Eine Wunde blutet noch“

Am 10. Juni 1944 ermordeten Soldaten der SS-Panzerdivision „Das Reich“ im französischen Oradour-sur-Glane 642 Menschen. Den Befehl dazu gab Heinz Lammerding, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Bauunternehmer in Düsseldorf ein feines Auskommen fand, obwohl er in den 1950er Jahren in Frankreich in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war. Heute, 70 Jahre danach, kann Versöhnung auch nur dann mehr als ein Wort sein, wenn den Überlebenden des Massakers und ihren Angehörigen der Respekt der Aufrichtigkeit entgegengebracht wird – auch mit Blick auf die Rolle der deutschen Justiz nach 1945. Ein Lippenbekenntnis von kollektiver Verantwortung und europäischer Verständigung reicht da nicht aus.

Anders als in Frankreich war der Name Oradour-sur-Glane, einer kleinen Stadt unweit Limoges im nordwestlichen Zentralmassiv, bis vor kurzem hierzulande nur wenigen bekannt. Bekannt als Ort, dessen Bewohner*innen am 10. Juni 1944 von Männern der SS-Panzerdivision „Das Reich“ ermordet wurden. Bekannt als Ort eines Massakers an Zivilist*innen. In Oradour erschossen die SS-Soldaten 161 Männer, töteten 260 Jugendliche und Kinder und 221 Frauen, eingepfercht in eine Kirche, in Brand gesetzt von der Hand der SS-Täter. Planvoll und mit der wohlkalkulierten Absicht, Oradour und seine Bewohner*innen auszulöschen. Wach gehalten wurde die Erinnerung an „Oradour“ – als „village martyr“ in Frankreich überaus bedeutsamer Teil des kollektiven Gedächtnisses – in Deutschland über lange Jahre hinweg allein von jenen, die sich nicht damit abfinden wollten, dass die Täter von einst für ihren barbarischen Bruch mit jedem Kriegs- und Völkerrecht, für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, für den Mord an 642 Menschen, niemals zur Rechenschaft gezogen worden sind. Einzig SS-Obersturmbannführer Heinz Barth, in Frankreich 1953 in Abwesenheit zum Tode verurteilt, wurde nach seiner Festnahme in der DDR 1983(!) in Ost-Berlin zu lebenslänglicher Haft veruteilt, nachdem er nach dem Massaker von Oradour knapp 40 Jahre lang sein Leben, zwar ‚kriegsversehrt‘ aber in Freiheit, hatte genießen können. Am Ende hatte Barth nicht einmal „lebenslänglich“ – keine 15 Jahre – hinter Gittern gesessen, als er 1997 aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen wurde – und nach weiteren 10 Jahren, mit 87 Jahren, in seinem Geburtsort nahe Fürstenberg/Havel starb. SS-General Heinz Lammerding entschlief, nach einem langen und ‚erfolgreichen‘ Leben als Düsseldorfer Bauunternehmer 1971 an seinem Altersruhesitz Bad Tölz, strafrechtlich vollkommen unbehelligt (deutsche Behörden hatten ihn nicht an Frankreich ausgeliefert, wo auch er als verantwortlicher Kommandeur der SS-Division den Vollzug eines Todesurteils zu erwarten gehabt hätte), sanft auf seinem Kopfkissen. Seinen Sarg, der unter Anwesenheit von 200 ehemaligen SS-Männern in die Grube fuhr, schmückten Blumen und Kränze, gewidment unter anderem von der „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS“ (HIAG).

„Die Schuldfrage“

Seit dem vergangenen Jahr ist es in Deutschland allerdings schwerer geworden, die Geschichte von Oradour nicht zu kennen. Denn im September 2013 folgte Joachim Gauck der Einladung, Oradour-sur-Glane und die dortige Gedänkstätte zu besuchen – als erster Präsident der Bundesrepublik, dem das „Geschenk“ einer solchen Einladung als „Geste des Willkommens, des guten Willens [… und] der Versöhnung“ zuteil werde, wie er selbst sich ausdrückte. In seiner vielbeachteten Rede ließ er in wohldosierten Worten erkennen, dass es durchaus nachvollziehbar sei, am Willen zu einer konsequenten strafrechtlichen Verfolgung der Morde von Oradour – bis heute – zu zweifeln. Er teile, sprach er, „die Bitterkeit darüber, dass die Mörder“ – „Täter aus der Mitte des Volkes – mit Namen und Gesicht“ – „nicht zur Verantwortung gezogen wurden, dass schwerste Verbrechen ungesühnt blieben.“

Von einer anderen „Schuld“ – einer gesichtsloseren, einer kollektiven Schuld – sprach Gauck am 9. September 2013 in Frankreich noch viel ausführlicher, zog Karl Jaspers Schrift „Die Schuldfrage“ hinzu und rahmte mit dessen Gedanken von 1946 seine Rede in Oradour ein: alle, so erinnerte Gauck in Jaspers Worten, hätten „eine Mitschuld’“ daran zu tragen gehabt, dass „in den geistigen Bedingungen des deutschen Lebens die Möglichkeiten gegeben waren für ein solches Regime“. Ganz in diesem Sinne hätten die Kinder und Enkel der Täter sich bis heute dafür engagiert, die „geistigen Bedingungen des deutschen Lebens“ nach 1945 so zu gestalten, dass „unser Land nie wieder Hort ideologisch motivierter Menschenfeindlichkeit, von Rassenwahn, Verbrechen, Mord und Krieg werden kann, sondern ein ‚Volk guter Nachbarn‘ werden möge, ein fruchtbarer Teil Europas und der Völkergemeinschaft, eine stabile Demokratie und eine Kraft des Friedens.“ Soweit der Bundespräsident, am 9. September 2013, in Oradour-sur-Glane, an dem Ort, an dem nicht ein unsichtbares „Regime“ sondern, wie er selbst zuvor bemerkte, namentlich bekannte Mörder Hunderte Menschen getötet hatten. Sie waren – in der BRD – nie dafür belangt worden, ein Kapitalverbrechen begangen zu haben, dem nicht nur mit der Betroffenheit symbol-satter ‚Vergangenheitsbewältigung‘, sondern auch zu gegebener Zeit mit den Instrumenten einer Strafjustiz zu begegnen gewesen wäre. Deutschland nach 1945 zu einer „Kraft des Friedens“ zu machen, das wäre den von Gauck als kritische Geister gelobten „Kindern und Enkeln der Täter“ gewiss leichter gefallen, hätten die deutsche Justiz und die Eliten in Wirtschaft, Verwaltung und Politik es den „Tätern“, ihren Eltern und Großeltern, nur ein klein wenig schwerer gemacht, nach Ende des Zweiten Weltkrieges so überaus umstandslos in den Schoß der BRD à la „Stunde Null“ kriechen zu können, wie es etwa einem Heinz Lammerding oder auch einem Hans Martin Schleyer nach 1945 vergönnt war. Zum Glück sind nicht alle in hohem Alter so sanft entschlafen wie Lammerding.

Verschämt in Betroffenheit

2014 ist „Oradour“ auch in Deutschland nicht (mehr) vollkommen unbekannt. Und wenigstens hier hat Gaucks Besuch in der Gedenkstätte Oradour-sur-Glane sein Gutes. Wenn sich das Massaker am 10. Juni 2014, beinahe ein Jahr nach dem erinnerungspolitischen Statement ‚unseres‘ Bundespräsidenten, zum 70. Mal jährt, ist es dennoch immer noch mehr als angebracht, an diesen 10. Juni 1944, an einen Sommertag in Frankreich, an dem in Oradour die Zeit stillstand, mit Nachdruck zu erinnern. Es kann heute aber nicht mehr nur allein darum gehen, gegen das Vergessen anzusprechen. Viel wichtiger scheint es, mit der Erinnerung an das Massaker und an die Opfer der deutschen NS-Täter die Frage wachzuhalten, warum in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft zu einem Zeitpunkt, als es noch möglich gewesen wäre, der Täter habhaft zu werden, das Phlegma des Verdrängens und Verleugnens und sehr bald auch der Mantel des Schweigens das Vergessen so einfach machten.

Einen Beitrag hierzu kann der Text- und Fotoband „Oradour – Geschichte eines Massakers/Histoire d’un massacre“ leisten, der im Juni beim Kölner Verlag PapyRossa erscheint. In einer überarbeiteten Neuauflage des Bandes, der erstmals 1995 bei Klartext in Essen veröffentlicht wurde, nehmen Florence Hervé und Martin Graf als Herausgeberin und als Fotograf die siebzigste Wiederkehr des Mordtages zum Anlass, die Stimmen der Zeitzeug*innen erneut les- und sichtbar zu machen. ‚Zufällig‘ überlebende Bewohner*innen Oradours, aber auch zeitgenössische Literat*innen und Künstler*innen geben bewegendes Zeugnis ab über die Ereignisse des 10. Juni 1944. Klar wie selten wird die Unfassbarkeit der Gewalt in den Texten deutlich. Und einmal mehr erscheint es geradezu als vermessen, die Ereignisse von Oradour heute in einen erinnerungspolitischen Bedeutungsrahmen einspannen zu wollen, der von kollektiver Schuld aber auch von moralischer Verantwortung spricht, und dabei weder die individuellen Täter von damals meint, noch diejenigen unmissverständlich benennt, die die Mörder von einst nach dem Krieg nicht einmal mit der Idee ihrer Strafverfolgung konfrontierten. Wenn Joachim Gauck in Oradour stattdessen ‚die Deutschen‘ in ihrem Bemühen, im Europa des 21. Jahrhunderts ein „Volk guter Nachbarn“ zu sein, zum zentralen Aspekt seiner Rede macht, lässt er die Geschichte der Opfer einmal mehr hinter der abstrakten und gesichtslosen Großerzählung von der ‚deutschen Verantwortung‘ und Betroffenheit zurücktreten. Nabelschau eines Moralisten.

Löcher in Erinnerungslücken

Wie mag sich das in den Augen der heute beinahe 90-jährigen Camille Senon ausmachen, die dem Massaker von Oradour nur durch den glücklichen Umstand entging, dass sie an diesem Samstag noch auf dem Rückweg von ihrer Arbeitsstelle in Limoges war, als die SS-Soldaten 25 ihrer Familienmitglieder in Oradour ermordeten. Soldaten der Einheit hatten die Straßenbahn, in der Camille Senon in dieser Minute saß, nur wenige hundert Meter vor dem Ortseingang gestoppt und die Fahrgäste an Ort und Stelle in den Waggons festgesetzt. Auch Camille Senons Stimme dokumentiert der Text-Bild-Band zur Geschichte von Oradour, der heute nicht mehr – wie in seiner ersten Auflage von 1995 – von „Blicken gegen das Vergessen/Regards au-delà de l’oubli“ erzählt, sondern unmissverständlich im Titel vom „Massaker“ von Oradour spricht und auch das Versagen der deutschen Justiz bei der Strafverfolgung der Täter thematisiert. Doch selbst wenn die Historisierung eines Ereignisses, das mit dem heute fortschreitenden Verschwinden von Zeitzeug*innen notgedrungen einsetzen muss, sich seinen unerbittlichen Weg bahnt, klingen den Leser*innen Camille Senons, Wut und Verzweiflung, stellvertretend auch für die Stimmen der wenigen anderen, die das Morden von Oradour überlebten, in den Ohren: „Eine Wunde blutet noch: die Hauptverantwortlichen des Massakers wurden nicht verurteilt und konnten alle in ihren eigenen Betten sterben.“

Camille Senon wollte am 10. Juni 1944 mit ihrer Familien in Oradour ihren 19. Geburtstag feiern. Ihre Wut ist entscheidend – nicht die deutsche Befindlichkeit.

Der zweisprachige (dt./fr.) Text-Fotoband von Florence Hervé und Martin Graf – „Oradour. Geschichte eines Massakers/Histoire d’un massacre“ – erscheint in vollständig überarbeiteter Neuauflage im Juni 2014 (Essen: Klartext, ca. 18 Euro).

Am 27. Juni 2014 findet im Max-Haus, Schulstraße 11, die Vernissage zur Fotoausstellung mit Martin Graf statt.