No Future?

36 Interviews zum Punk

„Was ist geblieben?
Tatsächlich meine Ideale!“

Schorsch Kamerun

Für immer Punk! sangen die Goldenen Zitronen 1986. Ein bis heute hervorragendes Lied, das meist nur vollkommen falsch verstanden wurde und wird. Besangen die „Zitronen“ doch ironisch das Festhalten an Punkattitüden. Dabei war der Punk über die grausliche „Neue Deutsche Welle“ schon längst im mainstream angekommen. Heutzutage regt sich schon lange keiner mehr auf über bunte Haare und Irokesenschnitt, wie es sich aktuell auch bei vielen der Fußballer bei der WM zeigt. Sind also die ganzen kleinen, jungen Punks, die immer noch weltweit in den Straßen rumlaufen, nur ein Klischee ihrerselbst? Schaut man sich alte Fotos aus dem Düsseldorfer „Ratinger Hof“ an, wie sie aktuell im Buchladen BiBaBuZe zu sehen sind, scheint schon durch, dass Punk damals viel mehr war als bemalte Lederjacke, bunte Haare und Sicherheitsnadeln. Im Hof, wie auch an anderen Orten, traf sich eine wilde Mischung von jungen Leuten, die bei Punkmusik und Alkohol sich austobten und etwas ganz Neues ausprobierten. Was ist aus ihnen geworden? Michael Fehrenschild, der lange für die TERZ schrieb, und Gerti Keller haben sich in ihrem Buch „No Future“ auf Spurensuche begeben. Sie interviewten Musiker*innen und einfache Punks, ganz junge und ganz alte und bieten so einen vielschichtigen Einblick in das Phänomen. Glücklicherweise werden hier jedoch nicht die alten Zeiten romantisch heraufbeschworen. Die Autor*innen waren an den Personen interessiert. Man merkt den Interviews an, dass die beiden meist eine Gesprächsatmosphäre erreicht haben, die dazu führte, dass die Interviewten sich sehr persönlich äußerten. Dabei war die Punkzeit nur der Ausgangspunkt, um zu erfahren, wie die Gesprächspartner*innen heute dazu stehen, was sie jetzt machen und wie sie sich ihre weitere Zukunft vorstellen. Während einerseits die Zugänge zu Punk vollkommen unterschiedlich waren, zeigen sich in der Biographie der meisten große Parallelen. Nur für wenige war der Punk ein kleines Kapitel in ihrem Leben, für die meisten hat es ihr komplettes Leben verändert. Dabei ist es gleich, ob die eine PR-Beraterin geworden ist und der andere immer noch Musik macht. Das Leben der meisten verlief seit ihrer Punkzeit nicht unbedingt gradlinig, sondern mit vielen Brüchen. Schon fast übereinstimmend kann man sagen, dass ihre Punkzeit sie befähigt und sie auch bereit dafür gemacht hat, das Risiko etwas Neues anzufangen, zu tragen. Es war vollkommen egal, wo jemand herkam oder was er oder sie konnte, es ging um das Machen. Du kannst eine Gitarre halten, also kannst du auch spielen, um es mal etwas zu verklären. Da kam natürlich nicht immer was Gutes bei rum, also hat man etwas anderes gemacht. Was heute als Do-it-yourself (DIY) schon fast rhetorisch und als Aufforderung daherkommt, hat man damals einfach gemacht. Von diesem Geist sind die meisten Protagonist*innen in diesem Buch immer noch beseelt, auch wenn sie nicht mehr so wild sind und vieles reflektierter sehen.

Nicht alle waren „erfolgreich“. So wird bei einigen, die die 50 schon länger überschritten haben, die in absehbarer Zeit drohende niedrige Rente zu einem immer näherrückenden Problem. Michael Fehrenschild und Gerti Keller schaffen es in ihren Interviews, einerseits den Geist von damals einzufangen, dabei andererseits aber nicht stehenzubleiben und neben vielen natürlich lustigen Anekdoten, auch ernsthafte Statements von den Interviewten zu erlangen. So erinnern einige auch an die vielen Gescheiterten und Toten aus dieser Zeit.

Es macht an dieser Stelle keinen Sinn, einzelne Porträtierte hervorzuheben, denn Punk waren alle und keine Einzelnen. Und es würde ihnen auch nicht gerecht. Eine Ausnahme sei hier dann doch gemacht. Im letzten Interview kommt Pankow zu Wort, ein Punk aus der DDR. Schließlich war Punk nicht nur auf dem Westen beschränkt, wie es häufig kolportiert wird. Während das Punkleben in Westdeutschland meist ungefährlich war, von gelegentlichen Bullenübergriffen und Aktivbürger*innen abgesehen, war es in der DDR anders. Fast alle kamen in den Knast. Viele sind daran körperlich und mental zerbrochen, wie Pankow berichtet. Und viele seiner Kumpels haben für die Stasi gearbeitet und auch ihn hintergangen. Diese Geschichte unterscheidet sich von den westdeutschen und sticht eindeutig hervor.

Das Buch ist Fehrenschild und Keller hervorragend gelungen. Dazu kommen die absolut beeindruckenden Fotos von Dominik Pietsch, der es schafft, die Porträtierten in ihrer meist privaten Umgebung sehr persönlich, schon fast intim abzulichten. Dazu stehen im Kontrast die Fotos aus ihrer Punkzeit, die widerum ein ganz anders persönliches Bild ergeben. Genauso gelungen ist das Layout des Buches, das verhalten modern, aber doch auch eine Reminiszenz an das Layout der frühen Punkzeit ist. Gratulation, selten ein beeindruckenderes Buch in letzter Zeit gesehen – vom Inhalt, über die Fotos bis zum Layout.

No Future?
Michael Fehrenschild und Gerti Keller
Archiv der Jugendkulturen Verlag
268 Seiten für 28 Euro, als ebook für 19,99 Euro

Ausstellung:
BiBaBuze, Aachener Str. 1
01.07. bis 31.08.

R.G. Gleim: No Future? Wir machen das jetzt!
Fotografien (Ende 70er/ Anfang 80er)

Ausstellungseröffnung mit Buchvorstellung:
Fr. 04.07., 19.00 Uhr
Eintritt frei


Interview mit Michael Fehrenschild

Wie seid ihr auf die Idee des Buches gekommen?

Ich habe das Ende der Punk-Zeit noch selbst erlebt und war vor allem begeistert von dieser unglaublich abwechslungsreichen Musikkultur, eben nicht nur Musik à la Sex Pistols. Später habe ich Geschichte studiert und fand das Prinzip der „aural history“ spannend. Unser Buch ist kein „Geschichtsbuch“ über Punk, zeigt aber doch, worum es damals ging. Man muss nur die Geschichten lesen.

Ihr habt jetzt sehr viele, sehr unterschiedliche Menschen interviewt. Wer hat euch am meisten imponiert und was war für euch die überraschendste Aussage?

Viele der Interviewten finde ich sehr, sehr interessant. Aber meinen Horizont hat am meisten das Interview mit Pankow aus Ost-Berlin erweitert. Mir war vorher nicht klar gewesen, in was für einem Ausmaß renitente Jugendliche in der DDR verfolgt worden sind. Ganz schlimm und für mich in dieser Form eine neue Erkenntnis.

Wie habt ihr selber die frühe Punkzeit erlebt?

Für die frühe Punkzeit war ich etwas zu jung. MIt 13-14 habe ich Pistols, Clash usw. aber schon mit Begeisterung gehört, kam aber noch nicht so aus dem Elternhaus raus. So ungefähr ab 1981/82 bis in die Neunziger habe ich dann Hunderte von Punk, Hardcore, Avantgarde, Industrial, Reggae und Skabands gesehen.

Was bedeutete für euch Punk und wie seht ihr das heute?

Für mich war das die rigorose Ablehnung einer verlogenen, geldgeilen, immer blöder werdenden Konsumgesellschaft. Sehe ich in vielen Dingen mmer noch so, aber man muss lernen damit zu leben...ich bin auch sanfter und toleranter geworden.

Fast alle von euch Befragten schildern ihre Punkzeit als sehr einflußreich für ihr späteres Leben. Welche Auswirkungen hat für euch diese Zeit gehabt?

Bis heute bekomme ich Beklemmungen, wenn ich zu viel Pop und „normale“ Rockmusik hören muss, geschweige denn Schlager und Märsche. Ich habe Probleme mit zu viel Harmonie, nicht nur in der Musik. Aber Kleidung und Frisuren sind mir heute fast egal, ich muss mich nicht mehr über Äußerlichkeiten abgrenzen.

Wenn ihr heute die ganzen jungen Punks seht, was denkt ihr dadrüber?

Irgenwo schön, aber auch traurig, denn jede Generation sollte ihre eigene Protestform finden.

Und wenn eure eigenen Kinder zu Punks werden?

Wenn sie es auf ihre eigene Art sind, dann toll! Lederjacke mit ACAB oder Sid is innocent drauf fände ich aber fast schon konservativ. Ich mochte „retro“ noch nie so gerne.

Michael Fehrenschild ist in Düsseldorf aufgewachsen und lebt jetzt mit Gerti Keller in einem Dorf bei Köln. Studium, mehrere Versuche sich dem Arbeitsleben zu entziehen, mehrere Jahre Verlagskaufmann, lange Jahre Autor in der TERZ, heute freier Journalist und Touristenführer. Kinder: 2 Söhne. Vater: Elektriker, Eisenwarenhändler. Mutter: Hausfrau.