Ästhetik des Widerstands?

Wandmalerei in Düsseldorf (Teil II)

„McDonald’s hat gesiegt und ist bis Moskau gekommen, hat über die Länder Ost-Europas gesiegt, wo die Menschen jetzt nicht mehr wissen, wo sie das Geld für die Fritten hernehmen sollen. Auch Asien rekrutiert Heere von Hungernden. Nach Vietnam, Äthiopien und Bangladesh werden sich die Krisen vervielfältigen, um Weltkrämpfe auszulösen wie in Sierra Leone, Angola, Sambia usw.“ Dies ist ein Zitat aus einer Rede Nestor del Pino Salas. Der in Porto Alegre lebende und arbeitende Künstler hielt sie im Jahr 2000 auf der internationalen Wandmalkonferenz „mural global“ in Hannover. Zur Situation in Brasilien stellt er fest: „Die Armen werden immer ärmer und die Reichen immer reicher. Die großen Metropolen pferchen die Menschen zusammen (...). Eine Schande die Kontingente von ‚ ... losen‘: die Wohnungslosen, die Arbeitslosen, die Landlosen, die ohne Nahrung, die ‚ohne-Alles‘.“

Nestor del Pino Salas Rede zeigt, dass Wandmaler auch im 21. Jahrhundert noch etwas zu sagen haben. Der brasilianische Maler ist einer der vier Künstler*innen, die 2002 in drei Monaten das monumentale Wandbild gegenüber des NRW-Landtags schufen. Das Werk wurde 2006 von Vodafone in einer Nacht- und Nebelaktion zerstört (TERZ 04.06). Die Rede fand sich in einer während des mural-global-Projekts verteilten Zeitung abgedruckt. In den Buchpublikationen und elektronischen Medien von Farbfieber e.V. sucht mensch sie jedoch vergebens. Die Rede Nestor del Pino Salas hätte zum Verständnis des Monumentalbilds beitragen können, dessen Thematik oft verkürzt als „Reicher Norden – armer Süden“ wiedergegeben wurde.

Die Bedingungen für Kunstvermittlung sind tatsächlich schwieriger geworden. Heute fehlt ein Museumsdirektor wie Wieland Koenig.

Die Bedingungen für Kunstvermittlung sind tatsächlich schwieriger geworden. Heute fehlt ein Museumsdirektor wie Wieland Koenig, der, als 1987 Alejandro Canales auf Einladung der Wandmalgruppe Düsseldorf eine Giebelwand an der Rochusstraße gestaltete, im Stadtmuseum eine Ausstellung mit Zeichnungen, Siebdrucken und Entwürfen des nicaraguanischen Künstlers präsentierte.

Dass Wandbilder – zumal wenn diese von Menschen aus anderen Kulturkreisen geschaffen wurden – sich quasi selbst vermitteln, hatte die Wandmalgruppe einst im Bildband „Mit Vollgas in die Wände!“ stark angezweifelt. Die Kritik richtete sich insbesondere gegen einen Fotoband, der 1982 Wandbilder aus aller Welt – lediglich mit einer dürftigen Einleitung versehen – als große ästhetische Farbfotos abdruckte: „So präsentiert wirken die engagierten Wandmalereien aus Amerika eher exotisch. Die Anspielungen und Bezüge (…) bleiben unverständlich, die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge können nicht begriffen werden.“

Ein Ausschnitt des von Vodafone zerstörten Monumentalwerks ziert das Cover des von Farbfieber e.V. mit herausgegebenen Bildbands „Wem gehört die Welt?“. Selbst in diesem repräsentativen, 2002 erschienenen Werk fehlt Nestor del Pino Salas Rede. Stattdessen findet sich darin ein Vorwort des SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Müller. Unmittelbar davor ist ein Vorwort von Denis Goldberg abgedruckt, der 1964 zusammen mit Nelson Mandela zu lebenslanger Haft verurteilt worden war und 22 Jahre im Gefängnis des Apartheidsregimes zubracht hatte. Titel des Vorworts: „Wir müssen die Agenda 21 mit Leben füllen“. Auf dem Weltgipfel in Johannesburg  2002 war in der Local Government Session Bilanz gezogen worden. Goldberg sah in der Agenda 21 einen Anstoß zu einem „Dialog von lokalen Regierungen und Zivilgesellschaften“. Vertreter europäischer Kommunen hatten 1994 im dänischen Aalborg und 1996 in Lissabon Leitlinien vereinbart, wie ein Prozess der Erstellung einer lokalen Agenda 21 zu gestalten sei.

Hier zeigt sich: Der Verein Farbfieber bewegt sich mit seinen internationalen Projekten auf diplomatischem Parkett. Aus südafrikanischer Perspektive mag die Agenda 21 tatsächlich als Chance erschienen sein. Doch „Lissabon“ wurde in Europa schon bald nicht mehr mit der Agenda 21 sondern mit der „Lissabonstrategie“ verknüpft, der Strategie, Europa zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ zu machen. Alle, die hier in der BRD ihre fünf Sinne beisammen haben, mussten spätestens seit dem Beschluss der Lissabonstrategie im Jahr 2000 wissen, was die SPD unter Gerhard Schröder im Schilde führte. Darf ein Verein einen Denis Goldberg in solch zweifelhafte Gesellschaft bringen? Farbfieber war in der Tat schlecht beraten, nicht die Rede Nestor del Pino Salas abzudrucken und stattdessen den SPD-Bundestagsabgeordneten ein Vorwort schreiben zu lassen. Die Rede des brasilianischen Künstlers – ein Jahr vor dem Weltsozialforums von Porto Alegre gehalten – hätte in dem Bildband unterstreichen können, dass Künstler*innen ein ernst zu nehmender Teil der internationalen politischen Bewegung sind. Aber der Verein war nicht nur schlecht, sondern gar nicht beraten. Denn Farbfieber hat weder einen wissenschaftlichen noch einen künstlerischen Beirat. Hier fragt sich: Wie ist das möglich, dass ein Verein derart auf politischem Parkett schliddert, jedoch kritische Stimmen ausbleiben. Für mich ist dies auch deshalb so frustrierend, da wir uns als Wandmalgruppe Düsseldorf einst nicht nur eine andere ästhetische Praxis und die kritische Reflektion derselben zum Ziel gesetzt hatten, sondern auch weiten Bevölkerungskreisen ein kritisches (ästhetisches) Denken vermitteln wollten. Wo aber ist diese kritische Düsseldorfer Öffentlichkeit? Abgeräumt wie die Dokumente gesellschaftspolitischer Bewegungen nach 1945 im Stadtmusem?

Wie entfernt das, was Graffiti-Sprayer*innen heute machen, von dem ist was einst die Wandmalgruppe wollte, ist, wurde durch den sechs-minütigen Clip deutlich, der vergangenen August im Vorfeld des Urban Art Festivals in den Programmkinos lief. In einer Sequenz breitet sich bunter Sprühnebel auf der Leinwand aus. Im Off wird gerappt: „Das ist gut für Dein Ego,/ Visueller Weihrauch./ Du reckst den Hals,/ Brauchst Bewegungs-frei-raum.“ Dann die „Erkenntnis“: „Street Art rettet in den Städten letzte Freiheiten“. Zum Vergleich ein Zitat aus Georg Heinzens Vorwort zu „Mit Vollgas in die Wände“ von 1984: „Und selbst da, wo die Herrschenden uns mitmachen lassen, hat das keinen anderen Sinn, als feste Rollen einzuüben. Der Auftritt des nervösen Publikumskandidaten verschafft der autoritären Mechanik der TV-Shows erst ihre Legitimation. Ähnlich dürfen Anwohner den Planern in die Projektierung einer Schnellstraße nicht hineinreden. Aber sie dürfen anschließend die Farbe aussuchen gehen für die Lärmschutzwand, hinter der sie ihre Nachbarn nicht mehr sehen können.“ Die Graffitisprayer*innen von heute begnügen sich damit, Lärmschutzwände zu besprühen, interpretieren dies als ein Erkämpfen von „letzten Freiheiten“. Das soll kein Vorwurf sein. Aber zumindest die Differenz sollten wir uns bewusst machen.

Die Kiefernstraße ist zum alternativen-Touri-Ort geworden. Farbfieber bewirbt sie in „murals, streetart, urbanart“ als „Städtische Attraktion der anderen Art“, als eine Alternative zur Kö. Das „Kulturbüro Kiefernstraße“ verklärt die Straße in einem Faltblatt zur „Sozialen Plastik“ im beuysschen Sinne. Während des Urban Art Festivals entstand an der Erkrather Straße, unmittelbar an der Einfahrt zur Kiefernstraße, ein monumentales Beuys-Porträt. Aber zu Beuys, und insbesondere seinem mysteriösen Absturz auf der Krim, werde ich mich nicht mehr äußern, da ich dies bereits vor zehn Jahren sehr ausführlich in der TERZ getan habe (TERZ 12.03).

Ich will es bei diesen wenigen Bemerkungen belassen. Meine Motivation, diesen Artikel zu schreiben, ist keineswegs einem historischen Interesse geschuldet. Mein Anliegen ist vielmehr, in einer Zeit, in der vielerorts gegen „Latschdemos“ und die Wirkungslosigkeit bloß symbolischer (Kunst-)Akte polemisiert wird, daran zu erinnern, dass Kunst durchaus mehr sein kann, als das, was derzeit durch Farbfieber an Düsseldorfs Wände kommt.

Sicherlich spielt Ästhetik auch weiterhin in den social movements, den gesellschaftlichen Protestbewegungen eine Rolle. Im Düsseldorfer Stadtbild stellt sich uns immer wieder das Portrait des in einer Gefängniszelle in Dessau unter heute noch nicht restlos geklärten Umständen umgekommenen Asylbewerbers Oury Jalloh, ungefragt in den Weg. Ein Vergessen ist unmöglich. Entlang der Bahntrasse ist zu lesen: „Verhaltet Euch ruhig!“ Diese Aufforderung springt uns mit großen Lettern in Nazi-Fraktur ins Auge. Auch der Blockupy-Widerstand 2013 war ja in gewisser Weise ein „ästhetischer“. Der so genannte „Schwarze Block“ trat auf der Demo in Frankfurt als bunter Block auf. Als die Polizei das konfiszierte „Waffenarsenal“ auf einer Pressekonferenz präsentierte, erschien dies mehr wie das Materiallager eines Kindergartens: neonbunte Styroporplatten, Flaschen mit Farbe, bengalische Feuer. Die Staatsmacht war blamiert bis auf die Knochen! Doch die hiesige (linke) Berichterstattung – diese „unästhetische“ und überhaupt nicht hierhin gehörende Bemerkung sei mir hier erlaubt – hatte gravierende Mängel. Washington Post, El Pais und Le Monde berichteten, dass am 1. Juni in Madrid, Lissabon und vielen anderen europäischen Städten mit machtvollen Demonstrationen gegen das Troika-Regime protestiert wurde, während die zentrale Demonstration zur Baustelle der Europäischen Zentralbank in Frankfurt von der Polizei brutalstmöglich gestoppt wurde. Diese zeitgleich stattfindenden europaweiten Demos wurden hier nicht nur in den bürgerlichen, sondern auch in den linken Medien fast gänzlich totgeschwiegen. In der TERZ fand sich ebenfalls kein Satz, dass parallel zu Frankfurt auch in anderen Städten Demonstrationen statt fanden.

Hier noch ein Nachtrag: Ich hatte der TERZ-Redaktion für die letzte Ausgabe einen Artikel zukommen lassen, in dem ein reichlich verkrumpelten Satz eingebaut war. EinE Redakteur*in hatte dankenswerter Weise daraus einen gut lesbaren gemacht. Nur leider wurde er dadurch inhaltlich falsch. Da die Darstellung das Werk von Künstlerkolleg*innen berührt, deshalb hier die Korrektur. Richtig muss die Passage lauten: „Ästhetisch bedeutete die Retrospektive der Wandmalgruppe, die 1989/90 im Stadtmuseum stattfand, eine Weiterentwicklung. Insbesondere die Rauminstallationen „Rechtsrutsch/Latente Schieflage“ von Anne Aumann, „Neue Reichskanzlei“ von Gerd Trostmann und „Die Zerstörung“ von Willi Oesterling wurden in dieser Hinsicht von Besucher*innen gelobt. In anderen Räumen wurden die bereits bei Straßenaktionen eingesetzten Schaumstoffmaskeraden präsentiert, gestaltet in einer Technik, die von Piero Gilardi (Turin) entwickelt und von Klaus Klinger modifiziert worden war.“

THOMAS GIESE