Gott ist ein DJ?!

Realitätsprobleme in Neuss

Frank de Buhr reloaded Falk Richters Drama „Gott ist ein DJ“ am Rheinischen Landestheater Neuss und hebt die Grenzen zwischen Kunst und Wirklichkeit auf.

Die Bühne ist eine fingierte Wohnung im modernen Stil. Weiß gehalten. Steril. Links eine Digital-Uhr. Rechts eine aufgemalte Kamera. Ein Bett. Eine Wanne. Ein Pissoir. Leere Leinwände mit Unterschriften von Künstlern. Während sich die Schauspieler*innen in der sichtbaren Maske befinden, läuft ein Hörspiel mit Falk Richters Text von „Gott ist ein DJ“ ab. Die Wand der fingierten Wohnung dient als Projektionsfläche. Wir befinden uns on the road.

Endlich tritt ER (Jonathan Schimmer) im Space-Look auf und spricht simultan zum Text des Hörspiels. SIE (Sigrid Dispert) kommt mit ihrem silbernen Haar und ihren blau bemalten Lippen dazu. Beide fangen an, von ihrem Kunstprojekt zu sprechen. 24 Stunden sind SIE und ER live auf Sendung und teilen ihr Leben mit den Zuschauer*innen. Kochen, Essen, Schlafen und nebenbei noch etwas Sex. SIE und ER vermarkten sich. Werden zum Produkt. Beide erzählen ständig neue Geschichten und verlieren sich zwischen Fakten und Fiktion. Was ist nun wirklich passiert?

Falk Richters Drama „Gott ist ein DJ“, das 1999 seine Uraufführung im Staatstheater Mainz feierte, wurde ursprünglich unter dem Einfluss von Big Brother geschrieben und erlangt im Rheinischen Landestheater Neuss unter Bezugnahme auf soziale Netzwerke neue Aktualität. Der Regisseur und Bühnenbildner Frank de Buhr arbeitet in seiner Inszenierung von „Gott ist ein DJ“ gezielt die Wirklichkeitsproblematik heraus. Oder mit Jean Baudrillard ausgedrückt: „Beginnen wir mit dem Verschwinden des Realen. (…)“¹ Frank de Buhr schafft es, die Zuschauer*innen in eine Hyperrealität zu versetzen, wo Fiktion und Realität nicht mehr zu unterscheiden sind. Beispielsweise versuchen SIE und ER in einer kurzen Werbeeinblendung, ihre Merchandising-Produkte im Publikum loszuwerden und verschenken zur völligen Aufhebung der Grenzen T-Shirts. Gibt es wirklich am Ende der Aufführung einen Merchandising-Stand? – Natürlich nicht!

So grandios auch eine Hyperrealität geschaffen wurde, so hakte es leider an anderen Stellen der Aufführung. Das zwanghafte künstlerische Streben nach Authentizität ist zu aufdringlich, so dass es nach einiger Zeit nervig wurde. Auch die Installation einer Uhr mit der richtigen Zeit-Anzeige zur Realitätsverzerrung ist eher kontraproduktiv, weil die Zuschauer*innen instinktiv auf die Uhr schauen und sich fragen, wann die Inszenierung endlich zu Ende sei. Auch das minutenlange Springen einer Schallplatte, fällt eher in die Kategorie Körperverletzung als in die „künstlerisches Stilelement“. Lieder sollte man zu Ende spielen oder gegebenenfalls unterbrechen.

Das Timing ist in dieser Inszenierung das Problem, weil viele künstlerische Elemente meist bis zur Penetranz ausagiert werden und so einen nervtötenden Touch bekommen, wie auch das simultane Sprechen von ER und Hörspiel Er. Das parallele Sprechen beider ERs sollte zum Bühnenspiel überleiten. Durch die Dauer des simultanen Sprechens ist diese Überleitung aber leider misslungen. Die schauspielerische Leistung von Sigrid Dispert und Jonathan Schimmer kann sich alledings sehen lassen. „Gott ist ein DJ“ ist eine empfehlenswerte Inszenierung. Vor allem werden Baudrillard-Kenner große Freude an dieser Aufführung haben.

SABINE SCHMIDT

¹ Jean Baudrillard „Warum ist nicht alles schon verschwunden?“, 1.Aufl. 2008; Matthes und Seitz Berlin, S.6 Z9ff.

Rheinisches Landestheater Neuss:
Donnerstag, 30.1. 11h | Samstag, 22.2. 20h | Mittwoch, 26.3. 20h
Karten unter 0 21 31-26 99-33 oder http://rlt-neuss.de/index.php?page=get_tickets