Kommunismus für die Hosentasche

Wie sieht ein Kommunismus aus, der von Postmoderne und Biomacht weiß? Martin Birkner hat eine lesenswerte und streitbare Antwort vorgelegt. Er propagiert einen neuen Kommunismus, einen, der den des Industriesystems aufhebt.

Der in Wien lebende und unter anderem als Mitherausgeber der Zeitschrift grundrisse bekannte Martin Birkner hat mit seinem Buch ein kompaktes und streitbares Kompendium zum Postoperaismus vorgelegt.

Der Operaismus (operaio/operaia dt.: Arbeiter/Arbeiterin) entstand in den 1960er Jahren im intellektuellen Handgemenge der Kämpfe von Arbeiter*innen in Italien [1]). Er geht davon aus, dass gesellschaftliche Entwicklung nicht durch objektive Bewegungsgesetze des Kapitals bestimmt wird, sondern vor allem durch dessen Reaktion auf die autonomen Kämpfe von Arbeiter*innen. Die soziale Figur des „Massenarbeiters“ erhielt in diesem Konzept Veränderungsmacht. Diese Zentralität des „Fließbandarbeiters“ und das dazugehörige Bild des etwas simplen Ping-pong von Arbeiter*innenkampf und Reaktion wurde in den 1970er und 198er Jahren erweitert und von der Vorstellung der „Gesellschaft als Fabrik“ abgelöst. In dieser Weiterung, dem vor allem mit Antonio Negri verbundenen Postoperaismus, wird der untrennbar mit Emotionen und Kreativität verbundenen sog. „immateriellen Arbeit“ eine tragende Rolle für den modernen Kapitalismus zugeschrieben. Die Intellektualität der Massen und ihre Fähigkeit zur Kooperation bergen aus dieser Perspektive gleichzeitig bereits die Potenziale für einen neuen Kommunismus in sich. Gleichzeitig werden im Postoperaismus auch Migration, die Inwertsetzung und Disziplinierung der Körper und Seelen oder die globalen Machtverhältnisse (das sog. „Empire“) reflektiert.

Martin Birkner stellt sein Buch in den Zusammenhang des Epochenbruchs der 1960er Jahre, den er als bedeutender einschätzt als die allerorten im Munde geführte „Zeitenwende“ von 1989, mit der das so bezeichnete „kurze 20. Jahrhundert“ entlang der scheinbaren Auflösung des Antagonismus Kapitalismus/Kommunismus seinen Endpunkt gefunden habe. In jenen Jahren vor nunmehr einem halben Jahrhundert sei ein fundamentaler Wandel in der Grammatik politischer Forderungen und Praktiken eingetreten. Sei bis dahin „Mehr vom Gleichen“, etwa mehr Lohn, gefordert worden, seien nun gleichsam gewandelte Kämpfe um „Anderssein“, für ein anderes Leben, an die Stelle der „alten“ Gleichberechtigungskämpfe getreten. In dieser Position möchte Birkner ausdrücklich heraus aus der „defensivistischen Verkettung“ von Wachstum und Staat, die den historischen Reformismus (etwa gewerkschaftlich dominierter Arbeitskämpfe) abgelöst habe. Er will stattdessen eine „kommunistische Dynamik“ befördern. Diese besteht für Birkner in erster Linie aus offensivem Agieren, Abkehr vom Modell der sich stetig ausweitenden Industrie und Eintreten für Kommunismus. Er argumentiert gegen Regulierung und Wachstum, und hält darüberhinaus vor allem Staat und Partei als Instrumente des – auch linken – Handelns für überholt. Das bedeute aber keineswegs, dass man beide Instanzen in politischen Konzeptualisierungen oder widerständigem Ausdruck antikapitalistischer Entwürfe und Forderungen ignorieren solle.

In seinem nur knapp einhundert Seiten starken Essay umreißt Birkner nochmals die zentralen Argumentationsstränge des Postoperaismus, etwa die Bedeutung des Wissens oder den Umstand, dass es heute keinen privilegierten Ort der (industriellen) Produktion mehr gebe, die Fabrik mit Fließband und Massenarbeiter*innen schon wieder Geschichte sei. Ganz in der Tradition operaistischer Entwürfe der 1970er und 80er Jahre gibt auch Birkner vor allem den Fragen der Organisierung widerständigen Handelns breiten Raum. Dabei bleibt er auch im Grundtenor seiner Analyse dem ‚Erfolg‘ von Arbeitskämpfen zuversichtlich zugewandt. Wie die meisten Theorieschulen, die sich aus dem Operaismus der 1980er entwickelt haben, grundsätzlich optimistisch sind. Gehen sie doch nicht zuletzt davon aus, dass der Entwicklungsstand der Produktivkräfte heute den Kommunismus erleichtere, wenn er ihn nicht sogar verpuppt in sich berge. Das biopolitische Empire sei auf Kooperation, Flexibilität und all die Verhaltensweisen gegründet, die erst durch Kämpfe von unten relevant geworden seien.

Es sind schließlich aber vor allem die Passagen, in denen sich Martin Birkner der Vergangenheit kommunistischer Theorie und Praxis widmet, die zur Diskussion einladen. So hält er alle – und das meint ausdrücklich auch alle ketzerischen – Spielarten des Kommunismus für aus heutiger Warte nutzlos. Dabei lebt sein Text trotz – oder auch wegen dieser nüchternen Analyse von der Poesie, die er aus einer möglichen Zukunft schöpft. Das macht den Autor und seine Positionen grundsätzlich sympathisch, seine Formulierungen sind treffend und lesenswert. Doch manches fehlt. Eine etwas tiefergehende Beschäftigung mit dem Trauma des Stalinismus etwa hätte seiner Darstellung des „Kommunismus 2.0“ aber gut getan. Denn dieses Trauma wirkt bis heute nach, unter anderem in den Debatten um Demokratie, inner- und außerhalb von Parteien. Birkner fordert zwar, dass „politische Ethik“ niemals ein rein äußerliches Mittel zur Veränderung von Machtverhältnissen sein darf. Wer aber den Begriff des Kommunismus benutzt, müsste das detaillierter ausargumentieren, sonst schadet jede vordergründig oberflächliche Betrachtung einem mehr als berechtigten Anliegen.

Am Ende schreibt Martin Birkner nicht eben viel Neues. Sein Buch ist aber trotz mancher Lücke und voraussetzungsreichen Formulierung eine gute Zusammenfassung der Meistererzählung des Postoperaismus. Man muss nicht jede der Sichtweisen des Autors, etwa die von der Hegemonie immaterieller Arbeit oder die von der großen Bedeutung sozialer Bewegungen, teilen. Realitätstüchtiger als die Kategorien des industriellen Fordismus sind seine Thesen aber allemal. Potere Operaio 2.0? Warum nicht?

BERND HÜTTNER

[1] Das Standardwerk zum Operaismus ist von Steve Wright: Den Himmel stürmen, Assoziation A, Hamburg 2005.

Martin Birkner: Lob des Kommunismus 2.0
mandelbaum Verlag, Wien 2014, 107 Seiten, 10 EUR