CRIMETHINC. Vortragstour macht halt in Düsseldorf

(ald) Das aus den USA stammende Kollektiv Crimethinc. schafft es seit Jahren wie kaum eine andere Gruppierung, anarchistische Diskurse voranzutreiben und zu popularisieren: Ihre Texte, Magazine, Bücher werden weltweit übersetzt, ihre Memes und Anleitungen für den Straßenkampf fand man beim Tahir-Platz und bei den Taksim-Protesten.

Nun wurde das letzte Buch des Kollektivs «Work» ins Deutsche übersetzt. Einige der Autor*innen der Original-Ausgabe sind aus diesem Anlass in Europa auf Vortragstour und machen am 10. April auch in Düsseldorf halt. An dieser Stelle kann TERZ einen Vorabauszug aus der Übersetzung von «Work» präsentieren:

Kapitel 28: Konsum

„Das einzig ‚freie‘ an der sogenannten Freizeit ist, dass sie den Boss von der Lohnfortzahlung befreit. Die Freizeit wird hauptsächlich genutzt, um sich auf die Arbeit vorzubereiten, zur Arbeit zu gehen, von der Arbeit zu kommen und sich von ihr zu erholen. Freizeit ist ein Euphemismus für die besondere Art, mit der die Arbeitskraft als ein Produktionsfaktor nicht nur sich selbst zum und vom Arbeitsplatz transportiert, sondern auch die Hauptverantwortung für die eigene Versorgung und Wiederherstellung übernimmt. Drehbänke und Schreibmaschinen machen das nicht. Arbeiter schon.“
- Bob Black

Damit Kapitalismus funktioniert, muss der Zugang der Arbeitenden zu den Produkten ihrer Arbeit einzig über den Markt laufen. Wenn sie direkt alles herstellen und nutzen könnten, was sie brauchen, gäbe es keine Möglichkeit für Kapitalist*innen, Profit zu machen. Diese Trennung zwischen Produktion und Konsum entsteht zwangsläufig bei jedem Übergang zum Kapitalismus. Wenn der Kapitalismus sich ausweitet und vertieft, wird diese Trennung zu einer Trennung zwischen den Arbeitenden und jedem Aspekt der Welt, in der sie leben.

Selbstverständlich werden nicht nur die Produkte der bezahlten Arbeit konsumiert. Europäische Kolonialisten warfen den Indigenen Kannibalismus vor, manchmal ausdrücklich um ihre Versklavung zu rechtfertigen. Heute erinnern nur noch einige Namen von Städten oder Sportteams an einige dieser indigenen Gemeinschaften, während ihre Grundnahrungsmittel und religiösen Traditionen an Tankstellen verkauft werden. Wer hat hier wen gefressen?

Nachdem alle Menschen in den Markt gedrängt wurden, entstehen neue Dynamiken. Während die Produktion gesteigert wird, unterliegt das schiere Überleben einer Art Wertverlust: Immer mehr Ressourcen werden benötigt, um am sozialen Leben teilhaben zu können. Vor einigen Jahrhunderten waren Kleinbauern nur für wenige Güter auf den Tauschmarkt angewiesen – den Großteil ihres täglichen Bedarfs konnten sie selbst anbauen oder mit ihren Nachbar*innen tauschen. Heute brauchen wir ein Handy, einen Fernseher, einen Computer, ein Auto, ein Konto und einen Dispokredit, Versicherungen und vieles mehr, um an der Gesellschaft teilhaben zu können und erst recht, um irgendeinen Einfluss in ihr ausüben zu können. Wenn ein Kleinbauer durch ein Wunder einen dieser Gegenstände besessen hätte, wäre er reich gewesen, aber heute können wir all diese Gegenstände besitzen und trotzdem arm sein. Durch diesen Wertverlust entsteht eine Klasse von Menschen, die mitten in einer Fülle von Waren aus der Gesellschaft ausgeschlossen sind.

Dieselbe Dynamik wirkt auch auf der Ebene von Staaten und Nationen. Wenn eine Gesellschaft darum ringt, mehr als ihre Nachbar*innen zu produzieren und zu erfinden, um sie zu erobern oder mindestens von ihnen zu profitieren, dann müssen sich alle darum bemühen, mitzuhalten. Wer will schon arm und ausgebeutet enden? Dieser Druck ist es, der für einen Großteil der zerstörerischen Industrialisierung der „Entwicklungs“-Länder verantwortlich war.

Während sie selbst zur Ware geworden sind, konsumieren die Arbeitenden Waren, um so in der einzigen ihnen zur Verfügung stehenden Weise selbst Macht auszuüben. Wenn die Alternativen fehlen, wandelt sich Kaufen von einem notwendigen Übeleiner geheiligten Handlung. In der Religion des Kapitalismus, in der finanzielle Macht mit gesellschaftlichem Wert gleichgesetzt wird, und damit Geld-Ausgeben zu einem Beweis des eigenen Werts wird, wird Kaufen zur Kommunion. Das Kaufhaus ist der Tempel, in dem der Akt des Kaufens den Platz des Konsumenten in der Gesellschaft bestätigt. Ein Großteil unserer Freizeit besteht aus Ritualen, in denen es vorrangig um Geld-Ausgeben geht. Erst durchs Geld-Ausgeben zählen Handlungen als „gute Unterhaltung“ oder als „ein Date haben“.

Massenproduktion hat im 20. Jahrhundert eine zunehmend gleichförmige Konsumkultur erschaffen. Doch als die Ausdehnung des Marktes ihre Grenzen erreichte, gingen die Kapitalist*innen dazu über, die Auswahl für die Konsument*innenvergrößern. Folglich wurden rebellische Subkulturen, die als Reaktion auf die Massengesellschaft entstanden waren, zu neuen Marktnischen. Werbung für Individualität und „Abweichung“ wurde zu einem Mittel, mit dem die Konsumgesellschaft weiter und weiter ausgedehnt wurde. So wurde Nutzen aus der Unzufriedenheit gezogen, die sie selbst produziert hatte.

Heute gibt es eine Produktlinie für jede Identität – für jede ethnische Gruppe, sexuelle Präferenz oder politische Position. Diese Produkte sind ununterscheidbar von den Identitäten geworden, für die sie erschaffen wurden: Wenn ein Popstar darüber singt, was er an einer Frau mag, singt er über ihr Parfüm, ihr Make-Up, ihre Kleidung. Auch die rebellischsten subkulturellen Identitäten basieren auf gemeinsamem Konsumverhalten – auf einer gemeinsamen Ästhetik.

In einer Zeit, in der unter ökonomischem Druck fortwährend Arbeitskräfte und lokale Gemeinschaften auseinander gerissen und neu zusammengesetzt werden, ist es nicht überraschend, dass Menschen ihr Selbstwertgefühl stärker auf ihr Konsumverhalten stützen als auf ihre Rolle in der Produktion. Aufsässige Viertel werden weg-gentrifiziert und rebellische ethnische Gruppen werden zwischen Assimilation und Gefängnis aufgespalten. Jede soziale Gruppe, die sich eine radikale Auffassung ihrer Interessen aneignet, wird möglichst rasch aufgelöst. Vielleicht erklärt das, warum sich eine Opposition zum Kapitalismusideologische Identität verbreitet, aber als Triebkraft in Kämpfen um Produktion und umphysisches Gebiet an Bedeutung verliert. Widerstand ist unter diesen Umständen nicht unmöglich, aber er muss neue Formen annehmen. Der Großteil der Innovationen in Bezug auf Widerstandstaktiken haben auf dem Gebiet des Konsums stattgefunden, nicht auf dem der Produktion – zum Beispiel in Form von Hausbesetzungen, Food-Coops, antikapitalistischen Subkulturen.

Währenddessen wird jede Form von Widerstand, die nicht direkt an der Wurzel des Problems ansetzt, vom Markt vereinnahmt. Empörung über einzelne Symptome des Kapitalismus haben zu ethischem Konsum geführt, der nur dazu dient,kapitalistische Ökonomie anzuregen. Denn für Produkte wie freilaufende Hühner und Fairtrade-Kaffee ist das Attribut „ethisch“ ein weiterer Verkaufsförderer, durch den der wahrgenommene Wert des Produkts und damit dessen Preis erhöht werden kann. Auf dem freien Markt wird der Verkaufspreis nicht durch die Materialkosten bestimmt, die aufgebracht werden müssen, umeine Ware herzustellen, sondern durch den höchsten Preis, den die Konsumierenden zu zahlen bereit sind. Der Wert ist den Gütern nicht eingeschrieben – sogar Erdöl ist nur innerhalb eines bestimmten gesellschaftlichen Rahmens wertvoll. Die gesellschaftliche Konstruktion von „nachhaltig“ und „natürlich“ als wünschenswerte Eigenschaften schaffen einen neuen immateriellen Wert, durch den Gegenstände zu einem höheren Preis verkauft werden können, auch während eines wirtschaftlichen Abschwungs. Dabei werden die guten Vorsätze der Verbrauchenden benutzt, um das System aufrechtzuerhalten, das die Probleme erst geschaffen hat.

So lange der Kapitalismus regiert, werden die Hühner und die brasilianische Kaffeepflückerin nur solange etwas davon haben, wie es profitabel ist.


VORTRAG + DISKUSSION:
10. APRIL – 20 UHR / LINKES ZENTRUM HINTERHOF / CORNELIUSSTRAßE 108, DÜSSELDORF
Veranstaltung mit Vokü.
Präsentiert von der Antifaschistischen Linken Düsseldorf. Einlass ist 19 Uhr.

WORK, DAS BUCH:
Auf 376 Seiten wird eine aktualisierte Version der Arbeitspyramide analysiert sowie Formen des Widerstands gegen die bestehenden Verhältnisse aufgezeigt.