Leibesübungen zu zweit und zu elft

Was aus dem Befreiungsversprechen der Sex-Revolte von 1968 geworden ist, demonstriert Dieter Bott in seiner Rezension des Buches „Vögeln ist schön“ am Beispiel des größten Faszinosiums der Gegenwart, dem Fußball.

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„Vögeln ist schön“ – dieser Slogan prankte in den glorreichen Tagen der anti-autoritären Revolte von 1968 an den Wänden meines alten Gymnasiums in Homberg/Efze in Nordhessen. Und an der Turnhalle war zu lesen: „Vögeln statt Turnen.“ Ulrike Heider schildert aber nicht nur die Aktionen der Homberger „Gegenschule“. Auf 320 Seiten entfaltet sie in „Vögeln ist schön“ eine ideologiekritische Moral- & Sittengeschichte der vergangenen 60 Jahre, die weit über das hinausgeht, was der Untertitel ankündigt: „Die Sexrevolte von 1968 und was von ihr bleibt.“
Die Autorin, bekannt durch ihre Autobiografie „Keine Ruhe nach dem Sturm“ und Werke u. a. über linken, rechten und grünen US-Anarchismus, hat drei Jahre in die Recherche investiert. Und sie hat all das noch einmal durchgearbeitet, was wir während der Studentenrevolte zum Teil nur flüchtig zur Kenntnis genommen haben. Auch um die Anmutungen und Zumutungen der letzten 30 Jahre macht sie keinen Bogen und seziert die ganz großen Aufreger von der Postmoderne bis zu den „Shades of Grey“ und den „Feuchtgebieten“ unerschrocken und mit kühler Distanz. Eigene Lebens- und Lese-Erfahrungen sind ihre Ausgangspunkte, wenn sie mit Witz und in verständlicher Sprache noch einmal die Klassiker der Moral-Debatten wie etwa Georges Bataille in Erinnerung ruft. Und die feministischen Theorien bis zu Judith Butler und den Folgen noch einmal aufarbeitet. Ein spannendes Buch auch für die jüngere Generation, die sich vergewissern möchte, welche Kämpfe scheinbar bereits hinter ihr liegen.

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Bei dem Love & Peace-Zeichen auf dem Titel und der unterlegten Kleine-Mädchen-Farbe Pink, die der Verlag zu verantworten hat, rechnet kein Mensch mit Ulrike Heiders entschlossener Kampfansage an den roten und grünen Regierungs-Opportunismus, der sich von seinem 68er Erbe ebenso distanziert wie von seinen Jugendsünden. Nach einer gründlichen und historisch aufschlussreichen Auseinandersetzung mit Päderastie und Pädophilie fordert Heider einen rationalen Umgang mit diesen und den anderen Tabu-Themen. „Dann könnte die Pädophilie-Debatte, statt in die Welt der 1950er Jahre zurückzuführen, einen Beitrag gegenüber jeglichem Missbrauch von Kindern leisten“(S.308). Und sie fährt fort: „Thematisieren müsste man nicht nur sexuellen Missbrauch im Namen angeblicher Kinderlust, sondern auch die soziale Vernachlässigung von Kindern, das Prügeln und Demütigen ebenso wie die Einsperrung, sexuelle Unterdrückung und Überbehütung der Heranwachsenden in einer heilen Kinderwelt.“

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Heiders Auseinandersetzung mit der Debatte um die Odenwaldschule und den reaktionären Versuch, sowohl die Reform-Pädagogik wie auch die uneingelösten Ideale der 68er zu delegitimieren, liefern mir – noch vor dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft am 13.7.2014 – das Stichwort, um auf den „Missbrauch kindlicher Begeisterungsfähigkeit“ hinzuweisen, der sich schon seit Jahren vor der an Fußball interessierten Öffentlichkeit abspielt, so dass es selbst dem bräsigen Peter Sloterdijk merkwürdig anmutet, wenn er beobachtet, wie ungeniert „windige Bürschchen“ (gemeint sind die jugendlichen Star-Kicker) sich an kleinen Buben und Mädchen zu schaffen machen.

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In der Diskussion mit Gunter Gebauer und Hans Ulrich Gumbrecht im Deutschlandradio „zur Philosophie des Fussballs“ bemerkt Sloterdijk, dass die kleinen Kinder in die Arena gebracht werden, um zum symbolischen Gruppenfoto beim Abspielen der National-Hymnen funktionalisiert zu werden wie Basilikum und Tomaten als Augenschmaus auf dem Schnittchenteller. Zu ernster Miene angehalten, ist ihnen alles untersagt, was ihnen vielleicht Spaß machen würde, etwa ihren Freunden daheim zuzuwinken oder ihre Oma zu grüßen.

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Der Dortmunder Satiriker Fritz Eckenga hat schon vor Jahren in der taz gegen diesen Missbrauch der „Ein & Auflauf-Kinder polemisiert, die auch für Brasilien und das Spiel der deutschen Mannschaft wieder von BILD & MacDonalds gecastet und gesponsert worden sind – „Gegen Portugal 2 Plätze – gegen die USA 3 Plätze und fürs Finale ein Platz“ (BILD, 28.4.14).

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Was für ein Unsinn. Die kleinen Kinder wünschen sich doch nichts mehr als diese Nähe zu ihren Super-Stars? Als höchstes ihrer Gefühle? Sie freuen sich bei diesem Riesenspektakel in einer brodelnden Betonschüssel der weltweiten Betrachtung ausgesetzt zu werden? An der Hand ihrer Idole, die hochkonzentriert alles andere im Sinne haben als eine kindgerechte Zuwendung? Die gibt’s doch sehr wahrscheinlich hinterher? Oder schon vorher? Erhebliche Zweifel bei dieser Veranstaltung sind angebracht, ebenso wie sie einem beim Betrachten von Bildern befallen, die prominente Politiker*innen beim Präsentieren zeigen mit ihrem eigenen Hund oder ihren eigenen Kindern.

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Helmut Kohl hat mit der von ihm 1982 angekündigten „geistig-moralischen Wende“ versprochen, Schluss zu machen mit der „Kuschel-Pädagogik“ der 68er und ihren Schattenparker*innen und Frauen-Verstehern. Ulrike Heider zeichnet in ihrem Buch die einzelnen Fixpunkte und Etappen nach, mit denen das reaktionäre Roll-Back sich nach und nach durchsetzt von der Verhöhnung des Kuschel-Sex bis zur Feier der Schmerzenslust.

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Auch an der scheinbar unpolitischen Sportifizierung der Gesellschaft ist diese Entwicklung abzulesen. Sie hat die „kritischen Staatsbürger*innen“ der 70er Jahre in die konsumierenden Fans von heute verwandelt – egal von welcher Marke und von welchem Verein: Hauptsache mitfiebern, mitjubeln und mitregieren. Ein smarter Mitläufer-Typ, wie in der von Jogi Löw geformten Nationalmannschaft ist der neue Mensch. Möglichst geschlossen und vereint hinter dem Trainer, dem Führungspersonal und den Leitwölfen auftreten, heißt die Devise. POSITIV DENKEN und Corporate Identity steht auf der Agenda, auf dem Platz wie auf den Rängen, im Betrieb wie im Verein, auf den Parteitagen wie in den Gremien und in den Vollversammlungen, in den Schulen und in den Unis.

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Die passenden Bilder und Werte, Worte und Vergleiche im Konkurrenzkampf um Standort und Tabellenplatz liefern Sport und dabei besonders der Fußball. Im Gegensatz zur christlichen Religion hat der Sport kein Jenseits und keine Transzendenz. Er verdoppelt die Welt, wie sie ist (Adorno). In alle Segmente der Gesellschaft ist die Sportifizierung vorgedrungen. „Höher, weiter, schneller“ lautet auch im Kulturbetrieb die Parole.
Wen oder was verehren die Jugendlichen und geben sie als ihre Idole und Vorbilder an? An erster Stelle stehen die Sportskanonen – und an 2. Stelle die eigenen Eltern. Das berührt nicht nur die abfällig so genannten Alt-68er merkwürdig, deren nicht eingelösten emanzipatorische Ideale man auf diese griffige Jahreszahl zusammenschnurren lässt. Das läuft entscheidenden Inhalten der „antiautoritären Bewegung“ und der „außerparlamentarischen Opposition (APO) zuwider. Wer erinnert sich noch daran, dass gegen die Verselbständigung von Herrschaft die Rotation wirksam aufgeboten werden sollte? Und wer an das „imperative Mandat“, das die gewählten Vertreter*innen an den Willen und die Beschlüsse seiner Basis binden möchte.

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Auf ihrem Weg nach oben wurden diese anti-autoritären und Herrschaft minimierenden Elemente von den ehemaligen Jungsozialist*innen und den grünen basisdemokratischen Pazifist*innen aufgegeben und verdrängt. Im Denken und Schreiben von Ulrike Heider sind sie wieder springlebendig am Werk. Ich hab mich sehr darüber gefreut, dass die Bedeutung der „Gegenschulen“ für die sexuelle und mehr noch für die gesellschaftliche Aufklärung im Buch von Ulrike Heider hervorgehoben wird Und dass die erstaunliche Kontinuität und Aktualität deutlich wird, die das von mir 1968 bei der hessischen Naturfreundejugend gegründete „1. anti-olympische Komitee (AOK)“ besitzt.

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Dem Dank, den Ulrike Heider mir für meine Unterstützung ausspricht, möchte ich mit einem Arbeitskreis gerecht werden, der in sechs bis acht Sitzungen ungefähr jeweils zwei Stunden die einzelnen Themen und Thesen ihres Buches diskutiert. Dabei wäre es sinnvoll, wenn die Interessierten zum jeweiligen Thema spezifische eigene Erfahrungen miteinbringen können, etwa die von einem (ehemaligen) Internatsschüler, wenn wir die Missbrauchsthematik und Homophobie am Beispiel der Odenwaldschule rekonstruieren.

Infos bei
bott.dieter [at] gmx.de
Tel.: 0211/68 037 06


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Die Sex-Revolte und ihre Folgen

In sechs bis maximal acht Sitzungen wird sich ein Arbeitskreis mit den Thesen im neuen Buch von Ulrike Heider beschäftigen :“Vögeln ist schon- Die Sexrevolte von 1968 –und was von ihr bleibt“-(Rotbuch-Verlag,15 Euro).

In den Sitzungen werden wir jeweils einen Themenkomplex herausgreifen und uns bemühen, Gäste einzuladen,die ihre Erfahrungen einbringen können z.B.die von ihrem Internats-Besuch ,wenn wir die Missbrauchs-Thematik am Beispiel der Odenwaldschule und der katholischen Kirche behandeln.

Unsre Diskussionen folgen im wesentlichen dem Inhalt des Buches:1.Wilhelm Reich –freie Liebe –und Sexfront 2.Herbert Marcuse Oswalt Kolle und die Rebellion der Minderjährigen 3 Schwuler und feministischer Neubeginn 4.Pornografie und Foucault 5.Judith Butler, Gender,Queer und Transgender 6.Der Siegeszug des Sadomasochismus 7.Feuchtgebiete und axolotl roadkill 8.Missbrauch und Homophobie.

Anmeldung bei bott.dieter [at] gmx.de, Tel:0211- 6803706

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Für Leserinnen und Leser

Ich besitze interessante Bücher, die ich gerne verschenken möchte – zB. über die Zwanziger Jahre –von und über die „ Frankfurter Schule“ und über Sport und Fussball -Sie stehen bei mir nur rum,ohne noch etwas zu bewegen – Ich möchte sie an interessierte Leserinnen und Leser verschenken –bis auf meine paar Lieblingsbücher- Am Montag abend,14.Juli 2014 –dem Tag der französischen Revolution- ab 18 Uhr bei mir in Oberbilk-- Kruppstrasse 52 (Tram 706 oder 715) – Wer an diesem Termin verhindert ist ,ruft bitte vorher an- Anschliessend gehen die übriggebliebenen Bücher an die „oxfam“-Stiftung, wo ich selber viele gebrauchte Bücher billig gekauft habe - . Oder hat jemand eine bessere Idee?