... die Bäume schlagen aus!

Überraschungen zum 1. Mai 2014

Das Laubgrün über der Reitallee im Düsseldorfer Hofgarten ist als traditionsreiches Blätterdach für das „Fest zum 1. Mai“ Geschichte. Ab jetzt, so will es der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in Düsseldorf, sollen Brückenpfeiler und Rheinuferpromenade für klassenkämpferische Atmosphäre sorgen.

Nein, es geht in der Tradition des „1. Mai“ nicht in erster Linie darum, in den grünen Oasen der Großstädte unter freiem Himmel den Frühling zu genießen. Nicht in allererster Linie. In seiner Geschichte lebt der „1. Mai“ vor allem anderen von den Idealen der internationalen Solidarität der Arbeiter*innenbewegung – im Kampf gegen Ausbeutung und für die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern. Nicht weniger hatten die Teilnehmer*innen des Internationalen Arbeiterkongresses, dem Gründungskongress der Zweiten Internationale, im Juli 1889 im Sinn, als sie den 1. Mai zum „Kampftag der Arbeiterbewegung“ ausriefen, in ehrender Erinnerung und Aktion und als Antwort auf die blutige Niederschlagung von Arbeitskämpfen in der Agrarmaschinen-Metropole Chicago drei Jahre zuvor, die als sogenannter „Haymarket Riot“ in die Geschichtsbücher eingehen sollte. 1886 war „Streik“ die Parole der Stunde, als dort im Anschluss an eine Kundgebung auf dem „Haymarket“ und nach Tagen des Widerstands gegen Unternehmer-Willkür und Aussperrungen hunderte Arbeiter in den ersten Maitagen durch Polizeigewalt niedergemacht worden waren. Dutzende wurden getötet, die angeblichen Aufrührer rund um die anarchistische Chicagoer „Arbeiter-Zeitung“ wurden abgeurteilt. Vier Jahre später folgte die Arbeiter*innen-Bewegung dem Aufruf der Zweiten Internationale von 1889 und ging, zum Beispiel in Preußen, im Frühling 1890 zum ersten Mal „raus zum 1. Mai“. Mit dem gemeinsamen Ausflug zum benachbarten Gartenlokal, die rote Nelke als Erkennungszeichen im Knopfloch am Revers, ließ sich vielerorts das Versammlungsverbot umgehen. Im roten Wien heißt es in der dortigen „Arbeiter-Zeitung“: „Er ist sehr schön, der 1. Mai, und die Tausenden von Bourgeois und Kleinbürgern werden es den Hunderttausenden von Proletariern gewiss gern vergönnen, sich auch einmal das berühmte Erwachen der Natur [...] in der Nähe zu besehen.“

Heute, eine lange Geschichte des „1. Mai“ später, sind viele der Ziele von einst noch nicht erreicht. „Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlafen, acht Stunden Erholung“, „am Samstag gehört Vati mir“, und „IG-Metall fordert 30-Stunden-Woche“ (RP am 28.1.2014) – ‚nur‘ drei Schlagwörter der letzten weit mehr als 120 Jahre Arbeitskampf, stellvertretend für eine ganze Reihe von Forderungen, die auch 2014 kein bisschen weniger aktuell sind: Arbeitszeitverkürzung, Kündigungsschutz, Mindestlohn, immer noch: „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ .... Die Liste ist lang und ist in den vergangenen 100 Jahren auch nicht kürzer geworden. Nur ein bisschen anders. Denn nun treffen sich zum 1. Mai auch Leute, die vom Lohn für einen Vollzeitjob nicht mehr leben können oder die schon lange nicht mehr an irgendeine Form von Lohnarbeit glauben können, weil ihr ganz alltäglicher Kampf vor allem den Windmühlen von Jobcenter und „sozialem Arbeitsmarkt“ gelten muss. Vor allem letzteres, das Schlagwort vom „sozialen Arbeitsmarkt“, dem Surrogat-Beschäftigungsfeld für sogenannte Langzeitarbeitslose, führen nicht zuletzt gerade auch die großen Gewerkschaften im Munde. Genau die sind es aber, die nach wie vor wichtige Akteure für den „1. Mai“ sind. Ihrem institutionellen Hintergrund ist es vielerorts zu verdanken, dass Jahr für Jahr Bühnen aufgebaut werden, Redner*innen der Strom für das Mikrophon angestellt wird und nicht zuletzt viele Gruppen, Vereine, Organisationen und Initiativen diese Infrastruktur nutzen und an einem Tag im Jahr, nicht selten ausnahmsweise, zusammenkommen, um ihr zuweilen auch sehr unterschiedliches Engagement für eine bessere Welt diesseits und jenseits von „Arbeit“ und Maloche gemeinsam sichtbar zu machen.

Mit Nelke in’s „Grüne“

So war und ist das auch in Düsseldorf. Seit 1978 findet das „Fest zum 1. Mai“ mit seiner Mischung aus Kultur- und Familienprogramm, Infotischen und politischem Flanieren mit Picknick in jedem Jahr erneut auf der Reitallee und der angrenzenden Wiese im Hofgarten statt. Der Düsseldorfer DGB, der seinerzeit das Fest im Hofgarten noch am liebsten gegen eine „Gedenkveranstaltung“ in einem geschlossenen Raum eingetauscht sehen wollte, bündelt und übernimmt seit Jahren einen Großteil der organisatorischen Vorbereitungen. Seit seiner ‚Wiedererweckung‘ in den 1970er Jahren hat der „politische 1. Mai“ dabei auch in Düsseldorf ein Stückweit an Ecken und Kanten verloren. Als „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde“, wie der 1. Mai nach dem „Gesetz über die Sonn- und Feiertage“ seit April 1989 in NRW heißt, scheint er doch als gesetzlicher Feiertag auch fast zu schön in der Werte-Landschaft des staatlich-geförderten Miteinanders eingehegt zu sein, um gegen dessen Heiapopeia den Arsch hochzukriegen. Und die Reitallee ist auch nicht der Mariannenplatz. Doch als Treffpunkt zur Selbstvergewisserung, zum Pläneschmieden oder auch nur zum Wiedersehen unter Genoss*innen gehört das Fest im Hofgarten am 1. Mai für viele zu ihrem persönlichen (politischen) Jahreskalender dazu, trotz aller Kritik und Selbstkritik auch am schwindenden Elan, ihn als internationalen „Kampftag der Arbeiterbewegung“ politisch zu nutzen. Wie 1890, als das Gartenlokal im „Grünen“ (notgedrungener) Ort war, um sich mit den Genoss*innen zusammenzusetzen, lebt auch der 1. Mai in Düsseldorf dabei von der Atmosphäre des Hofgartens und von dem Gefühl, sich einen ausgesprochen bürgerlichen Ort der Freizeit und des Müßiggangs für einen Tag im Jahr zu erobern, sich breit zu machen auf der Reitallee und für wenige Stunden einen Platz (symbolisch) zu besetzen und umzunutzen – eben für Kebab und linke Politik.

Tschüss Hofgarten

Doch damit ist jetzt Schluss. Denn nach dem Willen des DGB zieht „der 1. Mai“ 2014 an einen anderen Ort um. Von nun an soll das Fest nicht mehr im lauschigen Hofgarten stattfinden, sondern auf dem Johannes-Rau-Platz. Die Entscheidung hierüber kam für viele, die sich in den vergangenen Jahren mit einem Stand am „1. Mai“-Fest beteiligt hatten, mehr als überraschend. So lud die Düsseldorfer DGB-Spitze am 22. Januar 2014 zur „Infoveranstaltung“ ein – wohl bereits wissend, dass es nicht nur Erklärungsbedarf zu dieser eigenwilligen Entscheidung, sondern möglicherweise auch Gegenwind geben würde. Gewappnet mit einer Powerpoint-Präsentation zum ‚Event 1. Mai‘ und im Rücken einen Herren Spezialisten zum Thema „Lebensmittelhygienepraxis“ erklärte Sigrid Wolf, ihres Zeichens neue Regionsgeschäftsführerin und Düsseldorfer DGB-Chefin (sowie SPD-Mitglied und ehemalige Wirtschaftsförderin), die Gründe, die den DGB vor Ort dazu bewogen hätten, diesen Umzug zum Rheinufer an der Kniebrücke für sinnvoll zu halten. Gebündelter, offener und sichtbarer in der Stadt könnten die „1. Mai-Kundgebung und das Familienfest“ am Johannes-Rau-Platz sein. Politische Reden, Unterhaltung, Kultur, Information und Spaß seien am Rheinufer besser aufgehoben, die Besucher*innen zerstreuten sich weniger als im Hofgarten, könnten gleichzeitig Kuchen essen, die Kinder im Auge behalten und den Reden lauschen. Im ‚Begrüßungsinterview‘, das die Rheinische Post Anfang Februar mit Sigrid Wolf führte, liest sich das so: „Wir hatten im Hofgarten das Problem, dass Bühne und Familienfest voneinander getrennt war [sic!], da teilte sich die Aufmerksamkeit. Das ist am Apollo anders“. Und Aufmerksamkeit, die möchte der DGB in diesem Jahr ganz besonders dringend haben, denn 2014 findet in Düsseldorf die landeszentrale Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes statt. Keine Geringere als Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) wird als Rednerin erwartet, flankiert vom DGB-Landeschef Andreas Meyer-Lauber höchstpersönlich. Und damit möglichst viele Menschen in den Genuss der Reden dieser beiden Stargäste kommen, scheint der Umzug an die Rheinuferpromenade an der Kniebrücke für Sigrid Wolf von Vorteil. Denn, so erzählt sie der RP weiter, hoffe sie „wegen der Lage auch auf mehr Besucher“.

Aber wohl nicht nur auf mehr, sondern vor allem auch auf andere Besucher*innen könnten die Organisator*innen vom DGB schielen. So ließe es sich zumindest vermuten. Denn jenseits dieser dürftigen Erklärungen für den so überraschend verkündeten Umzug vom Hofgarten an den Rhein ist nicht mehr herauszubringen aus den Entscheidungsträger*innen, weder in unserer lokalen ‚Lieblings-‘Zeitung noch anlässlich der sogenannten „Infoveranstaltung“. Da bleibt dann wohl nur, über die wahren Gründe zu spekulieren. Könnte es vielleicht daran liegen, dass auf den 1. Mai der 25. Mai folgt? Sind da nicht zufällig Wahlen? Und macht sich dann ein ‚gebündeltes‘ Fest zum „1. Mai“, ganz nah an Düsseldorfs ‚Schokoladenseite‘ und fernab des umstrittenen Großbauprojektes an der Südseite des Hofgartens rund um den Kö-Bogen nicht ausgemacht hübsch, mit möglichst vielen fröhlichen Menschen vor romantischer Rheinkulisse? Sind die Besucher*innen, die am 1. Mai zum Johannes-Rau-Platz kommen sollen, nicht vielleicht sogar selbst die Kulisse? Und vielleicht findet sich unter den zufälligen Besucher*innen schließlich auch der eine oder die andere, der oder die sich im Vorbeilaufen beim Rheinspaziergang für Hannelore Krafts SPD-Politik begeistern ließe? Und wie interpretieren wir eigentlich die zur „Infoveranstaltung“ beiläufig fallengelassene Bemerkung, dass der „1. Mai“ im nächsten Jahr ja vielleicht wieder zurück in den Hofgarten verlegt werde, wenn der Johannes-Rau-Platz sich nicht bewähre? Liegt das vielleicht daran, dass 2015 keine Wahlen sind? Oder dass der DGB am 1. Mai 2015 dann keine große, sauber gefegte ‚Bühne mit Rheinblick‘ mehr braucht, wenn die SPD in Nordrhein-Westfalen bei den Europa- und Regionalwahlen von 2014 in der Wähler*innen-Gunst fällt?

Saubere Würstchen grillen

In gleich großem Maße, wie die mageren Begründungen für den Umzug viele Fragen offen lassen und die Phantasie anregen, hat auch die Entscheidungsfindung für sich genommen offenbar nicht eben dazu beigetragen, den Johannes-Rau-Platz als neuen Ort für den „1. Mai“ unter den Mitwirkenden selbst attraktiv zu machen. So wurden anlässlich der „Infoveranstaltung“ im Januar 2014 Stimmen laut, die von undemokratischen Entscheidungsprozessen innerhalb des Düsseldorfer Gewerkschaftsbundes und einem autoritativen Stil gegenüber seinen Einzelgewerkschaften sprachen. Mensch könnte sogar meinen, – wüsste mensch es nicht besser, denn das kann ja eigentlich nicht sein, nicht wahr! – die Einzelgewerkschaften des DGB seien selbst überrascht gewesen von dem neuen Standort für den „1. Mai“, wie er nun im Januar so forsch präsentiert wurde. Das einzige, was zweifelsfrei festgehalten werden kann, ist, dass alle Teilnehmer*innen der „Infoveranstaltung“ nun bis ins kleinste Detail wissen, wie ein Grillwürstchen einzutuppern ist, wenn es am Johannes-Rau-Platz auf den Rost geschmissen werden soll, ohne dass das „Amt für Verbraucherschutz der Landeshauptstadt Düsseldorf“ mit dem Salmonellen-Detektiv anrückt. Denn die Darbietung des Herren von der ‚Lebensmittelhygiene‘-Abteilung war so ausführlich und penibel, wie mensch es sich zur Begründung des Umzugs-Brimbamboriums gewünscht hätte. Also Leute: Kartoffelsalat gehört unter die Frischhaltefolie, hinter der Salatbar habt ihr Euch, wie es im Merkblättchen zum Verbraucherschutz beim Mai-Fest heißt, „sauber zu halten und saubere Schutzkleidung zu tragen, einschließlich einer geeigneten Kopfbedeckung, die das gesamte Haar erfasst; kein Schmuck an den Händen“ und vor allem: „kein Nagellack“ – auch nicht in Nelken-Rot!

Die TERZ wird sich am 1. Mai übrigens alle Finger- und Zehennägel lackieren, sich eine angemessen rote Blume an den Hut stecken, eine Klappstulle und ’ne Limo einpacken und raus fahren in’s Gartenlokal, um dort bei einer Maibowle über früher zu plaudern und Pläne für morgen zu schmieden. Das macht bestimmt mehr Spaß, als Staffage für ein Bühnenstück zu sein, dessen Inhalt mensch nicht mehr wiedererkennt.
Nur, falls Ihr uns vermisst!