„Her mit dem schönen Leben!“ … und das kein bisschen leise

Der sozialistische Kinder- und Jugendverband „SJD – Die Falken“ kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Die TERZ sprach mit Torsten Nagel von den „Düsselfalken“ über diese Geschichte, die Herausforderungen und Ideen in der Gegenwart und Pläne und Wünsche für morgen.

TERZ: Torsten, 2014 gibt es „SJD – Die Falken“ als sozialistischen Kinder- und Jugendverband seit 67 Jahren. Mit welchen Ideen ist die Organisation denn damals angetreten?

Torsten: Ja, wir sind schon ein Verband mit bewegter ‚Jugendgeschichte‘, dessen Gründungsthemen – gegen Ausbeutung und Unterdrückung, für Rechte von Kindern und Jugendlichen, für Partizipation, Selbstbestimmung, Koedukation und Sozialismus – alles andere als Staub angesetzt haben. Nimmt man die erste Gründung von Jugendvereinen aus der Arbeiter*innenbewegung in Mannheim und Berlin 1904 als Geburtsstunde des Verbandes, können wir auf eine 110-jährige Geschichte blicken. Direkte Vorläufer der Falken waren in der Zeit der Weimarer Republik die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) (1922) und die Kinderfreunde Deutschlands (1923). Die Bezeichnung „Falken“, oder „Rote Falken“ kam in den Gruppen der Kinderfreunde und den jüngeren Gruppen der SAJ Ende der 1920iger Jahre auf. 1927 organisierten „Die Falken“ die erste Kinderrepublik, an der ca. 2.000 Arbeiter*innenkinder auch aus anderen Ländern teilnahmen. Im Zuge der Machtübernahme der NSDAP wurden „Die Falken“ wie viele antifaschistische, kommunistische und sozialdemokratische Organisationen verboten, viele Mitglieder des Verbandes wurden verfolgt und auch inhaftiert. Einzelne der „Kinderfreunde Deutschlands“ und SAJler*innen gingen in den Widerstand. Nach 1945 wurden „Die Falken“ als Organisation für Kinder und Jugendliche in Deutschland neu gegründet. Die erste Verbandskonferenz der „Falken, Sozialistische Jugendbewegung Deutschlands“ fand vom 6. bis 7. April 1947 in Bad Homburg statt. In der DDR weigerten sich „Die Falken“ 1949, der Freien Deutschen Jugend (FDJ) beizutreten und wurden daraufhin verfolgt.

TERZ: Und was macht „Die Falken“ heute, 2014, aus?

Torsten: „SJD – Die Falken“ haben ihre Arbeit über die Jahrzehnte professionalisiert und bieten, neben der Arbeit als selbstorganisierter Kinder- und Jugendverband, Angebote der offenen Kinder und Jugendarbeit (Offene Tür, Bildungs-, und Beratungsangebote) an. Inhaltlich sind viele der Gründungsthemen immer noch wichtig, aber auch neue Themenfelder für einen politischen Kinder- und Jugendverband spielen heute eine große Rolle. „Die Falken“ setzen sich für Selbstbestimmung, Selbstorganisation und Partizipation von Jugendlichen und Kindern und deren Rechte ein, sind gegen Ausbeutung und Unterdrückung, begreifen sich antikapitalistisch und sozialistisch. Antifaschismus und Antirassismus sind wichtige Themen, und die Umsetzung von Queerfeminismus drückt sich nicht nur im geschriebenen Gender_Gap aus. Natürlich haben auch wir mit den veränderten Lebensbedingungen von Jugendlichen und Kindern zu kämpfen, die sich durch die Verkürzung der Übergangszeit zwischen Jugend und Erwachsensein am deutlichsten bemerkbar machen. Das Experimentierfeld, der Freiraum wird Jugendlichen nicht mehr zugestanden. Diese Tatsache in Kombination mit einer Marginalisierung von „links Sein“ oder linken Ansätzen wirkt sich natürlich als erschwerte Bedingungen in einem selbstorganisierten politischen Kinder- und Jugendverband aus. Dennoch können wir nach wie vor Jugendliche für die Falkenarbeit begeistern, sowohl für die ehrenamtliche Vorstandsarbeit als auch für die selbstorganisierten Gruppenstunden. Auch für unsere Zeltlager, in denen es selbstverständlich „Demokratiezelte“ und Awareness-Strukturen gibt, melden sich auch wieder Jugendliche an, die nicht nur Spaß und Sonne genießen wollen, sondern auch Lust auf politische Inhalte haben.

TERZ: Als Geschäftsführer der „Düsselfalken“ bist Du jetzt seit August 2013 dabei. Was genau ist Deine Aufgabe und wo siehst Du Schwerpunkte und Herausforderungen für „Die Falken“ in Düsseldorf?

Torsten: Mein Aufgabenbereich ist sehr umfangreich und umfasst sowohl die pädagogische, inhaltliche und finanzielle Verantwortlichkeit für die Häuser (3 Falkenheime), die Umsetzung der pädagogischen Arbeit in der Offenen Tür und in der Bildungsarbeit, die Mittelakquise, Außenvertretung und die Mitwirkung in Gremien und AGs. Dazu kümmere ich mich auch um die Weiterentwicklung und Umsetzung der Verbandsarbeit und um die Unterstützung der jugendlichen Ehrenamtlichen. Eine der größten Herausforderungen sehe ich darin, mehr Jugendliche für „Die Falken“ und ihre Ideen zu gewinnen. Jugendliche, die Lust haben, sich politisch zu engagieren. Meines Erachtens ist das nur mit einem attraktiven Programm möglich und mit einem klaren Standing, sprich Repolitisierung. So war einer meiner ersten Schritte in enger Absprache mit den Jugendlichen „Die Falken“ in Düsseldorf wieder präsenter zu machen, zu vernetzen, zu Demonstrationen mit aufzurufen, beim Edelweißpirat*innenfestival mitzumachen – und vieles mehr. Antifaschismus und Antirassismus sind unsere Arbeitsschwerpunkte für die kommenden zwei Jahre. Für mich ist das unabdingbar, denn ich sehe ähnliche ausländerfeindliche und extrem rechte Tendenzen, bis tief in die bürgerliche Mitte, wie zu Anfang der Pogrome in den 1990iger Jahren. Wenn dann noch die Fußball-WM im Juni 2014 mit dem nationalistisch aufgeladenen „Schwarz-Rot-Gold-Wir-Sind-Wieder-Wer“-Gefühl beginnt, kann sich das durchaus in ähnlichem Hass entladen.

TERZ: In Eurer Veranstaltungsreihe „Beat it!“ hattet ihr im Dezember Vorträge und Workshops zu den Themen Rassismus, Antiziganismus und extreme Rechte oder auch zu Critical Whiteness und Intersektionalität und deren Bedeutung für die antirassistische Praxis im Programm. Was genau macht diese Themen heute für „Die Falken“ wichtig und wie lassen sich gerade auch die theoretischen Zugänge in einen ‚linken Alltag‘ hier in Düsseldorf mitnehmen.

Torsten: Diese Themen sind zentrale Themen in der politischen Ausrichtung der Falken, sowohl auf Bundes- und Landesebene als auch für uns als Kreisverband Düsseldorf. Klar ist es heute schwierig, Jugendliche für inhaltlich dichte Themen zu begeistern. In meiner jahrzehntelangen Arbeit als Programmverantwortlicher in verschiedenen soziokulturellen Zentren in NRW habe ich meistens Musik als Zugang gekürzt. Das sah dann oft so aus, dass vor einem Konzert mit Bands, die inhaltlich passten, Vorträge oder Workshops stattfanden. Dieses Format war sehr erfolgreich, und so kamen z. B. auch Punk-sozialisierte junge Menschen in den ‚Genuss‘, bei einem Vortrag des Soziologen, Kulturjournalisten und Musikers Roger Behrens erstmals was von Theodor Adorno zu hören, oder sich im Musik-Bereich mit subkulturellen Grauzonen auseinanderzusetzen. So für sich stehend sprechen die Themen „extreme Rechte“ oder „Critical Whiteness“ nur wenige an. Mir war es jedoch wichtig, mit diesen Themen in der Stadt sichtbar zu sein und auf uns aufmerksam machen. Bei den Falken passiert wieder was, wir sind da und wir wollen uns einmischen und in den Diskurs mit anderen politischen Gruppen treten, oder möchten natürlich auch gerne Kooperationen eingehen, wie wir es z. B. mit der Beat it!-Reihe machen konnten oder bei Veranstaltungen im zakk, wo wir im Januar zusammen mit vielen anderen die INPUT-Veranstaltung zur „Bestandsaufnahme“ zum NSU-Prozess mit unterstützt haben. Und auf diesem Weg ist die Veranstaltungsreihe Beat it! ein erster Schritt. Dass wir uns mit solchen Angeboten engagieren, braucht sicherlich aber noch ein wenig Zeit, um sich rumzusprechen und entsprechend wahrgenommen zu werden. Mich würde es zunächst freuen, wenn die Veranstaltungen auch von anderen politischen Gruppen und Einzelpersonen angenommen würden. Das war schon ein wenig ernüchternd, vor allem die Teilnahme beim Critical Whiteness Workshop im Dezember, in dem es um eine kritische Reflektion mit dem Privileg Weiß-Sein ging. Da haben die Erfahrungen beim Grenzcamp sicherlich ihre Spuren hinterlassen. Nichtsdestotrotz war das ein sehr anregender Workshop und aus meiner Sicht, als „das Private ist politisch“-Sozialisiertem, darf sich die Linke vor eigener Reflektion und Hinterfragung nicht verschließen. Perspektivisch erhoffe ich mir mit solchen Veranstaltungsreihen neben einer größeren Annahme in der Linken in Düsseldorf natürlich auch ‚neue‘ junge Menschen für eine selbstorganisierte, politische Arbeit bei den Falken begeistern zu können.

TERZ: „67 Jahre und kein bisschen leise“ könnte ein Wunsch zum Geburtstag und ein guter Vorsatz für das neue Jahr sein. Und auf Eurer homepage springt uns ja auch sofort der alte Demo-Gassenhauer „Wir sind hier – wir sind laut“ entgegen. Wie soll es denn weitergehen in 2014? Laut vermutlich? Und was ist das, laut?

Torsten: Das klingt schon ein wenig pathetisch. Erstmal geht es um eine Repolitisierung der Falken. Wir wollen wieder ein ernstzunehmender politischer Partner werden, wenn es um Lösungsansätze für unser Ziel, für das „schöne Leben“ geht. Und wir wollen in 2014 weiter stark präsent sein und unser Profil in den Themenfeldern Antifaschismus, Antirassismus und Queerfeminismus ausbauen. Neben weiteren Veranstaltungen, u. a. am 25. Februar mit einer Lesung mit Andrea Röpke zu „Blut und Ehre“ und am 20. März mit einem Workshop zu Autonomen Nationalisten, haben wir mit dem Projekt „No Border“ Bundesmittel aus dem Fördertopf „Kultur macht stark“ bekommen. Dort wird in einem gemeinsamen Projekt mit stay! und dem zakk von Jugendlichen eine Soli-CD und ein Buch mit eigenen Geschichten der geflüchteten Jugendlichen entwickelt und Ende Herbst im zakk mit einem Festival präsentiert. Gerade wenn wir Elemente der Jugendkulturen in unseren Veranstaltungen stark machen, können wir für Jugendliche ein attraktives Programm machen und dabei auch das Falkenheim Gerresheim stärker in den Fokus rücken. Angedacht sind u. a. Graffitiworkshops und eine kleine Konzertreihe für Nachwuchsbands. Dass sind erste Schritte, aber wir versprechen uns vor allem, konstant präsent zu sein und viele Interessierte auch langfristig anzusprechen. Natürlich ist das manchmal nur mit zusätzlichen Mitteln aus den unterschiedlichsten Töpfen der Projektförderung umsetzbar. Häufig lässt sich nichtsdestotrotz nur ein Teil finanzieren. So sind wir z. B. zur Deckung der Kosten leider gezwungen, für die Veranstaltung mit Andrea Röpke ein kleines Eintrittsgeld zu nehmen. Jedoch kommen auch die Menschen rein, die kein oder wenig Geld haben, keine Frage. Im Kulturbereich geht es schon lange nicht mehr ohne diesen Finanzierungsdruck, und die Entwicklung im Zuge von klammen kommunalen Kassen und Haushaltssicherungen geht immer mehr weg von institutioneller Förderung. Im Jugendbereich sind wir davon noch nicht so betroffen, auch wenn es auch dort erste Schließungen gegeben hat. Aber betrachtet man den demographischen Wandel, dann wird der Kuchen immer mehr auf Kosten der Jugend verteilt. Hier verstehen sich „Die Falken“ auch als Lobby für die Jugendlichen. Also her mit dem schönen Leben! Im Ernst, nach meinen Vorstellungen und Wahrnehmungen muss, wie vorher schon angeschnitten, Jugendlichen Raum gegeben werden!

TERZ: Wenn Du für das Programm und die Ideen der Falken die berühmten drei Wünsche frei hättest …

Torsten: … würde ich mir wünschen, dass die Linke aus der Marginalisierung kommt, dass viele junge Menschen sich auf die kritische Suche und engagiert auf den Weg hin zum „schönen Leben“ begeben und für die Jugendlichen in Düsseldorf: ein selbstverwaltetes Jugendkulturzentrum in der Trägerschaft der Falken.

TERZ: Dann mal los, „ahoi“ und viel Schmackes im neuen Jahr bei den Falken – und vielen Dank für das Interview, Torsten!


TERMIN

Als erste Veranstaltung in diesem Jahr organisieren „Die Falken“ in Düsseldorf am Dienstag, den 25. Februar einen Vortrag von Andrea Röpke.

25.02.14, 19.30 h, 3,- Euro
Falkenheim Gerresheim
Unter den Eichen 62 a
Andrea Röpke
„Blut und Ehre – Geschichte und Gegenwart rechter Gewalt in Deutschland“
Die rassistisch motivierten Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) mit vermutlich zehn Morden und mehreren Bombenanschlägen offenbaren eine neue Dimension rechtsextremer Gewalt. Doch dies ist kein Einzelfall. Seit 1949 haben Rechtsextremist*innen immer wieder Terrorgruppen gebildet, die nach ähnlichem Muster agierten: konspirative Kleinstzellen, Raubüberfälle zur Geld- und Waffenbeschaffung, Anschläge gegen Migrant*innen, politische Gegner*innen und gesellschaftliche Einrichtungen. Der Blick hinter die Kulissen offenbart, dass die Gewalttät*inner von gestern und heute keineswegs isoliert tätig sind und dass die von ihnen ausgehende Gefahr von den Behörden jahrzehntelang unterschätzt wurde.
Andrea Röpke und Andreas Speit haben die Szene über viele Jahre beobachtet und frühzeitig auf diese Gefahren hingewiesen. Die Autor*innen dieses Bandes legen in bewährt reportageartiger Darstellung einen Überblick zur gesamten Geschichte des rechtsextremen Terrors in der Bundesrepublik vor. Andrea Röpke: Jahrgang 1965, Politologin und freie Journalistin; Spezialgebiet: Nationalsozialismus und Rechtsextremismus; Veröffentlichungen ihrer aufwendigen Inside-Recherchen im Neonazi-Milieu in Fernsehmagazinen wie Monitor, Panorama und Spiegel-TV, in der taz und bei Süddeutsche-Online sowie in Fachportalen wie Blick nach rechts; zahlreiche Auszeichnungen, darunter »Das unerschrockene Wort« (2009) und »Journalistin des Jahres« (Kategorie Politik, 2011).
Weitere Termine, Infos zu Geschichte und Positionen, zu Projekten, Freizeiten und Aktionen der „Düsselfalken“ sind abrufbar unter http://duesselfalken.de.