Syrische Soap Opera im Theater

Komm wir spielen kein Krieg und alle schauen zu – So feierte das Auftragswerk „Kuss“ von Guillermo Calderón am 14. März mit großem Applaus seine Premiere am Düsseldorfer Schauspielhaus.

Damaskus 2014 – Herzlich Willkommen bei Hadeel (Simin Soraya) zu Hause. Ihre Wohnung ist sehr stilvoll mit vielen Teppichen und zwei bunten Sofas eingerichtet. Neben dem Fernseher, einer Kommode und einer kleinen Essecke war es das aber auch schon. Hadeel räumt noch schnell auf, weil ihre besten Freunde gleich vorbeikommen, damit sie zusammen ihre Lieblingssoap anschauen können. Hadeel hustet häufig, wahrscheinlich ist sie erkältet. Es klingelt an der Tür. Youssif (Marian Kindermann) ist da. Er ist Ahmeds (Gregor Löbel) bester Freund, der wiederum schon seit jungen Jahren Hadeels Lebensgefährte ist. Youssif gesteht Hadeel, dass er in sie verliebt ist und sie heiraten möchte. Hadeel ist erst einmal außer sich, gesteht dann aber Youssif, dass sie auch in ihn verliebt ist und willigt in die Heirat ein. Es klopft an der Tür. Ahmed ist da. Die Liebestragödie nimmt ihren Lauf. Ahmed möchte nämlich Hadeel heute auch einen Heiratsantrag machen, weiß aber leider noch nicht, dass sie bereits vergeben ist. Und dann ist da noch Bana (Anna Kubin), die Freundin von Youssif. Sie müsste gleich von der Arbeit dazustoßen. Da ist sie auch schon. Irgendetwas stimmt mit ihr nicht. Sie flüchtet direkt tiefbedrückt ins Badezimmer, noch bevor Hadeel, die ihre beste Freundin ist, erzählen konnte, dass sie nun Ahmed heiraten wird. Bana hingegen, erfahren wir, wurde wieder einmal „geküsst“.

Der Regisseur Guillermo Calderón hat zum ersten Mal über etwas geschrieben, was er nicht selbst erlebt hat. Für das Düsseldorfer Schauspielhaus hat er sich in die Thematik des syrischen Krieges eingearbeitet. In Syrien ‚leben‘ die Menschen für ‚ihre‘ Soap Operas, die sogenannten Musalsals, die täglich ein Fortsetzungs-Drama auf die Bildschirme zaubern, um vom realen Drama, dem Krieg, abzulenken und die Familien am Abend vor die Fernseher zu bannen.

Das dreiaktige Stück „Kuss“ handelt von der Leidenschaft für Soap Operas und von den Folgen des Krieges in Syrien. So weist der zweite Akt auch dokumentarische Züge auf, wenn etwa die fiktive syrische Regisseurin (Nadin Jaroubi) des Stücks „Kuss“ aufgesucht und live über Skype in den Zuschauerraum zugeschaltet wird. Darsteller*innen und Zuschauer*innen dürfen nun die Regisseurin zum Stück befragen. Allen geht ein Licht auf. Hadeel, die die ganze Zeit schrecklich husten musste, ist nicht erkältet: sie erlitt einen Giftgasangriff. Genauso wie Bana nicht „geküsst“, sondern von syrischen Soldaten vergewaltigt wurde. Der Begriff „Kuss“ ist ein Synonym für das Wort „Vergewaltigung“. Calderón hat die Rolle der fiktiven Regisseurin hineingeschrieben, weil er das Stück „Kuss“ über diese Meta-Instanz erklären wollte. Calderón: „Nach diesem Skypegespräch verstehen wir, dass wir nichts verstanden haben, obwohl wir uns ernsthaft bemüht haben, es richtig gut zu inszenieren. Aber wir sind keine Syrer, wir haben keine Kriegserfahrungen. Das wollte ich unterstreichen […]“. Also noch mal zurück auf Anfang, zurück zur vorherigen Liebestragödie, diesmal mit neuen Regieanweisungen.

„Kuss“ ist ein wirklich gelungenes politisches Theaterstück, das den syrischen Krieg thematisiert, ihn aber nicht direkt abbildet. Die Zuschauer*innen bekommen über Realitätsverzerrung eine Gefühlsgrundlage der einzelnen Charaktere vermittelt, die gezwungen sind, sich mit dem syrischen Krieg auseinanderzusetzen. Vor allem als sich herausstellt, dass Hadeel Opfer eines Giftgasanschlages war und Bana wiederholt vergewaltigt worden ist, wird es ganz still im Saal.

Noch im letzten Jahr hatte ein vormaliger Schreibauftrag an Calderón zum Thema „RAF“ und „Rohwedder-Attentat“ für Aufsehen gesorgt, weil die Arbeit an dem geplanten Stück „Schuss“ auf Geheiß der Rohwedder-Witwe durch Schauspielhaus-Interims­intendanten Manfred Weber gestoppt wurde (Terz 07/08.13).

Mit „Kuss“ hat Guillermo Calderón nun durch einfache Stilmittel, wie der simulierten Unterbrechung im zweiten Akt und der erneuten Aufnahme des ersten Aktes, eine hervorragende Inszenierung geschaffen. Abgesehen von der großartigen Leistung aller Darsteller*innen, muss ich besonders Anna Kubin in ihren Rollen als Bana und Laura loben, weil sie nicht nur wunderbar „HALT DIE FRESSE“ zu Marian Kindermann sagen kann. Ihre Darstellung des emotional-verwirrten Zustands einer vergewaltigten Frau ist verstörend intensiv. Hut ab!

SABINE SCHMIDT

Düsseldorfer Schauspielhaus:
5., 11., 26., 28. April jeweils um 19.30 Uhr
Karten unter (0211) 36 99 11 oder
http://duesseldorfer-schauspielhaus.de/de_DE/Premieren/Kuss.954851