Zwangsprostitution oder selbstbestimmte Sexarbeit ?

Zur Debatte um das „älteste Gewerbe der Welt“

„Wie hältst Du‘s mit Sexarbeit und Prostition, feminista?“ Eine Frage, über die sich trefflich debattieren lässt und zu der es kaum einfache Lösungen gibt. gruppe_f lädt ein, genauer hinzugucken.

In den aktuellen Diskussionen um Sexarbeit und Prostitution prallen seit einigen Monaten recht medienwirksam zwei grundlegende Strömungen aufeinander, ihre Vertreter*innen führen die Debatten mitunter mit Zores und vor großem und meinungsfreudigem Publikum.

Die einen, angeführt von Alice Schwarzer, verdammen Prostitution als Ausdruck einer frauenverachtenden Gesellschaft. Männer, die die Dienste von Prostituierten in Anspruch nehmen, heißt es hier häufig, tun dies, weil sie Spaß an der Erniedrigung haben. Und Frauen, die sich prostituieren seien per se Opfer eines sexistischen Systems. Diejenigen, die sich nach eigener Aussage freiwillig prostituieren, erscheinen in dieser Logik als verblendet und unfähig, ihren eigenen Opferstatus zu erkennen. Hurenorganisationen wie Hydra oder Doña Carmen, die für verbesserte Arbeitsbedingungen und gesellschaftliche Anerkennung von Sexarbeiter*innen eintreten, leisten in Alice Schwarzers Augen Beihilfe zu einem Verbrechen.

Auf der anderen Seite sitzen in den Talkrunden bei Jauch und Co. jene gut ausgebildeten, sozial privilegierten Frauen, die sich aus freien Stücken für einen Job im Sexgewerbe entschieden haben, weil man dort „besser verdient“ und „mehr Anerkennung“ bekommt als beispielsweise im erlernten Beruf als Informatikerin. Sie können die Aufregung um sexuelle Ausbeutung nicht ganz nachvollziehen, ist für sie doch Sexarbeit ein Job wie jeder andere.

Wir, gruppe_f aus Düsseldorf, beschäftigen uns seit einigen Monaten (wieder einmal) ausführlicher mit dem Thema, das weit komplexer ist, als es Schwarzweißmaler*innen auf beiden Seiten zeichnen. Ein zentrales Dilemma besteht unserer Meinung nach darin, dass in der Debatte Zwangsprostitution und selbstbestimmte Sexarbeit vermischt werden. Zwar stellen auch wir uns die Frage, wie „freiwillig“ die Entscheidung sein kann, sich in einer patriarchal geprägten, kapitalistischen Gesellschaft zu prostituieren. Dennoch macht es einen Unterschied, ob Menschen (überwiegend Frauen) durch Gewalt, Armut oder Suchterkrankungen gezwungen werden, sexuelle Dienstleistungen anzubieten, oder ob Menschen zwischen verschiedenen Jobangeboten wählen und sich „aus freien Stücken“ für eine Arbeit im Sexgewerbe entscheiden können. Niemand, auch nicht die Befürworter*innen von Sexarbeit, tritt für Zwangsprostitution und Frauenhandel ein. Überhaupt diskutabel ist für uns daher allein jene Position, die für die Rechte und Anerkennung „freiwilliger“ Sexarbeit eintritt. – Nur: Wie ist es um diese Freiwilligkeit bestellt?

Um die Debatte voranzutreiben und unseren eigenen Horizont zu erweitern, laden wir im Februar zu einem offenen Diskussions-Workshop ein, bei dem wir in kleineren und größeren Runden über folgende Themenkomplexe sprechen wollen:

Ist „freiwillige Sexarbeit“ in einer kapitalistischen und patriarchal geprägten Gesellschaft ein Job wie jeder andere?
Jede*r von uns verkauft tagtäglich körperliche und geistige Arbeit, auf dem Bau, hinterm Tresen, am Schreibtisch. So ist das im Kapitalismus. In vielen sozialen Berufen, z. B. in der Pflege, kommt zur körperlichen Ausbeutung oft die seelische hinzu. Worin also besteht der Unterschied, wenn jemand eine sexuelle Dienstleistung verkauft? Sind die Grenzen zwischen Sexarbeit und Carework nicht fließend (Thaimassage ist Wellness, erotische Massage „igitt“)? Gleichzeitig bewegen wir alle uns innerhalb historisch gewachsener Geschlechterverhältnisse, die „weiße Männer“ privilegieren und „Frauen“ in vielen gesellschaftlichen Bereichen nach wie vor benachteiligen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass der Straßenstrich, auf dem oft verelendete Frauen (und Männer) zu Dumpingpreisen „alles“ machen (müssen), fast ausschließlich von Männern frequentiert wird, und Frauen, wenn überhaupt, bestenfalls Callboys aus dem gehobeneren Escort-Bereich für Sex bezahlen. Schließlich fragen wir uns, ob es angesichts großer Bordelle, in denen Frauen ihre Arbeitsplätze tageweise anmieten, überhaupt möglich ist, sauber zwischen freiwilliger, selbstbestimmter Sexarbeit und eben nicht ganz so freiwilliger, von ökonomischen und/oder sozialen Zwängen geprägter Prostitution zu unterscheiden. Die Grenzen im Milieu erscheinen uns fließend ...

Und warum schummelt sich dann oft auch noch eine Abwehr oder ein Zweifel ganz emotionaler Natur ein, wenn wir über (seltenst: mit!) Sexarbeiter*innen und ihre „Arbeit“ sprechen.
Also: Wie prägen historisch gewachsene gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen unseren Blick auf Sexarbeit/Prostitution? Die Vorstellung, dass Sex grundsätzlich mit Liebe verbunden sein und Sexualität ausschließlich im Rahmen einer auf Vertrauen basierenden, intimen, und bestenfalls monogamen Paarbeziehung stattfinden sollte, ist historisch gewachsen und nicht naturgegeben. Damit geht oftmals gerade auch die Vorstellung einer besonders empfindlichen und daher schützenswerten „weiblichen“ Sexualität im Gegensatz zur eher triebgesteuerten und gröberen „männlichen“ Variante einher. Auch diese Vorstellungen sind ebenso historisch gewachsen wie das Bild der „Heiligen“ (der verlässlichen Partnerin und Mutter zu hause) und der „Hure“ (dem hemmungslosen Weib, das alle Wünsche erfüllt).

Gleichzeitig werden solche bewussten oder auch unbewussten Denkmuster aber jeden Tag von uns allen gelebt und reproduziert. D. h. auch, wenn wir uns wünschen, dass Mädchen (und Jungen) ein selbstbestimmter, lustvoller Umgang mit ihrer eigenen Sexualität vermittelt wird, müssen wir leider anerkennen, dass das nicht passiert und sich deshalb mehr Mädchen schüchtern mit ihrer Angst vor‘m „ersten Mal“ an Dr. Sommer wenden als Jungen, denen man beigebracht hat, „Rücksicht“ nehmen zu müssen. Ist es also nicht an der Zeit, mal genauer hinzuschauen, wie das sexualmoralische Gepäck eigentlich aussieht, mit dessen Ballast im Kreuz über Sexarbeit oder Prostitution so trefflich gestritten wird. Und wär‘ dann nicht auch mal der Punkt gekommen, überholte Moralvorstellungen über Bord zu werfen?

Und was ist mit den „Männern“?:

Wie hängt die Existenz von Prostitution mit historisch gewachsenen Rollenbildern von „Männlichkeit“ zusammen?
Es gibt wenig verlässliche Zahlen zu der Frage, warum Menschen sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Eine der wenigen wissenschaftlichen Studien, die sich mit (heterosexuellen) Freiern beschäftigt*, arbeitet als Motivation vor allem auch verschiedene Selbstbilder heraus: Ein starker Sexualtrieb sei’s, der „den Mann an sich“ nach seiner „männlichen“ Natur steuert – das ist eines der Bilder, mit dem Freier sich selbst beschreiben. Schnell ist der Besuch bei einer Prostituierten in der Selbstwahrnehmung dann auch unter der Rubrik „muss man als Mann mal gemacht haben“ verbucht. „Die magische Anziehungskraft, die das Prostitutionsfeld als Subkultur auf potenzielle Freier ausübt“ ist auch kein kleiner Faktor, wenn es um die Motive von Freiern geht, schreibt der Autor Udo Gerheim. Das „Bordell“ als „antibürgerliche Subversionsphantasie“? Das „Prostitutionsfeld als omnipotenter Kosmos männlicher sexueller Wunscherfüllung“? Reicht’s, mal kritisch zu hinterfragen, wieviel anerzogene „Männlichkeit“ in den Gründen liegt, die Freier nennen? Knackt der kritische Blick auf Rollenbilder die Bewertung von Sexarbeit und Prostitution? Und lässt sich dann an der Existenz und den fragwürdigen Rahmenbedinungen für Sexarbeit und Prostitution überhaupt etwas verändern, wenn „echte Jungen“ (immer noch) zu „echten Männern“ erzogen werden?

Und wenn wir schon bei verstaubten moralischen Prägungen zu Weiblichkeit und Lust und Liebe, bei der Produktion von Männlichkeiten und beim Wesen von Arbeit waren: Wie sieht Sexarbeit denn aus, wenn es das alles nicht mehr gibt? Sexwork in Utopia? Wenn patriarchale Machtstrukturen und kapitalistische Warenwelt-Spielregeln heute den Rahmen für Prostitution – und Frauenhandel! – bestimmen und eine Freiwilligkeit im „Berufswunsch Hure“ in Zweifel ziehen lassen: Wie sähe es denn aus, wenn diese Bedingungen mal nicht mehr da sind? Kein Patriarchat, kein Kapitalismus, keine Entfremdung und Entwertung durch Arbeit und Verwertbarkeit – ach, das wäre schön! Und Sex? Wird es dann überhaupt noch Sexarbeit geben (müssen)? Schon das Wort an sich funktioniert nicht mehr. Und wie ist es dann erst recht bestellt mit den sogenannten „Trieben“, wenn es nicht mehr kickt, eine Prostituierte zu „besitzen“, weil Besitz nix mehr zählt? Würden wir dann solidarische Lust und Erotik als commons genießen (können)? Oder müssen in Utopia dann nicht auch „Schönheit“ und das, was „Attraktivität“ genannt wird, in Frage gestellt, ganz neu gedacht werden oder verschwunden sein?

Doch zum Schluss zurück zur Realität, wenn die Frage nach den aktuellen Situationen von Prostituierten und Sexarbeiter*innen ganz juridikativ-praktisch wird und die Konsequenzen von Gesetzen noch für keine*n wirklich absehbar sind:

Welche Haltung wollen wir in Bezug auf die aktuelle Gesetzgebung einnehmen?
Schadet das derzeitige Prostitutionsgesetz Arbeiter*innen im Sexgewerbe mehr, als dass es nützt? Welche Regelungen wären sinnvoll? Gibt es eine Möglichkeit, die von Zwangsprostitution betroffenen zu schützen und gleichzeitig für bessere Arbeitsbedingungen der „freiwilligen Sexarbeiter*innen“ einzutreten?

GRUPPE_F

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