„Düsseldorf – Theresienstadt“

Nicht zu rächen, zu erinnern bin ich da:
Edith Bader, Überlebende der Deportationen von Düsseldorf nach Theresienstadt

Edith Bader ist 78 Jahre alt und stammt aus Weeze am Nieder­rhein. Im Novem­ber 2013 war sie Gast der Fachhochschule Düsseldorf. Über 100 Interessierte fanden den Weg zu der Veranstaltung, um die betagte, aber überaus vitale Zeitzeugin zu treffen.

Eingeladen zu der Veranstaltung „Düsseldorf – Theresienstadt“ hat der künftige „Erinnerungs- und Lernort Alter Schlachthof“, der zur Zeit auf dem neuen Campus der FH in Düsseldorf-Derendorf auf dem Gelände des ehemaligen städtischen Schlachthofes entsteht. Dort, im Chaos der Baustelle für die neuen FH-Gebäude, ist die heute unter Denkmalschutz stehende Großviehhalle geblieben. Sie war während des Zweiten Weltkriegs Sammelstelle für die jüdische Bevölkerung aus dem damaligen Gestapo-Bezirk Düsseldorf. Über 6.000 jüdische Menschen jeden Alters mussten sich hier einfinden und verbrachten die letzte Nacht vor ihrer Deportation in der Viehhalle: von Schutzpolizisten bewacht, von Gestapo- und Finanzbeamten ausgeraubt, mussten sie stundenlang ausharren, um am nächsten Morgen am nahe gelegenen Güterbahnhof Derendorf in Züge gepfercht und in die Ghettos und Konzentrationslager in Osteuropa deportiert zu werden. Sie erwartete Hunger, Zwangsarbeit, Polizei- und SS-Terror, Seuchen, – Mord. Nur etwa 200 von diesen 6.000 Menschen haben überlebt.

Der in einem Teil der ehemaligen Großviehhalle geplante „Erinnerungs- und Lernort“ wird die hier begangenen Verbrechen dokumentieren. Damit wird an diesem historischen Ort, an dem jahrelang nur eine kleine Gedenktafel hing, endlich zumindest zum Teil angemessener sichtbar gemacht, welche Verbrechen die Nazis hier, inmitten des zukünftigen Fachhochschul-Geländes, ab Oktober 1941 zu verüben begannen. Die Finanzierung dieses wichtigen Projekts ist bei weitem noch nicht gesichert, wie der Lokalpresse zu entnehmen ist (WZ 21.10.2013). Die FH ist nach wie vor auf Spenden angewiesen. Ein Beitrag der Stadt wäre auf jeden Fall angemessen.

Kein Vergessen

Edith Bader (Kindername: Devries) war 6 Jahre alt, als sie mit ihren Eltern von einem Polizisten in Weeze abgeholt und nach Düsseldorf gebracht wurde. Zum Schlachthof. Jetzt steht sie aufrecht an einem Overheadprojektor. Eben hat sie gemeinsam mit ihren Zuhörer*innen den Dokumentarfilm „Düsseldorf-Theresienstadt – 50 RM“ angeschaut, in dem die Regisseurin Renate Günther-Greene in langen Schwarz-Weiß-Passagen den Abriss des Güterbahnhofs Derendorf im Jahr 2007 dokumentiert und auch die Geschichte der Großviehhalle erzählt. Edith Bader steht nicht zum ersten Mal vor Publikum, sie ist es offensichtlich gewohnt, vor Menschen zu sprechen. Aber sie ist sichtlich bewegt, legt eine Overhead-Folie nach der anderen auf und erzählt von ihrem Leben. Wie es war in Weeze, wo ihr Vater, ein hoch dekorierter und kriegsversehrter Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs, bis 1933 ein hoch angesehener Bürger gewesen war. Wie die Nazis immer mehr wurden im Dorf, wie sie ihre Freundinnen verlor – und wie die Familie Devries, wie viele andere, dann das Dorf verlassen musste.

Edith Bader hat nur noch wenige konkrete Erinnerungen an die Deportation und an die Ereignisse im Schlachthof. Sie sind verdrängt von den Erinnerungen an Theresienstadt – an ihre Zeit im Konzentrationslager, das den Nazis als „Vorzeige-KZ“ und „Alters-Ghetto“ diente, in dem sie sogar einen Propagandafilm drehten und eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes zum Narren hielten über die tatsächlichen Zustände im Lager, in dem zwischen 1940 und 1945 über 140.000 Menschen eingesperrt wurden. Nur 16.000 haben das Lager überlebt. Fast 90.000 Menschen wurden nach Auschwitz deportiert, die meisten von ihnen wurden dort ermordet. Die in Theresienstadt verbleibenden Verfolgten starben – noch im „Vorzeige“-Lager – an Hunger und Krankheiten oder überlebten den Terror der SS nicht. Wie durch ein Wunder waren Edith Bader und ihre Eltern nach dem 8. Mai 1945 noch am Leben, ebenso die Verwandten aus der Familie ihres Vaters. Aus der Familie ihrer Mutter schaffte es niemand. Diese wurde, so erinnert sich Edith Bader an ihre Mutter, nie wieder richtig froh und habe nicht vergessen können. Auch nicht, nachdem sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter Edith nach Weeze zurückgekehrt war, um endlich wieder ein ‚normales‘ Leben zu führen. Edith Bader dagegen hat, so sagt sie heute über sich selbst, ihren Frieden gefunden. Sie verspüre kein Bedürfnis nach Rache und wünscht sich vor allem eins: dass die Menschen einander lieben und respektieren. Entsprechend versöhnlich lautet der Titel ihrer Erinnerungen, die sie mit Hilfe ihrer Tochter Ruth Bader verfasst hat: „Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da“. Möge ihr noch ein langes Leben beschieden sein, auf dass sie noch vielen, vor allem jungen Menschen, von ihrem beeindruckenden Leben erzählen kann!

Die Lebenserinnerung von Edith Bader sind erschienen unter dem Titel „Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da. Eine jüdische Kindheit zwischen Niederrhein und Theresienstadt“, Books on Demand GmbH 2008, ISBN 978-3-8370-6081-2, Paperback, 220 Seiten, 12,95 Euro.

Informationen über den kommenden Erinnerungs- und Lernort „Alter Schlachthof“ finden sich auf der Webseite der FH:
http://intern.fh-duesseldorf.de/c_infopool/neubau/downloads/erinnerungsort.pdf

Zu der Veranstaltung: ausnahmsweise ein Link zum katholischen Zentralorgan, das eine Kurzdoku über den Abend in der FH online gestellt hat, unter:
http://www.rp-online.de/video/region-dusseldorf/center-tv/von-duesseldorf-nach-theresienstadt-erinnerungen-einer-ueberlebenden-vid-1.3843840

Die Fotos stammen aus Privatbesitz der Familie Bader: edithdevries.blogspot.de