Heute | Kunst und Politik:

Ist theatrales Glück im Feld des Authentischen möglich?
Oder sind Hacker*innen die Künstler*Innen unserer Zeit?

Gesellschaftskritisches Denken scheint veraltet. Stattdessen beherrscht ein Mainstream, der vom Kapital gesteuert wird, das Meinungsbild der Gesellschaft, weil die alternativlose globale Ordnung den Neoliberalismus verwirklicht, Soziales verschwinden lässt und schließlich die Kunst von ihrer Funktion der Gesellschaftskritik abzulösen versucht. Deswegen suchen Performer*innen ihr theatrales Glück im Bereich des Authentischen und versuchen dadurch der Realität so nah wie möglich zu kommen. Das Symposium „Authentizität und Differenz“, welches am 7. und 8. November im FFT Düsseldorf in Kooperation mit dem NRW Kultursekretariat veranstaltet wurde, versuchte den aktuellen Diskurs um die Kunst und das Politische zu bündeln. Kann sich die Kunst in den neoliberalen Kontexten, wo sie stärker denn je kapitalisiert wird, überhaupt noch der Vermarktung entziehen? Und ist es nun die politische Aufgabe der Kunst, sich der digitalen Dissident*innen, anzunehmen, um die digitale Revolution, die zugleich ein globales Überwachungsprogramm realisiert, in Frage zu stellen? Dabei bleibt die fundamentale Frage des Symposiums: wie können Kunst und Politik heute gedacht werden?

„Authentizität ist ein historischer und kein metaphysischer Begriff“, mit diesen Worten eröffnete der Dramaturg der Schaubühne Berlin, Bernd Stegemann, das Symposium „Authentizität und Differenz“ und leitet den Begriff „Authentizität“ um einen aus dem 19. Jahrhundert entwickelten Glaubwürdigkeitsstrategie her. Ein Inszenierungseffekt des bürgerlichen Subjekts, um sich emanzipatorisch vom Adel abzusetzen, das heißt „authentisch-sein“ ist für Stegemann in erster Linie eine Art von Überlebenstrategie, in dem die Bürger*innen lernt sich auf dem Markt vertrauenswürdig zu inszenieren. Es geht um das Aushandeln des Werts der eigenen Handlungen, des eigenen Daseins und der Waren, die man produziert. Früher sollte mit Authentizität eine Illusion erschaffen werden, und heutzutage steht „Authentizität“ für eine konkrete Beschreibung der Wirklichkeit.

„Verdammt jetzt müssen wir im Theater Kunst machen“ (Heiner Müller), beschreibt die Wendung des Theaters, in dem Theater mit Theater konfrontiert ist. Menschen sollen auf der Bühne nicht mehr handeln, sondern auf der Bühne „authentisch-sein“, sprich Wirklichkeit produzieren. Das geht soweit, dass Regisseur*innen statt Schauspieler*innen Alltagsmenschen auf die Bühne holen, um „authentisch zu sein“. Beispielsweise ist die Verkäuferin, die ein*e Regisseur*in wegen ihrer Geschichte als Verkäuferin auf die Bühne zitiert, keine Verkäuferin mehr, sondern ein doppelt entfremdetes Subjekt. Die zitierte Verkäuferin führt als Verkäuferin kein authentisches Leben, weil sie in der Rolle als Verkäuferin eine Rolle spielen muss (Goffman, „Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag.“). In dieser Rolle ist sie gezwungen etwas darzustellen, und tritt sie als Laie auf die Bühne, ist sie von Affekten, wie Lampenfieber geprägt, was dann für die doppelte Entfremdung produziert. Die doppelte Entfremdung im Theater wird als Authentizität gefeiert und verkörpert somit eine große Lüge der bürgerlichen Gesellschaft, behauptet Stegemann. Aber nicht nur der Wunsch nach Authentizität ist für das heutige Regietheater charakteristisch, welches das Sprechtheater, in dem der Autor im Vordergrund steht, abgelöst hat. Auch das MEHR an Produktionen und MEHR an Projekten sorgt für ein kleines Ensemble und für Zentrierung auf den Regisseur. Es ist eben der Neoliberalismus, der Kapitalmarkt, der die Kunst heutzutage bestimmt. Davon geht auch der Kunst- und Filmtheoretiker Georg Seeßlen aus. Der Kunstmarkt funktioniert nach dem Prinzipien des Finanzmarkts, sprich nach willkürlicher Setzung. Muss das Verhältnis von Kunst und Politik neu gedacht werden? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Kulturphilosoph Armen Avanessian in seinem Vortrag „Kunst oder Politik“, in dem er den Nutzen politischer Kunst als ein Eingreifen in Herrschaftsstrukturen beschreibt und er neue Definitionsmöglichkeiten von Kunst aufzeigt; beispielsweise die Ökonomisierung von Kunst (Werbung), Kunst als eine biopolitische Schnittmenge zwischen Mensch und Maschine (Pop-Art) oder Kunst als eine Form revolutionären Widerstands.

Kunst als eine Form revolutionären Widerstands beschreibt eine Verknüpfung von Kunst und Dissidententen, um z. B. Edward Snowden. Der Kunstdidaktiker Torsten Meyer nennt als Beispiel für „Kunst als revolutionärer Widerstand“ das „Culture Hacking“. Dabei handelt es sich um eine künstlerische Strategie, in der Codes bearbeitet werden und Elemente der Kontrolle unterlaufen werden. Ein gutes Beispiel für „Culture Hacking“ ist Johannes Gees „Salat“. Hier greift der Performancekünstler in das strukturierte Glockenspiel einer christlichen Kirche ein, indem er eine Soundanlage installiert und neben dem christlichen Glockenspiel, den muslimischen Ruf zum Gebet ertönen lässt. Mit dieser kleinen Code-Veränderung sorgt Gees für eine weitreichende Irritation unter der Bevölkerung. Dabei ist es für Meyer egal, um welche Form von Code es sich handelt. Es kann ein technischer, sozialer oder psychischer Code sein, somit ist für ihn auch der Psychoanalytiker Jacques Lacan ein Hacker.

„Wenn es jedem egal ist, wer wo etwas mitliest, dann können Sie mir gerne Ihre Passwörter und Kennungen geben, weil mich interessiert es immer!“ (Angela Richter)

Die renommierte Regisseurin Angela Richter, die am Schauspiel Köln inszeniert, widmet sich in ihren Theaterprojekten den digitalen Dissident*innen, den Hacker*innen, den sogenannten neuen Helden, die revolutionären Widerstand ausüben. Richters Theaterarbeit setzt sich aus einer Reihe von Interviews oder Gesprächen, die sie in ihren intensiven Recherchen führt, zusammen. Dabei bilden sie die Textgrundlage für eine Auseinandersetzung mit den Schauspieler*innen auf der Bühne. Das daraus entstandene Textkonzentrat ist meist durch einzelne Modulationen, Verschiebungen und Überlappungen geprägt, weswegen Stefan Bachmann (Intendant Schauspiel Köln) ihre Arbeiten als „Gonzo-Theater“ bezeichnet, dies beschreibt für ihn in Anlehnung von Hunter S. Thompson die Vermengung von Fiktion, Realität, Journalismus und Schriftstellerei. In ihrem neuen Stück „Die Avantgarde der Superhelden“ (UA 29. Mai 2015 Schauspiel Köln) verarbeitet die Theaterregisseurin Richter die Konsequenzen des 11. Septembers, nach dem die Sicherheit zum Leitfaden des transnationalen Kapitalismus geworden ist und wir nun in einer Transparenzgesellschaft leben, in der alle gläsern sind. Die Durchleuchtungen unser Kommunikation, Bewegungen und Handlungen, die wir meist noch eigenständig durch Apps oder soziale Netzwerken fördern, sorgen für ein Datennetz, welches irgendwo gespeichert, algorithmisch analysiert und ausgewertet wird. „Die Avantgarde der Supernerds“ widmet sich den Hacker*innen unserer Zeit, wie Julian Assange (Wikileaksgründer), Chelsea Manning (Wikileaks-Whistleblowerin) oder Edward Snowden. Sie sind es, die den Menschen derzeit die Augen für den Überwachungsapparat der Welt öffnen. Aber welche Folgen hat ihre Rebellion gegen den Überwachungsapparat für sie persönlich? Was passiert mit den Dissident*innen? Und sind diese Hacker*innen die neuen Künstler*innen unserer Zeit? – Das interdisziplinäre Stück ist eine Koproduktion mit dem WDR und Hacker*innen. Es ist der Versuch den Zuschauer*innen klarzumachen, wie leicht es ist, an ihre Daten zu kommen. Zugleich erreicht das interdisziplinäre Projekt von Richter eine neue Ebene der theatralen Umsetzung, in der Fernsehen und Theater aufeinander treffen, sich gegenseitig betrachten und somit eine postmoderne Erzählweise im Theater etablieren.

AUSBLICK | Das „Symposium IV: Operation Zukunft“ findet im Frühjahr am Theater Bielefeld statt.