Graf Zahl weiß Bescheid, und alles staunt

Düsseldorfs Gesundheitsdezernent Andreas Meyer-Falcke (FDP) präsentierte im Gesundheitsausschuss Zahlen zu „Prostitutionsbetrieben“ in Düsseldorf.

An einer Anfrage der Ratsfraktion der Partei DIE LINKE vom 6. März 2014 lag es, dass das landauf-landab intensiv diskutierte Thema „Prostitution“ überhaupt auf die Tagesordnung der Sitzung des Gesundheitsausschusses kam. In den Tagen vor der Sitzung am 19. März mögen etliche Telefonate geführt und so mancher Donnerblitz darniedergegangen sein, um die Anfrage zu beantworten. So sehen wir im Kopfkino Graf Zahl hysterisch auflachen, wenn er sich nach jedem vollen Dutzend auf seiner Strichliste kaum noch einkriegt vor Ehrfurcht für die Reinheit der Zahlenkunst und die Präzision, etwas eindeutig abzählen zu können. Doch so einfach ist es nicht. Und weder die Frage, noch die Antwort ist simpel. „Wie viele Prostitutionsbetriebe gibt es in Düsseldorf und wie viele Personen sind in Düsseldorf als Prostituierte tätig“, wollte die LINKE wissen. Ebenfalls benannte und beziffert wissen wollte die Linkspartei im Rat, ob die so ermittelten „Prostitutionsbetriebe“ regelmäßigen Kontrollen durch Ordnungs- und Gesundheitsamt unterzogen würden. Eine ehrliche Antwort seitens des Gesundheits- bzw. Ordnungsamtes hätte, zumindest zu der erfragten Anzahl der bekannten „Prostitutionsbetriebe“, allenfalls vage Annahmen beinhalten können. Doch Gesundheitsdezernent Meyer-Falcke, seines Zeichens Professor für Arbeitsmedizin(!), wusste es ganz genau. Wie die Rheinische Post berichtete, gebe es, so Meyer-Falcke, in Düsseldorf genau „145 Prostitutionsbetriebe, darunter 21 Massagestudios, fünf Bordelle und 110 Wohnungen“. Exakt 635 Frauen und Männer seien hier „im Gewerbe“ tätig – den Straßenstrich als Ort illegaler Arbeit im Sperrbezirk nicht mitgezählt (RP, 20.3.2014). Die Antwort des Ausschusses nennt außerdem Saunaklubs, Bizarrstudios und „Boyescort“-Wohnungen und „Boyclubs“ als „Betriebsstätten“. „Überprüfungen aller bekannten Betriebe“, heißt es weiter, fänden regelmäßig statt, „Großbetriebe“ bekämen alle zwei bis drei Monate durch sogenannten „Spätkontrollen“ Besuch, in „[b]ordellähnlich geführten Wohnungen“ sehe das Ordnungsamt „in der Regel ca. alle 6 Wochen“ nach dem Rechten. Der Amtsschimmel(pilz) vom Gesundheitsamt reite darüberhinaus einmal im Jahr dort zur „Hygenieprüfung“ ein, wo Whirlpools oder Schwimmbäder zu kontrollieren seien.
Hört, hört! So eine „exakte Antwort“ zu bekommen, hätte sogar die LINKE selbst überrascht, weiß die RP zu melden. Und vermutlich sind auch die Behörden, die diese Zahlen erst ermitteln und dann wohlfeil darbieten, selbst ganz erstaunt über ihre eigenen Zählkünste. Denn wie, bitteschön, lassen sich so „exakte Antworten“ überhaupt formulieren, wenn doch ganz klar ist, dass „Prostitutionsbetriebe“ ebensowenig zählbar sind wie die Schäfchen kurz vor dem Einschlafen. Natürlich, es gibt gemeldete „Betriebe“ und bei „eins“ lässt sich schon mal anfangen. Aber nach „Prostitutionsbetrieb Nr. x“ gehen dann doch irgendwann die Lichter aus, und die Zahlen verschwinden im Nebel vermutlich schlechter Träume. Kaum jemand, nicht einmal die Frauenberatungsstellen, können präzise erheben, wie viele Personen an welchen und wie vielen Orten der Sexarbeit nachgehen oder sich prostituieren müssen. Stigmata, Scham, ausbeuterische ‚Arbeits‘-Verhältnisse, (strukturelle) Gewalt gegenüber Menschen, die ohne Ausweispapiere bei jedem kleinsten Versuch, Zuhälter-Strukturen und Frauenhandel zu benennen, sofort als illegal hier Lebende kriminalisiert und abgeschoben werden – das alles sind keine guten Voraussetzungen dafür, „Prostitution“ oder Sexarbeit zählbar zu machen. So ist zu vermuten, dass ein nicht unerheblicher Teil der „Prostitutionsbetriebe“ unsichtbar bleibt. Sei es, weil der Zuverdienst im heimischen Schlafzimmer den Nachbar*innen nicht bekannt sein darf, sei es, weil Ausbeutung nur dann so richtig gut funktioniert, wenn die Ausgebeuteten mit ihrer Geschichte nicht an die Öffentlichkeit treten können, ohne Gefahr zu laufen gebrandmarkt, zukünftig vielleicht wieder zwangsuntersucht oder immer noch kriminalisiert zu werden.
Wer sich mit breiter Brust hinstellt und vermeintlich valide Zahlen verkündet, hat wenig von der Struktur von Sexarbeit und „Prostitution“ verstanden, aber umso mehr davon, wie sich der Anschein erwecken lässt, alles im Griff zu haben. Wie jedoch sehen vor der Kulisse dieser Rechen-Show die 2014 präsentierten Zahlen im Vergleich zu früheren Erhebungen aus? Noch 2011 hätte es in Düsseldorf 203 „Betriebsstätten“ mit 572 „Sex-Dienstleisterinnen und -dienstleister[n]“ gegeben, wie die damalige Antwort auf eine Anfrage der Grünen lautete (TERZ 02.14). 2014, so ist auf den ersten Blick erkennbar, gibt es weniger „Betriebe“ und dennoch mehr „Prostituierte“. So wir denn den Zahlen Glauben schenken. Vielleicht ist es aber auch einfach nur Graf Zahl, der – je nach politischer Wetterlage – Ziffern in seinem geheimnisvollen Mantel verstecken oder sie aus diesem wieder auftauchen lassen kann. Zugegeben, die vergleichende Zahlenklauberei erscheint an dieser Stelle beckmesserisch. Aber mehr Respekt ist kaum aufzubringen für Antworten, die die sich einen falschen Anschein von Exaktheit geben und – wie übrigens auch die Anfrage im Gesundheitsausschuss selbst – am Kern des Eigentlichen vorbeigehen: Prostitution ist nicht zählbar. Dafür geben sich diejenigen, die als Zuhälter oder Bordellbetreiber*innen ihren Nutzen aus Prostitution und Sexarbeit ziehen wollen, und diejenigen, die nicht dabei erwischt werden möchten, prostitutive ‚Dienstleistungen‘ in Anspruch zu nehmen, viel zu verstohlen die Klinke in die Hand. Doch Moment, es blitzt, der Graf jault auf: „Einhundertsechsundvierzig!“
Na, dann ist ja gut, oder?


Stadt lässt trotz Wohnungsnot eigene Häuser leerstehen!

Unter dem Motto „Wir würden hier einziehen, Herr Bonin!“ protestierte das Bündnis für bezahlbaren Wohnraum in Düsseldorf gegen den Leerstand von städtischen Häusern auf der Kölner Landstraße 391-393. Über 40 Menschen beteiligten sich an der Aktion, darunter überwiegend Wohnungslose. Denn gerade die suchen händeringend eine Unterkunft. Noch nicht mal einen Platz in einem städtischen Obdach können sie momentan bekommen. Die Zentrale Fachstelle für Wohnungsnotfälle kann Obdachlose nicht aus den Notschlafstellen in eine städtische Unterkunft weitervermitteln, weil es die Plätze nicht gibt. Wohnungslosen mit EU-Migrationshintergrund wird in vielen Fällen selbst der Zugang zu Notschlafstellen verwehrt. Seit Jahren baut die Stadt Plätze in Obdächern kontinuierlich ab. Von ehemals 2.500 Plätzen gibt es z.Zt. noch etwa 500, die bei weitem nicht ausreichen. Dabei hat die Stadt erst im Jahr 2013 Liegenschaften und Grundstücke im Wert von 69 Millionen Euro an private Investoren verkauft. Das städtische Liegenschaftsamt unter der Leitung von Herrn Bonin ist nicht in der Lage, ein tragfähiges Konzept zur Unterbringung von wohnungslosen Menschen in Düsseldorf zu entwickeln. Rolf, Phillip und Peter berichteten auf der Kundgebung, wie schwer es ist, als Wohnungsloser in Düsseldorf eine Wohnung oder ein Zimmer zu erhalten. Die Häuser auf der Kölner Landstraße gehören der Stadt und stehen seit Jahren leer. Warum hier nicht wenigstens zeitweise obdachlose Menschen untergebracht werden können, bleibt wohl ein städtisches Geheimnis. Eine Reaktion auf die Aktion von Seiten der Stadt gab es jedenfalls nicht. „Anscheinend müsse man wohl einfach einziehen“, meinte eine Betroffene und erntete damit den meisten Beifall.


Solidarität ist eine Waffe

Wer kennt das nicht, ihr wart auf einer Demo gegen einen Naziaufmarsch, auf einer antirassistischen Aktion, seid beim Plakatieren erwischt worden oder seid bei sonstigen politischen Aktionen in Konflikt mit dem Gesetz geraten. Vielleicht seid ihr dabei festgenommen worden, vielleicht sind auch nur eure Personalien aufgenommen worden und die Polizei hat Fotos gemacht. Irgendwann flattert dann ein Brief von der Polizei in euren Briefkasten, in dem ihr vorgeladen werdet. Vielleicht bekommt ihr auch direkt einen Strafbefehl zugestellt oder es wird eine Gerichtsverhandlung angesetzt.
Jetzt wollt ihr wissen, was nun mit euch passieren kann und habt tausend Fragen ...

Ihr könnt euch an die Düsseldorfer Rechtshilfegruppe wenden. Wir unterstützen linke Menschen, die aufgrund ihrer politischen Arbeit kriminalisiert werden.
Wir setzen uns mit euch zusammen, vermitteln Kontakt zu AnwältInnen und bereiten gemeinsam den Prozess vor. Dabei versuchen wir, eine möglichst große Öffentlichkeit für die Gerichtsverfahren herzustellen und stellen sie in einen politischen Kontext.

Reich sind wir alle nicht, aber ...
Wir versuchen, kollektiv dafür zu sorgen, dass niemand die Kosten alleine tragen muss. Dafür gibt es das Rechtshilfekonto, das zumindest einen Teil der Verfahrens- und Anwaltskosten trägt, bzw. vorstreckt.

Dafür brauchen wir eure Spende:

Rechtshilfekonto
Stadtsparkasse Düsseldorf
BLZ: 300 501 10
Kontonr.: 63007678

Jeden letzten Donnerstag im Monat bieten wir zwischen 20 und 21 Uhr im linken Zentrum Hinterhof auf der Corneliusstraße eine offene Sprechstunde an. Kommt vorbei, sprecht uns an!!!

Erreichen könnt Ihr uns außerdem über die Mailadresse:
rhg-duesseldorf [at] riseup.net


History

Für den 1. Mai 1978, der in jenem Jahr das erstmals nicht nur mit einer Demonstration, sondern einem großen Fest im Düsseldorfer Hofgarten gefeiert wurde, warb eine Wandmalerei an der Grafenberger Allee. An der Fassade hatte die gewerkschaftseigene Wohnungsgesellschaft kurz zuvor das Chilebild (TERZ 03.14) übertünchen lassen. Die Wandmaler nutzten die weiße Farbe der Zensoren zu diesem Aufruf zum 1. Mai. Dieses Jahr fällt das Fest im Hofgarten zum ersten Mal seit 36 Jahren aus. Stattdessen „sollen Brückenpfeiler und Rheinuferpromenade für klassenkämpferische Atmosphäre sorgen“ (siehe TERZ von letztem Monat) ... und den aktuellen Aufruf der Falken in dieser (Online-)Ausgabe!