Durchtriebene neue Welt

„Amt für Schadensabwicklung, ... Hallo!“
Oder:
death from a distance

Die Ausstellung „Smart New World“ in der Düsseldorfer Kunsthalle zeigt noch bis zum 10. August 2014 Kunst, die mehr als l’art pour l’art ist.

Eine digitale Telefonstimme (Maschine) flötet: „Guten Tag, Sie rufen an beim Aussteigerprogramm Linksextremismus. Bitte haben Sie einen Moment Geduld, wir sind gleich für Sie da“ ... – ... Fahrstuhlmusik ... – ... im Telefonanschluss tönt ein Freizeichen ... – eine Stimme (Mensch, vielleicht auch Papagei) knistert dienstlich durch die Leitung: „Bundesamt für Verfassungsschutz, guten Tag“ ... – Stille – ... die Stimme erneut: „Hallo?“ ... – Sekundenlang wiederum: nichts – ... Stimme wiederum (beinahe schrill): „Hallo?“ ... – horchende Pause: drei Sekunden ... – ... ein Telefonhörer klappert auf seine Gabel, darauf prompt: „Tuuuuuut“. Ende der Vorstellung.

Ein Anruf unter der Kölner Telefonnummer, unter der das „Kontakttelefon“ des so betitelten „Aussteigerprogrammes für Linksextremisten“ rund um die Uhr zu erreichen sein soll, offenbart Komik der aberwitzigen Art. Wer sich durch die Popkomposition in Dur hindurchgewartet hat, hört offenherzige Worte. Guten Tag, hier spricht: der Verfassungsschmutz. Wer sonst. Steht ja auch auf der Homepage. Hier heißt es: „Das BfV motiviert mit dem Aussteigerprogramm Personen zu einem Ausstieg aus der linksextremistischen Szene, bestärkt sie in ihrer Entscheidung und unterstützt sie bei weiteren Schritten aus dem linksextremistischen, insbesondere gewaltbereiten Umfeld.“ Service-Sprech für reuige Revoluzzer*innen, Bombenleger*innen und Steineschmeißer*innen. Wie einladend!

„Chausseestraße. Benutzte Einweghandschuhe. Latex“

Wie die unfreiwillig komisch schnarrende Papagei-Stimme eingebettet ist in den Apparat des Bundesnachrichtendienstes, zeigen die Video-Künstler Andree Korpys und Markus Löffler in ihrer Video-Arbeit „Personen. Institutionen. Objekte. Sachen“ im ersten Stock der Kunsthalle am Grabbeplatz. Sie ist eine von 15 künstlerischen Positionen in der Schau „Smart New World“, die als Teil der Quadriennale 2014 noch bis Anfang August zu sehen ist. Über zwanzig Minuten Videomaterial haben Korpys und Löffler zusammengeschnitten, präsentiert auf drei Bildschirm-Wänden. Sie filmen das Wachsen und Gedeihen des Neubaus der künftigen BND-Zentrale in Berlin-Mitte. Aus dem Fenster einer verlassenen Altbauwohnung heraus, die der weit fortgeschrittenen Baustelle gegenüberliegt, nehmen sie die Fassade des Bundesnachrichtendienstes vors Kamera-Objektiv. Kalt-dunkle, rechtwinklige Architektur, schmale Fenster wie Schießscharten, davor ein Zaun, der Durchblicke gewährt bis an den Sichtbeton – und nicht weiter. Ein paar noch mickrige Bäumchen versuchen schon jetzt, in ihrer Asphalt-Umfriedung Wurzeln zu schlagen. Menschen sind jetzt, 2013, im Video von Korpys und Löffler noch kaum zu sehen. Selten Passant*innen, kein Schatten hinter den Fenstern, niemand, der auf der Baustelle arbeitet. Allein die Ton-Einspieler von Anrufen bei nachrichtendienstlichen Behörden, zum Beispiel bei dem bis vor kurzem mühsam mimikrierten „Amt für Schadensabwicklung“ – einer getarnten Außendienststelle des bundesdeutschen Auslandsgeheimdienstes – machen deutlich, dass der BND auch Personalkosten hat. Und genau das soll für alle sichtbarer werden, wenn der Neubau in Berlin erst einmal bezogen ist. Dann werden das „Amt für Schadensabwicklung“ und ähnlich plump kaschierte, verstreut residierende Phantombehörden zusammen im neuen BND-Gebäude untergebracht sein. Dann ist das Klingelschild eindeutig. 4.000 Mitarbeiter*innen sollen ab 2016 hier ihrem hässlichen Beruf nachgehen. „Transparenzoffensive“ nennt der Bundesnachrichtendienst seinen neuen Kurs. Humor ist, wenn sich’s trotzdem lachen lässt?

Andree Korpys und Markus Löffler greifen diese absurde „Leere“, wie sie selber sagen, auf, wenn sie in ihrer Arbeit das Vorgehen der Behörde imitieren. Akribisch suchen sie Spuren, filmen Fundstücke ab, benennen und beschreiben sie, Asservaten gleich. „Benutzte Einweghandschuhe. Latex“. Kamera und Schnitt erscheinen statisch, die Bilder wirken wie eine beliebige Aneinanderreihung von Verdachtsmomenten. Täterschaft: unklar – aber ein Latexhandschuh wird dabei gewesen sein. Irgendwo zwischen Beckett und Kafka bleibt der Eindruck hängen, dass derlei Überwachung, wie der BND sie verkörpert, banal sein könnte. Gäbe es da nicht zum Beispiel den so überraschend vom Himmel gefallenen NSU, vorgeblich bestehend aus drei einzelnen Täter*innen, deren lokale Netzwerke für alle, die es nur wirklich wissen wollen, so offenkundig existieren wie Latexhandschuhe im Rinnstein der Chausseestraße.

Code-Name: „Common Privacy“

„Daten, Bilder, Zuschreibungen sind das, was sich damit machen lässt“, könnte ein Motto der Ausstellung lauten. Die Techniken der Überwachung und die Akteure*innen ihrer Bedienung sind Handlanger eines Binär-Codes, der die Welt regiert – wie die Kuratorinnen Elodie Evers und Magdalena Holzhey in ihrer Einleitung zur Ausstellung schreiben. Ganz gleich, ob es sich um Bewegungsprofile zu Werbezwecken, den Tod der Privatsphäre, Big Data-Dystopien (oder -Realitäten!) oder um die Gegenwart des sogenannten Network Centric Warfare – kurz NCW – geht. Zwischen digitalem Kapitalismus und dem Töten per Joystick in der Hand vernetzter Einheiten auf der einen Seite von asymmetrischen Kriegen ist genug Handlungsspielraum für das, was die Kuratorinnen als Ziel einer jeden Informationsgesellschaft beschreiben: Informationsüberlegenheit. Denk- und Wissensstrukturen in digitalen Codes als Herrschaftsinstrument.

Die Künstlerinnen und Künstler, die die Ausstellung zusammenführt, berühren diese Grundposition auf ganz unterschiedliche Weise. Wie Korpys und Löffler bilden etwa auch Trevor Peglan und Laura Poitras in ihren Arbeiten die nachrichtendienstliche Überwachung ab. Beide Künstler*innen nähern sich den Gebäuden, in denen Sicherheit ‚gemacht‘ wird. Peglan zeigt Nachtaufnahmen der Standorte US-amerikanischer Informationsdienste wie der National Security Agency (NSA) – beleuchtet wie Weihnachtsbäume. Laura Poitras verarbeitet das Thema filmisch. Gemeinsam mit dem Journalisten Glen Greenwald, der den Weg über die Print-Veröffentlichung wählte, war sie die Erste, der Edward Snowden seine Dokumente zur Überwachungs- und Spionagetätigkeit der US-Geheimdienste zur Verfügung stellte. Welche Macht Daten haben, aber auch welche Ressourcen freigesetzt werden müssen, um sie zu gewinnen, zeigt Poitras in ihrem Kurzfilm „Mission Data Repository“, mit dem sie den Bau des NSA-Überwachungsgebäudes in Utah begleitet – wie Korpys und Löffler: von außen. Dabei werden in der zukünftigen NSA-Rechnerzentrale auch ihre eigenen Daten gespeichert sein, denn Poitras wird vom US-Department of Homeland Security wegen ihrer künstlerischen und journalistischen Arbeiten seit 2006 als terrorverdächtig eingestuft. Dass derlei Sicherheitsoperationen von zweifelhaften Absichten getragen sein könnten und daher einer besonderen Fabel zu ihrer Rechtfertigung bedürfen, legt Trevor Peglan in seiner zweiten Arbeit, der raumhohen Nachahmung einer Ehrenmauer nahe. Bis unter die Decke reihen sich Kolonnen der „Code Names“ von US-amerikanischen Militär oder Geheimdienstprogrammen wohlsortiert auf wie die Namen gefallener Soldaten. Quadratmeterweise. Ehre, wem Ehre gebührt? Oder Ironie des Scheiterns angesichts von Whistleblower*innen und ‚Terroriste*innen‘, die ihre Nachrichten mündlich oder auf einem Stück Papier überbringen?

Kubikmeterweise hingegen beansprucht Kenneth Goldsmith Platz für seine Installation „Papers from Philosophical Transaction of the Royal Society“. Gemeinsam mit Studierenden der Kunstakademie Düsseldorf hat er 233.000.000 Blatt Papier ausgedruckt und in Szene gesetzt, allesamt wissenschaftliche Artikel, heruntergeladen vom Online-Zeitschriftenarchiv „JSTOR“. Damit geht Goldsmith der Geschichte von Aaron Swartz und Greg Maxwell nach, die 2011 in den Fokus des US-Justizministeriums geraten waren, weil sie derlei Aufsätze gleich massenhaft heruntergeladen und als commons-Gut zur Verfügung gestellt hatten – entgegen der Absichten der Betreiber des Archivs, die ihre Ressourcen zwar als commons betrachteten, so commons aber nun auch nicht sein wollten. Swartz hatte insgesamt etwa 4,8 Millionen Artikel heruntergeladen, über die der Künstler Goldsmith heute im Ausstellungs-Begleitheft schreibt: „Wir können uns unmöglich vorstellen, wie 4,8 Millionen ‚Artikel‘ aussehen könnten, ganz zu schweigen davon, was wir mit ihnen anfangen würden, wenn sie sich tatsächlich in unserem Besitz befänden“. Informationsherrschaft wird einmal mehr mit Besitz, hier vor allem mit dem Besitz von Wissen, verknüpft. Wie sinnentleert dieses „Kapital“ ist, zeigt sich in Goldsmith’ kritischer Perspektive, wenn ihm eine materielle Form gegeben ist: Papier in Stapeln, eine Viertelmillionen Din-A4-Blätter, der Horror aller, die je versucht haben, eine geisteswissenschaftliche Doktorarbeit zu schreiben.

Death from a distance

Goldsmith’ Arbeit ist lustig. Sie thematisiert ‚digitalen Widerstand‘ und Eigensinn, der die Vorstellung von Wissen als digitalisiertem Besitz ad absurdum führt. Nicht mehr spaßig wird die Ausstellung, wenn sie sich um ein weiteres Kernthema, die Kriegführung mit datenverarbeitenden Mitteln, mit Netzwerken und dem ferngesteuerten Tod aus der Luft beschäftigt. Santiago Sierra, Aktions-, Film- und Fotokünstler aus Madrid, folgt der Kamera einer Drohne, die die verlassene Militärkaserne „Ebrington Barracks“ in Derry (Nordirland) durchfliegt. Dabei geraten regelmäßig britische Soldat*innen, „Veteranen“ der Kriege in Afghanistan und im Irak ins Objektiv. Die Kamera filmt sie minutenlang, wie sie mit dem Rücken zum Objektiv in den Ecken der maroden Kasernen-Räume stehen. Schuld, gesichtslos aber nicht ohne ein Moment individueller Beteiligung, steht hier sprichwörtlich in der Büßerecke. Krieg findet hier nur mittelbar statt.

Distanz ist schließlich auch das Thema der Arbeit des israelischen Filmkünstlers Omer Fast. „500 feet is the best“ ist der Titel des Filmes, mit dem Fast den Drohnenkrieg in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellt. Er lässt einen ehemaligen Drohnen-„Piloten“ aus dem Off sprechen, während die Kamera aus gehöriger Entfernung aus der Vogelperspektive einen Fahrradfahrer ‚verfolgt‘, der scheinbar ahnungslos durch die Straßen eines US-amerikanischen Retorten-Vorortes radelt: „Du kannst Sie aus einer Distanz von zwei/drei Meilen aus beim Rauchen beobachten und ihnen folgen, ohne dass sie dich hören oder sehen. Der Computer ermittelt die Entfernung und Geschwindigkeit und berechnet die zu erwartende Zeit, wann das Geschoss einschlägt. Der Pilot bekommt die Freigabe zu Feuern, und dann löst er das Geschoss und führt es zu seinem Ziel.“

So einfach ist das – so ferngesteuert – so eindeutig. Ein Knopfdruck, ein Tod aus „zwei/drei Meilen“ Entfernung. Denn „500 feet is the best“.

Die Ausstellung „Smart New World“ zeigt politische Kunst. Die hier gezeigten Arbeiten auf ihren ästhetischen Wert, ihren Ort im Getriebe der modernen Kunst und ihrer Marktwerte zu reduzieren, wie es etwa das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in seiner Ausstellungs-Besprechung von „Smart New World“ tut (FAZ vom 20. Juni 2014) ist ein Fehler. Denn eine steilere Vorlage, künstlerische Positionen als dezidiert politische Statements zu lesen, hat eine Ausstellung selten gegeben – zumal sie in einem so ‚etablierten‘ Haus wie der Kunsthalle gezeigt wird. Die Kuratorinnen vermeiden es zwar, hinter all dem digitalen Machtgefüge und der „Informationsherrschaft“ Akteure*innen oder Strukturen ausdrücklich zu benennen. Doch geben die Schau und die vertretenen Arbeiten deutlich zu verstehen, dass es nicht „Big Brother“ oder der allwissende Müllhaufen ist, der hier die Geschicke lenkt. Denn klar ist: Wer die Technik und das Wissen besitzt oder zu besitzen meint, ist in der Lage, Kriege zu führen, Repressionen durchzusetzen und Eigensinn zu kriminalisieren. Und sich schlussendlich die Welt so einzuteilen und zu programmieren, wie es gefällt. Smart new world? Aldous Huxley lässt grüßen.

„Smart New World“ bis 10. August 2014 Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz 4
Öffnungszeiten: Di–So 11–18 Uhr
Eintritt: 6,- / erm. 3.- Euro.
Am letzten Donnerstag im Monat, d.h. am 31. Juli 2014, ist der Eintritt zur verlängerten Öffnungszeit von 18–20 Uhr frei!