Uni-Rektor stürzt

„Hans im Unglück“ – Seine Magnifizenz und die Fußfallen im Wettbewerb um Exzellenz

Am 14. April, um 10.46 Uhr landete in den Elektro-Briefkästen der Universitätsangehörigen, Studierenden und Mitarbeitenden der Heinrich-Heine-Universität eine denkbar wortkarge Nachricht „in eigener Sache“: Seine Magnifizenz Universitätsrektor Professor Doktor Doktor Hans Michael Piper schmeißt die Brocken hin. Für die im Mai 2014 anstehende Wahl zum Rektor der HHU steht Piper nicht erneut als Kandidat zur Verfügung.

... in Dithmarschen plumpst ein Ballen Stroh vom Haufen, während andernorts ein Sack Reis umkippt? ... Piper, wer ist Piper?

Wer denkt, dass eine Nachricht wie diejenige vom Verzicht des Rektors der HHU Düsseldorf auf seine erneute Kandidatur zur Wahl ins Amt des obersten Uni-Bosses eine unerhebliche Lokalia-Meldung sei, ist auf dem Holzweg. Denn der Blätterwald rauscht seit diesem 14. April wieder ganz gewaltig – und das nicht nur in Düsseldorf. Binnen Stunden stürzte sich die regionale Presse-Krake von Rhein und Ruhr auf den beinahe trotzig wirkenden Abgang des obersten Uni-Hirten. „Hochschul-Rektor will nicht mehr“, titelte schon um 17.04 Uhr sogar die Bild-Zeitung. Und während sich die Rheinische Post zunächst noch darauf beschränkte, den Wortlaut der knappen Verlautbarung des noch amtierenden Rektors zu paraphrasieren, ging die Westdeutsche Zeitung am selben Abend bereits mit ersten Vermutungen zu den Gründen für den Rückzug Pipers ins Nachrichten-Rennen. Ihre spontane Analyse: Der Düsseldorfer Hochschulrat – die achtköpfige zentrale Universitäts-Instanz, zu deren Aufgabe die Aufsicht über die Geschäftsführung des Rektorats und die Wahl und Abwahl der Rektorats-Mitglieder gehört – hätte Piper wohl kaum für eine weitere Amtszeit durchgewunken. Gründe hierfür weiß die WZ spontan einige: Als „schwierig im Umgang“ gelte der Rektor im Kreis dieses erlauchten Gremiums, „angeeckt“ sei er gerade bei denjenigen Mitgliedern des Hochschulrats, die mit der Medizinischen Fakultät oder dem Uni-Klinikum verbunden seien. Beim „Neubau des Zentrums für Operative Medizin“ auf dem Klinikgelände habe es „massive Verzögerungen“ gegeben. Die Klinik sei dann auch noch „ins Minus gerutscht“, woraufhin der Ärztliche Direktor der Klinik „abgesetzt“ und bislang nicht der Geschäftsordnung gemäß adäquat ersetzt worden sei. Die „in Düsseldorf anhängige Überprüfung der Doktorarbeit von Annette Schavan“ habe die Heine-Uni zuletzt auch bundesweit in die Schlagzeilen gebracht (WZ 14.4.2014).

Das klingt zusammengenommen als erste Einschätzung nicht eben unplausibel. Und bleibt, mit Ausnahme des hübsch zum Schluss genannten „Falles Schavan“ auch fein in der Düsseldorfer Provinz verankert. Es klingt nach hausgemachter Misswirtschaft und charakterlicher Inkompatibilität eines nun zermürbten Einzelkämpfers. Hans Michael Piper – „Hans im Unglück“ – ein glückloser Organisator, ein unnahbarer und kühl-empathieloser, aber eben nicht unfehlbarer Leiter an der Spitze der Hochschule, dessen Zeit als Magnifizenz in Düsseldorf wegen ‚Schwächen‘ im Management- und Public Relations-Bereich abgelaufen ist. So etwas kommt vor. Schulterzuckend ließe es sich an dieser Stelle zum Reis-Sack in Pusemuckel zurückkehren.

Annette strikes back

Doch die großen und kleinen Zeitungen und Magazine in unserer bundesdeutschen Presselandschaft lassen uns nicht. Denn was in der WZ noch als ein Manko unter vielen anderen angeführt war, wird mit aller journalistischen Finesse wieder aufgekocht und steht plötzlich erneut im Mittelpunkt: Der „Fall Schavan“ und die hiesige Entziehung des Doktorgrades, den die vormalige Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) sich durch vorsätzliche Täuschung vor dutzenden von Jahren an der philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf herbeiplagiiert hatte. Bei der detailgenauen Prüfung der Doktorarbeit Schavans mochte sich die philosophische Fakultät der HHU – hochschulrechtlich ganz im Sinne der „Ordnung über die Grundsätze zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ hierfür durchaus zuständig – nicht dazu durchringen, Schavans Zitations-Weise als seinerzeit üblichen ‚80er-Jahre Stil‘ durchgehen zu lassen. Und erwirkte folgerichtig schon 2013 die Entziehung des Doktorgrades. Schavan klagte – und verlor nun, im April 2014, vor dem Düsseldorfer Verwaltungsgericht: zuerst den Prozess und dann endgültig den Doktorhut. Und schon im vergangenen Jahr stand Rektor Piper hierzu allerorten unter Beschuss. Dass das interne Gutachten der HHU-Fakultät vorzeitig an die Öffentlichkeit gelangte, war nur ein Aspekt von vielen, der Pipers Leitungsfunktion in Frage stellte und seine Integrität, Herr über das mit aller buchstabengetreuen Härte durchgesteuerte Entziehungsverfahren zu sein, in Zweifel zog. Meinungsgebend polemisierten eine aufgeregte „Geschummelt haben wir doch alle schon mal“-verständige Presse und die empörten Polit-Netzwerke rund um die reuelose Ex-Ministerin gegen so wenig Kulanz für eine „Jugendsünde“.

Die Causa „Schavan“ schafft es nun auch im Zusammenhang mit Pipers Abgang von seinem potenziell verlängerten Amt wieder, zum Aufreger zu avancieren. Sogar der Spiegel erinnert an den Plagiatsfall (unispiegel vom 17.4.2014). Und Piper selbst liefert bestes Spekulationsmaterial. Denn noch am 14. April 2014, wenige Stunden nach seiner Email-Nachricht an alle Uni-Angehörigen, hatte er dem Senat der HHU gegenüber erklärt, dass er die Unversehrtheit der Universität und ihrer freien Entscheidungen durch die versuchten Einflussnahmen aus Politik- und Hochschulpolitik in der „Schavan-Affäre“ nicht gefährdet sehen wolle. „Wir haben im letzten Jahr die möglichen Konsequenzen politischer Interessennahmen, die aus politischen Netzwerken heraus auf eine Universität einwirken können, sehr deutlich erfahren“, heißt es in Pipers Erklärung an den Senat (die WZ machte die Erklärung mit dem reißerischen Titel „Uni-Rektor Piper: Darum trete ich zurück“ öffentlich). „Ich bin froh, dass wir diesem Druck nicht nachgegeben haben“, schreibt Piper weiter, bevor er – Respekt! – die Konsequenzen zieht: „Für diese Art selbstbestimmter politischer Positionierung, die aus akademischer Leistung und Überzeugung entspringt, haben wir an der Heinrich-Heine-Universität bisher gestanden. Für eine andere Wegrichtung stehe ich nicht.“ Sprach’s und nahm seinen Hut. Rumms!

Der Chor der Empörten und Gehässigen sang derweil nicht eben leiser den Abgesang zum „Karriere-Aus des Uni-Rektors“ (RP-Kommentar vom 17.4.2014). Die Rheinische Post übte sich weiter in Demontage (schon im Februar 2014 hatte RP-Autorin Semiha Ünlü festgestellt, dass Piper nicht die „charismatische Persönlichkeit“ sei, die eine Uni in der „obersten Liga“ brauche) und frohlockte dann auch entsprechend, als am 17. April bereits klar wurde, dass Anja Steinbeck, Richterin am Senat des Kölner Oberlandesgerichtes für Wettbewerbs-, Marken- und Urheberrecht (Hah! ein Treppenwitz der Gegenwart!) sowie Professorin und Prorektorin an der Universität zu Köln im Herbst 2014 nahezu reibungslos Pipers Nachfolge an der HHU antreten wird (wird sie?). Mit großem Trara (wieder bis in das Meinungsblatt Spiegel hinein) erwehrte sich zuletzt sogar der Dekan der philosophischen Fakultät, der Geschichtsprofessor Bruno Bleckmann, in einem offenen Brief an RP-Chefredakteur Michael Bröcker gegen die Kommentierungen und Berichterstattungen der RP, die für ihn die „Grammatik boulevardjournalistischer Kampagnen“ bestens beherrsche und sich dabei doch selbst „als wertkonservativ“ ansehe – ein ‚Widerspruch‘, der keiner ist, Herr Dekan! Dennoch: Danke!

Copy and Paste – brain drain zum Klonen

Ein zweiter Brief von Bleckmann wird aber, so viel steht zu vermuten, weitaus weniger langfristig Aufsehen erregen. Denn hier richtet sich der Düsseldorfer Dekan an keinen Geringeren als an Wolfgang Marquart, den Vorsitzenden des Wissenschaftsrates in Bonn. Wieder sind ‚Schavan‘ und die Gutachten- und Entscheidungspraxis Thema seines Schreibens, in dem er dem Wissenschaftsrat verschraubt-eloquent, aber nicht minder offensichtlich vorwirft, die universitäre Wissenschaft zum Spielplatz Interessen-gesteuerter Forschungs-, Politik- und Karrierenetzwerke zu machen. So wehrt sich Bleckmann dagegen, dass Marquart in einem Zeit-Interview noch im März 2014 das Entziehungsverfahren und die Gutachten der philosophischen Fakultät in Düsseldorf in der Causa „Schavan“ als „formalistische Textanalyse“ gewertet habe – eine Andeutung, die kaum anderes mitschwingen lässt, als dass der Wissenschaftsrat die Entscheidung der Uni Düsseldorf, Schavan den Doktorgrad zu entziehen, als realitätsferne Korinthenkackerei deutet, die politisches Netzwerken erschwere. Hatte Schavan nicht noch in ihrer Amtszeit als Bundesministerin für blühende Forschungslandschaften auch in Düsseldorf gesorgt? Wie undankbar!

Doch Bruno Bleckmann hat recht, wenn er den Wissenschaftsrat daran erinnert, dass jede wohlfeile Kulanz bei diesem oder jenem politisch wichtigen, aber akademisch gefallenen Engel mit erklautem Doktorhut – wie bei Karl Theodor zu Guttenberg und der gnädigen Beyreuther Universität – derlei „bekannte Plagiatsexkulpation salonfähig machen“ wolle. Und selbst wenn der Offene Brief des Dekans gewissermaßen im „Einzelfall Plagiat“ stecken bleibt – er zeigt auf einen Zusammenhang, der weit weniger Kabarett-verdächtig ist als Guttenbergs Geständnisreigen und Schavans neuer Posten im Vatikan: Es gibt offenbar hinter den Verwaltungspappfiguren – wie Hans Michael Piper einer der herausragend ordentlichen war – eine ganze Riege von Leuten, die etwas „wollen“.

Zum Beispiel, dass niemand sich mehr daran erinnert, dass die Uni-Klinik auch deshalb rote Zahlen schreibt, weil sich der mittlerweile abgesetzte Ärztliche Direktor, Zahnarzt Universitätsprofessor Doktor Wolfgang Raab, in strafrechtlich relevantem Maße über Jahre hinweg aus den Geld-Töpfen der Klinik persönlich bereichert hat und dennoch weiterhin als Direktor der Poliklinik für Zahnerhaltung und Pipapo auf der Gehaltsliste des UKD steht. Oder dass es sich bei der bis heute ausgesetzten Inbetriebnahme des neuen Operativen Zentrums auf dem Klinikgelände mitnichten um eine „Verzögerung“, sondern um eine veritable Bau-Ruine handelt, die mitsamt Ledersofas im Empfangsbereich und (noch) modernster OP-Technik wegen technischer Mängel bei der Bau-Abnahme durchgefallen ist und seit Jahr und Tag in jeder ungenutzten Minute und für nicht absehbare Zeit fortlaufend Berge von Geld verschlingt. Vielleicht wäre es auch ganz gut, gar nicht erst zu wissen, dass der Düsseldorfer Hochschulrat – vom Ministerium bestellt und bestückt mit „Personen aus verantwortungsvollen Positionen in der Gesellschaft, insbesondere aus Wissenschaft, Wirtschaft oder Kultur“ – bei näherem Hinsehen doch verdächtig nah an der Wirtschaft hängt, sei es im Bereich der Biotechnologie, der Pharma- und Chemieindustrie oder im großen Investment-Zirkus. Wer hier mit der Halsstarrigkeit eines lauteren Verwaltungsbeamten als – nicht zu vergessen: bestbezahlter – Universitätsrektor für diesen Klüngel tätig ist, sollte in diesem Kreis besser nicht „anecken“ oder „im Umgang schwierig“ sein. So mag die erste Einschätzung der WZ zum Abgang des Rektors Piper zwischen den Zeilen wohl zutreffender sein, als sie es eigentlich sein mochte. Klingt verschwörungstheoretisch? Hoffentlich ist es blanke Phantasie, es wäre zu wünschen! Mitleid mit dem braven „Hans im Unglück“? Begrenzt. Denn mit dem eigenen Lehrstuhl, den Hans Michael Piper sich schon bei seiner Anstellung für den Fall seiner Amtsbeendigung als Rektor herausverhandelt hat, sollte er genügend wohlkalkuliertes Schmerzensgeld davontragen können, um sich nach nunmehr knapp zwei weiteren Arbeitsjahren als Lehrstuhlinhaber vor Eintritt ins Rentenalter noch ein hübsches Sümmchen zusammenschaufeln zu können, ohne dass Langeweile aufkommt. Pessimistisch? Ja, auf jeden Fall. Denn als Ort der freien, unabhängigen Wissenschaft ist die Universität – in Düsseldorf wie anderswo – wohl nicht gedacht. Zumindest nicht von ihren planenden Instanzen. Vielleicht ist es aber auch einfach Zeit, den Tempel der Wissenschaft als das zu sehen, was er ist: ein (markt)politscher Brain Drain zum Wohle derjenigen, die aus klugen Köpfen aalglatte Nachwuchs-Akademiker*innen machen. Zeit für Widerborstigkeit und unanpassbare Ideen! Oder vielleicht auch Zeit, sich aus der Mühle des akademischen Betriebes auszuklinken und eine Reise nach Dithmarschen zu machen. Das klingt irgendwie ehrlicher.