Ein Ereignis

Zu Diedrich Diederichsen
„Über Pop-Musik“

„Es ist schon spät und alles, alles ist gesagt
Alle Geschichten sind erzählt.“

EA 80: Auf Wiedersehen

7 ways to die

Es gibt ungefähr sieben legitime Herangehensweisen zur Pop-Musik, sagt Diedrich Diederichsen (DD) zu diesem Buch; dies aufnehmend lässt sich sagen, dass es ungefähr mindestens ebensoviel gibt, um „Über Pop Musik“ zu sprechen. Da wäre natürlich zunächst einmal die substanzielle Klamüserei und Auseinandersetzung mit dem Textkorpus selbst (langweilig, um mal im gutgelaunt-lässigem Wegwisch-Duktus des Autors selbst zu bleiben – zumindest in diesem unserem kleinen Rahmen hier), oder auch die Inszenierung einer wundervoll heimelig-schnarchnasigen kleinen Moppel-Retro-Operette vor dem Ruinen­szenario „Kulturlinke vs. Radikallinke“, die aber wirklich niemand mehr hören will, oder aber wollen wir dieses Buch etwa in Abgleich mit der langen Latte der letzten Theorie-Schriften über Pop und Pop-Musik zu einem Zaun zusammenschustern und dann wieder auseinanderholzen – und dergleichen mehr? Um in unserer Sommerausgabe dieses extrem empfehlenswerte Buch kurz vor Herbst noch zu thematisieren, seien mal eben zwei Punkte herausgepickt, in deren Rahmen das hier Verhandelte auch gesehen werden kann.

Da wäre zum einem die bereits erfolgte mediale Rezeption, die sich bei uns als notorischen Spät-dann-aber-so-richtig-Zünder*innen natürlich eh anbietet. Kein anderes Buch Diederichsens hat wahrscheinlich bislang soviel media-attention einfahren können wie dieses, und dies zu recht: Wenn ein Autor, der sich quasi ab Ovo mit Pop-Musik (und thematisch nicht nur damit) und einem möglichen Diskurs über sie beschäftigt und dazu generell Wichtiges geschrieben und gesagt hat, ein derart dickes Ding auf die Bretter legt, stellt sich tatsächlich Aufmerksamkeit und Spannung ein. Das liegt auch an der Person Diederichsens selbst: Mittlerweile hier und dort institutionell tätig und auch immer wieder gerne als Experte zitiert und geladen, ist er doch trotz seiner unautoritären Autorität und Multiaktivität keineswegs im medialen Mainstream angekommen – und hat das auch nie intendiert. Diederichsen hat politisch-popkulturell stets bewegt und war immer aktiv, aber eben nicht als Karrierist – sonst wäre er heute ganz woanders, nämlich da, wo sich Karrierist*innen hinbegeben (Bürgerliches Chef-Feuilleton, Puffessur mit Leerstuhl, you name it) – und das ist gut so. Und das ist hierzulande bemerkenswert, interessant und mitunter auch etwas tragisch, gerade angesichts der wachsenden Armee von ackerdämlichen karrieristischen Krampen mit ihren Pop-Publikations-Penisverlängerungslisten, die zunehmend die Kommunikationskanäle verstopfen und darin nach Diskurshoheit kratzen, plärren oder aber derer, die sich auf feuilletonistischer Ebene im notorischen „HaHaAlterEchtHaHa“-Stil an Pop-Geeks elitär-anbiedern und stur und everdämlich mit comedywitzischn Satzschlangen die derbdünnsten Bretter bohren.

Bank oder Raumbasis

Wenn aber wer wie letztens sagt „Diederichsen ist eine Bank!“, dann ist mit dieser Metapher im Popdiskurs auch schnell Ende: kein Kreditinstitut, nein, und auch keine Park-, Trainer- oder Ersatzbank. Es ist vielmehr ganz kurz und einfach so: hier spricht Raumbasis Alpha, aber Du darfst gerne mitreden. Das war vielleicht nicht immer so, aber jetzt, da es definitiv so ist, ist es immer besser – und das für alle Beteiligten.

In der hiesigen medialen Rezeption ist Diederichsen indes oft einfach nur ein schwer fassbarer Pop-Grandfather (das dämliche Wort Pop-Papst trifft es ja noch schlechter), den man (wie das in Gutfindermedien nun mal so Sitte ist) aber besser präventiv gutfinden sollte, und jetzt erst recht – also Zielscheibe eines meist unreflektierten Lobes. So auch mit „Über Pop-Musik“ geschehen. Auch das hat was mit EA 80 zu tun: Natürlich sind alle Geschichten erzählt, und einige winden sich ja bekanntlich gerne immer noch im Krampf der anwanzend-unkritischen Akklamation herum. Es kommen aber noch ständig neue hinzu, und eben das ist ja zuträglich für den Gesamtprogress. Denn was das hiesige Feuilleton mit diesem „Opus Magnum“ (so der mediale Haupt-Tenor) machte, läuft mitunter Gefahr, die – und jetzt muss es halt fix mal raus – großartige Arbeit Diederichsens hin- und weg- und totzuloben.

Klar ist: Dieses Buch, dessen Lektüre ich uneingeschränkt empfehle, ist über seine Substanz hinaus natürlich erstmal ein Ereignis, benötigt aber keinerlei Jubelperserei – das gilt für die Mediamarktschreier ebenso wie für die blassen Wasserträger*innen. Diederichsen ist im hiesigen Popdiskurs klarerweise eine extrem wichtige Instanz, und seiner Arbeit und Rolle dafür ist generell der größte Respekt zu zollen, genauso sollte man sie aber auch notwendigerweise etwas dezentralisieren: Es gibt logischerweise ebenso zig andere wichtige Blickwinkel, die teilweise völlig disparat zu diesem sind – oder sich anders, dialektisch von hinten, oben oder unten kommend – ergänzen und neu und zumindest temporär synthetisieren. Marktmedienmechanismen ist das natürlich scheißegal, schon klar – aber uns sind Marktmedienmechanismen dito egal, auch klar? Gut, denn mal weiter:

Wahrheit oder Wirklichkeit

„Über Pop-Musik“ muss für Diederichsen tatsächlich eine lange und seltsame Reise gewesen sein, nicht nur, weil er so an die 10 Jahre daran geschraubt, sondern über sein ureigenstes Thema endlich eine mögliche Summa vorgelegt hat. Das war nun auch nötig, weil mittlerweile zig Leute über Pop und Pop-Musik dicke (und bisweilen auch extrem entbehrliche) Dinger vorgelegt hatten, aber eben nicht Grandmaster Diederichsen himself, der nun mal einen ganz besonderen und anregenden Stil und Duktus in Denk-/Schreibweise und ästhetischer Horizonterweiterung hat. Und der zwar mittlerweile u. a. Kunstprofessor in Wien ist, aber bezeichnenderweise eben nicht Pop-Professor oder feiner gesagt eine „Professur für Theorie und Ästhetik der Popkultur“ innehat – das ist anderen Leuten vorbehalten, die sich irgendwann mal das Thema gekapert haben. Und nun, bevor das Thema Pop-plus etc. völlig archiviert und institutionalisiert und - ganz arg - kanonisiert ist – ich beschrieb das bereits vor einiger Zeit in der TERZ hinsichtlich des Erscheinens von „Retromania“ und „Musik=Müll“ – will und soll DD natürlich auch noch mal sagen: „Hi, it’s me!“ – und mit einer djangoartigen Verspätung mit der Wumme im Diskursraum zu stehen (denn Gott vergibt, aber Django nie) kommt das jetzt noch besser. Das Thema Pop-Musik ist nach diesen fast 500 Seiten verständlicherweise auch für Diederichsen zunächst abgearbeitet – wobei klar sein dürfte, dass damit die Entwicklung und progressive Phänomenologie der Pop-Musik logischerweise nicht generell abgeschlossen ist und sein kann, obwohl der „Pop ist eh nur noch Retro!“-Wolfschor unermüdlich mantradusselig das Gegenteil herumheult. Ansichtssache, denn: In Pop ist nach wie vor noch extrem viel drin, nicht nur in potenzieller Form, sondern auch in Bewegung und Neuerfindung durch die Rezepiente*innen, Fans und Diggers, auch wenn sich – strukturell wie auch durch altersbedingte Gewöhnung – Diverses schon einmal zu wiederholen scheint. Aber letztlich nur für die übermüdeten Denkfaulen. Denn: Die Sprache der Mode erfindet sich ja (durch strukturell fest institutionalisierten Wandel) auch stetig neu, und die potenziellen Phänomene der Pop-Musik strotzen nur so vor realer bis imaginativer Variation – es ist noch so viel drin in Ästhetik, Form und Entwicklung der Pop-Musik. Genauso blöd wäre es ja zu sagen, die Entwicklung von jeglicher Ästhetik, von Literatur, Malerei, Foto & Film etc. sei abgeschlossen. Diese von überspannten Theoretiker*innen zigmal totgesagten Formen leben ja logisch munter weiter. Und plötzlich kamen digitale interaktive Narrationsmedien und hypermediale Hybride, und Form, Inhalt und ästhetische Wahrnehmung sind einmal mehr gesprengt und erweitert. Und ob das Ganze dann hegelsch progressiert oder baudrillardsch wuchert, ist hier und jetzt schon mal völlig egal, das ist Auslegungsware. Fakt ist: Die Phänomene entwickeln sich, und die (akademische) Theorie hinkt ewig, aber selbstglücklich berauscht etwas tun zu können, hinterher. Und jeder, der etwas anderes behauptet, ist ein faschistoider Szientist und bekommt es mit der Welt zu tun. Das Ideal wäre wahrscheinlich wirklich die radikale und schnelle interdependente dialektische Synthese von Theorie und Praxis, wie sie z.B. Eisenstein noch im Sinn hatte: Doch ob daraus Wahrheit oder Wirklichkeit entsteht, das belegt sich in realiter nur in der neuen ästhetischen Form.

Das erfrischt.

„Über Pop-Musik“ strotzt vor guten Gedanken, Analysen, Vorschlägen und überraschenden Wendungen. Es ist natürlich eben nicht streng wissenschaftlich-positivistisch-systematisch aufgebaut und intendiert, sondern oszilliert in einem stringenten Essayismus aktiv aber klar gerichtet zwischen den Phänomenen und den analytischen Gedanken darüber.

Es ist keine aufgeblasene solitäre Master-Theorie, kein phänomenologisches Erbsenzählen (zu dem z. B. Simon Reynolds tendiert), kein Verknacken des Strukturkosmos „Pop-Musik“ auf ein paar weitererzählbare positivistische Thesen-Witzchen, sondern lädt vielmehr zum aktiven Mitdenken über alle Hürden und Fallen ein, und dies niemals kumpelhaft-anbiedernd, sondern stets von jener idiosynkratischen wie scharfen und gleichsam lässigen Wahrnehmung (diese Dialektik schaffen nicht viele) bewegt, die sich einer originären essayistischen Schreibweise bedient und darin zu überraschenden und erhellenden Erkenntnissen, Perspektivwechseln und Wendungen kommt – und das ist letztlich genau das, was dem gegenwärtigen Reflektieren und Schreiben über Pop generell guttut.

Aus der Vielzahl der medialen Reaktionen möchte ich hier zwei explizit erwähnen, beide aus der bürgerlich-konservativen Mainstreampresse. Ulf the Wolf Poschardts Jubelperserartikel zu „Über Pop-Musik“ in der „Welt“ war naturgemäß der peinlichste. Man spürte sofort, dass der stellvertretende Chefredakteur der „Welt“-Gruppe Poschardt, der schon im Preface seiner Review schrieb, dass das Buch „in Zukunft mit jedem Schallplattenregal ausgeliefert (Sic! In seiner „Welt“ werden sie noch geliefert …) werden müsste“, tatsächlich trotz aller Bemühungen, Publikationen und Mainstream-Medien-Meriten einfach keine Ahnung von Kontext und Materie hat und aus der falschen Welt stammt, die falschen Dinge denkt, die scheißige Schreibe schreibt. So viele Fehler, einfach Fehler und Falsches, so viele Ungenauigkeiten und dusselige Analogien, dass es da nichts mehr zu sagen und vergeben gibt (Remember: die Gott & Django-Dialektik). DD’s 1986er Frühwerk „Sexbeat“ war eben kein Manifest für Smiths-hörende Gymnasiasten, wie Posh schreibt, DD selbst kein Bernhard-Sumner der Poptheorie, und er schrieb auch nicht wie Pop war, also nicht unbedingt „sexy, schnell und vorlaut“, wie Posh es beschreibt. Hier muss man die revisionistische Geschichtslüge heiter und schnell flanierend im Vorbeigehen mit dem Hammer pulverisieren und lockerfix wegpusten. Schade, dass die „Testcard“ als popkritisches Modell und Strategie wenig bis nichts mehr wert ist, so fällt auch sie als poptheoretische kritische Korrekturmöglichkeit aus. Eine kritische Auseinandersetzung – durchaus im Sinne von kritisch konstruktiv – wird es wohl im deutschen Feuilleton wie auch im hiesigen Pop-Diskurs für DD’s Gedanken nicht geben, war der Gedanke angesichts dieser Review, dafür wohl sehr viele, vorhersehbare Pre-Set-Jubelperserteppiche. Und doppelt schade eigentlich, denn das hat DD und seine enorme und zu respektierende Arbeit tatsächlich eben nicht verdient: Fans. Fans im Sinne von Pop. Ja, sorry, das ist klar unsexy und muss gesagt sein – aber so läuft das Spiel eben nicht. Eitelkeit, you have to go. Und die größten Kritiker*innen der Elche waren früher bekanntlich selber welche. Eine Heiligsprechung zu Lebzeiten ist nun mal nichts, worauf man stolz sein kann, und die Guten wissen das (Dylan, Warhol, Diederichsen). Poschardts Review zeigt – auch wegen anderer Aussagen – auf, dass nicht nur mit dem Denken und Schreiben von und über Pop in hiesigen Breiten etwas nicht stimmt (wobei die Klage über die angebliche fehlende hiesige ‚Selbstverständlichkeit’ über Pop zu schreiben – auch DD erkennt das sehr klar – albern und unstimmig ist und viel mehr auf das ewige Schmerz-Im-Arsch-Problem des Akademismus und der Institutions-Wissenschaft bezogen werden sollte), sondern auch und vor allem mit der medialen Rezeption von Pop.

Eine andere aufschlussreiche Reaktion kam aus der bisweilen etwas distanzierter denkenden Schweiz. Bei Ueli Bernays Review für die NZZ fiel zunächst der eben keinesfalls anbiedernde oder euphorisch-jubelige Kritikerduktus auf, sondern vielmehr der sehr deutlich aber auch differenziert – wenn auch mit der ziemlichen Gemeinheit versehen, so dass DD nämlich wenig von Jazz verstehe, aber da ist Bernays eh extrem heikel – das als „Streitschrift“ apostrophierte Buch scharf, aber fair auf den Prüfstand stellte und dabei zu aufschlussreichen und konstruktiven Beurteilungen kam. Beim Lesen dieser Review wurde vor allem deutlich, dass eine so klare, nüchterne und dezidiert Mythos-unkorrumpierte Beurteilung Diederichsens in Deutschland derzeit eher nicht möglich ist, wo er viel zu oft von schluddrig-schmierigen „Weißt-eh-Alter“-Schulterklopfer*innen angegangen wird. Man muss den Gesamtgestus der NZZ keinstenfalls schätzen, aber dieser Turn war bemerkenswert und hilfreich. Bernays, übrigens der einzige Kritiker, der vermerkte, dass das Tanzen in „Über Pop-Musik“ kaum thematisiert wird, schreibt: „Auf 450 Seiten ventiliert er hier manchmal atemberaubend virtuos, manchmal eher etwas langatmig viele wichtige popmusikalische Parameter und Verfahren. Und verteidigt sein Steckenpferd dabei gegen den Mief bourgeoiser Verachtung, gegen avantgardistischen Purismus, gegen kommerziellen Zynismus oder gegen billige Klischees der Vereinnahmung. Seltsam nur, wie unkritisch er seine eigene Sprache oft im Staub des Akademismus wirbeln lässt.“

Scientific Warfare: Nowhere / Boredom

Staub des Akademismus – ein nettes Stichwort. Damit kommen wir zum zweiten Kontext der möglichen „Über Pop-Musik“-Rezeption, eben dem hochschulspezifischen Akademismus, und dazu zunächst einmal etwas Grundsätzliches, damit klar wird, worin wir uns da gerade befinden. In Deutschland – und selbstredend nicht nur da – regieren an den Unis nach wie vor die Bildungsbeamt*innen der bürgerlich-akademischen Wissenschaft. Mittlerweile durch Exzellenz-Initiativen-Wahn und Bologna-Strukturspielchen aka eingedampftes Wissen hochgedopt und unhinterfragt selbstgerechtfertigt, werden an den Hochschulen im Rahmen der sog. Geisteswissenschaften trotz Neukonzeption der Lehre weiterhin die üblichen Spiele der ästhetischen In- und Exklusion und Interpretation sowie der behaupteten ästhetischen Diskurshoheit systemerhaltend perpetuiert. Themenfelder, deren wissenschaftliche und gesellschaftliche Relevanz gar nicht mehr andiskutiert wird, werden ganz selbstverständlich nach Gusto abgesteckt und mit Exzellenz-Flaggen versehen, der begehrte Nachwuchs, der dafür sorgen soll, dass das System nicht etwa kritisch angegangen und verändert wird, sondern letztlich einfach weiterläuft wie bisher, muss sich diesen Szenarien – egal wie klischeehaft das klingen mag, denn Klischees sind oft komprimierte Wahrheiten und somit originär sloganistisches Pop-Inventar – bereitwillig als Rädchen in die Maschine oder gleich als weiterer Mauerstein einfügen.

The Little Big Science-Swindle

Wissenschaft ist in der bürgerlichen Gesellschaft – wie Staatspolitik und andere regulative Institutionssysteme – grundsätzlich nicht auch zuletzt eine selbstreferenzielle Karrieremaschine, die sich in irgendeiner simulativen Weise weiter Relevanz zusprechen und selbst rechtfertigen muss – und sei es nur dadurch, dass die Maschine redundant mittels stetiger Erkenntnissimulation am Laufen gehalten wird. Weshalb sie sich auch so schwer ändert, denn die Nicht-Nutznießer sind bekannterweise in der Regel desinteressiert, abwesend und träge. Kritik an diesem Gesamtsystem wird umgehend diskreditiert: Das System im Ganzen zu kritisieren sei zu großangelegt und eh billig, Wissenschaft biete – besonders clever – immer noch Unterschlupf und Nische für dissidente „Meinungen“ (die eh systemstabilisierend sind), Laien – das historische Totschlagargument aller repressiven Wissenssysteme – dürfen eh keine Profis beurteilen, und überhaupt: „Ohne uns geht’s doch einfach nicht, ja seid ihr denn total verrückt?“ – das ist der gängige Tenor gegenüber jeder radikalen Kritik an einem Institutionssystem, das neben seiner Systemstabilisierung längst nur mehr selbsterhaltend wirkt. Eine Kritik am Wissenschaftssystem wird selten so radikal formuliert, wie es gegenwärtig grundlegend nötig wäre. In den geistes- und kulturwissenschaftlichen Studiengängen selbst verlernen die Studierenden dazu leider viel zu oft das heute mehr denn je notwendige dialektische Dagegen-und-Darüberhinaus-Denken – also kritische, kontroverse und radikale Denk- und Schreibweisen sowie dazugehörigen Aussagen. Wenn Sie es denn überhaupt je gelernt haben. Und erstaunlicherweise sind hier weniger die klassischen pathosgeschwängerten Würdeprofessor*innen im auratisch-nebelnden Talar das Problem (die sind vielmehr die strategisch beliebten Kabarett-Witzfiguren zum Abschießen), als vielmehr die Unzahl slicksmarter juveniler Wissenschafts-Karrierist*innen, die sich bereitwillig in das System einklinken, unter Reproduktion und Reinvention eines neuen akademischen Jargons die Simulationsmaschine Wissenschaft stetig neu ölen, putzen, spiegeln, deren Funktionen hochblasen und damit bei den Berufungskommissionen durchkommen. Durch das perpetuierende re-sampeln strategisch ausgesuchter „Wissens“module und Markierungsphrasen wird eine systeminhärente semiologische Syntax des Seriös-Akademischen erzeugt, die Aussage und Bewegung in einem System erzeugt, das grundlegend gesellschaftlichen Stillstand bzw. Regress generiert. Das heißt: Große Gefahr am Little Big Horn, gerade auch für kritische große Geister und deren grundsätzlich dissidente Schreibweisen. Die juvenilen Slicksmarter*innen aber machen gerne mit beim akademischen Kindergeburtstag mit Ballonaufblasen und -zertrampeln, ist bekannt: Das Problem der systemerhaltenden, hypertrophierenden und dynamisierenden jungen Wilden im Kapitalismus also. Den immer mal wieder als potenziellen emanzipatorischen Impetus interpretierten, angeblich progressiven Agens der Wissenschaften haben ebendiese – am schönsten wohl am stockenden Marsch durch die Institutionen zu beobachten, in denen so einige 68er und nun eben die 77er/Punks-in-Suits gerne steckengeblieben sind – schon lange verloren, er ist aber immer noch ein typisches (Selbst-)Trug- und Sedierungsphantasma für die saturierte but yet politisierte Mittelklasse.

But where’s the Pop, Baby?

Ja ja, ist ja gut, mal langsam, Leute – kommt schon noch. Die zunehmende Akzeptanz von Pop in den ästhetischen Wertungsinstanzen der bürgerlichen Gesellschaft – wie eben Medien/Feuilleton und Hochschulen – hat logischerweise einen neuen Schub an Verwissenschaftlichung der Pop-Kultur erzeugt. Grundlegendes dazu wurde bereits auch an dieser Stelle geschrieben, Wiederholung daher unnötig. Nur soviel noch als Gimmick dazu: Mit der Propagierung und intensiven Szientifizierung des E- oder PopPop hat die Bourgeoisie in der Hegemonie über die Popkultur den entscheidenden Schritt vollzogen: das Gewandhausorchester der Pop-Musik schwebt bereits über den Gremien.

Theorie-Jazzrock mit Indie-Pop-Denken

Das Problem ist logischerweise nicht, dass wissenschaftlich über Pop & Pop-Musik gearbeitet wird, sondern wie. Normal. Aber nach wie vor das grundlegende Kriterium. Denn vieles an gegenwärtiger forsch erforschter Forschung ist nach wie vor ein Riesenhaufen irrelevanter Sondermüll, um es mal schön ruhig und natürlich wahnsinnig differenziert mit einem alten Slogan aus dem Anfang des letzten Jahrhundert zu formulieren: Wissenschaften des Unwissenswerten. Noch nicht mal um den weihevoll-pathetischen Interpretationsduktus, der viele Geisteswissenschaften des letzten Jahrhunderts prägte, geht es hier – der hat sich schön sublimiert und eh als Rechtfertigung in die vielen nutz- und sinnlosen strukturtautologischen „Forschungen“ hinübergerettet und eingenistet. Nein, versteckt wird das Ganze von scheinbar aufgeklärten Strukturspieler*innen, die im ärgsten ackerdämlichen Duktus aufgeblasene Pseudoformeln und –floskeln ohne jeglichen relevanten Reflektions- und Erkenntniswert absondern und gnadenlos für ihre Pupslikations- aka Penisverlängerungslisten anhäufen (was nicht bedeutet, dass dies ausschließlich ein männliches Ding wäre). Theorie und gerade auch Pop-Theorie wird hier langsam ein Problem – der deutsche Sonderweg als deutscher Sondermüll. Es geht hier um hochkulturell-hochwissenschaftlichen Theorie-Terror, mit dem Pop im Sinne eines normativ-traditionellen universitären „Qualitätsdiskurses“ total aufgemotzt, superabstrahiert und aufgeblasen wird. Pop-Wissenschaft ist dabei nicht mehr als der regressive Versuch eines Theorie-Jazzrocks für das Ideal einer absoluten Supervirtuosentheoriehochkultur (so wie bereits bei Film- und Medienwissenschaft geschehen), und als Folie einer neuen Theorie-Spielwiese für Jungwissenschaftler*innen, um sich innerhalb der als zunehmend marginal oder gar irrelevant empfundenen traditionellen Kulturwissenschaftsfelder profilieren zu können. Es ist aber nicht alles Jazzrock, was da glänzt. Oft genug verbleiben neue Jung-Pop-Theoretiker*innen indes – wenn wir schon popmusikalische Metaphern für deren Tun verwenden – in einem seltsam nostalgisch-retrospektiven Indie-Pop-Denk-Duktus, der keineswegs den Bewegungen und sich stetig neu synthetisierenden Kontexten der gegenwärtigen Pop-Musik und –kultur entspricht und demgemäß kaum geeignet ist, sich als gleichwertiger wenn nicht gar überlegen-überblickender theoretischer Partner daran mit aller gebotenen Distanz an- und einzubinden.

Akademisch-pandemisch: the new writing dead

Wenn also im Jungakademiker*innenland bei allem Willen zur Wildheit doch nur der alte Trugschluss auf die angebliche ästhetisch-politische Kraft des Pop projiziert wird, oder letztlich die latente Freude triumphiert, dass Pop jetzt endlich auch Deutungs-Kunst und E-Kultur und demnach auch bürgerlich-wissenschaftlich interpretierbar ist, wenn also mit theoretischen Büroklammern hantiert wird, mit denen Pop in einem selbstverständlich neu zu erdenkenden Ordnungssystem der Pop-Dinge zusammengeheftet werden kann und die Pop-Phänomene darin letztlich wie Käfer- und Schmetterlinge per Theorie-Nadeln ins akademische Ordnungskästchen eingestochen werden können, dann sei hiermit die Diskussion bitteschön noch einmal aufs Derbste eröffnet, welcher Fortschritt durch die gegenwärtige Vergewissenschaftlichung des Pop nun geschehen ist. No, all you young academic Career-Clowns, you are repeating the failures of a dead-wrong system of the past in the present – and within there:
YOU ARE THE WRITING DEAD FOR SURE!

Last House for the Left – Last Exit University

Und was hat nun Diederichsen damit zu tun – He?! – ist er etwa schon eingeschlafen dahinten angesichts dieser Dunkelmännerbrief-Szenarien, die er eh schon zur Genüge kennt und darum weiß, er, der eh immer wieder als hiesiger Pop-Übervater angerufen und angefragt wird wie der Weise auf dem Berg, zu dem selbst Hägar gehen muss?

Früher, so schien es, wollten alle Jungens, die nicht gleich Pop-Musiker wurden, Popjournalisten werden, und mittlerweile, gut bös gealtert, halt Popwissenschaftler.

Viele hiesige Poptheorie schreit heute mehr oder minder subsonisch: Ich bin ein Ackerdämicker, gebt mir endlich Relevanz! Ich bin deutscher Poptheoretiker!

Ich will hier und jetzt die Puffessur! Und was macht DD?

Es ist interessant zu sehen, wie integer er in diesem Spiel ist. Denn geht es nicht noch immer darum – „Sexbeat“ reloaded –, „nicht denen ihr Spiel zu spielen“?

Aber spielt die Poptheorie nicht schon längst das Spiel der bürgerlichen Wissenschaften, geht jetzt nicht das Balgen um die Tröge und die Deutungsherrschaften los – denn: So viele Leerstühle gibt es nicht, und das System des bürgerlichen Wissenschaftsdiskurses gründet neben der strategisch-symbolischen Simulation von Wissenserzeugung immer noch auf Karriere und Verdrängung statt auf Solidarität und Kollektivität. Und es ist krass zu beargwohnen, dass die Poptheorie, insbesondere in D-Land – von einer anderen reden wir hier gerade eh nicht –, die Fehler der bürgerlichen Wissenschaft stur wiederholt, betriebsblind gegenüber sich selbst, taub gegenüber den Signalen der Zeit und stumm gegenüber jeglicher Möglichkeit zu Dissidenz und Kritik.

Hinterm Reformhaus links ab

Die zunehmende Akademisierung von Pop und die zunehmende Entwicklung einer Pop-Wissenschaft ist klarerweise ein Prozess der absehbar und unaufhaltbar ist. Und doch sind diese Prozesse logischerweise radikal kritisierbar und auch – sonderbar genug, aber Tatsache – letztlich extrem gestaltbar, und auch dafür ist eine Summa wie „Über Pop-Musik“ äußerst zuträglich. Die Linien und Subtexte von Positionierung, Dissidenz und Entwicklung sind auch in diesem Institutionalisierungsprozess noch lange nicht zu Ende gezeichnet. Das Ziel ist, so Diederichsen dezidiert, Diskussion mit jedem zu führen – und dass bessere Institutionen entstehen. Nehmen wir diese Intention nicht als Reformhausversprechen, sondern als Grundlage für bewusste und bessere Be- und Verhandlungen von einem für die meisten von uns extrem wichtigen Lebens-Moment, als es derzeit geschieht, ja geradezu als Wegweiser für zukünftige Bewegungen, dann stimmt die Richtung.

Abgesehen von den hochinteressanten Gewichtungen und Vorschlägen in „Über Pop-Musik“, die, soviel sollte hier wohl klar geworden sein, nicht vorschnell verzählt und gespoilert werden sollen (wie bereits angeraten: Bitte das Buch unbedingt selber lesen – nur soviel sei verraten: Dass bei einem Basis-Diskurs über Pop-Musik ebendiese dezentralisiert, ja bisweilen fast schon marginalisiert wird bzw. nur als ein Teil eines Zeichen-Ensembles gelesen und der Rezipient in diesem Ensemble aufgewertet und quasi teil-re-zentralisiert wird, ist nun tatsächlich ein ungemein notwendiger, origineller, zentraler und wichtiger Beitrag zu jeglichem zukünftigem Pop-Musik-Diskurs), sollte auch klar geworden sein, dass Diederichsen sich eben nicht als Pauschvorlage für Pop-Karrierewissenschaftler*innen anbietet. „Über Pop-Musik“ bindet sich teils – und dies sehr legitim da immer wieder darüber hinaus gehend – an wichtige theoretische Diskurse und kulturelle Konzepte und Kontexte an. Dies aber stets als nur akademische Bindung zu bezeichnen, wäre verfehlt. Der originäre essayistische Duktus der sich sowohl jeglicher szientistischen Systematik als auch der sattsam bekannten akademischen Jargonisierung verwehrt – dies ist eben der feine Unterschied, den NZZ’ler Ueli Bernays in seiner Verortung DDs im „Staub des Akademismus“ nicht wirklich erkennt –, kommt auf diese Weise zu den dem Topic „Pop-Musik“ besten und transzendierendsten Ergebnissen. Ein Beispiel nur dazu: Allein, wie schlüssig Diederichsen die filmischen Montagetheorien von Eisenstein und Wertow – jeweils ganz klar die jeweiligen Ansätze trennend – in deren Rekurs auf musikalische Konnotationen und Benennungen (Oberton / Intervall) – in den Kontext der popmusikalischen Analyse transformiert, ist ungemein anregend und bereichernd. Schon anhand einer solchen im Gesamtkontext vergleichsweise marginalen Unternehmung, und es gibt da viele Details, die sich bei aller disparaten Widersprüchlichkeit sinnig zu einem Gesamtbild synthetisieren, das keineswegs billiger Essentialismus ist (siehe auch die Interpretation von Pop-Musik als gerichtetem Sprechakt im Sinne von J.R. Searle, als Intentionalität des Körpers – womit letztlich auch Bernays Anmerkung, der Tanz fehle in „Über Pop-Musik wiederlegt ist, auch wenn es hier nur um die Intentionalität von Körper und instrumenteller Musikerzeugung geht), zeigt sich die diskursive Erweiterung, die „Über Pop-Musik“ vorschlägt und darin immer wieder neue, passende und weiterführende Denk-Wege findet.

Früher galt es als ausgemachte Sache, dass Diederichsens Texte schwer verständlich seien. Sie sind es nicht, und in „Über Pop-Musik“, das durch seine gedanklich-progressive Kraft und essayistisch-informative Fülle eh die Substanz zu einem immer wieder zitierfähigen Standardwerk über Pop-Musik hat – das dies passieren wird, ist vielmehr ausgemachte und auch klar verdiente Sache –, transformiert sich das Wissen um die Lebenskontexte, um Theorie und Praxis von Pop in eine strategisch-strukturelle Re-Okkupation von Pop-Musik als Apotheose für alle.

Morgen.

Alles endet, aber nie die Musik, singt unser aktueller Setzkasten-Tatoojunge Casper im Radio – heavens no: Ist das Primärmaterial der Popmusik denn echt so langweilig geworden? Ja, für den unausgeschlafenen Alternden schon … die Phänomene erneuern sich, und wenn Du dich nicht häutest, platzt es schon mal. Gedanke: Und irgendwann kennst Du keine Bands mehr, noch nicht mal aus den Charts – dann ist es soweit. Was denn? Man kennt keine der Bands mehr, die auf Festivals auftreten … dann ist es so weit – was? Oh Gott: Jazz? Klassik? Neue Musik? Sich einen sicheren bürgerlichen Pop-Geschmackskanon zusammenzulegen und bei Rotwein am Kamin zu hören … und zu … lesen?

Die Musik wird leiser, im Kopf entsteht ein Satz, und er wird lauter.

Über den politischen Impetus und das soziale Potenzial von Popmusik entscheidet nicht die Theorie, sondern die Praxis.

HONKER

Diedrich Diederichsen:
Über Pop-Musik.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014
474 Seiten, 39,99 Eur.