Ausschweifende Sexualkunde im Ankleidezimmer

Am 3. Mai 2014 feierte das Bühnenbearbeitung von Marquis de Sades „Die Philosophie im Boudoir“ unter der Regie von Andrea Imler in der Grotte des Schauspiels Köln eine umjubelte Premiere.

Licht aus. Musik an. „Strict Machine“ von Goldfrapp läuft. Die Darstellerinnen bauen das Bühnenbild auf. Licht an. Musik aus. Madame de Saint-Ange (Nicola Gründel) sitzt auf einem Kosmetikstuhl. Neben ihr ein Beistelltisch mit einer Schüssel voller rosafarbenen Süßigkeiten und ein paar andere Requisiten. Es riecht nach Parfum und Puder. Das sanfte Licht, welches in Farben wie rosa oder gelb strahlt, verleiht dem ansonsten kalten Raum Wärme. Mit ihrem aufreizenden schwarzen Kleid und ihrer blonden hochtoupierten Perücke ausstaffiert, erzählt die freigeistige Madame de Saint-Ange dem jungen brünetten Mädchen Eugénie (Larissa Aimée Breidbach) von den Vorzügen eines Lebens in körperlichen und geistigen Ausschweifungen, die zur Unabhängigkeit führen, sowie von einer erfüllenden egoistischen Ekstase durch die Objektivierung des Anderen. Die 15-jährige Eugénie ist dieses Wochenende bei Madame, um diese Unabhängigkeit zu erlangen. Sie soll von ihr in Sexualkunde unterrichtet werden. Denn für Madame de Saint-Ange hat sich „ein hübsches Mädchen nur mit Ficken befassen und nie mit Zeugen“. Dafür erörtern sie die Sexualorgane und die erogenen Zonen. Das Gelernte wird in konkrete Sexualpraktiken überprüft, wobei Madame immer wieder die Vorteile des Oralverkehrs und des Analverkehrs betont. „Welche Gefahren vermeidet eine Frau übrigens auf diese Weise! Weniger Risiken für ihre Gesundheit und keines der Schwangerschaft.“

Der Mensch soll seiner Fantasie – dem düsteren Stachel der Lust – freien Lauf lassen, postuliert der Marquis de Sade und möchte dadurch die bewusste Auseinandersetzung mit dem Körper und das Akzeptieren von sexuellen Extremen fördern, um den Menschen von religiösen oder gesellschaftlichen Schranken zu befreien. Dabei sind die Äußerungen de Sades obwohl zumeist drastisch und provokant, philosophisch und sogar feministisch intendiert, wie die Bühnenfassung von Nadja Gross und Andrea Imler beweist. Die Dramatisierung von „Die Philosophie im Boudoir“ streicht bis auf eine Szene alle männlichen Rollen und lässt nur die beiden Frauen Madame de Saint-Ange und Eugénie auftreten. So geht es im Theaterstück in weiten Teilen um die Befreiung der Frau durch Sexualität. Für Madame de Saint-Ange wird das Austreiben von moralischen Prinzipien und Tugenden aus Eugénie zum zentralen Anliegen. Hierzu greift das Stück vermehrt moralische Problematiken rund um die Themen Schmerz, Lust und Grausamkeit auf. Beispielsweise fragt Eugénie: „Ist es vertretbar, den anderen Schmerz zuzufügen, um selber Lust zu erfahren?“. Darauf entgegnet Madame de Saint-Ange: „Solange Du selber glücklich bist, ist alles egal.“ Diese Aussage wird Madame am Ende selber zum Verhängnis werden.

Neben den faszinierenden und ausdrucksstarken Schauspielerinnen, die sich an diesem Abend für so einige vulgäre Akte preisgeben mussten, trug auch die Spielstätte „Grotte“ selber zum Genuß des Stücks bei. Sie befindet sich nämlich in einem Container, der sich wiederum innerhalb eines grünen Hügels befindet. Die Premiere schloss mit einem begeistert applaudierenden Publikum. Auch von mir ganz viel Beifall und ein großes Lob für das Unter-Dem-Ladentisch-Hervorholen von de Sades Text.

Schauspiel Köln:
Di. 3. Juni und Mi. 18. Juni
20 Uhr in der Grotte.
Karten unter 0221 – 221 28400 oder
tickets [at] buehnenkoeln.de