„Critical Whiteness“?

Mit „Black Bismarck“ begann das FFT im Januar seine „Decolonize!“-Reihe, die in diesem Monat ihre Fortsetzung findet.

Im Februar störten Student*innen an der Berliner Humboldt Universität eine Vorlesung. „Der neue Furor, der von den Universitäten ausgeht und sich anschickt, das Land zu verheeren, dünkt sich links“, schlug die „junge welt“ Alarm. Eine merkwürdige Verkehrung des Begriffs „links“ sei dies. Denn das, was da marschiere und krakeele, sei die Gegenaufklärung. Die Initiator*innen des Protestes hatten argumentiert, Philosoph*innen des 18. und 19. Jahrhunderts verbreiteten „aus einer eurozentristischen weißen Perspektive rassistische Ansichten“. Die „junge welt“ hielt dagegen: Philosophen wie Hegel, Rousseau oder Kant seien „Aufklärer“ gewesen. Der Artikel endete mit der Mahnung: „Wo kein Licht ist, herrscht tiefschwarze Nacht“.

Ohne Frage spukten im 19. Jahrhundert in vielen Köpfen noch Ideen, die uns heute die Haare zu Berge stehen lassen. Karl Marx hetzte in einem Brief an Engels gegen den “jüdische(n) Nigger“ Lassalle: „Nun, diese Verbindung von Judentum und Germanentum mit der negerhaften Grundsubstanz müssen ein sonderbares Produkt hervorbringen. Die Zudringlichkeit des Burschen ist auch niggerhaft.” Auch heute kommt es vor, dass bei Kulturprojekten in der Presse ausschließlich die „weißen“ Kulturschaffenden genannt werden. Critical Whiteness will den Blick „von denen weglenken, die Rassismus erfahren – hin zu denen, die Rassismus ausüben“. Bewusst soll die Kritik weißer Vorherrschaft und der damit verknüpften Privilegien ins Zentrum gerückt werden. Das no-border-camp 2012 weckt allerdings bei vielen unschöne Erinnerungen. Der Bremer Kultur- und Politikwissenschaftler Kine Nghi Ha ist sich sicher: Sowohl „ein dogmatisch erstarrter Whiteness-Ansatz“ als auch die „neoliberale Mainstreampolitik der Farbblindheit“ führen in die Irre. Er sieht die Lösung in einem „Mittelweg“, der weder „Critical Whiteness noch People of Color-Politik schematisch auslegt und politische Farbblindheit tatsächlich als Problem erkennt.“ Sein Fazit: „Die Befreiung kommt entweder in fröhlicher und anarchistischer Gestalt oder sie kommt gar nicht.“

Black Bismarck

Sind nicht „Mittelweg“ und „Langeweile“ fast Synonyme? Statt den Mittelweg zu beschreiten, geht das Forum Freies Theater (FFT) aufs Ganze. Körperbewusstsein und Emotionen entstehen bekanntlich in der rechten Hirnhälfte. Die linke ist die Domäne der Ratio. Das FFT will bewusst beide in Bewegung bringen. Theaterinszenierungen werden deshalb oft von Vorträgen begleitet. Auch beim „Decolonize!“-Projekt. „Black Bismarck“ machte im Januar den Auftakt. In dem Stück jagten afrodeutsche Künstler-Aktivist*innen mit den Ghostbusters von andcompany&Co die Geister des Kolonialismus. Gartensiedlungen, Supermarktketten und U-Bahnhöfe wurden heimgesucht, Strukturen des alltäglichen Rassismus und die Standpunkte eines kritischen Weißseins sollten sichtbar werden. Die Schauspieler*innen sah mensch nicht nur auf der Bühne. Auf einer Leinwand wurden Videoszenen eingeblendet, in denen zwei der Bühnenenakteure mit Tropenhelm eine reale Gartensiedlung im Berliner Umland aufsuchten, wo einst ein Kolonialist ein afrikanisches (heute verschwundenes) Dorf erbaut hatte. Sie befragten Passant*innen zu Kongo und Kolonialismus. Angela Merkels Rede, die sie auf dem von ihr im Juni 2009 einberufenen Berliner Afrika-Kongress der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gehalten hatte, wurde von einer Schauspielerin wortgetreu nachgesprochen, inklusive der typisch merkelschen Gebärden. Ein grotesker Bilderbogen, ein Comic in Farbe. Die üblichen Klischees konterkarierend, sprach der weiße Akteur aus Belgien englisch oder französisch, die schwarzen Schauspielerinnen hingegen deutsch. In einer Szene trat der weiße Schauspieler vor dunklem Hintergrund auf: „Man sieht mich!“ – er grätschte vor die weiße Leinwand: „Man sieht mich nicht“. Eine Solo-Slapstickcomedy. So wurde ins Bild gesetzt, was Grada Kilomba, Professorin für Postcolonial Studies an der Humboldt-Universität, wie folgt beschreibt: „Es ist sehr verstörend für weiße Menschen, sich zu positionieren, weil sie es gewohnt sind, sich nur als Mensch zu identifizieren und Weißsein unsichtbar zu machen. Aber es gibt keine machtvollere Position, als sich nur als Mensch zu sehen und die Norm zu bestimmen.“

In einer Szene entwickelte sich ein Dialog darüber, dass in Tarantinos „Django unchained“ die Nibelungensage falsch erzählt sei. Nicht Brunhild, sondern Kriemhild sei Siegfrieds Frau gewesen. Eine schwarze Schauspielerin sprach Kriemhilds Racherede derart bewegend, dass einem der Atem stockte. Nach der Aufführung berichtete die Schauspielerin, wie schwierig es in Deutschland sei, als Schwarze ein Engagement zu erhalten. Dass eine Frauenrolle durch einen Mann gespielt würde oder umgekehrt, werde mittlerweile akzeptiert, doch dass eine Schwarze eine Frauenrolle übernimmt, sei vielerorts immer noch ein Tabu.

„Bis ins Mark: Die Gegenwart der kolonialen Vergangenheit“

Unmittelbar vor der „Black-Bismarck“-Aufführung hatte der Politikwissenschaftler Joschua Kwebi Aikins die Auswirkungen der Kolonialmacht Deutschland auf Identität, Kultur und Wirtschaft in der deutschen Gegenwart beleuchtet. Was bei uns als „Kongo-Konferenz“ Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat, ist auf dem afrikanischen Kontinent als „Bismarck-Konferenz“ bekannt. Bismarck hatte 1884/85 die Vertreter der USA, des Osmanischen Reiches und der europäischen Kolonial-“Mächte“ nach Berlin geladen, um über den Kongo, der einst ein weitaus größeres Territorium umfasste, zu verhandeln. Unter anderem verabredeten die insgesamt 14 Staaten Handelsfreiheit, die Flüsse Niger und Kongo wurden für die Schifffahrt freigegeben. Als 1904 das Deutsche Reich ein Expeditionskorps unter Führung Lothar von Trothas nach Südwestafrika schickte, errichteten sie dort die ersten KZs. Diese gaben die Blaupause für die Vernichtung der Juden durch die Nazis. Geschätzte 80% der Herero vielen diesem Genozid zum Opfer.

Thomas Giese


Decolonize!

Das Forum Freies Theater (FFT) setzt die im Januar gestartete Reihe „Decolonize! Performative Strategien für ein (post)koloniales Zeitalter“ fort. Die Aufarbeitung des kolonialen Erbes ist nicht nur eine Sache der ehemaligen Kolonial­territorien. Vielmehr gehe es, so das das FFT, „um eine kritische Perspektive auf die kolonialen Grundlagen in der eigenen Geschichte und deren Fortwirken in aktuellen kulturellen Praktiken in einer globalisierten Welt“.

Das Neue Schwarze Denken – CHEFFERIE

Die Regisseurin Monika Gintersdorfer und der bildende Künstler Knut Klaßen arbeiten seit 2005 mit einem deutsch-ivorischen Team an Theater-, Tanz-, Musik-, Film- und Ausstellungsprojekten. Sie nähern sich ihren Themen auf diskursive und vehement physische Art. Für die aktuelle Produktion sind Künstler aus der Demokratischen Republik Kongo, aus Ruanda und ein Jurist des Internationalen Strafgerichtshofs hinzugekommen. Gemeinsam überprüfen sie ein afrikanisches Selbstverständnis, das von Regierungen, Oppositionellen, Milizen, Kirchenführern, Musikern, Künstlern, Radio- und Fernsehmoderatoren bestimmt wird. Sie hinterfragen die Idee des Panafrikanismus – die ‚Einheit aller schwarzen/ afrikanischen Menschen weltweit, unabhängig von ihrer Ethnie oder Nationalität‘ – und entwickeln daraus kontroverse Deutungen und Performances. Das „neue schwarze Denken“ mache „in all seiner klischeefreudigen Widersprüchlichkeit ungeheuer viel Spaß“, schrieb die Süddeutsche. Stück für Stück entsteht ein Bild des afrikanischen Kontinents. Aktuelle Regierungsformen und Pläne in den genannten Ländern werden verglichen, es geht um zeitlich und räumlich begrenzte Trends abseits des Nachrichtenmainstreams.

FFT Juta
17.05.2014 | 20h
18.05.2014 | 18h
Tickets: 15 / erm. 8 Euro (VVK), 18 / erm. 10 Euro (AK)


20 Jahre nach dem Genozid ...

Ruandas Reformagenda zwischen Turbokapitalismus und traditionsbewusstem Wertekanon

Während die Regierung Ruandas alles daran setzt, das Land für ausländische Investoren zu öffnen und marktorientierte Reformmaßnahmen zu realisieren, um ihre ambitionierten Ziele der „Vision 2020“ zu erreichen, bleibt die Aufarbeitung der Folgen des Völkermords von 1994 nach wie vor eine wichtige Herausforderung für die Menschen in Ruanda. Lässt sich der Wirtschaftsboom mit einer auf Ausgleich und Solidarität bedachten gesellschaftlichen Entwicklung überhaupt vereinbaren? Oder gefährden bereits neue Konflikte zwischen Arm und Reich den Prozess der Aussöhnung? Die Sozialpsychologin und Politikwissenschaftlerin Assumpta Mugiraneza, deren Familie während des Genozids an den Tutsi fast vollständig ausgelöscht wurde, erforschte zunächst die Geschichte des Holocaust, bevor sie sich der Aufarbeitung des Völkermords in Ruanda widmete.

Vortrag in französischer Sprache mit deutscher Übersetzung von Assumpta Mugiraneza.

FFT Juta
Sonntag / 18.5.2014 / 17 Uhr
Eintritt frei