Inklusion

Nur selten kommt es vor, dass man den Gerech­tigkeits­fanatiker*innen in der bürgerlichen Gesellschaft Gehör schenkt. Meist werden sie als Idealist*innen belächelt, deren Forderungen unbezahlbar seien. Erstaunlich ist es nun, dass sogar der eine oder andere Euro locker gemacht wird, um das große pädagogische Ziel der Inklusion zu erreichen. Hier geht es um das gemeinsame Lernen von Menschen mit und ohne Behinderung.

Was sich zunächst gut anhört, hat aber den einen oder anderen Haken. Da beschweren sich die einen, die Menschen mit Handicap behinderten den Lernfortschritt der gesunden Schülermannschaft. Andere beklagen, dass unnötig viel Geld für einige wenige rausgeschmissen werde. Und auch hört man bisweilen den fürsorglichen Kommentar, Menschen mit Behinderung seien eben nur in Spezialschulen gut aufgehoben. Aber immer wieder werden Beispiele gelungener Integration vorgestellt: Kinder lernen in integrativen Klassen den Umgang mit schwachen und behinderten Menschen.

Um diese Beurteilungen zu prüfen, ist es sinnvoll, Ziel und Zweck von Schule zu klären. Böse Zungen behaupten, die Schule sei eine Selektionsmaschine. Die jungen Menschen müssen sich in einem vorgegebenen Zeitraum eine bestimmte Menge Lernstoff einprägen. Danach wird durch diverse Testverfahren geprüft, ob das Gelernte beherrscht wird und mit Zahlen zwischen eins und sechs bewertet. Nach einem vorgegebenen Schlüssel und den Einschätzungen der staatlich legitimierten Lehrpersonen werden die Schülerinnen und Schüler nun dem Hauptschulabschluss, der Mittleren Reife oder dem Abitur zugeführt. So wird mithilfe der Noten die junge Menschheit in Qualifizierte und Unqualifizierte geschieden. Den Qualifizierten winkt ein lukrativer Job, während die Unqualifizierten sich auf dem Niedriglohnsektor herumtummeln dürfen. Und die Schule schafft es, genau die entsprechenden Anteile von Qualifizierten und Unqualifizierten, die in einer kapitalistischen Gesellschaft benötigt werden, auszuspucken (von einigen Verschiebungen mal abgesehen). Begründet wird die Selektion mit der Natur des Menschen. Da gebe es eben die schlauen und die dummen Menschen, deren Verteilung sich nach der Gaußschen Normalverteilungskurve ausrichtet. Wie gut, dass Mutter Natur sich auf die Bedingungen unserer wirtschaftlichen Rechenweise einlässt! Dieses Thema gilt in unserer Gesellschaft als abgehakt.

Aber die Natur hat uns auch etwas eingebrockt, das irgendwie nicht ins Konzept der Selektion passt: Die „Behinderten“. Sie sind augenscheinlich für die normale Benutzung durch Staat und Kapital nicht brauchbar, also gehörten sie bislang auch nicht in die Regelschule. Man erfand für sie die Hilfs-, Sonder- oder Förderschulen, damit auch diese Menschen irgendwie ihr Leben mehr schlecht als recht verwalten konnten, ohne dem Staat zu teuer zu kommen.

Nun haben Idealist*innen der bürgerlichen Gesellschaft herausgefunden, dass dies eine Diskriminierung sei. Und Diskriminierung geht in unserer freiheitlichen Gesellschaft nun mal gar nicht!

Leuchtendes Beispiel ist hier die Frauenemanzipation. Vor fast hundert Jahren wurde den Frauen das Wahlrecht zugesprochen, seit dieser Zeit dürfen auch die Frauen mitbestimmen, wer über sie herrscht. Auch hat man ihnen die Möglichkeit geschaffen, neben Haushalt und Kinderversorgung sich auch als Lohnarbeiterinnen vernutzen zu lassen (hier haben die Nazis Maßstäbe gesetzt). Und nicht zuletzt dürfen sie sich seit einigen Jahren für Volk und Vaterland auf dem Feld der Ehre opfern.

Ob die Frauen angesichts dieser Erfolge jubeln dürfen, sei dahingestellt.

Aber nun zurück zur Inklusion. Wenn der Zweck der Schule das Lernen wäre, gäbe es keine Probleme mit der sog. Inklusion. Denn jede*r Schüler*in lernt irgendwie anders. Die einen sind flott in Mathe, andere sprachbegabt. Manche tun sich schwer mit dem Einprägen von Jahreszahlen, andere mit dem Vokabellernen. Was macht es da, wenn der eine mit der Brailleschrift lernt und die andere die Behindertentoilette mitten in der Stunde besucht. Dann warten die anderen halt ab, bevor es weitergeht mit dem Lernen.

Aber so funktioniert Schule in unserem System nicht. Hier geht es um Selektion, und da stehen die behinderten Bremser*innen im Weg der Erfolgreichen.

So sehen es die einen. Die anderen, die Befürworter*innen, haben eine andere Sicht der Dinge. Warum sollen nicht auch die „Behinderten“ im Rahmen ihrer Möglichkeiten (mit Nachteilsausgleich etc.) der allgemeinen Auslese unterworfen werden? Genauso wie man die Frauen und Schwulen durch Anerkennung für Staat und Ökonomie nutzbar gemacht hat, können doch auch Menschen mit Behinderung „ihren Beitrag“ für das nationale Wohl leisten. Dazu müssen sie aber auch in der Selektionsmaschine getestet und bewertet werden. Ob sich die Betroffenen darüber freuen dürfen, sei dahingestellt.

Und da gibt es noch die Sorte „Behinderter“, die am allgemeinen Schulleben teilhaben dürfen oder sollen, obwohl sie gar nicht in der Lage sind, dem Unterricht zu folgen. Dass die Menschen mit vorwiegend geistigen Einschränkungen nie und nimmer das Ziel der Schule erreichen können, ist von vornherein klar. Ihnen wird hier vorgegaukelt, sie seien Teil einer großen Gemeinschaft, die sich gegenseitig hilft und niemanden im Stich lässt. Und das in einer Institution, wo die Konkurrenz um gute Noten die schlimmsten menschlichen Reaktionen zum Vorschein bringt: von Hass und Neid bis Mobbing und Amoklauf.

In dieser fröhlichen Gemeinschaft können sich Menschen mit Behinderung ganz unfreiwillig als ausgleichendes und befriedendes Element bewähren, denn mit ihrer Hilfsbedürftigkeit sind sie in einer Welt der gnadenlosen Konkurrenz ein gemeinschaftsstiftendes Element.

Nun darf man aber den Inklusions-Idealist*innen nicht unterstellen, sie wollten die Gehandicapten für Zwecke der schulischen Auslese instrumentalisieren. Sie meinen es ernst, wenn sie die umstandslose Integration in unsere Gesellschaft fordern. Nur bleibt die Frage offen, ob eine Gesellschaft mit ihren Gegensätzen von Lohnarbeit und Kapital, von Reichen und Armen, mit ihren internationalen Affären, die Hunger, Vertreibung, Krieg und Tod zur Folge haben, es wert ist, in ihr ein anerkanntes Mitglied zu sein.

Henrici