37 Jahre Wandmalerei in Düsseldorf

Ein Rückblick nicht ohne Zorn von Thomas Giese

Düsseldorf wirbt damit, dass es mit die frechsten Karnevalswagen hat. Übergangen wird, dass jahrelang mittels Polizeigewalt alles Bissige aus dem „Zoch“ aussortiert wurde. Rosenmontag 1984 – also vor nunmehr 30 Jahren – war die Wandmalgruppe Düsseldorf unter dem Motto: „Der Aufschwung ist da!“ zusammen mit Initiativen als champagnertrinkende Unternehmerschaft dem Zoch voran gezogen. Vorweg das Schild: „Für uns Kaviar, für Euch Kohl!“ Die Gruppe flog raus wie bereits zwei Jahre zuvor mit einem „McRonald‘s Schießburger“.

1984 war „Street Art“ messekompatibel geworden: Auf der „Art ‚84“ war in Basel erstmals „Black Graffiti“ zu sehen, ein Verlag brachte den Kunstband „Graffiti – Wandkunst und Wilde Bilder“ heraus. Darin wurde in einem der Aufsätze vor Romantisierung gewarnt. Zwar hätten „Graffiti“ zur Steigerung des Selbstwertgefühls der nun auf dem Kunstmarkt Arrivierten geführt. Doch hinter der bunten Sprüh-Fassade verschwänden die wirklichen Probleme der Black Communitys. Die „Reagonomics“ begännen zu wirken. „Die Zahl der Armen ist in den Vereinig­ten Staaten im Jahr 1982 um 2,6 Millionen auf insgesamt 34,4 Millionen gestiegen.“ Doch „Wut und Enttäuschung richten sich nicht so sehr nach außen, also auf die Wirtschaftslage oder auf den Chef, sondern gegen sich selbst.“ Ungewohnte Töne für einen Kunstband! Die „Gentrifizierung“ findet sich da bereits sehr genau beschrieben. Über eine Graffiti-Ausstellung in der Lower Eastside heißt es: „Taxis und Limousinen fuhren vor, Leute quollen heraus (…) Man sah Smokings und Overalls, hochgeschlossene Spitzenblusen und Lederjacken. Ein Hauch von Jahrhundertwende und ein Hang zum Punk. Es schien, als ob diese Ausstellung eigens für die auftrittssüchtige New Yorker Gesellschaft inszeniert worden war.“ Und Mieten schossen in die Höhe ...

Neben dem über die New Yorker Graffiti­szene gab es weitere Beiträge über kritische Wandmalerei in Italien, Spanien, Portugal, Nicaragua, Mexiko und Chile sowie über „den Sprayer von Zürich“. Ich schrieb einige Seiten über die Wandmalgruppe Düsseldorf, in der ich seit Herbst 1978 aktiv war.

Auf der Frankfurter Buchmesse – ebenfalls 1984 – präsentierten wir den Bildband „Mit Vollgas in die Wände“. Begriffe wie „Street Art“ oder „Mural Movement“ mieden wir darin bewusst. Wenn wir bei Malaktionen auf Infoblättern eine zweite Sprache wählten, war es Türkisch – analog der US-amerikanischen Wandmalbewegung, die ihre Texte oft nicht nur auf englisch, sondern auch auf spanisch verfasste. Spanisch ist in den USA die Sprache der Puertoricaner*innen und der eingewanderten, oft ohne Papiere lebenden Mexikaner*innen, die gezwungen sind, sich mit den miesesten Jobs durchzuschlagen. Der US-amerikanische Begriff „mural“ (statt „wallpainting“) ist übrigens eine Modifizierung von „Murales“. Denn die nach der mexikanischen Revolution entstandenen Wandmalereien hatten einen wichtigen Einfluss auf die Kunst in den USA.

„Legale“ Skandale

In dem TERZ-Artikel „Legal – illegal – Kunst“ (TERZ 09.13) wurde ein Loblied auf die Zeiten angestimmt, als Wandmalerei noch illegal war. Doch die Wandmalgruppe hatte sich von Anfang an auch auf offiziell geförderte Projekte eingelassen: 1979/1980 das Auge und Ohr am Hellweg, die an Häusern der Städtischen Wohnungsgesellschaft entstanden. Die Mietergemeinschaft hatte übrigens schnell ihre eigene Interpretation: „Wir lassen uns von der SWD nicht übers Ohr hauen!“ Und auch den Hinterhof der Hammer Dorfstraße 1, wo im Juni die „Dauerbesichtigung“ des Bündnis für bezahlbaren Wohnraum“ für Schlagzeilen sorgte, hatten wir unter Einbeziehung von Kindern gestaltet. 1981 folgte in Köln ein Wandbild unter Einbeziehung von deutschen und türkischen Kindern: „Täglich eine Reise in die Türkei und zurück“. Es thematisierte das Leben zwischen zwei Kulturen. Um die Finanzierung derartiger Projekte besser abzusichern, war 1987 der Verein Farbfieber gegründet worden. Uns allen war klar, dass ein gemeinnütziger Verein niemals so offen Stellung beziehen könnte, wie die Wandmalgruppe. Deshalb sollte die Gruppe unabhängig vom Verein weiterexistieren.

Dass die Gruppe tatsächlich nichts an Biss verloren hatte, bewies sie, als sie 1989 „museal“ wurde. Der Direktor des Stadtmuseums, Wieland Koenig, hatte nahezu die gesamte obere Etage des Museums für eine Retrospektive der Gruppe zur Verfügung gestellt. Dort inszenierten wir eine „politische Geisterbahn“. Diese gab Anlass, dass in Düsseldorf auf allen Ebenen, im Büro des Stadtdirektors, im Kulturausschuss, in den Medien und auch den Leserbriefspalten, über Rüstungsexporte, Apartheid und die Frage „Was darf die Kunst“ diskutiert wurde. Eine Gruppe CDU-Mitglieder hatte kurz nach Austellungseröffnung behauptet, in den Räumen würden „RAF-ähnliche Todeslisten“ gezeigt, und strengten eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Museumsdirektor an. Wir stellten daraufhin Strafantrag wegen Verleumdung. Die angeblichen „RAF-Todeslisten“ entpuppten sich als offizielle Uno-Liste, auf der all die deutsche Firmen aufgeführt waren, die trotz Uno-Boykottaufrufs weiterhin ihre Geschäfte mit dem damaligen Apartheidsregime in Südafrika machten. Der Uno indirekt zu unterstellen, sie sei Helfershelfer der RAF, war auch der „Fankfurter Rundschau“ eine Meldung wert. Ästhetisch bedeutete die Ausstellung eine Weiterentwicklung, wie Besucher*innen lobten. Die Rauminstallationen „Rechtsrutsch/Latente Schieflage“ von Anne Aumann, „Neue Reichskanzlei“ von Gerd Trostmann und „Die Zerstörung“ von Willi Oesterling zeigten bei Straßenaktionen eingesetzte Schaumstoffmaskeraden, eine Technik, die von Piero Gilardi (Turin) entwickelt und von Klaus Klinger modifiziert worden war.

„Chile + Terror + Strauß“

1977 war das erste Werk der Wandmalgruppe entstanden. Anlass war der vierte Jahrestag des Pinochetputsches. Als Franz Josef Strauß nach Chile reiste und das dortige Regime lobte, da durch dieses „der innere Friede garantiert“ sei, wurde das Bild aktualisiert. Der mittlere der drei an die Wand gemalten Soldaten wurde durch den bayrischen Ministerpräsidenten mit geballten Fäusten ersetzt. Darüber der Schriftzug: „Chile + Terror + Strauß“. Nach der Entführung Hans-Martin Schleyers wurde nahezu jeder, der auch nur im Ansatz eine kritische Meinung besaß, unterstellt, Sympathisant*innen oder Mithelfer*innen der RAF zu sein. Die Überschrift stellt die Frage nach den Sympathisant*innen des Terrors neu.

Als das Bild plötzlich weiß übertüncht war, malten die Künstler*innen dick „zensiert“ drüber. Weitere Bilder thematisierten Bespitzelung, Neutronenbombe und die „Angst vor Rot“. Die Häuser an der Grafenberger Allee, die als Maluntergrund gedient hatten, und die von der Wohnungsgesellschaft „Neue Heimat“ bewusst dem Verfall preisgegeben wurden, gingen faktisch in die Selbstverwaltung der Bewohner*innen über. (Heute steht an der Stelle die „Bundesagentur für Arbeit“) Als es zu einer weiteren Zensurattacke der Wohnungsgesellschaft kam, stellten sich Lokalpresse, Berufsverband Bildender Künstler und Gewerkschafter demonstrativ hinter die Kunststudenten*innen der Wandmalgruppe.

An der Grafenberger Allee zeigten die Düsseldorfer Filmemacher Georg Bender und Ina Brandt in einem improvisierten Open-Air-Kino einen Film über die Wandmalereien, die während der Nelkenrevolution in Portugal entstanden waren. 1982 erschien in „Community Mural“, dem Magazin der US-amerikanischen Wandmalbewegung, ein mehrseitiger Bericht über die Wandmalgruppe. Unter anderem auch mit Abbildungen des mit Pappraketen gespickten „McRonald‘s Schießburger“. Das fahrbare Riesenbrötchen, das auf vielen Demos eingesetzt wurde, war gemeinsam mit der Intitiative „Düsseldorfer gegen Atomraketen“ entstanden, um gegen Ronald Reagans Stationierungspläne zu protestieren. In dem US-Magazin war es in guter Gesellschaft mit Abbildungen von Wandbildern aus Chicago und Illinois, die sich gegen die „social cuts“ der Reagan Administration richteten. Drei der Düsseldorfer Wandmaler hatten bereits 1980 den City Arts Workshop in New York besucht. Ich selbst hatte zudem gute Kontakte zu politischen Wandmaler*innen in Italien. Auf Einladung des italienischen Wandmalkünstlers Piero Gilardi bemalten wir 1984 in Turin ein Centro Sociale.

Die Wandmalgruppe Düsseldorf hat kein Gründungsdatum. Es begann 1977 mit der Aktion eines Einzelnen. Willi Oesterling, zu der Zeit Lehramtsstudent an der Kunstakademie, malte drei „Chilesoldaten“ vor vergitterten Fenstern. Bei der Aktualisierung des Bildes 1978 war bereits ein zweiter dabei, ein dritter kam hinzu. Im Herbst wurde aus den „drei Mauermalern von der Grafenberger Allee“, wie sie in der Presse hießen, die „Wandmalgruppe Düsseldorf“. Wie ist der kometenhaften Aufstieg, der Gruppe zu erklären? Einer der Gründe ist sicherlich, dass Journalist*innen die sich selbst abfeiernde Künstlergenies, die ihnen die Redaktionstüren einrannten, gründlich satt hatten. Endlich war da ein „Kollektiv“– Künstler, die nicht ihr Ego in den Vordergrund stellten, sondern bewusst zusammen arbeiteten und zudem Initiativen und Anwohner*innen, Kinder und Jugendliche in ihre Malaktionen einbezogen. Deshalb erhielt die Gruppe von Anfang an gute Presse. Natürlich war das mit dem „Kollektiv“ eine Übertreibung. Der Arbeitseinsatz der bis zu zehn Künstler*innen, Kunsterzieher*innen, Grafiker*innen und Student*innen anderer Fachrichtungen, war höchst unterschiedlich. Dass der Verein Farbfieber im Netz und Printmedien die Historie der Wandmalgruppe auf eine einzige Person zurückführt, ist aber eine noch größere Lüge.

Die Gruppe hatte sich 1991 aufgelöst. Kurz zuvor gab es den abstrusen Versuch, im Nachhinein das in 13 Jahren gemeinsam Geschaffene in individuelle Urheberrechtsanteile auseinander-zu-dividieren. Lange Listen wurden erstellt. Das Vorhaben scheiterte.

Was bleibt?

Heute gibt es keine Sammlung, in der ein Objekt, ein Foto einer Aktion oder eines Bild der Wandmalgruppe zu finden wäre. In einem schmalen Gang im Düsseldorfer Stadtmuseum war einst die große Retrospektive der Wandmalgruppe mit Fotos und einem der Objekte dokumentiert. Doch nach dem Weggang Wieland Koenigs wurde alles zusammen mit den anderen Dokumenten, Gemälden, Objekten, Fotos, welche die Düsseldorfer gesellschaftspolitischen Bewegungen nach 1945 dokumentierten, abgeräumt.

Um individueller Legendenbildung vorzubeugen, haben Anne Aumann, Willi Oesterling und ich uns entschlossen, uns nicht mehr zur Wandmalgruppe zu äußern. Wir werden stets auf die authentischen Quellen verweisen. Der Bildband „Mit Vollgas in die Wände“ (Frankfurt, 1984) und den Katalog über die Stadtmuseumsretrospektive „Düsseldorf – eine feine Adresse“ (Düsseldorf 1991; beide antiquarisch erhältlich). Der Unterschied zwischen dem Bildband von 1984 und dem, was Farbfieber über die Wandmalgruppe schreibt, sind beachtlich. Die ersten Malaktionen werden in dem Bildband als „demonstrative Wandaneignungen, äußere Symbole der Selbstverwaltung der Häuser, in denen wir wohnten“, beschrieben. Weiter heißt es da: „Der freien Entfaltung einer Wandmalkultur stehen die bestehenden Besitzverhältnisse entgegen: Der Maluntergrund befindet sich in privater Hand. Insofern schuf in der BRD die Zeit der starken Bewegung gegen Stadtteilzerstörung eine besondere Situation. Denn die Verfügungsgewalt der Spekulanten über Wohnhäuser wurde vorübergehend hier und da angekratzt, und als Folge entstand auch eine andere Kultur an und in selbsverwalteten und besetzten Häusern.“

Die Konjunktur engagierter Malerei sei stets mit politischen Bewegungen verbunden, wie das Beispiel USA zeige: „Unter dem starken Einfluss der mexikanischen Wandmalbewegung war es der Künstlergewerkschaft zur Zeit des ‚New Deal‘ gelungen, eine Förderung von Wandmalprojekten als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durchzusetzen. Die kritischen Bilder dieser Zeit wurden während des Kalten Krieges und der McCarthy-Zeit zerstört und waren fast vergessen. Erst die breite Bewegung gegen den Vietnamkrieg und der Kampf der Schwarzen für Bürgerrechte wurden zu einer Basis, auf der diese Stadtkultur neu aufblühen konnte.“

Die während des urban art festivals vergangenen September entstandene „Street Art“ am Fürstenplatz bedeutet sicherlich eine ästhetische Aufwertung des gentrifizierten, beziehungsweise teilgentrifizierten Platzes. Fragen bleiben: Welche Rolle spielen giebelhohe Wandbilder? Ist die derzeitige Kampagne „I don‘t smile for Düsseldorf“ vielleicht wirkungsvoller als großflächige Malerei? Ist nicht vielmehr eine über rein Ästhetisches hinaus gehende Kreativität das Gebot der Stunde? Als Beispiel wäre hier die originelle Aktion der „Dauerwohnungsbesichtigung“ des „Bündnis bezahlbarer Wohnraum“ zu nennen, mit der die Behauptung, die Wohnungen an der Hammer Dorfstraße seien nicht „zeitgemäß“, ad absurdum geführt wurde.

THOMAS GIESE