Charlottenstraße

Alltag im Sperrbezirk

Wenn von Prostitution in Düsseldorf die Rede ist, fällt sofort der Begriff „Charlottenstraße“. Die Terz sprach mit Anita Pavlovska und Julia Stolz von der Frauenberatungstelle, um sich einen Einblick in die Situation vor Ort zu verschaffen.

Die Bürokratie einer Stadt führt über alles genau Buch, also auch über die Sex-Arbeit. „Der Beratungs- und Untersuchungsstelle zu sexuell übertragbaren Infektionen des Gesundheitsamtes sind folgende Formen von Prostitution bekannt“, lässt das Rathaus im Februar 2011 als Antwort auf eine Anfrage der Grünen verlauten und zählt dann unter anderem öffentliche Häuser/Bordelle, Bizarr-Studios, Sauna-Clubs, Kontakt-Cafés, Massage-Salons, Escort-Services, Wohnungs- und Straßenprostitution, transsexuelle und männliche Prostitution auf. 203 „Betriebsstätten“ hat das Ordnungsamt registriert. „In diesen sind zurzeit 572 Sex-Dienstleisterinnen und –dienstleister tätig“ – selbstständig und teilweise sogar mit Gewerbe-Anmeldung, wobei sich ihre Zahl zu Messe-Zeiten noch „in erheblichem Maße“ erhöhen kann. Und das Gesundheitsamt weiß auch, was es nicht weiß: „Zu betonen ist hierbei der Aspekt, dass es sich nur um offiziell bekannte Betriebe handelt.“

Die Charlottenstraße erwähnt die Stadt in der Aufstellung nicht namentlich. Sie firmiert lediglich unter „illegal“, weil sie im Sperrbezirk liegt. Was drogenabhängige Prostituierte dort tun, subsummiert die Verwaltung kurzerhand unter „Beschaffungskriminalität“. Unter den ca. hundert dort tätigen Frauen befinden sich jedoch nicht nur Drogen-Nutzerinnen. Seit einigen Jahren arbeiten auf der Charlottenstraße verstärkt Osteuropäerinnen, vor allem solche aus Bulgarien oder Rumänien. Auf ca. 50 schätzt Anita Pavlovska von der Frauenberatungstelle ihre Zahl; eine Steigerung hat es der Mazedonierin zufolge in der letzten Zeit nicht mehr gegeben. Dennoch drückt sich darin keine Konstanz aus. Die Szene ist von hoher Fluktuation geprägt. Einige Frauen kommen nur für ein, zwei Nächte; andere bleiben ein paar Monate oder sogar 1 bis 2 Jahre.

Die Grauzone

Die Frage, ob viele von ihnen per Menschenhandel nach Deutschland kamen, können Pavlovska und ihre russisch-stämmige Kollegin Julia Stolz, die bei der Frauenberatungsstelle gemeinsam die Fachstelle für Opfer von Frauenhandel besetzen, nicht präzise beantworten. „Es gibt eine große Grauzone zwischen Menschenhandel, Zuhälterei und freiwilliger Prostitution, gerade auch, was die Charlottenstraße angeht“, so Stolz. Die meisten der Osteuropäerinnen hätten zwar einen Zuhälter, der sie nicht selten auch schlage oder um ihre Einkünfte brächte, erläutert Pavlovska, die sich aufgrund ihrer Sprachkenntnisse, wie ihre Kollegin, gut mit den Prostituierten zu verständigen weiß, aber diese Täter entstammten meistens Freundes- oder Familienkreisen. Und selbst wenn diese die Frauen mit der Aussicht auf eine reguläre Arbeit nach Deutschland gelockt hätten, sähen die Rumäninnen oder Bulgarinnen sich oftmals nicht als Opfer von Menschenhandel oder Zuhälterei. „Viele Frauen leben von Geburt an in diesem Opferstatus, als Mädchen, als Angehörige der Roma-Minderheit“, erläutert die Diplom-Pädagogin. Und auch Gewalt-Erfahrungen machten sie von früh an, ergänzt Julia Stolz und schildert das Dilemma: „So lange die Frauen aber sagen, das kenne ich aber so, das ist schon gut so, wird auch keine Strafanzeige gemacht.“ Ein Großteil der Osteuropäerinnen hat auch einfach nur Angst, auszusagen und ihrem Peiniger im Gerichtssaal gegenüberzustehen. Darum gab es 2012 in Düsseldorf nur fünf abgeschlossene Menschenhandelsverfahren, im Land 81 und bundesweit 491 mit 612 Opfern. Um großangelegte Operationen der Organisierten Kriminalität handelt es sich dabei meistens nicht. So betrug die Summe der abgeschöpften Gewinne bei den in NRW aufgedeckten Delikten dieser Verbrechensart bloß 36.800 Euro.

Der erste Düsseldorfer Prozess diesen Jahres fand im Januar vor dem Amtsgericht statt. Tatort war aber nicht die Charlottenstraße, sondern – wie landesweit in ca. 50 Prozent der Fälle – ein Bordell. Dessen Betreiber hatte eine minderjährige Schülerin angeheuert und musste sich deshalb wegen Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung verantworten. Die RichterInnen sprachen den Mann auch schuldig, verhängten jedoch nur eine lächerliche Strafe: 2.000 Euro.

Recht bald schon dürfte die Anzahl der Verfahren zunehmen. Die Bundesrepublik muss nämlich eine EU-Richtlinie zum Menschenhandel, die Anklagen erleichtern soll, umsetzen und will deshalb das Prostitutionsgesetz ändern. „Künftig sollen Verurteilungen nicht mehr daran scheitern, dass das Opfer nicht aussagt. Für die Opfer werden wir unter Berücksichtigung ihres Beitrags zur Aufklärung, ihrer Mitwirkung im Strafverfahren sowie ihrer persönlichen Situation das Aufenthaltsrecht verbessern sowie eine intensive Unterstützung, Betreuung und Beratung gewährleisten“, heißt es dazu im Koalitionsvertrag. Anita Pavlovska und Julia Stolz begrüßen dieses Vorhaben, denn sie kennen viele Prostituierte, die davor zurückschrecken, eine Aussage zu machen. Auch wissen sie trotz gegenteiliger Behauptungen des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts von Frauen zu berichten, die im Rahmen solcher Prozesse abgeschoben wurden. Bulgarinnen und Rumäninnen droht dieses Schicksal wegen der EU-Mitgliedschaft ihrer Heimatländer zwar nicht mehr, Frauen aus Drittstaaten wie Nigeria, Russland oder der Ukraine aber sehr wohl. „Es stimmt“, konstatiert Stolz: „Wenn die Frau illegal hier ist, geschnappt wird und sagt: ‚Ich bin Opfer von Menschenhandel’, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie nicht in die Abschiebehaft kommt. Wenn die Frauen aber Angst haben, etwas zu erzählen, landen sie doch in der Abschiebehaft.“ Und selbst die Aussagewilligen erwirken kein dauerhaftes Bleiberecht. „Wenn die Frau von Deutschland gebraucht wird als wichtige Zeugin, bekommt sie den Aufenthalt verlängert, wenn der Prozess abgeschlossen ist, muss die Frau ausreisen.“ Was nach der Erfahrung der Diplom-Psychologin nicht selten ein Trip ins Ungewisse wird: „Wir haben auch Fälle gehabt, wo die Frauen ausreisen mussten, aber nicht in ihre Heimatstadt zurück konnten, wo die eigene Familie wohnte, weil sie dort gefährdet waren.“ Deshalb halten beide Beraterinnen ein permanentes Aufenthaltsrecht für alle in Menschenhandelsprozesse verwickelte Frauen, unabhängig vom Grad ihrer Aussagebereitschaft, für unerlässlich. Zudem fordern sie für sich selber ein Zeugnisverweigerungsrecht, um das Vertrauensverhältnis zu schützen, das sie zu den Prostituierten haben. Sie selber mussten nämlich schon vor Gericht auftreten und sich dort etwa der Vorwürfe von Seiten der Verteidiger erwehren, sie fungierten als Einflüsterinnen, die den Frauen die Menschenhandelsidee überhaupt erst in den Kopf gesetzt hätten.

Gewalt-Erfahrungen

Zwangshandlungen üben aber auch die Freier aus. Diese verschwinden nicht nur allzu oft, ohne zu bezahlen oder halten die Sex-Arbeiterinnen zum Konsum von Alkohol oder Drogen an, sondern greifen auch zu Gewalt. Das geht bis hin zu Vergewaltigungen, etwa wenn die Frauen einem zweiten Mal oder bestimmten Praktiken nicht zustimmen. Darauf beschränken sich die Motive allerdings nicht, wie Anita Pavlovska betont: „Es geht nicht nur um Ablehnungen. Es gibt einfach Menschen, die krank sind. Denen geht es nicht um Sex als Vergnügen, sondern als Mittel, um Macht auszuüben. Und das können sie an Frauen, die auf der Straße und noch dazu auf einem illegalen Straßenstrich arbeiten und im Vergleich zu ihren Kolleginnen, die im Bordell arbeiten, ungeschützter sind, am besten auslassen.“

Die Stadt trägt in Gestalt des Ordnungsamtes nicht eben zu einem erhöhten Schutz bei, im Gegenteil. Ihr „Ordnungs- und Servicedienst“ (OSD) hat auf der Charlottenstraße nur die Aufgabe, die Frauen von dort zu vertreiben, und das kann die dort Arbeitenden in prekäre Situationen bringen. So klagte eine drogensüchtige Prostituierte schon 2008 in der Terz: „Und dann der Stress mit dem OSD. Die haben uns total gehetzt. Du konntest den Typen im Auto gar nicht mehr richtig einschätzen. Es musste alles schnell gehen, sonst hat es gleich Platzverweise und Bußgelder gegeben. Ich bin auch ein paar Mal bei Typen eingestiegen, die komisch waren. Ich hatte totale Angst, dass die Sachen von mir verlangen, die nicht abgesprochen waren. Ich hab’ aber immer Glück gehabt.“ Anita Pavlovska hat hingegen eine differenziertere Meinung zur Tätigkeit des OSD und spricht von den verschiedenen Aufgaben, die die einzelnen Akteure wie Ordnungsamt, Polizei und Sozialarbeiterinnen auf der Charlottenstraße haben. Aber auch sie nennt mögliche kontraproduktive Nebenwirkungen der Ordnungsdienst-Streifen. „Wenn das Ordnungsamt auf der Straße präsent ist, könnte es passieren, dass Frauen, bei denen wir einen Verdacht haben, dass sie es nicht freiwillig machen, in irgendwelchen Hinterhöfen landen, in irgendwelchen Teestuben, Bars oder Wohnungen, wo wir sie nicht erreichen können“, so die Diplom-Pädagogin.

Darum sprechen Pavlovska und ihre Kollegin sich jenseits schon bestehender Arbeitstreffen für mehr Kooperation zwischen den mit der Charlottenstraße befassten Einrichtungen aus. Julia Stolz plädiert außerdem dafür, irgendwo in der Stadt zusätzlich zur Fleherstraße einen legalen Straßenstrich auszuweisen, damit die Frauen nicht immer unter dem Druck des Ordnungsamtes stehen. Und dann wünschen die beiden sich die Einrichtung einer Beratungsstelle für Prostituierte, was die Stadt bisher allerdings abgelehnt hat. Darum erhalten die Frauen zwar Betreuungsleistungen, aber nicht als Prostituierte an sich, sondern nur insofern sie drogensüchtig sind oder potenzielle Opfer von Menschenhandel oder Zwangsprostitution. Ein direkt auf Prostituierte zugeschnittenes Angebot besäße demgegenüber den Vorteil, spezielle Ausstiegsprogramme zu entwickeln oder zu einem Einstieg in eine Art von Sex-Arbeit zu verhelfen, die unter regulären Bedingungen stattfindet. Für ein Verbot der Prostitution treten Anita Pavlovska und Julia Stolz hingegen nicht ein. „Ich glaube, es gibt einen großen Unterschied zwischen Prostitution und Menschenhandel. In den Zeitungen wird das oft gleichgesetzt. Wenn die Prostitution ein freiwillig ausgeübter Beruf ist, für den die Frauen sich entschieden haben, dann sollte man das nicht unter Strafe stellen“, meint Julia Stolz.

JAN