„… weil ich, wenn’s drauf ankommt, weiß, wo ich hin kann“

Die „frauenberatungsstelle düsseldorf e. V.“ ist seit über 30 Jahren unabhängige Anlauf- und Beratungsstelle für Frauen in Krisensituationen, bei Erfahrungen von sexualisierter Gewalt oder in konflikthaften Lebensmomenten. Doch für ihr vielfältiges Engagement ist demnächst kein Ort mehr da. Denn die Frauenberatungsstelle muss in wenigen Monaten ihr bisheriges Domizil in der Ackerstraße räumen – die Immobilie wurde verkauft, alle Mietverträge wurden gekündigt. Statt der Beratungsstelle für Frauen wird es hier künftig Eigentumswohnungen geben.

„Ich finde gut, dass es die Frauenberatungsstelle in Düsseldorf gibt, weil ich, wenn’s drauf ankommt, weiß, wo ich hin kann.“ Mit dieser Stimme einer Düsseldorferin beginnt jeder Klick auf die Homepage der „frauenberatungsstelle düsseldorf e.V.“ Denn der Verein hat seiner Internet-Präsenz eine virtuelle Pinnwand vorangestellt, eine „Lobhudelei“, wie die Browserzeile verrät. Hier lesen Besucher*innen der Homepage viele Dutzend kurze und lange Reaktionen auf die Arbeit der Frauenberatungsstelle. Sie alle beginnen mit „Ich finde gut, dass es die Beratungsstelle in Düsseldorf gibt, weil …“. Zu wissen, wo frau hingehen kann, „wenn’s drauf ankommt“ ist ein Feedback, das in vielen der Beiträge mitschwingt. Doch wo genau Frauen demnächst hingehen können, wenn sie Hilfe und Beratung brauchen, ist nicht mehr lange sicher. Denn im Frühling nächsten Jahres – voraussichtlich im April – wird die „frauenberatungsstelle düsseldorf e.V.“ ihren aktuellen Standort in Flingern, im Quergebäude auf der Ackerstraße 144, verlieren. Aus der Insolvenz heraus ist die Immobilie veräußert worden. Das bedeutet: Es gilt ein Sonderkündigungsrecht. So ist allen Mieter*innen des Hinterhofgebäudes zum 31. Dezember 2014 die Kündigung ausgesprochen worden. Die mit der weiteren Vernutzung des Gebäudekomplexes betraute Projektentwicklungs-Firma fitis GmbH wird im nächsten Jahr mit der Umsetzung des Immobilienprojektes „Ackerloft 144“ beginnen. Unter dem Motto „Echt Loft – echt Flingern“ entsteht hier ein „wohnwirtschaftlich genutztes Loft-Areal mit gehobener Ausstattung“. Dabei bleibe, so das Kurzexposé der fitis, der „Charakter der bestehenden Gebäudesubstanz in Form und Grundausstattung unverändert“. So werde die „Tradition“, die den Stadtteil Flingern ausmache, erhalten.

Aus Tradition: Das Private ist politisch

Die „Tradition“ der „frauenberatungsstelle düsseldorf e.V.“ bleibt von diesen hehren Zielen der ‚Aufwertung‘ der Innenstädte, wie wir sie in Düsseldorf nur allzu gut kennen, vollständig unberücksichtigt. Denn ein Verbleib der Beratungsstelle in der bald aufgehübschten Immobilie stand von vorneherein nicht zur Diskussion. Und dabei ist die Frauenberatungsstelle eine Institution, die das Attribut „traditionsreich“ weit vor vielen anderen Einrichtungen der psychosozialen Beratungslandschaft in Düsseldorf und Umgebung verdient. Als ‚Kind‘ der Frauenbewegung der 1980er Jahre entwickelte sie sich 1980/81 aus einem Praxisprojekt heraus, das Studentinnen der Fachhochschule Düsseldorf ins Leben gerufen hatten. Ihr Thema: Gewalt gegen Frauen, die Notwendigkeit sie öffentlich verhandelbar zu machen, praktisch zu intervenieren und Handlungsoptionen zu schaffen. Für Frauen, mit Frauen. 1982 öffnete auf der Kopernikusstraße der „Treffpunkt Frauen in Not“, damals allein ehrenamtlich aufgebaut. Noch im selben Jahr gründeten die Initiatorinnen den Verein „Treffpunkt und Beratung für Frauen / Notruf für vergewaltigte Frauen e.V.“ Zwei Jahre später bezog der Verein am Oberbilker Markt die Räume einer ehemaligen Reinigung, ein Abrissobjekt, das die Stadt zur Nutzung freigab. Doch das Ladenlokal war ‚nur‘ Basis des „Treffpunkt“-Vereins. Sein Ort war auch die Straße, wo die Mitarbeiterinnen und Freundinnen des Vereins immer wieder mit spektakulären Aktionen auf das beredte Schweigen über Gewalt gegen Frauen aufmerksam machten. Mit einer Schaufensterpuppe im Brautkleid konfrontierten sie etwa Passant*innen mit dem Thema „Vergewaltigung in der Ehe“. Auf einer Parkbank oder mitten in der Fußgängerzone schuf die Anwesenheit der Plastikpuppe einen fruchtbaren Moment der Verunsicherung, in dem die Angesprochenen der Forderung begegneten, sexualisierte Gewalt in der Ehe nicht länger als gleichsam ‚natürlichen Normalzustand‘ im Geschlechterverhältnis zu dulden. (Mit § 177 StGB werden „Vergewaltigung“ sowie alle Formen sexueller Nötigung in der Ehe erst 1997 (!) unter Strafe gestellt.) Mit solchen Interventionen, ergänzt durch diverse Verschönerungsaktionen im öffentlichen Raum oder durch Überraschungsbesuche im Stadtrat zeigten die Frauen vom Oberbilker Markt in den 1980er Jahren lautstark und kraftvoll: Das Private ist politisch!

In der Ackerstraße

Mit den symbolischen Interventionen waren dabei immer auch Forderungen verbunden: Frauen Gehör zu verschaffen und nicht länger zu verschweigen, dass es Gewalt gegen Frauen gibt, der es entgegenzutreten gilt. Ganz konkret war (und ist) es schlichtweg notwendig, einen geschützten, unabhängigen, zugewandten und solidarischen Ort zu haben, an dem mit Gewalt konfrontierte Frauen Ansprechpartnerinnen für ihre Erfahrungen und Mitplanerinnen für Auswege aus gewalthaften Situationen oder Lebensumständen treffen können. Die aktionsorientierte ‚Öffentlichkeitsarbeit‘ des Vereins erreichte, dass dieser zwingende Bedarf nicht länger unsichtbar blieb. 1986 erhielt er zum ersten Mal Unterstützung durch die Stadt Düsseldorf und durch das Land. Planstellen konnten geschaffen werden. Mit dem Umzug nach Flingern (1989) und der Umbenennung des Vereins in „frauenberatungsstelle düsseldorf e.V.“ waren weitere Schritte der langfristigen Institutionalisierung der Vereins-Arbeit gegangen. Dabei änderte sich eines nicht: der Verein blieb autonom – trotz der finanziellen Förderung, die kontinuierliches Arbeiten ermöglichte. Bis heute werden alle Entscheidungen, die die Frauenberatungsstelle betreffen, basisdemokratisch im Team getroffen. Ganz wesentlich für den Fortbestand des heute umfangreichen Beratungs- und Informationsangebotes sind dabei auch Spendengelder und Bußgelder, die dem Verein z.B. im Rahmen gerichtlicher Prozesse zugesprochen werden. Heute hat die Frauenberatungsstelle sechs Arbeitsschwerpunkte, die im Laufe ihrer Geschichte entstanden sind: Neben der allgemeinen Beratung für Frauen in besonderen Notlagen unterstützt sie Frauen, die in Gewaltbeziehungen leben, ist über ein Notruftelefon für Frauen erreichbar, die eine „Vergewaltigung“ erleben mussten, berät Opfer von Frauenhandel und ist Ansprechpartner für Lesben. Die Räume in der Ackerstraße sind heute – ein großes Plus – barrierefrei.

Seit 2002 arbeitet die frauenberatungsstelle düsseldorf e.V. nun auch intensiv mit der Düsseldorfer Polizei zusammen. Grundlage ist hier § 34a des Polizeigesetzes NRW. Hiernach ist die Polizei bei häuslicher Gewalt berechtigt, die gewalttätige Person der Wohnung zu verweisen und zum Schutz vor weiterer Gewalt ein Rückkehrverbot von bis zu 10 Tagen auszusprechen. Dabei ist allein die Gefahrenprognose der Polizei maßgebend. Gleichzeitig wird in jedem Fall Strafanzeige erstattet. Parallel dazu ist mit § 34a PolG NRW erstmalig eine enge Verzahnung dieser polizeilichen Maßnahme mit „psychosozialer Opferhilfe“ gesetzlich festgeschrieben. Mit Einverständnis (!) der betroffenen Person gibt die Polizei deren Daten an die Frauenberatungsstelle weiter, die dann in der Regel binnen 24 Stunden Kontakt mit der oder dem Betroffenen aufnimmt, um gemeinsam zu überlegen, welche Wege zur Lösung der Krisensituation akut und langfristig gegangen werden können. „Pro-aktive Arbeit“ nennt die „frauenberatungsstelle düsseldorf e.V.“ diese Vorgehensweise, nicht ohne dabei auch problematische Aspekte dieses Verfahrens zu benennen. Denn wo die Beratung in der Ackerstraße generell anonym (und kostenlos) ist, bleiben Namen und Identitäten hier nicht länger unbekannt. Nichtsdestotrotz ist die „Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt“ heute ein wichtiger, wenngleich auch herausfordernder Teil im Beratungsangebot des Vereins, zumal er in seiner Arbeit hier auch mit neuen Situationen konfrontiert ist. So nimmt die frauenberatungsstelle düsseldorf e.V. inzwischen auch mit Männern Kontakt auf, die „Opfer häuslicher Gewalt“ sind, sich an die Polizei wenden und der Vermittlung ihrer Daten an die Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt zustimmen.

Kostbare (Frei-)Räume – unersetzbare Arbeit

In Düsseldorf und Umgebung gibt es bis heute kein vergleichbares Projekt. Insgesamt 11 Mitarbeiterinnen – allesamt ausgebildet in verschiedenen psychosozialen Berufen (zwei der Mitarbeiterinnen sind zusätzlich noch Juristinnen), Menschen verschiedensten Alters, verschiedenster Lebenskonzepte und Ideen von Sexualität und Geschlecht und nicht zuletzt auch unterschiedlicher Muttersprachen – haben jährlich zu ca. 3.500 Personen Kontakt. Trauma-Arbeit ist da gefragt, die auch für die Beraterinnen belastend ist. Eine Mammutaufgabe.

Darüber hinaus hat die Notrufnummer der Frauenberatungsstelle hat heute einen festen Platz in jeder Polizeidienststelle der Stadt. Umso wichtiger sollte es Polizei und Stadt sein, dass die „frauenberatungsstelle düsseldorf e.V.“ auch über 2014 hinaus Räumlichkeiten zur Verfügung hat, die es so leicht wie möglich machen, den Weg dorthin zu wagen. Ob als „Selbstmelderin“ oder nach einer freiwilligen Vermittlung durch die Polizei.

Wenn eine Polizeibeamtin auf die virtuelle Pinnwand der Frauenberatungsstelle schreibt, dass sie froh sei, diese Einrichtung zu haben, weil sie Frauen uneingeschränkt, „empfehlen kann“, den Kontakt mit der Einrichtung aufzunehmen, wenn erkennbar sei, „dass Beratung und Unterstützung benötigt wird“, macht das wohl auch ein stückweit die institutionalisierte Hilflosigkeit der Polizei angesichts gewalthaften Verhaltens gegen Frauen (und Männer) deutlich. Es bleibt zu hoffen, dass diese Polizeibeamtin auch in Zukunft noch Auskunft darüber geben kann, wo sie die Betroffenen hinschicken kann. Und der „frauenberatungsstelle düsseldorf e.V.“ ist umso mehr zu wünschen, dass sich die ungute Raumsituation schnell und unbürokratisch lösen lässt. Etwa 400 qm braucht der Verein, um seine Tätigkeit im bisherigen Umfang ausüben zu können. Die Suche nach einer geeigneten Immobilie dürfte dabei nicht ganz einfach sein, zumal sich am Umfang der Unterstützung durch Stadt und Land nichts Wesentliches verändern wird und der aktuelle Mietzins in der Ackerstraße mit 7,50 Euro sich in neuen Räumen nur schwer wird realisieren lassen. Solidarität und – vor allem – das Anerkennen der Arbeit der Frauenberatungsstelle durch die zuständigen Landes- und Kommunalbehörden und ihre Haushaltsplanung sind hier gefragt. Und am Ende kann vielleicht auch die „Tradition“ helfen, die in der Ackerstraße 144 über 25 Jahre ein Zuhause hatte: Frauenpower!

Die frauenberatungsstelle düsseldorf e.V.
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Wichtige Rahmenbedingungen für neue Räume sind:

Für ihre Ausstattung brauchen die künftigen Räume der Frauenberatungsstelle:

Infos und Angebote sehr gerne über:
0211 - 68 68 54
oder
info [at] frauenberatungsstelle.de