Prinzipiell solidarisch

Zwischen Mietrechtsbroschüren und Solidarität mit den Gefangenen aus der RAF

Die TERZ empfiehlt: Radikales Lesen! Denn altes Papier und Zeitzeug_innen-Perspektiven sorgen für einen neuen Blick auf (immer) noch und wieder (anders) aktuelle Kämpfe – Zwei voluminöse Bände erzählen und dokumentieren die Geschichte der Roten Hilfe von der APO bis 1980.

Vor kurzem sprach ich mit einem guten politischen Freund darüber, wie man in einer Rezension der immensen Arbeit, die in einem Buch steckt, gerecht werden kann. Eine Autorin oder ein Herausgeber arbeitet lange und oftmals unbezahlt an seinem oder ihrem Werk, der Rezensent oder die Rezensentin liest es in wenigen Stunden durch und schreibt in zwei weiteren einen Text darüber. Wir waren uns einig, dass dieses Missverhältnis vorerst nicht aufzuheben ist.

Markus Mohr, der Herausgeber dieser zwei Bände, hat allen potenziellen Rezensent*innen vorab ausdrücklich untersagt, es „ein Standardwerk“ zu nennen oder zu schreiben, dass es „eine Forschungslücke“ fülle. Solche leeren akademischen Floskeln sind ihm berechtigterweise ein Gräuel. Mir lag stattdessen auf der Zunge, es dann einfach ein „Meisterwerk“ zu nennen, aber dafür ist es unter zu prekären Bedingungen entstanden, die zu einigen Fehlern führten.

Ganz ohne Zweifel hat Mohr aber in einem bewundernswerten, über sieben Jahre dauernden Kraftakt für die beiden Bände zur „Geschichte der Roten Hilfe in der BRD“ umfangreiche Quellenrecherche und Editionsarbeit geleistet. Und das nicht zum ersten Mal. Denn strukturgleich aufgebaut ist schon das von ihm mitherausgegebene, 2006 erschienene Buch zur Geschichte der Zeitschrift agit 883, dem in seiner kurzen Lebensspanne von 1969 bis 1972 wohl auflagenstärksten Organ des parteienunabhängigen Linksradikalismus (Assoziation A). Nun hat Markus Mohr für „Das Prinzip Solidarität“, wie der Haupttitel der Rote Hilfe-Bände lautet, einige der Autor*innen, die schon beim agit-Buch dabei waren, erneut zusammengebracht. Zur Mitarbeit für redaktionelle Beiträge hat er jetzt aber auch neue Autor*innen gewinnen können.

So besteht das zweibändige Werk aus einem über 100 Seiten umfassenden Überblicks- und Hauptartikel von Mohr selbst und über zwei Dutzend weiteren Texten von Mohr und den Autor*innen vom linken Rand der Akademie oder aus dem bekannten Kreis linksradikaler Historiker*innen. Themen sind einzelne Gefangene, Angeklagte und Prozesse, die Rote Hilfe und ihr Wirken in einzelnen Teilbereichskämpfen (Betrieb, Migration, Soziales) oder die Geschichte der Roten Hilfen an einzelnen, für die radikale Linke wichtigen Orten (München, Frankfurt, Berlin). Weiter geht es um benachbarte (die RAF und die mit ihr verbundenen (Internationalen) Komitees gegen Folter) und befreundete Organisationen (das Initiativkomitee Arbeiterhilfe des Kommunistischen Bundes) oder auch um eher unerwartete Stränge wie das Verhältnis des linken Buchhandels zur Roten Hilfe.

Verwickelter ist dagegen die Organisationsgeschichte der Roten Hilfe, gab es doch (zeitweise) derer drei unter gleichem Namen. Das Buch löst diese Namensverwirrung durch verschiedene Abkürzungen: Rote Hilfe_Stern (RH*), Rote Hilfe Deutschland (RHD) und Rote Hilfe e.V. (RHeV). Rote Hilfen traten erstmals im August 1969 als „autonome Assoziationen“ in verschiedenen Städten auf, um Rechtshilfe für verfolgte Genoss*innen zu leisten. Vier Jahre später gründete die maoistische KPD/AO eine Rote Hilfe, und im März 1975 die gleichfalls maoistische KPD/ML noch eine (im Buch: RHD).

Der Fokus von Mohr, von vielen der Autor*innen und erst recht derer, über deren Handeln das Buch berichtet, ist fundamentale Opposition. Eine Opposition, die nicht das bestehende modernisieren, sondern schlicht abschaffen will. Das ist angesichts der heutigen politischen Verhältnisse mehr als sympathisch.

Aus dem mehrjährigen Rechercheprozess zur Geschichte der Roten Hilfe, in den die Autor*innen und Mitwirkenden unter dem Herausgeber*innen-Kollektiv-Namen „bambule“ eintauchten sind nun zudem mehrere im Buch und/oder online publizierte Bibliographien entstanden, konnten 221 Ausgaben der Zeitungen der verschiedenen Roten Hilfen, existierende Ortsgruppen an über 90 Orten Westdeutschlands und 280 publizierte Broschüren nachgewiesen werden. Auf der Website des der Roten Hilfe verbundenen Hans Litten Archivs in Göttingen sind diese umfangreichen Materialien im Volltext open access zugänglich. Eine Schatztruhe an, nunmehr 35 Jahre nach ihrem Entstehen, immer noch inspirierenden und begeisternden Quellen, die aus weitaus mehr als aus nostalgisch zurückblickenden Perspektiven Material für einen Blick auf das „Prinzip Solidarität“ heute bieten.

Vier der Buch-Beiträge finden sich auf der Homepage der Rosa Luxemburg-Stifung zum Nachlesen online, darunter auch der Text von Julia Klopstein, der durch ein technisches Versehen leider nicht in die erste Auflage der Bücher aufgenommen wurde.

Unter http://www.hans-litten-archiv.de sind die Zeitungen und Druckschriften der verschiedenen Roten Hilfen im Volltext hinterlegt, alle Ausgaben der agit 883 können jetzt unter http://plakat.nadir.org/883/index.html vollständig abgerufen werden – mehr als eine Fundgrube!

Bernd Hüttner
(Archiv der Sozialen Bewegungen – Bremen)

Bernd Hüttner verbrachte selbst im Zusammenhang mit den Recherchen für „Das Prinzip Solidarität“ vor einigen Jahren sich endlos anfühlende Stunden an einem in der Dokumentationsstelle für unkonventionelle Literatur in der Württembergischen Bibliothek für Zeitgeschichte in Stuttgart aufgestellten Kopierer und findet heute, etwas im Gegensatz zu damals, dass sich der Aufwand gelohnt hat.

bambule (Hrsg.): Das Prinzip Solidarität - Zur Geschichte der Roten Hilfe in der BRD, 2 Bände, je 21 EUR, LAIKA Verlag, Hamburg 2013.