatz, das Krankenhaus Neuwerk/Mönchengladbach „Maria von den Aposteln“, hat 363 Betten. Das Paracelsus in Golzheim kommt als Fachklinik (noch) mit 104 Betten aus und ist zu 90 Prozent ausgelastet.

Der Druck geht bundesweit von den Klinik-Konzernen aus, nicht nur von Paracelsus. Ver.di rechnet vor: „In Deutschlands Krankenhäusern fehlen 162.000 Vollzeitkräfte. Die Überlastungsanzeigen der Pflegekräfte werden immer mehr. Das ist weder gesund für die Beschäftigten noch für die Patienten. Deshalb fordern die Beschäftigten im Gesundheitswesen eine gesetzliche Personalbemessung von der neuen Regierung. Sofort.“ Ver.di sitzt den Verursacher*innen auf der Pelle. Im Oktober gab es eine erfolglose Verhandlungsrunde für die Tarife. Am 5. November, 11 bis 13 Uhr wird es wieder eine „aktive Mittagspause“ der gewerkschaftlich organisierten Kolleg*innen geben. Ver.di und die Beschäftigten sind vorbereitet.

Uwe Koopmann