„Schließlich möchte ich nicht den Eindruck vermitteln, ich hätte meinen Frieden mit dieser Politik geschlossen“

Die Düsseldorfer Publizistin Florence Hervé gibt Bundespräsident Joachim Gauck einen Korb: Im Juni lehnte sie die Annahme des „Bundesverdienstkreuzes am Bande“ ab, das ihr für ihr ehrenamtliches Engagement verliehen werden sollte. Statt der ehrenden Auszeichnung, ehrt sie nun – einmal mehr – ihre Sturheit, nicht einverstanden zu sein.

Die in Düsseldorf und Frankreich lebende Journalistin und Autorin hätte die Auszeichnung für ihre „langjährige ehrenamtliche Arbeit im Bereich der Frauenpolitik, des deutsch-französischen Austausches und einer offenen, gemeinsamen Geschichtsarbeit vor allem zu den Spuren und Wunden des deutschen Faschismus in Frankreich“ verliehen bekommen sollen. Doch die Mitbegründerin und Redakteurin der Düsseldorfer Zeitschrift „Wir Frauen“ lehnt die Auszeichnung ab. In einem offenen Brief an Bundespräsident Joachim Gauck begründet Florence Hervé ihre Entscheidung. Denn ihr Engagement steht, so Hervé, bis heute nur allzu häufig „im Gegensatz zur Politik der jeweiligen Bundesregierung“. Die TERZ sagt: „Danke, Florence Hervé, für diese offenen Worte!“ – und druckt sie sehr gerne an dieser Stelle in Auszügen ab.

„Monsieur le Président,*
[…] Ich werde diese Auszeichnung nicht annehmen.
Wichtigstes Anliegen waren und sind mir die Emanzipation der Frau, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit, der Frieden und die Solidarität mit den Völkern der Welt, die deutsch-französische Zusammenarbeit, auch im Sinne einer gründlichen Aufarbeitung der NS-Zeit. Dementsprechend habe ich versucht, mich in den vergangenen Jahrzehnten zu verhalten und einzubringen – zumeist gegen die vorherrschende politische Praxis. […]

Es widerstrebt mir, eine Auszeichnung vom höchsten Repräsentanten eines Staates anzunehmen, dessen Regierungen selten den Eindruck erweckten, an der Beseitigung von Diskriminierung, sozialer Ungleichheit, an dauerhafter Abrüstung und einer friedensfördernden, gleichberechtigten Zusammenarbeit mit anderen Staaten interessiert zu sein.“

Zugleich, so Hervé, habe sich an der Situation von Frauen seit Jahrzehnten wenig geändert. Unverändert stünden Frauen, auf deren Schultern bis heute nahezu jegliche Sorgearbeit läge vor der Entscheidung „»Kinder oder Beruf«. Das Erziehungsgehalt (»Herdprämie«) fördert diese Erscheinung“. Mit fatalen Konsequenzen – für Chancen und Selbstbewusstsein von Frauen und von Kindern.

„Inzwischen“, schreibt Hervé weiter, „werden Frauen zum Dienst in der Bundeswehr zugelassen, mit dem fadenscheinigen Gleichstellungsargument, was viele von uns – darunter auch ich – in den 1980er Jahren entschieden kritisiert haben. Heute werden Frauen als Soldaten in Kriegsgebiete geschickt. Zudem sollen sie die Bundeswehr »weiblicher« machen und sie »familienfreundlicher« erscheinen lassen. Was haben Kampfeinsätze mit Familienfreundlichkeit zu tun, was mit Emanzipation? »Wir wollen keine Kriege lindern, sondern verhindern«, hieß es schon damals. Wir brauchen keine Bundeswehrsoldaten – auch nicht weibliche – im Schulunterricht, sondern eine konsequente Friedenserziehung. […]

Der Waffenexport der Bundesrepublik – häufig sogar in Konfliktregionen – trägt [ebenso wenig wie so manche sog. humanitäre Intervention unter Beteiligung der Bundeswehr, Anm. d. Red.] zum friedlichen Zusammenleben der Völker bei. Das stimmt für die Vergangenheit mit Lieferungen von Waffen an den NATO-Partner Türkei im Kampf gegen die Kurden ebenso wie für jetzt, da Panzer und andere Waffen in die Golf-Diktaturen Katar und Saudi-Arabien verkauft werden. Das gilt auch für die Lieferung von atomwaffenfähigen U-Booten an Israel.“

Gerade habe „Monsieur le Président“, wie Hervé Gauck sehr bewusst nennt, „stärkeres Engagement“ Deutschlands in Afrika gefordert, „ auch im Sinne militärischer Einsätze“. Statt Bundeswehreinsätze zu erwägen, sollte die Bundesregierung sich dagegen endlich ihrer Kolonialgeschichte stellen, die ihrem Wesen nach mitursächlich ist für jene Situationen, die wir heute als sog. Krisenherde erlebten. Ein Anfang wäre es, wenn etwa in Namibia angesichts des 1904 dort vom Deutschen Kaiserreich begangenen Genozids an den Hereros nicht nur mit Symbolpolitik, sondern mit handfesten Entschädigungen ‚gedacht‘ würde. Ganz ähnliches gelte, heißt es in dem Offenen Brief weiter, etwa auch für Oradour 1944 (TERZ berichtete im Juni 2014). Hervé schreibt an Gauck:

„Auch Ihre Geste in Oradour-sur-Glane im September 2013 – fast 70 Jahre nach dem Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch die SS-Division »Das Reich« – blieb leider nur symbolisch. In Ihrer Rede erklärten Sie, mit den Überlebenden und den Familien der Opfer die Bitterkeit darüber zu teilen, »dass die Mörder nicht zur Verantwortung gezogen wurden, dass schwerste Verbrechen ungesühnt bleiben«. Was folgte daraus? Eine tatsächliche Aufarbeitung der Verbrechen deutet sich nicht an. […]

Eine unzureichende Aufarbeitung der Nazivergangenheit, eine nicht konsequente Bekämpfung des offenen und latenten Neonazismus und Rassismus und eine unzureichende Anerkennung des antifaschistischen Widerstands – über den 20. Juli 1944 und die Weiße Rose hinaus – kennzeichnen leider weiterhin die Politik und das Geschichtsverständnis der Bundesrepublik. Würde ich die Auszeichnung annehmen, befände ich mich zudem in einer Reihe mit solchen Preisträgern, die Nazis bzw. Nazitäter waren. […]

Schließlich möchte ich nicht den Eindruck vermitteln, ich hätte meinen Frieden mit dieser Politik geschlossen.
[…]
Mit freundlichen Grüßen,
Florence Hervé

* Die Ansprache »Monsieur le Président« wähle ich in Anlehnung an das antimilitaristische Gedicht und Chanson von Boris Vian »Le déserteur« (1954), das zum zivilen Ungehorsam und zu gewaltloser Verweigerung des militärischen Einberufungsbefehls aufrief.“


Der gesamte offene Brief, in dem sich Hervé auch bei all denen ausdrücklich bedankt, die sie für die Auszeichnung vorgeschlagen hätten – sie begreift dies ausdrücklich als Ermutigung, weiterzumachen – ist nachlesbar auf der Homepage der Zeitung „Wir Frauen“ unter
http://wirfrauen.de/2014_herve-bundesverdienstkreuz.php