Leserbrief zu

„Evangelii Gaudium“ oder: Der Papst wird radikal

von Henrici in TERZ 01.14

Befreiungstheologischer Antikapitalismus: Dass Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Evangelii Gaudium“ als Fan „unserer gottgewollten demokratisch-marktwirtschaftlichen Ordnung“ sich erweise, erfahren wir vom antipfäffischen TERZ-Autor Henrici. Dagegen wollen die befreiungstheologischen jw-Autoren Kuno Füssel und Michael Ramminger zeigen, dass Papst Franziskus die „Systemlogik“ der kapitalistischen Wirtschaftsweise kritisiere.

Die traditionelle katholische Soziallehre, so die beiden Befreiungstheologen in der Tageszeitung „junge Welt“ vom 28./29.12.2013, beschränke sich auf karitative Betreuung der Armen, deren schlimmes Schicksal gelindert werden müsse. Papst Franziskus hingegen plädiere dafür, dass die Probleme der Armen von der Wurzel her gelöst werden, indem die „strukturellen Ursachen“ der Armut beseitigt werden. Verursacht werde die Armut auf der Welt durch „Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems“, die beispielsweise das Phänomen „Ausschließung“ verursachen. Ausgeschlossen aus dem kapitalistischen Marktwirtschaftssystem werden immer mehr Menschen, die für die Kapitalverwertung unnütz seien. Denn die Menschen seien der Diktatur einer Wirtschaftsweise unterworfen, die kein wirkliches menschliches Ziel habe, sondern vom „Fetischismus des Geldes“ angetrieben werde. Infolgedessen konstatiere Papst Franziskus die „Leugnung des Vorrangs des Menschen“, der bloß das Mittel, nicht aber der Zweck des herrschenden Wirtschaftssystems sei. Gebrochen werde dergestalt päpstlicherseits mit jener Modernisierung der katholischen Soziallehre, die den Auswüchsen des Kapitalismus durch eine „Zähmung des Raubtieres“ den Garaus machen wolle, ohne zu ahnen, dass dessen maßloser Zweck, aus investiertem Geld mehr Geld zu machen, nicht zu zähmen ist.

Fraglich an den instruktiven Ausführungen der Münsteraner Befreiungstheologen Füssel und Ramminger ist allerdings, ob das „Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsweise“, das den Namen Kapitalakkumulation trägt, mit den päpstlichen Mitteln namens Ethik und Gottvertrauen zu überwinden ist. Darauf aber geht Henrici in seinem Enzyklika-Verriss nicht ein, weil er den päpstlichen Antikapitalismus ignoriert. Diese vorschnelle Leseweise führt jedoch dazu, dass Henrici sich in Widersprüche verwickelt. So behauptet er beispielsweise einerseits, Papst Franziskus gehe es nicht darum, „die Menschen mit den Gütern dieser Welt zu beglücken“. Andererseits aber zitiert er eine Passage der Enzyklika, in der gefordert wird, dass „die Güter dieser Welt zu mehren“ seien. Angeraten ist folglich ein aufmerksames Studium der ökonomiekritischen Passagen der Papst-Schrift, um sie zum Zweck der Überwindung des herrschenden Wirtschaftssystems nutzen zu können.