Widerständig im Urständ-Land

Als ‚die Mauer fiel‘ feierte der deutsche Imperialismus fröhliche Urständ. Das ist 25 Jahre her. „1989“ – das war auch für die radikale Linke in Deutschland eine Bruchkante, die (politische) Biographien von Gruppen und Einzelnen beeinflusste. Und nun mag mit diesem Vierteljahrhundert Abstand gerade auch ihre Bewegungs-Geschichte des Öfteren zum Gegenstand historischer Fragen zu werden. Ob mit Ulrich Peters’ „Bilanz“ der radikalen Linken in Deutschland seit 1989/90, über den „Werdegang jener politischen Minderheit“, der Historisierungs-Deckel nicht vorzeitig zugemacht wird, wird sich in Lektüre und praktischer Diskussion des 800-Seiten-Rämmels erweisen müssen.

Wer das Jahr 1989 und seine globalen Umbrüche als politisch Engagierte*r oder Organisierte*r miterlebt hat, ist heute mindestens fast 50 Jahre alt. Die wenigsten von ihnen sind heute noch organisiert oder stehen überhaupt noch in Kontakt mit jüngeren Aktiven, sind für diese ansprechbar, bringen ihre Geschichte und ihre Erfahrungen in die aktuellen Bewegungen ein. Erzählen und Erfahrungsaustausch von ‚gestern‘ zu ‚heute‘ und umgekehrt ist mehr als selten. Umso begrüßenswerter sind darum Bücher, die die radikale Linke heute vor Geschichtslosigkeit bewahren und sie über ihre eigene Vergangenheit informieren. Außer sie sind in Teilen so schlecht wie das von Ulrich Peters.

Auf 728 Seiten wird hier der Zeitraum von 1988/89 bis Ende 2010 behandelt. Mehr als 20 Jahre „Bewegungsgeschichte“. Das ist ambitioniert. Und vermutlich kann man daran nur scheitern. Am Ende bleibt womöglich nur die Frage, welchen Grad des Scheiterns ein solcher Parforce-Ritt mit sich bringen muss. Und dabei setzt der Anfang hier womöglich schon entscheidende Weichen. Bereits auf den ersten Seiten sorgt Ulrich Peters im Einstieg zu seiner Nach-„Wende“-Geschichte der radikalen Linken in Deutschland für Verwirrung. Denn die Definition der radikalen Linken, bzw. des Wörtchens „radikal“ erfolgt für den Autor darüber, dass die radikale Linke diejenige sei, die „den Sozialismus“ wolle. Nun fallen einem natürlich sofort viele ein, die den Sozialismus wollen, aber nicht radikal sind, und andere, die radikal sind, aber z.B. für den Anarchismus oder eine feministische Revolution, und weniger für den Sozialismus eintreten.

Und auch, was die Materialien betrifft, die für die Studie zu Rate gezogen wurden, bleibt der Autor wortkarg: Weder einleitend noch an anderer Stelle des dicken Buches gibt Peters Auskunft über verwendete Methoden oder zur Entstehung und Situierung seines ja ausführlich zusammengetragenen Wissens. Als Quellen nennt er neben vielen Büchern vor allem die Zeitungen „junge Welt“, „jungle world“ und das Monatsmagazin „konkret“. Überhaupt, die Quellen. Hier fällt etwa unangenehm auf, dass die gesamte vorhandene Literatur zur Geschichte der Autonomen nicht einmal erwähnt wird. Aus welchen Quellen eine Geschichte der radikalen Linken re-konstruiert wird, und welche Dokumente, gerade im Zusammenhang unsteter sozialer Bewegungen, überhaupt welche Aussagekraft haben (können) – mit solchen Fragen beschäftigt sich Peters leider nicht. Er reflektiert nicht, was er auswählt und was er in Folge dessen weglässt. So kommen z.B. feministische Kämpfe oder Debatten nicht vor. Stattdessen berichtet er ausführlich über Aushandlungsprozesse und Diskussionen in der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und ihrem organisatorischen und intellektuellen Umfeld. Ansätze, die im behandelten Zeitraum unzweifelhaft theoretisch und praktisch eine große Rolle gespielt haben, wie etwa der Poststrukturalismus, werden hingegen gar nicht genannt. Andere, etwa der Postoperaismus (Stichworte: Multitude, Empire) werden nur gestreift.

Kein Zweifel, was Peters in seinen Fokus rückt, führt er kompetent auf, etwa die Spaltungsprozesse der mit viel Hoffnung versehenen Radikalen Linken (mit großem R) Ende 1990/Anfang 1991 angesichts des Zweiten Golfkrieges. Oder auch das Agieren der Antifaschistischen Organisation/Bundesweite Organisation (AA/BO), die bis 2001 immerhin einige Jahre existierte und linksradikale Debatten und Aktionen mitprägte. Ein weiteres, positives Beispiel für eine gute Darstellung eines dieser Meilensteine in der Geschichte der radikalen Linken im Post-„Wende“-Deutschland ist Peters‘ Darstellung der zentrifugalen Kräfte im antideutschen Strang nach den Anschlägen in den USA 2001. Die Antideutschen teilten sich damals in antinationale Kriegsgegner*innen und (größtenteils kriegsbejahende) Antideutsche auf (nebenbei ein Umstand, den die von Peters so hochgeschätzte „junge welt“ bis heute nicht begriffen hat). Und mehr noch: Peters hat zu wiederum anderen Aspekten sogar an einigen Stellen Neues ausgegraben, etwa zum linken Flügel der DDR-Opposition.

Neben Bewegungen und sozialen Kämpfen (Globalisierung, Antifa, …) zeichnet Peters auch theoretische Debatten nach, etwa zum neuen Imperialismus oder zum südamerikanischen Sozialismus. Im letzten Kapitel seines Buches gibt er darüber hinaus einen Überblick über die Vielfalt der heute aktiven linken und linksradikalen Gruppen (vom Trotzkismus bis zum Bündnis „ums Ganze“).

Und um deren Kampagnenfähigkeit und Einflussstärke geht es Peters ganz am Ende seiner Studie. Seine Empfehlungen lesen sich dann aber doch reichlich abwegig. So schlägt Peters als Strategie vor, die radikale Linke solle sich mit dem Proletariat verbünden und „eine wirkliche Alternative“ zu den „Kräften des bürgerlichen (und selbst auf dem linken Flügel hoffnungslos verbürgerlichten) Lagers verkörpern“ (S. 704). Dieser Ansatz ist weltfremd und Teil eines autoritären Weltbildes, das sich auch im martialischen Titel des Buches niederschlägt. Denn jede und jeder, die oder der länger als fünf Jahre in der sich kulturell ja immer noch als Jugendbewegung ausdrückenden autonomen Linken aktiv ist, wird (zu) viele nennen können, die sich resigniert, womöglich zynisch, ins Privatleben, zurückgezogen, wenn nicht gar gebeugt haben.

Es bleibt ein zwiespältiges Lektürefazit: Peters hat an einigen Stellen Lesenswertes zusammengetragen. Vieles ist dagegen aber ärgerlich und vor allem, und dies ist die größte Kritik, verleitet sein zu dickes Buch nicht dazu, sich im Wissen um eine lange Geschichte von sozialen Kämpfen, von Erfahrungen, Erfolgen und vielen Niederlagen, heute widerständig zu organisieren oder dissident zu leben.

Bernd Hüttner

Ulrich Peters: Unbeugsam und widerständig. Die radikale Linke in Deutschland seit 1989/90
unrast-Verlag, Münster 2014, ISBN 978-3-89771-573-8, 29,80 EUR