Der Tod kommt in der Tütensuppe, oder: was ist innovativ am Ersten Weltkrieg?

Seit Monaten hören wir es rauschen. Seit Sommer diesen Jahres, spätestens mit dem 28. Juni 2014 – dem Tag der 100. Wiederkehr des „Attentats von Sarajevo“ –, ist die Flut endgültig da. Im „Gedenkjahr 2014“ ist der Erste Weltkrieg überall. Jede Zeitung, jeder Fernsehsender widmet dem „Großen Krieg“, der im Spätsommer 1914 begann, Seiten, Beilagen, Sendezeit und Produktionsbudgets. Fachwissenschaftliche Bücher zum Ersten Weltkrieg gehen weg wie warme Semmeln. Nicht immer ist das Publikum nach der Lektüre oder nach dem Fernsehabend klüger.

„Selektives Gedächtnis“ Unter dieser Überschrift veröffentlichte der Historiker Arno Klönne im Januar 2014 seine Beobachtungen über die Konjunktur des Gedenkens und Erinnerns an den Ersten Weltkrieg. Zu diesem Zeitpunkt, als die „kulturindustrielle Verwertung“ an Fahrt aufnahm („auch im Erinnerungsgewerbe herrscht harte Konkurrenz“), schien es ihm, als seien wir bereits regelrecht „umstellt“ von einem Begriff fragwürdigen Inhalts, der Vokabel „Urkatastrophe“. Sie sei, so Klönne, „äußerst beliebt, um ‚1914‘ gedanklich unterzubringen“. In ihrem Gebrauch läge aber zugleich ein „Missverständnis“: Denn es seien durchaus keine Naturgewalten gewesen, „die damals in völlig neuen Dimensionen Zerstörung und Tod auslösten. Es handelte sich um Menschenwerk, unter Nutzung hochentwickelter Technik.“ Anstatt von einem „Inferno“ zu sprechen, „in das die beteiligten Staaten ‚hineingeschlittert‘ oder in das sie ‚schlafwandelnd‘ geraten sind“, solle sich der Erinnerungs- und Forschungsbetrieb rund um den Ersten Weltkrieg vielmehr Fragen danach stellen lassen – und sie beantworten –, welchen Kräften im kaiserlichen Deutschland der dann im Sommer 1914 ausbrechende Krieg zum Nutzen gereichte. Waren es „wirtschaftliche Eliten“, die auf den „Zugriff auf industrielle Ressourcen und agrarische Räume“ im durch den Krieg expandierenden Deutschen Reich hofften? Habe es etwa keine „profithungrigen Waffenproduzenten“ gegeben? Habe man vor allen Warnungen über den vernichtenden Charakter eines nächsten Krieges im Industriezeitalter, vor den Ahnungen vom kommenden „Menschenschlachthaus“ die Ohren verschlossen? Oder habe man sie vor lauter militaristischem Getöse, vor dem Krach der „alltäglichen Militarisierung“ vom Matrosenhemd bis zur „staatlichen Erziehung der Jugend zum ‚Waffengang‘ und zum ‚Opfertod‘“ schlicht nicht mehr zu hören vermocht?

Arno Klönne sieht diese Fragen – trotz der Forschungs- und Erinnerungsflut – unbeantwortet. Seine Vermutung: „Wenn Erinnern an Geschichte selektiv geschieht, hat das Gründe. Zumeist aktuelle.“

Inspiriert von dieser Beobachtung schauen wir Fernsehen und lesen die Zeitungen. Und wir sammeln. Im ‚Ranking‘ der bemühten Phrasen stehen zwei Begriffe ganz oben:

Danke, Erasmus-WG! Danke Europa!

„Europa“. Kaum ein öffentliches Symposium, keine Gedenkzeremonie zu den ersten Jahrestagen im „Geschichtsjahr 2014“ und nur selten eine Veranstaltung der (staatlichen oder staatlich geförderten) Organisationen der historisch-politischen Bildungsarbeit, die den Ersten Weltkrieg nicht als Kontrastfolie nehmen, um auf das Gelingen des europäischen Projektes hinzuweisen. Tenor zumeist: Schaut Euch an, was für eine furchtbare Katastrophe vor 100 Jahren mit dem Ersten Weltkrieg über Europa hereinbrach – wie glücklich können wir uns schätzen, heute dank der EU und ihrer Integrationskraft in einem friedlichen Europa des Austausches und des gegenseitigen Verständnisses zu leben, das keine großen Kriege mehr kennt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier formulierte es im April 2014 anlässlich einer Diskussionsveranstaltung mit seinem französischen Amtskollegen Laurent Fabius in Paris wie kein Zweiter: „In diesem Europa – im Europa von Jugendwerken, Schüleraustausch, Erasmus-WGs und Verhandlungsnächten“ sei „eine Krise wie 1914 unvorstellbar geworden.“

Ausgeblendet und ungesagt bleibt dabei (auch wenn es amüsant zu lesen ist, dass einer Erasmus-WG der gleiche integrative Stellenwert zuerkannt wird wie nächtlichen Verhandlungen in Brüssel): Dieses Europa ist nicht friedlich. Weder nach innen, noch nach außen. Die Austeritätspolitik der Troika gegenüber den Ländern Südeuropas ist und bleibt ein aggressives Projekt. Und das europäische Grenzregime schafft mit seinen asylpolitischen Gesetzgebungen einen sehr wirksamen unsichtbaren Begrenzungswall. Frontex geht dazu gegen Menschen vor, die auf der Flucht – zumeist vor Kriegen! – Schutz in einem Land der europäischen Gemeinschaft erhoffen. Und die, wenn sie es lebend bis dorthin geschafft haben, von den scheinbar so grenzenlos befreundeten europäischen Nachbarn hin- und hergereicht werden, bis sie in irgendeinem Aufnahme- oder Abschiebeknast auf ihre Ausweisung zu warten gezwungen sind. Das ist Europa 2014.

War sells – Wider die Internationale Sicherheit, oder: Krieg dem Kriege!

„Internationale Sicherheit“. In der Phase, als der „Konflikt“ in der Ukraine noch „Krim-Krise“ hieß, verging kaum eine Nachrichtensendung und kaum eine Talkshow ohne den Rückgriff auf den Beginn des Ersten Weltkrieges. Geschichte wiederholt sich nicht. Oder etwa doch? „Internationale Sicherheit“ war der Begriff der Stunde. Dabei könnte diese zweigliedrige Worthülse die Nachfolgevokabel von „Nato-Doppelbeschluss“ sein. 1914 noch sagte man dazu „Balance of Power“. Heute heißt es schlicht auch: „Sicherheitspolitik“. Das klingt schön positiv und verspricht Konfliktlösungsstrategien zur Sicherheit aller. Eigentlich ist der Begriff aber pure Mimikry. Als Ersatzphrase unterstreicht er um so mehr, dass weiterhin selten darüber gesprochen wird, dass etwa der Export von Waffen oder Kriegstechnologie nichts anderes ist, als die scheinbar unendlich belastbare Idee, Krieg sei, wo auch immer, die „Fortführung von Politik mit anderen Mitteln“. Unter dieser Maxime schickten 1914 die europäischen Feldherren, allen voran der Deutsche Kaiser und seine militärischen Eliten, Menschen auf die Schlachtfelder. Und der Krupp-Konzern – ein Beispiel von vielen – verdiente daran nicht schlecht, wenn er zuerst das 42cm-Geschütz mit dem Beinamen „Dicke Bertha“ produzierte und zugleich die ersten Stahlgebisse für Gesichtsverletzte entwickelte, die die ‚Folgen‘ der Durchschlagskraft des industrialisierten Krieges lindern helfen sollten.

Militarismus – Verzeihung: „Sicherheitspolitik“, das ist auch heute der „militärisch-industrielle Komplex“. Und jedeR weiß (oder könnte wissen), dass der ehemalige Bundesminister für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit, Dirk Niebel (FDP) – wieder nur ein Beispiel vonvielen – nicht erst nach Ende seiner Politikerlaufbahn mit dem Rüstungskonzern Rheinmetall ‚zusammenarbeiten‘ wird, wenn er ab 2015 bei dem Düsseldorfer Unternehmen unter Vertrag steht. „War sells“, auch 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Wohin auch immer Rheinmetall seine Waffensysteme verkauft – es werden dort Menschen sterben. Und zwischen 1914 und 1918 waren es viele Waffen. Das Unternehmen an der Ulmenstraße versechsfachte die Zahl seiner Beschäftigten von etwa 8.000 (um 1912) auf knapp 48.000 Personen, darunter tausende Arbeiterinnen. Wohl auch so manche Saboteur*innen.

Im Ersten Weltkrieg wurden in vier Jahren mehr als 9 Millionen Soldaten getötet. Viele dutzend Millionen kehrten als Verkrüppelte oder psychisch unwiederbringlich „Zerrüttete“ zurück. Wenn die Rheinische Post heute in ihrer Reihe zur Geschichte des Ersten Weltkrieges erzählt, dass der Teebeutel oder die Armbanduhr in diesem Krieg erfunden oder das Telefon entscheidend weiterentwickelt worden sei, verschwinden diese Getöteten, Vermissten und „Versehrten“ hinter den Buchstaben. Statt ihrer tauchen Schilderungen von Fortschritt und Entwicklung auf, durch die sich die Welt nach diesem Krieg von derjenigen davor unterschieden habe. Und ja, es stimmt: Nachher gab es Dinge, Techniken und Kenntnisse, die wir bis heute nutzen – auch und gerade in zivilen Zusammenhängen. Wir profitieren davon.

Diese banale Kontinuität aufgreifend, machte der RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) im Wahlkampf für die Studierendenparlamentswahlen im Juni 2014 Werbung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. ‚Lustige‘ Cartoon-Figuren – Mikrowellen-, Konservendosen- oder Tütensuppenmännchen, an Uniformmütze und Sturmgewehr als Soldaten zu erkennen – sollten vermitteln, was es ohne die „Bösen der Militärforschung“ alles nicht geben würde. Unter den Zeichnungen erläuterten die studierenden Christdemokrat*innen die zu belehrenden Betrachtenden, dass etwa das Navigationssystem „im 2. Weltkrieg für Kampfflugzeuge entwickelt“ wurde. Diese und ähnliche ‚Leistungen‘ der militärischen Forschung und Entwicklung gäbe es, so das Plakat, „mit einer Zivilklausel nicht“. Die Wahlbotschaft in Kürze: Wer weiterhin seinen Kakao mit Ultrakurzwellen erhitzen wolle, müsse konsequenterweise den RCDS wählen, den Studierendenverband, der die Ablehnung militärischer Forschung offenkundig mit Fortschrittsverweigerung verwechselt.

„Pragmatisch, studentisch, innovativ“ lautet das Adjektiv-Cluster, mit dem der RCDS sich auf dem Plakat eine knackige Selbstdarstellung gönnt. Doch vielleicht sollten sich die Damen und Herren vom RCDS in der Unibibliothek ein Buch von Ernst Friedrich ausleihen. „Krieg dem Kriege“ heißt der 1924 erschienene Band. Hier zeigt Friedrich, was Krieg ist. Die Fotoabbildungen verstümmelter Menschen wollen kaum jemandem, der sie sich hat ansehen können, so rasch wieder aus dem Kopf gehen. Krieg kann keinen Fortschritt bringen, zeigt der Antimilitarist Friedrich. Nicht, weil in ihm keine ‚Innovationen‘ hätten entwickelt werden können, sondern weil er zutiefst allem widerspricht, was Gesellschaft sui generis zu einer ‚fortschrittlichen‘ macht: sich nicht gegenseitig umzubringen und genauso niemanden zu schicken, um jemanden anderen umzubringen. Ob mit der Axt, mit dem Flammenwerfer oder mit der Drohne. Erinnern wir uns daran, wenn wir uns an den Ersten Weltkrieg erinnern.

Wer nach der Lektüre von Friedrichs „Krieg dem Kriege“ mehr wissen möchte, kann z.B. im September nach Wuppertal kommen. Dort findet vom 19. bis 21.9. unter dem Titel „Geschichte wiederholt sich nicht, aber … – 100 Jahre Erster Weltkrieg. 100 Jahre Bezugnahmen und Deutungen in Europa“ eine dreitägige Konferenz mit Vorträgen, Workshops, Ausstellungsexkursion und Filmabend statt, die versucht, im Gedenk- und Erinnerungsrauschen ein paar andere Fragen zu stellen. Zur Eröffnung der Veranstaltung sind Arno Klönne und Klaus Theweleit eingeladen. Anmeldung und Info unter
www.nrw.rosalux.de