Mark Fisher in Düsseldorf

Kapitalismus als Syndrom

Was macht den Kapitalismus trotz seiner offenkundigen Defizite so widerstandsfähig? Mit dieser Frage beschäftigt sich der britische Publizist und Hochschullehrer Mark Fisher in seinem Buch „Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?“. Eine der Überlebensstrategien der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung besteht nach Fisher darin, den Menschen selber die Verantwortung für die von ihr verursachten Desaster anzulasten. Genau darüber wird der Kulturwissenschaftler auch bei seinem Besuch in Düsseldorf sprechen. „Die Privatisierung von Stress“ lautet das Thema seines Vortrags im „Forum Freies Theater“. Und im Anschluss daran macht die Choreo­grafin Gudrun Lange den Stress mit ihrem Tanz-Stück „Wirtschaftsdepression“ öffentlich.

2008 stand das Weltwirtschaft kurz vor dem Kollaps. Wer nun aber annahm, dass damit das System, das sie dahin geleitet hatte, endgültig delegitimiert sein würde, sah sich getäuscht. Der Kapitalismus blieb sakrosankt, er durfte sich in der Folge sogar noch ungezügelter ausbreiten als vorher und den Staaten, die ihn gerade erst mit milliarden-schweren Rettungspaketen aus dem Schlamassel geholt hatten, wegen der dadurch entstandenen Kosten Gesundschrumpfungsprogramme verpassen. Wie konnte es ihm gelingen, von den Toten wieder aufzuerstehen und derartige Kapriolen zu schlagen? Mark Fisher macht dafür konsequenterweise übersinnliche Kräfte verantwortlich, eine epidemisch gewordene mentale Struktur, die er „kapitalistischer Realismus“ tauft. Der Brite versteht darunter „das weit verbreitete Gefühl, dass der Kapitalismus nicht nur das einzig gültige politische und ökonomische System darstellt, sondern dass es mittlerweile fast unmöglich geworden ist, sich eine kohärente Alternative dazu überhaupt vorzustellen“.

Als naturidentisch und entsprechend nachhaltig präsentiert sich dieses Wirtschaftsdenken Fisher zufolge. So gewappnet, gelingt es dem kapitalistischen Realismus, staatliche Regulierungssversuche als widernatürliche Eingriffe zurückzuweisen und noch in die kleinste Zelle des gesellschaftlichen Lebens vorzudringen (Jüngstes Beispiel aus der „Zeit“: „Viele Methoden aus dem Controlling lassen sich nicht nur in Unternehmen, sondern auch im Management von Paar-Beziehungen anwenden“). Vollkommen losgelöst produziert er ständig Neues. Die Zukunft pulverisiert dieses Bollwerk ebenso wie die Vergangenheit und läßt nur noch endlose Gegenwart bestehen. Aus den Menschen macht es dabei in seiner atemlosen Dynamik eine unerschöpflich flexiblisierbare Verfügungsmasse, weshalb diese kaum noch wissen, wo ihnen der Kopf steht. Und sie wissen auch nicht, an wen sie sich mit ihren Klagen wenden sollen. „Das Zentrum fehlt, aber wir können nicht anders, als danach zu suchen oder es zu behaupten“, hält der Autor fest. Die Callcenter-Erfahrung mit ihren Warteschleifen, Weiterleitungen, Wiederholungszwängen und Zirkelschlüssen führt er als Beispiel für diese Sisyphus-Arbeit auf.

Aber das Callcenter gilt ihm auch als ein Beispiel für die Absurdität des kapitalistischen Realismus, das Lücken im Verblendungszusammenhang offenbart und die Möglichkeit zur Entwicklung von Gegenstrategien bietet. „Im Callcenter“, schreibt Fischer, komme man „der aufgestauten Dummheit des Kapitals an sich“ am nächsten. Einen weiteren Angriffspunkt sieht er in der überbordenden Bürokratieabbau-Bürokratie, die sich bei dem Versuch, die öffentlichen Verwaltungen unter das Diktat der Ökonomie zu zwingen, aufstaut. Aus seinem eigenen Alltag als Lehrer weiß Mark Fisher von endlosen Evaluationen, Berichtsbögen und Zielvorgaben zu erzählen, die eigentlich nur dazu führen, einen Gutteil der Arbeitskraft nicht mehr in die eigentliche Arbeit, sondern nur noch in die Darstellung der Arbeit zu investieren. Als offensichtlichstes Zeichen für das Versagen der gegenwärtigen Ökonomie wertet der Hochschul-Dozent aber die grassierenden Seelenleiden: „Die ‚Pest der psychischen Krankheiten’ in kapitalistischen Gesellschaften weist darauf hin, dass der Kapitalismus eben nicht die einzige funktionierende Gesellschaftsordnung ist, sondern dass er inhärent dysfunktional ist und die Kosten für die Illusion seiner Funktionsfähigkeit sehr hoch sind.“

Der kapitalistische Realismus tut jedoch alles, um sich diese Krankheitsgeschichte nicht andichten zu lassen. Er fragt stattdessen wie der französische Soziologe Alain Ehrenberg treudoof „Was hat die Politik mit dem Leiden zu tun?“ und macht die Betroffenen selber für ihre psychischen Probleme verantwortlich. „Die Privatisierung von Stress“ nennt Mark Fisher diese Operation. Über sie wird er am 29. April im „Freies Forum Theater“ auch sprechen. Und die Choreografin Gudrun Lange tanzt im Anschluss danach die „Wirtschaftsdepression“ und holt sie so zurück in die Öffentlichkeit. „Wo zeigt sich Erschöpfung in der Bewegung“ und „Wie kann man mit der eigenen Erschöpfung umgehen in einem Wirtschaftssystem, in dem jeder ‚seines Glückes Schmied’ ist“, fragt das Tanz-Stück und nimmt sich ganz im Sinne Fishers vor, „die gemeinsame Erschöpfung zum Widerstand gegen die Tretmühlen der Wirtschaft“ zu nutzen.

29. April // Forum Freies Theater // 18.30h
Vortrag Mark Fisher
20h Tanz-Stück
„Wirtschaftsdepression“