We are born naked, the rest ist drag!

Na, immer noch Glitzer auf der Friese oder schon Nachbeben in der Magengegend? Kopfschmerzen?

Wer sich zwischen „Altweiber“ und Rosenmontag so richtig verausgabt hat, weiß wenigstens, woher das Dröhnen im Schädel kommt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sich schon im Vorfeld der „4. Session“ so richtig amtlich vor die Stirn gehauen hat, wer zuletzt mal aus Jux und Dollerei in das Düsseldorfer Käseblättchen „Düsseldorfer Anzeiger“ geguckt hat. „Stöckelnde Kerle“ – sprang’s eine*n dort Anfang Februar in der Rubrik „Düsseldorf Live“ an. Ja, Düsseldorf ist bisweilen bunt, regenbogenbunt. Und das ist gut so. Auch an Karneval. Denn schon seit 1996 gibt es den „Düsseldorfer Tuntenlauf“, eine fette Party mit Fummel-Contest und Schnickschnack von High Heels bis Federboa. Spenden und Eintrittsgelder kommen seit Jahr und Tag der Düsseldorfer Aids-Hilfe zugute. So auch am 1. März 2014. Doch was da Anfang Februar wohl als gutgemeinte Werbung für die kommende Drag-Party mit Outfit-Wettbewerb gedacht war, ist mal so richtig bescheuert in die – Verzeihung! – Netzstrumpfhose gegangen. „Echte Kerle auf hohen Schuhen“, das sei am Karnevalssamstag wahre „Düsseldorfer Tradition“, formulierte das Gratis-Blatt dort. Denn was wäre das „schrille Spektakel“ mit dem schönen – offiziellen (!) – Namen „Tunte lauf!“ schließlich ohne „echte Kerle“? Und als wollte der Artikel es nochmal extradick unterstreichen, dass der Düsseldorfer Anzeiger scheinbar wirklich nichts kapiert hat, heißt es munter weiter: „Also Männer, traut euch!“. Klar, das ureigene Motto „Ab in den Fummel, auf die Stöckel, fertig los!“, mit dem der Veranstalter, der Karnevalsverein „KG Regenbogen e.V.“, zu seiner Party aufgerufen hat, ist vielleicht auch nichts für Menschen mit zartem Humor. Aber für diesen Fall gibt’s ja gute Bücher – zum Beispiel von Judith Butler – oder ein feines Ausflugsziel im Düsseldorfer Umland, die all jenen als Argumente für den berechtigten Eskapismus taugen können, denen Helau und Kamelle so gar nicht gefallen. Gar nicht lustig ist dann aber, was der „Düsseldorfer Anzeiger“ aus der Party-Ankündigung macht: Es druckst und zotet aus der Druckerschwärze, dass Rainer Brüderle seine Freude daran hätte. Und Klaus Nomi vor Schreck beim Falsett-Singen ein paar Gläser zerspringen ließe, bliebe die Zeit vor lauter Im-Grabe-Umdrehen. Und damit es auch ja nicht zu Missverständnissen kommt, raunt es schwül weiter im Text: „Im Gegensatz zum wahren Leben ist bei Tunte Lauf aber auch wirklich jeder Zentimeter spielentscheidend!“ Drags und Tunten sind eigentlich ‚nur‘ verkleidete „echte Kerle“? Im „wahren Leben“ mit all seinen Bedrohungen für den „echten Kerl“, der mitsamt seinen ‚in echt‘ nur unerheblichen soundsovielen Zentimetern irgendwie mit seinen Kastrationsphobien zwischen all den tollen unmännlichen* und spielentscheidend erfolgreichen Frauen* umgehen muss, gibt es gar keine Drags, kein queeres Selbstverständnis? Der Tuntenlauf – gar nicht ernst gemeint? Der Fummel nur ein Karnevalskostüm? OK, selbst wenn mit einer riesigen Portion goodwill der Bezug zur Absatzhöhe quer durch den halben Artikel hergestellt werden könnte und wir schulterzuckend weiterlesen, kommt dann doch noch ein echter Knaller, der alle Zweifel ausräumt. Heißt es doch am Ende des Artikels so dümmlich-schenkelklopfend über die Herausforderung, den Titel „Super-Tunte 2014“ abräumen zu wollen: „Ach ja: Das ist natürlich nichts für Weicheier“! – Ist „boah ey“ eine adäquat geschlechtsneutrale Antwort? Oder vielleicht doch lieber wiehernd Lachen? Nur gut, dass Düsseldorfs Erste Bürgermeisterin Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) als Ehrenmitglied der KG Regenbogen e.V. und Jurorin dabei war, als es in der Nachtresidenz um – nochmal Verzeihung – harte Eier und falsch-gemeinte Wimpern ging, wenn wir dem Düsseldorfer Anzeiger mal wortgetreu folgen wollen. Die Karnevalistin Strack-Zimmermann, die „Expertin für Tunten“, wie es heißt, weiß ja bekanntlich, wie guter Spaß aussieht, hat sie sich doch im vergangenen Jahr im Partnerlook mit ihrem „Mann Horst“ (RP-Bilderserie „Marie-Agnes Strack-Zimmermann – Im Karneval ganz jeck“) als „Griechen mit Sammelbüchse“ verkleidet. Darauf ein Ouzo! Als Kopfschmerzen-Therapie!

Da zu Redaktionsschluss Karneval noch Zukunftsmusik war: Hoffentlich hat es trotzdem Spaß gemacht!

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