Auch im Himbeerreich wird die Rechnung am Ende serviert

Das Rheinische Landestheater Neuss beginnt seine neue Spielzeit mit Andres Veiels Schauspiel „Das Himbeerreich“, das eine zuvor unbekannte Sichtweise auf die Finanzkrise ermöglicht.

Wir befinden uns an einem Nicht-Ort. Weiße Fliesen, Neonröhren, schwarze Bänke, Luftschacht. Genau wie Neo in „Matrix Reloaded“ von den Wachowski-Geschwistern sind die Banker in einer Zwischenwelt gefangen. Sechs Charaktere aus der Finanzwelt schauen sich desinteressiert und verachtend an. Sie sind verärgert und genervt. Niki Modersohn (Markus Gläser) bricht als erster die Stille mit einem Monolog. Nacheinander bricht jeder sein Schweigen und erzählt, wie er es an die berufliche Spitze geschafft hat. Modersohn: „Das sind kleine Flirts mit Mephisto, keine Frage, am Anfang arbeitest du mit ein paar Millionen, dann kommt ‘ne Null ran und dann noch eine...“. Dr. Dr. hc Walter K. Von Hirschstein (Joachim Berger) hat Geschichtsbücher gelesen, um zu verstehen, wie man zu einer Führungsperson wird. Und Dr. Brigitte Manzinger (Ulrike Knobloch) als einzige Frau in der Männerrunde, erzählt, wie sie sich im Job prostituieren musste, um nach oben zu kommen. Schließlich werden die wahren Deals nachts außerhalb des Büros gemacht, und für die Frau bleibt halt nur das Bett als lukrative Location für einen Deal. Eine Diskussionsrunde entsteht, und es wird klar, dass Ignoranz die Entscheidungsfähigkeit erhöht, und Entscheidungsfähigkeit steigert die Position. Interessant wird es, als sie über „den Deal“ sprechen, die Fusion eines deutschen Geldhauses mit einer US-Bank. Dadurch sollte der Frankfurter Finanzmarkt gestärkt werden. Tja, die Frage, wo heutzutage das Geld gebraucht wird, ist belanglos. Es ist eher wichtig, wo das Geld den größten Ertrag bringt. Eins stellt Dr. Dr. hc Walter K. Von Hirschstein auf jeden Fall richtig fest, wir wollen alle nur in den Himmel, wegen des Klimas und nicht wegen der Gesellschaft.

Der Dokumentarfilmregisseur und Dramatiker Andres Veiel (Black Box BRD, Der Kick) führte für sein Stück „das Himbeerreich“ – ein Ausdruck von Gudrun Ensslin (RAF) für die kapitalistische BRD – rund 25 Interviews mit ehemaligen Spitzenbanker*innen aus unterschiedlichen Ländern. Sein Material füllt mehr als 1.400 Seiten, mit dem er einen transparenten Blick in das Innenleben der Banker*innen ermöglicht und somit eine umfassende Perspektive auf die Finanzwelt zu Zeiten der Finanzkrise schafft. Aus den 25 Interviews mit den Banker*innen, die ein Untotenleben deluxe mit Chauffeur führen, hat er sechs Figuren geschaffen, die den Zuschauer*innen ein kompaktes Wissen über die heutige krisenbehaftete Finanzwelt übermitteln. Dabei hat Veiel die weibliche Figur Dr. Brigitte Manzinger zu großen Teilen aus den Interviewfetzen von männlichen Bankern zusammengesetzt, weil sich kaum Frauen in der oberen Banketage befinden. Die Inszenierung von Bettina Jahnke zeigt eine typische Runde von Banker*innen, die zwar eine eisige Kälte ausstrahlen, aber immer wieder mit Momenten des Intimen zeigen, dass es sich auch hier um menschliche Wesen handelt, die eigentlich gar nicht wissen, was sie tun, weil keiner die permanent getroffenen Entscheidungen in diesem Bereich durchdringen kann. Alle sechs Figuren, denen die Macht abhanden gekommen ist, zeichnen mit ihren unterschiedlichen Geschichten verschiedene Perspektiven des Machtverlusts auf, wobei es bei allen nur einen gleichen Affekt gibt: die Wut. So läuft Bertram Ansberger (Philipp Alfons Heitmann) hin und her und versucht verzweifelt aus diesem Zwischendasein, ein Leben, das keines mehr ist, heraus zu kommen. Und währenddessen philosophiert Herr Dr. Dr. hc von Hirschstein ein wenig über Philosophen wie Machiavelli oder gibt Weisheiten von sich, wie: „Menschen sind immer mit dem Bestehenden unzufrieden“. Schließlich kommt er zu dem Schluss, dass wir doch alle mal wieder Marx lesen sollten, weil wir doch alle Geister sind.

Die Spielzeit #Weisheit mit dem „Himbeerreich“ zu eröffnen, war definitiv eine gute Entscheidung, auch wenn die Schauspieler*innen hin und wieder vor Nervosität kleine Texthänger hatten und der Text an einigen Stellen zu komplex war. Der Inszenierung hat es keinen Abbruch getan, und das Bühnenbild (Juan León), welches ein Abstellgleis, eine Zwischenwelt, ein ungelebtes Dasein ohne Auswege darstellt, unterstützt in vollster Kraft den Text von Veiel und ermöglicht dadurch bei den Zuschauer*innen ein besseres emotionales Gespür für die Situation. Aber nicht nur das fabelhafte Bühnenbild und der zynische Humor begeisterten das Publikum, sondern vor allem auch der Schauspieler Markus Gläser. Er hat mit dem kaugummikauenden Niki Modersohn überzeugend einen schmierigen und machtgeilen Banker gespielt, dem man am liebsten eins übergezogen hätte.

„Das Himbeerreich“
Rheinisches Landestheater Neuss
Karten unter: http://www.rlt-neuss.de/spielplan/index.php?page=get_tickets

Die nächsten Termine sind Gastspiele:
Fr. 14.11.2014 Städt. Bühnenhaus (Wesel), 20 Uhr
So. 23.11.2014 Forum Niederberg (Velbert), 18 Uhr
Wieder im Schauspielhaus:
Do. 05.02.2015, 20 Uhr
So. 22.02.2015, 18 Uhr