„Evangelii Gaudium“
oder: Der Papst wird radikal

Vor wenigen Wochen erreichte uns eine frohe Botschaft aus dem Kirchenstaat: Seine Heiligkeit übe „scharfe Kritik am real existierenden Kapitalismus“, so wusste die linke Tageszeitung „junge Welt“ zu berichten. Und kommentarlos bekam die Leser*innen am 28. November Auszüge aus der Lehrschrift des Heiligen Vaters Franziskus „Evangelii Gaudium“ vorgesetzt. Es scheint also im Vatikan ein Gespenst umzugehen.

„Diese Wirtschaft tötet“ und „das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel (ist) ungerecht“ tönt es aus dem Vatikan. Ist nun der Pontifex maximus unser Mann am Tiber?

Mitnichten. Jorge Mario Bergoglio, genannt Franziskus, schlägt radikale Töne an, weil er sich um den Zustand des Gemeinwesens sorgt. Er sieht den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdet, weil immer mehr Menschen vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden: „Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht ‚Ausgebeutete‘, sondern Müll, ‚Abfall‘.“ Also, ausgebeutet werden mag ja blöd sein, aber ausgeschlossen sein aus der Gesellschaft ist die eigentliche Katastrophe. Denn ohne Heimat – wie sie bestellt ist, steht weniger zur Debatte – macht das Leben keinen Sinn.

Die Ursachen des Ausschlusses findet der Heilige Vater in der „Vergötterung des Geldes“ und der „Kultur des Wohlstandes“. Der „zügellose Konsumismus, gepaart mit der sozialen Ungleichheit“ schädigt „das soziale Gefüge doppelt“ und verstellt unseren Blick auf das Wesentliche, auf eine Ethik, die „ein Gleichgewicht und eine menschlichere Gesellschaftsordnung“ will. Klargestellt wird hier, dass es nicht darum geht, die Menschen mit den Gütern dieser Welt zu beglücken. Im Gegenteil: Alle sollen bescheiden sein und bei ihren Tätigkeiten immer das Gemeinwesen im Blick haben. Und wer sorgt für das Gemeinwesen besser als der Staat?

Doch die modernen „Ideologien“, die „die Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen (…), bestreiten (…) das Kontrollrecht der Staaten, die beauftragt sind, über den Schutz des Gemeinwohls zu wachen.“ Dass die Staaten das Geld und die Märkte mit ihrem Recht und ihrer Gewalt geschaffen haben und immer bemüht sind, die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft für die Reichtumsproduktion aufrechtzuerhalten, fällt ihm nicht auf und ein. Da ist es kein Wunder, dass er stattdessen an „Korruption“ und „Steuerhinterziehung“ Anstoß nimmt.

Eine schreckliche Welt skizziert der Papst: Die einen, die Ausgeschlossenen, dürfen im Gemeinwesen nicht mitspielen, die anderen, die Steuerhinterzieher*innen und Korrupten, wollen nicht. Das kann ja nicht gut gehen!

Auch die Kapitalist*innen sind angesprochen, denn „die Tätigkeit eines Unternehmers ist eine edle Arbeit, vorausgesetzt, dass er sich von einer umfassenderen Bedeutung des Lebens hinterfragen lässt; das ermöglicht ihm, mit seinem Bemühen, die Güter dieser Welt zu mehren und für alle zugänglicher zu machen, wirklich dem Gemeinwohl zu dienen.“ Keine Sorge, lieber Papst, das kriegen die Unternehmer*innen hin: Spätestens am Sonntag in der Heiligen Messe fragen sie sich nach der umfassenden Bedeutung ihrer Tätigkeit für das Leben. Und welcher Unternehmer kann nicht das hohe Lied vom Dienst am Gemeinwohl durch seine Arbeit singen.

Es bleibt also alles beim Alten. Die Lohnarbeiter*innen gehen zur Arbeit, die Unternehmer scheffeln die Gewinne, der Staat kontrolliert. Damit dieses schöne System der Gegensätze zwischen Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen, Mieter*innen und Vermieter*innen, Käufer*innen und Verkäufer*innen usw. zum Nutzen der Minderheit und zum Schaden der Mehrheit weiterhin in friedlichen Bahnen verläuft, bedarf es einerseits eines Staates, dem Anerkennung gebührt, und andererseits eines Bekenntnisses des Menschen zum ominösen Gemeinwesen, dessen Fehlen der Papst überall, wo er hinschaut, vermisst.

Damit keiner auf den irren Gedanken kommt, der Papst wolle unsere gottgewollte demokratisch-marktwirtschaftliche Ordnung zugunsten der armen Menschen umstoßen, gönnt sich Franziskus einen kleinen religionsphilosophischen Exkurs, wenn er die Frage beantwortet, was den Armen wirklich fehle: Die „schlimmste Diskriminierung, unter der die Armen leiden, (ist) der Mangel an geistlicher Zuwendung (…). Die riesige Mehrheit der Armen ist besonders offen für den Glauben; sie brauchen Gott, und wir dürfen es nicht unterlassen, ihnen seine Freundschaft, seinen Segen, sein Wort, die Feier der Sakramente anzubieten und ihnen einen Weg des Wachstums und der Reifung im Glauben aufzuzeigen. Die bevorzugte Option für die Armen muss sich hauptsächlich in einer außerordentlichen und vorrangigen religiösen Zuwendung zeigen.“

Bei der allgemeinen moralischen Beurteilung der Missstände der Gesellschaft möchte der Papst nicht stehen bleiben und fügt noch diesen religiösen Schlenker an. Zu fürchten ist, dass erst hier – vielleicht noch nicht mal hier – die linken Kritiker stutzig werden.

Henrici